Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Mango bindet sich eine Krawatte (Rally)

Mango stand vor dem Spiegel und knöpfte sich die Krawatte zu. Er sah so gut aus dabei, dass er es fast schade fand, sie jetzt schon anzuziehen. Er hätte irgendwann zwischen den Kameraeinstellungen die Krawatte aus der Hosentasche holen und sie sich dann vor laufender Kamera binden können, mit dem Falsche-Versprechungen-Blick, der ihm dabei wie automatisch über das Gesicht wanderte. Da er ein Ausländer war und als ABC, als American-Born Chinese, für die Zuschauer bereits selbstbewusste Weltläufigkeit verkörperte, wäre er gegenüber den zugeknöpften inländischen Journalisten vermutlich mit Bewunderung bedacht worden. Aber er entschied sich dann doch dagegen. Ein bisschen aus Respekt vor dem Spiel: War das nicht der Moment, in dem die ganze Welt zu ihm sah? So viele Jahre Experte, Sportspezialist, kleine Reportagen, dann hunderte, tausende unterfinanzierte Live-Übertragungen, in denen der Ton ausfiel. Für viele Menschen war es vielleicht das wichtigste Spiel ihres Lebens. Für ihn aber ganz bestimmt. Jeder vernünftige Agent hätte ihm klar gemacht: Weiter würde er nicht kommen.
Aber der noch wichtigere Grund, warum er die Krawatte jetzt sauber richtete, war Françoise. Er würde ihr keinen hämischen Kommentar gönnen, so leicht jedenfalls nicht. Er nahm das Jackett von der Gardebore und warf es sich über die Schulter. Als er die Tür zuzog, begegnete er kurz seinem Blick im Spiegel und sah die amerikanischen Augen in einem von wenigen Kanten wie mit dickem Filzstift konturierten Gesicht. Die schwarzen Augenbrauen zuckten schelmisch, obwohl er es nicht wollte. Schnell drehte er sich weg und schloss zu.
Als er sich umdrehte, sank seine Laune schlagartig. Über den grauen Spannteppich des Stockwerks stolzierte ihm Françoise auf hohen Absätzen entgegen. Sie trug ein enges rotes Kleid, einen dezenten Lippenstift und die Locken ihrer braunen Haare tanzten kräftig um die halb entblössten Schultern, wie er es in den letzten zehn Jahren ihrer gemeinsamen Moderationen nie gesehen hatten. Sie sah einige Jahre jünger aus, als er es im Kopf hatte, aber zugleich erkannte er in diesem frischen, kräftigen Gesicht auch ein Zeichen des Alters, das er an seinem eigenen, wohl aus Nachsicht, nicht bemerkt hatte.
«Was haben sie mit dir gemacht?»
«Spar dir die Mühe. Niemand ist da, um Lachen zu heucheln.» Sie drückte ihm ihr Handy in die Hand, auf dem ein Video lief, und strebte ohne innezuhalten zum Lift. «Sie haben Footage von Bao Xu, wie er durch ein Einkaufszentrum geht.» Mango sah auf den Bildschirm. Eine Weile verstand er nicht, was er sah. Eine kleine Strichfigur bewegte sich durch eine Halle von anderen Strichen. Es war keine besondere Einstellung, ausser dass es der Gang eines sehr sportlichen Menschen war. Und die Haltung des jungen Mannes war perfekt. Das Knie zog keine Sekunde nach, er schien sich sogar ein bisschen regelmässiger durch das Getümmel zu bewegen als die anderen. Xia Song war geheilt?

«War es auf Sendung?»
«Es ist jetzt auf Sendung, als Vorlauf.»
Die Tür des Lifts schloss sich. Er gab ihr das Handy zurück. Für eine Sekunde berührten sich ihre Hände. Sie fühlte sich warm an. Er sah ihren blauen Nagellack neben seinen perfekten, mattdurchsichtigen Fingernägeln und schloss die Augen. Nur beim Parfum hatte sie nichts Extravagantes mehr. Es war immer noch das Gleiche wie zum Anfang ihrer beider Karriere, der unerweckbare, halbtote Geruch eines Waschmittelgemischs.
Er hasste sie und ihren Atem, den er unter dem leisen Rattern des Lifts hörte. Es hätte ja sein können, dass dieser Atem noch beim Zuhören für immer verstummte und sie neben ihm zu Boden sank. Er hasste alles an ihr, schon zehn Jahre, zehn Jahre und etwas mehr, und sie hasste alles an ihm, er konnte sich nicht erinnern, wann es anders gewesen war. Und wie sie sich hassten, die Kommentatorin und der Kommentator, dieses eingespielte Team des Badminton. Sie hassten sich fast mehr, als sie ertragen konnten, und weil keiner das Schweigen des anderen aushielt, spielte Françoise das Video noch einmal ab, mit höherer Lautstärke. Als die Lifttür sich öffnete, stoben sie nach draussen, als wäre der Behälter unter grossem Druck gestanden, und überquerten miteinander die Strasse zum Stadion.

Xia Song humpelt nicht mehr (Rally)

Auf den Nebenfeldern machten Jamie und sein Trainer noch einige Übungen. Der Trainer spielte ihm einfache Bälle zu, liess ihm Zeit fürs Laufen, um ihn optimistisch zu stimmen. Aber auch nach zwei Stunden, in denen Jamie abwechselnd in alle vier Ecken des Spielfelds gelaufen war, atmete er kaum, stützte die Hand mit dem Schläger in die Hüfte und schien völlig entspannt. Jamie hatte Optimismus vor langer Zeit durch etwas anderes ersetzt; etwas Harmonischeres, eine Durchlässigkeit, die keine Nervosität bei sich hielt.
Auch der Appetit war unbeschadet. Nach den zwei Stunden, kurz nach Mittag, steuerten dir beiden auf ein kleines Strassenrestaurant vor der Turnierhalle zu. Dort stand Ming, die sich neben sie an den Esstisch setzte. Seine vierjährige Tochter bildete mit Jamies hochgewachsener Gestalt und dem Verbindungsglied des Trainers eine schroff ansteigende Gebirgskette, die manchmal niedersank, um ihre Nudelsuppen zu schlürfen. Sie erzählte davon, wie man sie früher aus der Schule entlassen hatte, weil heute das grosse Spiel ihres Vaters sei. Jamie hörte lächelnd zu.
«Sie alle wünschen dir Glück, Papa.»
«Gut.»
Er gab nicht viel auf die Meinung der Rektoren, aber das musste Ming nicht wissen. So viele Menschen, die von Glück und Pech sprachen, als wüssten sie, was damit gemeint sei! Er selbst wusste es nicht und er hatte seit zwanzig Jahren damit zu spielen gelernt. Er nahm es niemandem übel, der ihm Glück wünschte, nur die Leichtfertigkeit solcher Äusserungen erstaunte ihn immer noch.
«Ich glaube, sie alle wollen wissen, wie es heute ausgeht. Sogar die kleinen Kinder sagen, es sei das Spiel des Jahrhunderts. Und im Fernsehen zeigen sie heute immer Bao Xu.»
«Ach ja?»
Der Trainer war Ming auf den Fuss getreten, aber das Mädchen war zu eifrig, um den Hinweis zu bemerken. Sie ass schnell, schlürfte laut und musste immer wieder husten. Sie zog nur den Fuss zurück und sprach unbeirrt weiter. «Ja, er hätte aufgehört zu humpeln, einfach so, von gestern auf heute. Sagen sie in den Nachrichten. Und jetzt berichten sie, spekulieren, wie er das geschafft hat. Man sagt, eine bestimmte Akupunktur, aber man weiss es nicht.»
Jamie Lee zog die Augenbrauen nach oben.
«Ich habe ihnen gesagt, dass mein Vater keine Akupunktur braucht, um zu gewinnen.»
Jamie warf seinem Trainer einen unendlich bedeutungsvollen Blick zu, in dem ein kurzer Schlagabtausch, ein langes Gespräch und eine verständige Einigung in einem winzigen Moment abgehandelt wurden. Er endete damit, dass der Trainer die Handflächen über seiner Schüssel zusammenpresste und an die Decke des Restaurants sah, mit einem Gesicht, als hätte er etwas Neues gelernt, und Jamie den Kohl mit ruhiger Zufriedenheit weiter aus seiner Suppe fischte. Ob Bao Xu humpelte oder nicht, war nicht seine Sache, und nicht die seines Trainers. Sie hatten eine unsichere Sekunde gebraucht, um zu begreifen, dass sie schon längst so abgeklärt geworden waren.
«So, so», sagte Jamie und lächelte. «Wer weiss. Schaden täte einem so eine Akupunktur jedenfalls nicht. — Was ist das?» Er schlug Ming zwischen die Schulterblätter. «Hast du dich verschluckt? Iss doch ein bisschen anständig, Essen ist kein Wettrennen. Du machst mich noch ganz nervös.» Sie schüttelte den Kopf mit den tränenden Augen. Lachend zerwuschelte er ihre Haare und gab ihr einen Kuss auf die kalte Stirn.