Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: November, 2016

Der Satz (LXXVII)

Niedenthal, Baraslou, Winkielman, Kraut-Gruber, and Ric [2005] found that showing angry versus happy faces increased the amount thirsty subjects would pay to drink a small amount of liquid.

Colin Camerer, The case for mindful economics.

Die Jacken

Eine Traumnotiz vom 14. März 2013, die ich so in meinem Tagebuch gefunden habe:

Ich war eingeschlossen mit zwei Freunden (die ich nicht kenne) in einem Raum. Wir haben uns selbst eingeschlossen, denn irgendetwas ging draussen vor. Wir wussten nichts Genaueres — oder konnten uns nicht erinnern — , aber es waren mehrere, die wir fürchteten. Sie taten uns nichts direkt. Obwohl ein anderer, der zu uns gehörte, plötzlich verschwunden war. Dies heizte unsere Furcht an. Am schlimmsten aber war es, dass diese anderen, die uns bedrohten, unsere Jacken stahlen. Ja, wir hatten sie ausgezogen, denn das Haus befand sich an einem warmen, aber steinigen Strand. Wenn jemand die Jacke unabsichtlich irgendwo liegen liess, dann sahen wir eine Hand, die aus irgendeiner Ecke hervorgestreckt kam und sie fortzog, wir versuchten natürlich auf der anderen Seite zu zerren, aber da, wie gesagt, unsere Feinde vielzählig waren, unterlagen wir dabei. Als wir uns eingeschlossen hatten, hofften wir, dass wir dadrin sicher seien. Uns gefror jedoch das Blut in den Adern, als Geräusche an den Jalousien ertönten, ein Klopfen, Hämmern. Und die Jacke eines Freundes war auch noch verschwunden! Dabei hatte er sie im Zimmer abgelegt und sich nur kurz zum Klopfen umgedreht. Der andere Freund beklagte daraufhin auch das Fehlen seiner. Die Angst wurde überwältigend, meine Sorge umkreiste vollkommen meine Jacke, die ich halb angezogen trug. Ich drehte mich ständig, um niemandem die Freiheit zu lassen, hinter mich zu treten. Ich versuchte, durch die Jalousinen nach draussen zu sehen. Ich konnte jemanden entdecken, es war ein junger Mann mit langen Haaren, der böse durch das Fenster hineinlugte. Mit plötzlichem Mut, ich kann mir nicht erklären, woher er kam, stürzte ich aus dem Raum, gleich nach draussen an die Sonne (denn das gesamte Haus schien nur aus diesem Raum zu bestehen). Dort sah ich den Mann mit fliegenden Haaren den steinigen Strand entlanglaufen. Er blickte über die Schulter zu mir zurück. Ich rannte ihm nach, so teuflisch schnell wie ein Gepard. Er rief mir Dinge zu, wie: «Ja, weisst du, meine Mutter war eine Hure. Ich habe kaum zu essen gehabt. Ich habe das Sonnenlicht nie gesehen. Meine Mutter war so kaputt. Wir hatten kein Geld.» Aber das alles rief er in ironischem, irgendwie verletzendem Ton. Ich holte verbissen auf, wollte mich rächen und erwachte dann mit dem Gefühl, beleidigt worden zu sein.

20nov16

Du weisst, warum man Trump gewählt hat? Ich nicht.

Wie im berühmten Eintrag nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs hätte in Kafkas Tagebuch kürzlich wohl Folgendes stehen können:

Trump ist US-Präsident – Nachmittag Schwimmschule

Viele Tage Empörung und Schock, wie sich in langen Analysen zeigt. Schon erstaunlich wie schnell alle glauben, sie hätten jetzt die Theorie gefunden.
Meine Enttäuschung zieht sich durch alle Reihen, durch Facebookfreunde, Zeitungen (wie die NZZ, die nur noch aus «Analysen» besteht) und Intellektuelle wie Naomi Klein, Taleb, Gumbricht: Sie alle wissen es jetzt plötzlich. Und sie posten es natürlich im Internet. Ich weiss nicht, ob das allein nicht schon die Bemühungen neutralisiert, zumindest ist es ironisch: das im Internet zu publizieren.
«Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.» (Marx) — «Es kommt wieder darauf an, die Welt zu interpretieren statt sie zu verändern.» (Zizek) — «Wir verändern die Welt ein bisschen (Sprechakt und so) und denken ein bisschen. In Internetessays, Longreads, Analysen und Whatnot.» (Das Internet)
Dass ich diesen Text schreibe, macht mich nicht besser, sondern verweist mich auf die bescheidene, ihm eingeschriebene Rolle in diesem kannibalistischen Diskurs. Aber ich fürchte mich nicht vor dem infiniten Regress.

Trumps-Wahl ist ein kaltes Aufwachen, aber auch ein nützlicher Schreck. Und nicht im Sinn von: «Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir sind nicht mehr zynisch, wir müssen uns mehr um diese oder jene Menschen kümmern.» — Das wäre die (halbpatzige) neoliberale Haltung, die Clinton mit ihrer aufrechten Verliererrede verkörpert, und die vorerst nicht weiterführt: Der Neoliberalismus will, dass man über ihn hinausdenkt. Über ihn selbst.
Dieser nützliche Schreck ist anderer Art und ganz egoistisch: Denn seit gestern sehen wir einem goldenen Zeitalter entgegen.
Uns, ich meine alle Studenten, Millenials, echte Liberale (das ist das, was ich als Linke bezeichne), aber ich meine ganz besonders uns Literatur- und Geisteswissenschaftler: Uns steht das beste Zeitalter bevor.

    1. In keiner anderen Woche in der Weltgeschichte haben so viele Menschen auf der Welt so viel Text gelesen wie in der Woche nach Trumps Wahl. Und vielleicht wurde an keinem anderen Tag so viel geschrieben (es ist ja nicht nur Trump und 2016, sondern auch NaNoWriMo.) Medien haben eine grössere Reichweite als je zuvor. Rhetorik hat ein grösseres Gewicht, als wir Literaturwissenschaftler geahnt hätten.
    2. Sollte an der Rede vom «Post-Faktischen» etwas dran sein, und ich glaube, dass zumindest etwas dran ist, dann können plötzlich Post-Strukturalistinnen an die Stelle der Experten rücken (an eine Stelle, in der sie sich natürlich wieder zersetzen, weil es in dieser Hinsicht keine Experten geben kann): Sie kennen epistemologische Operationen, die Wissen in einem Umfeld ohne Fakten fabrizieren oder ordnen können, sie sind die Handwerker, sie werden angewendet. Poststrukturalismus kennt die Meta-Epistemologie, die für die Wahrnehmung der heutigen Wahrnehmungen wichtig ist und die alle so verwirrt.
    3. Schauen wir es uns an: Die Siegerrede von Trump ist einzige Literatur, im Hintergrund taumelt ein kleiner Junge übermüdet und vom Wahnsinn gezeichnet, während Trump am Podium Satz für Satz (She congratulated us, it´s about us) in seiner unverkennbaren, rhetorisch hervorragenden Intention hervorstöhnt und weisse Männer, die man irgendwo im Publikum suchen muss (Where is Mike? Where is he? Great man. Really great man. Where is Mike? Mike, come here), sich schwitzend umarmen. Ich meine das gar nicht so zynisch, wie man denkt. Ich will auch nicht alles übersteigern. Aber so nah an Literatur (und damit meine ich nicht die Fiktion, die Lüge, sondern die weitaus komplexere Verschränkung von Fiktion und Wirklichkeit, die Literatur ausmacht und die uns diese epistemologischen Operationen aufzwingen), so nah an Literatur war die Welt schon lange nicht mehr.

  1. Ausserdem haben wir in der Schweiz vielleicht zum ersten Mal die Möglichkeit, das gewichtige Erbe des Intellektuellen von uns zu stossen. Diese grässlichen, rauchenden Altherren Frisch, Dürrenmatt, von Matt und wie diese schrumpligen Kettenraucher alle heissen, sind von uns gegangen. Bärfuss und Stamm melden sich eigentlich auch nur, um sich frühzeitig abzumelden. Wir können Intellektualismus wieder zu dem machen, was er eigentlich ist: great.
    Wir können auch ohne diesen Anteil Körperfett eine entspannte Linke voller Überlegenheit (zurück)gewinnen, die nicht in empörendes Japsen verfällt, wenn sie etwas hört, das ihr nicht passt. Die neuen Intellektuellen können sympathisch und sie können Frauen sein und sie müssen nicht rauchen. Vielleicht sind sie deshalb gar nicht mehr «intellektuell», vielleicht auch bald nicht mehr links. (Zurecht hat S. Fanzun darauf hingewiesen, dass es keine rechten Intellektuellen in der Schweiz gibt, zumindest weniger, als es für einen komplexen Diskurs gesund wäre.)
    Was sind das denn für Menschen?, fragt ihr. Es sind Menschen, die sich wohl fühlen damit, sich nicht wohl zu fühlen, die in der Welt überall Brüchigkeiten erleben, die vor allem verwirrt und über Selbstverständlichkeiten verdutzt sind, obwohl nichts von alldem ihnen die Freude verdirbt. Sie lächeln eben verdutzt.

Ich weiss nicht, warum Trump gewonnen hat. Es ist nicht einfach so passiert, gleichzeitig hat es sich auch nicht schon abgezeichnet. Es liegt nicht einfach an Hillary und es liegt nicht einfach an Trump. Es ist kein Denkzettel an die einen (was ist ein Denkzettel?), keine Warnung, Mahnung oder Bestrafung und kein Ventil (was ist ein Ventil?), keine Rache, kein Zeichen der anderen. Natürlich ist es das schon, aber das ist es nicht.
Man kann erahnen, dass auch die nächste Erklärung, die wir lesen werden, nicht die richtige sein wird, und iterativ: dass wir nie eine lesen werden oder sie in der Skepsis, die wir unterdessen pflegen werden, nicht als solche erkennen. Aber wir müssen sie lesen.
Es wäre zu einfach, Trump als widersprüchliches Phänomen zu begreifen oder als eine Pille, die man jetzt einfach schlucken müsse, um das Adrenalin in die Politik zu schütten, oder sogar zu denken: «ja, erst Abwarten, was passiert, Nachdenken bringt vorerst nichts» oder zu sagen: «So schlimm war das auch nicht», oder «Wir haben´s eigentlich schon gewusst», denn das ist eben auch nicht wahr und vorgestrig.

Die beste Zeit ist angebrochen, jene, in der wir alle zu Postrukturalisten werden müssen und in der wir uns im besten, verworrenen, hinterhältigsten, überschäumendsten und herausforderndsten Text befinden, den wir je gesehen haben.

Wochenrückblick

12nov16

(Unproduktive Woche mit viel Facebook – Trumps Wahl hatte definitiv seine unterhaltsamen Seiten)

Schreiben. „Literatur für Mädchen.“ Längere Version fertig gestellt.

Sport.

12nov16_fitbit

 

Wochenrückblick

5nov16

delirium. Versand N°07.

Schreiben. „Literatur für Mädchen“ Kurzversion fertig gestellt.

Salomon

Der Song heisst Blast Doors

Sie hatten ihn erst vergewaltigt und dann, indem sie ihm die Haut über die Ohren abstreiften, auf dem verlassenen Perron im Hinterhof getötet. Salomon vom vierten Stock, den armen Schlucker, und das gleich nach Feierabend, wie anstelle des gewöhnlichen Biers.
Durch das Büro ritt sie auf kleinen Vielfrassen, die wie tollwütig ihre Hauer in die ledernen Zäume schlugen, an denen sie sie schirrte. Zweimal am Tag musste man sie füttern, dann stieg sie von ihren Rücken und las die wichtigen Akten, die der Sekretär vorbereitet hatte. Die Vielfrasse waren voller Energie, die sich im verlängerten Wochenende aufgestaut hatte. Sie hatte nicht die Geduld gehabt, den Betrieb noch länger zu unterbrechen, und nach zwei Tagen atmeten die Aktionäre auf, als sie nach all den negativen Schlagzeilen die Produktion wieder aufnahm. Die Mitarbeiter hatten sich nicht beklagt und waren mit müden Gesichtern an den Tischen erschienen, ausser natürlich Salomon. Viele der Mitarbeiter waren eher einsame Menschen und konnten wohl besser damit fertig werden, wenn sie sich mit kleinen Betätigungen ablenkten, deshalb wollte sie ihnen eine schnelle Rückkehr zur Normalität ermöglichen. Sie hatte grosse Zuneigung zu ihren Mitarbeitern. Aber jetzt zügelte sie ihre Vielfrasse nach einem kurzen Kontrollgang und verschwand ängstlich im eigenen Chef-Büro. Sie schielte durch die Jalousien. An die Säule vor dem Kopierer gelehnt stand Reto, einer der jüngeren Mitarbeiter, kürzlich verheiratet und von einer riesigen Brille gestraft, die er mit solcher Selbstsicherheit trug, dass ihn niemand auf sie anzusprechen traute. Er sah Lisa zu, ihrer jüngsten Praktikantin, die sich zu den Papieren hinunterbückte, um die Verstopfung im Papierschacht zu lösen. Sie streckte den Hintern absichtlich raus, weil sie wusste, dass Reto hinter ihr stand. Sie war auch die Erste gewesen, die ihn wegen seiner Brille ausgelacht hatte.
Daneben sassen Till und Tillman zwei ihrer liebsten Mitarbeiter, die genauso witzig wie beflissen waren. Das heisst, der eine war beflissen, der andere war nur die Parodie des einen, aber sie gehörten zueinander. Hektor, der dünne, kurz vor der Rente stehende Personaler, dessen Hemd über dem mageren Bauch hing, als könnte man noch zwei, drei Kissen in ihm tragen. Sandra, die beste Technikerin im Haus, aber grundsätzlich unterfordert, woran auch die regelmässigen Beförderungen nichts geändert hatten, mit ihrem Stachelhalsband und den Tattoos, die den Hals hinaufkrochen.
Flix ass schneller als Klix. Der sah Flix nur zu, nahm einen Schluck vom Wassertrog, liess den anderen aber nie aus den Augen. Sie fragte sich, was Klix von Flix hielt. Umgekehrt war es nicht schwierig: Wann immer Klix loszog, folgte ihm Flix, der jede seiner Bewegungen bewundernd imitierte. Wenn Klix die Richtung wechseln wollte, hielt sich Flix daran, und wenn er unglücklich war, streifte Flix mit seiner Wange am hellroten Fell entlang, um ihn aufzumuntern. Doch was dachte Klix von Flix, was hielt er von seinem Verehrer, fragte sie sich, als sie die beiden, Klix ein wenig vorsichtiger als Flix, wieder vorsichtig bestieg. So stand sie eine Weile vor der geschlossenen Tür und atmete laut. Sie würde die Tür wohl oder übel verlassen müssen. Sie musste den Botengang machen. Ein kurzer Kontrollgang durch den Stock und dann runter zum Sekretär, das wäre alles.
Heute oder morgen würde der DNA-Test ankommen. Die Polizei hatte sie alle antanzen lassen, sämtliche Mitarbeiter, die alle im Verdacht standen, nach Betriebsschluss in Richtung des leeren Perrons unterwegs gewesen zu sein, um im nahen «Takt» ein Bier zu trinken. Wer von ihnen hatte sich aus der Gruppe losgelöst? War Salomon freiwillig losgelaufen? Hatte man ihn mit Gewalt zum Perron gezerrt? Die Polizei weigerte sich voreilige Schlüsse zu ziehen, sie aber zweifelte keine Sekunde, dass es jemand von ihnen war. Salomon war nicht allein losgegangen, man hätte sein Verschwinden bemerken müssen. Er war der Auffällige, Wehrhafte. Es sei denn, man hätte ihn selbst in den Hinterhalt gelockt.
Sie atmete aus, senkte den Kopf, stiess die Tür auf und patroullierte durch die Reihen, aus denen sie allen an den Bürotischen zunickte. Die beiden Vielfrasse fauchten ein wenig, als sie an Till und Tillmann vorbeigingen, bei Lisa drehten sie ganz um. Vielleicht spürten sie auch nur die Nervosität im Raum und spielten verrückt. Sie hatte in einer langen Rede die Unschuldsvermutung beschworen, aber was war das eigentlich, eine Unschuldsvermutung? Es gab eine Schuld, man wusste nur nicht, wer sie trug. Sie hatte so Angst, dass sie abends in ihr Kissen weinte.
Sie trat in den Lift und wartete bis sich die Tür schloss, bevor sie den Kopf gegen die Wand schlug. Sie wollte dieses Büro, diesen von krankem Geist benetzte Spannteppich, nie mehr betreten. Sie wusste genau, dass ihr als Chefin nichts anderes übrig blieb. Wie lange konnte es denn dauern, einen DNA-Test auszuwerten?
«Hanno», rief sie, als sie den Sekretär hinter der Rezeption sitzen sah, «haben sie angerufen? Hast du die Ergebnisse gekriegt?»
Hanno liess sich mit der Antwort Zeit und mit einer etwas weit ausholenden Bewegung legte er ein Blatt Papier auf die Theke. Zum ersten Mal erkannte sie in seinen Augen einen obskuren Glanz und seine Stimme hatte etwas von Salomons bedenkenloser Anstössigkeit. Dieser Mann schien gerade etwas völlig anderes zu werden und wurde es, als er den Satz ausgesprochen hatte: «Sie sagten, es würde sich wohl verzögern.» Die Vielfrasse tobten vor Nervosität, das heisst einer tobte, Klix war nur eine heuchlerische Imitation davon.

sonntagabendsong