Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Der Affe (Rally)

Nun, wo war Xia Song?

Auf dem Video, das gerade durch das Internet gereicht wurde, war Xia Song mit erhobenen Schultern durch ein Shoppingcenter gegangen. Die kurzen schwarzen Haare, der kräftige Schritt, die zerschlissenen Kleider, die um seine Schenkel flatterten: es war eindeutig er. Die erste Frage, die sich den Fans aufdrängte, war nicht, durch welches Shoppingcenter er sich bewegte, sondern, wie er es tat. Xia Songs Humpeln war legendär und «der giftigste Kuchen, der mir je gereicht wurde», wie es einer seiner Gegner in einem Interview formuliert hatte. Selbst für die Fernsehzuschauer war ersichtlich, dass der Fuss von Xia ein wenig langsamer vom Boden abhob und er auf dem Feld einen Schritt mehr machen musste, als die anderer Spieler. Es sah sehr unbeholfen aus. Doch diese Behinderung irritierte seine Gegner mehr als es ihnen half, denn Xia Song litt nicht unter ihr. Er kompensierte die Umständlichkeit der Schritte mit Tempo und Kondition. Auch wenn es schmerzhaft aussah, sprang er aus den Knien höher in die Luft als alle anderen, wenn er mit knallenden Smashs die Rackets seiner Gegner stäupte.
Der Name «der Affe» rührte vom gebückten Gehen her, das ein wenig schien, als würde er auch auf vier Beinen rennen können und als hätte er sich nur kurz erhoben, um zum Schlag auszuholen. Hunderte Kinder imitierten ihn zum Spass.
Seit bekannt geworden war, dass sich Xia nicht in der Halle befand und die Organisatoren ihn vermissten, stellte sich eine zweite Frage: Wo war Xia und weshalb befand er sich in einem Einkaufszentrum? Die Videoaufnahme war die letzte Spur und deshalb begann man fieberhaft nach dem Namen des Einkaufszentrums zu suchen: Die Internetgemeinde hatte ihn in wenigen Minuten gefunden. Es befand sich in Fuzhou, über 800 Kilometer und etwa 3 Stunden Zugfahrt von Shanghai entfernt.
Was machte er so weit von seinem Zuhause entfernt? Und warum war er nicht längst in der Halle?

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Jakob

Du schäkerst, lügst und stichst uns,
im Winkel vor dem Zirkuszelt
und den Wagons,
ein betrunkener Trapezspringer verspritzt singend das Opiumgewölk seiner Mutter, die im Bastsessel eingenickt einer Tombola gleich den Kopf ringt,
und ich lange tief in die Tüte, zum Popcorn,
das zwischen deinen festzangigen Oberschenkeln ächzt und bitte dich, das war doch wirklich nur eine Hampfel, die nicht den Unterschied macht (was ist mit dem Rest und deinen Haaren? Wer hat sie dir ausgerauft?)
Dein Vater, schmucker Aladdin, der, bartgewandet, mit spiegelndem Blick ihm zugeworfene verbumerangt, ist Stümper, Kartonschlitzer, und kratzt die Popcornpackung an geklebten Säumen auf und ordnet, stapelt, bevor ich rüttle an der Perforierung.
In ihnen bauen wir Neanderthaler Höhlen, stirngebläht, bis zum Abend mit irgendeiner Abmachung, die wir ständig verpassen, bis einer anruft oder die Dunkelheit die Hand vor den Augen wegnimmt.
Oh Tipis, Hiltons und Stollen unter der Pappe, aus denen wir den Styropor scheppen, und kleine, warme, in ihnen wühlende Hände, die da wären: unsere und die des väterlichen Kalifen.
So haben wir immer gespielt, Jakob!
Für dich gab es den grössten Schacht, wo es so dunkel war, dass man das Ende nicht spähte.
Für mich gab es Zecken und Wildbret.
Diese Nachmittage grillieren zwischen meinen Rippen wie Wut, die das Rufen meiner Mutter zum Barbeque stiftet.
Sie klopft, schält und zwingt mich
aus dem nass verwirkten Sägespan,
der aus den Hoodiefalten fällt wie der Schweiss, in dem er aufqualmt, und wie Schamanen, denen ihr Voodoo ungeheuer ist, hebt sie mich weit weg von sich und streckt meinen verlebten Nachmittag in den Himmel:
So kam ich ihr immer nach Hause, meistens in einer mit den Zacken des Reissverschluss aufgezwackten Jacke, deren Daunen die Stauden des Haines zerharkten.
Das war die Erziehung, dem ein Gefühl nach dem anderen folgte wie ein dunkler Mann mit Melone, der im Schatten der Hausmauern das Leben verfolgt, und den du manchmal vermisst aus lauter Verzweiflung.
Der Zirkus kam jedes halbe Jahr, im Frühling von stillen Motorrädern umzingelt und im Herbst, wenn deine Mütze schon die Haare vor meinen griffigen Klauen versiegelt und dein Vater für die Artisten das Holz gebracht hat, für das sie sich artig bedankten,
Jakob.