Die Sprengung des Riesenkraken vor Durbans Küste

Dieser Text ist zuerst auf www.delirium-magazin.ch erschienen.

Auf dem Nachttisch liegt ein angebrochener Zwieback.

Hochgerichtet auf einem Stapel Kissen sitze ich und betrachte den Teller vom Bett aus. Mit jeder Welle, die ich gegen den Strand brechen höre, bauscht sich der Vorhang ein Stück und gibt einen Streifen Licht auf das Tischchen frei. Dann glitzert eine feuchte Stelle, an der ich den Zwieback abgebissen habe.

In einer Verkehrung der Ursachen mache ich den Zwieback für meine Lebensmittelvergiftung verantwortlich, er ist das Einzige, was mich aus dem Urlaubsmodus wirft: Draussen scheint die Sonne, Vögel krächzen, vom Äthiopier nebenan weht der Geruch von Wot in den Bungalow. Das leichte Kräuseln an meiner Mageninnenwand könnte auch die Erregung sein, in einem Frühling aufzuwachen.

Den gestrigen Tag habe ich eigentlich mit verblüffender Bravour gemeistert. Die Luft ist schon am Morgen so feucht gewesen, dass es einem die Kehle versiegelte, aber ich habe unberührt mit dem Hotelbesitzer geplaudert und gescherzt. Er schien keine Sekunde daran zu zweifeln, dass ich die Richtige für den Job sei. Offenbar reichte ihm die Information, dass ich einmal Matrosin gewesen war und Meeresbiologie studiert hatte. Es kümmerte ihn nicht, dass es sich dabei um einen Studijob und ein Nebenfach gehandelt hatte, und dass die Seminare im dämmrigen Dunst einer schwachen Erinnerung entschwunden waren.

«Haben Sie schon einmal eine Sprengung vorgenommen?», fragte er trotzdem noch, als wir gemeinsam am Hotelstrand entlang gingen.

«Ja», sagte ich, und das stimmte wirklich. Zumindest war ich einmal dabei gewesen, als mein Onkel eine Passage in den Drakensbergen gesprengt hatte, um die wichtigste Durchfahrt nach Lesotho zu sichern. Es hatte schon viele Tage geregnet, eine Lawine aus Steinen und Schlamm drohte die enge Strasse zuzuschütten und ich durfte den Auslöser drücken. Die Explosion klang wie ein unterdrücktes Seufzen, die Erde sank ein und die Felsen über dem Pass fielen als leichte Kiesel auf die Strasse. Der Dreck hatte in unsere Gesichter gespritzt, obwohl wir weit entfernt standen, und ein angenehmer Schwefelgeruch legte sich auf das schäumende Gebirge.

Ich liess mir auch nichts anmerken, als wir plötzlich in den Schatten traten, den der Kadaver warf. Er lag halb im Wasser, über zehn Meter ausgestreckt und stank nach der dunkelsten Fäulnis des Ozeans.

«So, da wäre er also», sagte ich kennerisch. Der Riesenkrake schimmerte dunkel und der imposante Anblick stand in Widerspruch zum Geruch, den er verströmte. Es war niemand mehr am Strand, die meisten Gäste waren abgereist. Ich trat mit den Anglerstiefeln ins Wasser und tastete die farbig schimmernde Haut ab.

«Er muss weg», sagte der Hotelbesitzer.

«Verstehe.»

«Ich könnte ihn abtransportieren, aber dafür ist er noch zu schwer, und ich will nicht, dass man mich damit sieht. Ich will überhaupt nicht, dass man ihn sieht – machen Sie, dass er verschwindet, völlig egal, wie Sie es anstellen. Nennen Sie einfach Ihren Preis.»

«Gut…» Ich sah zum Kadaver hinüber, in der Hoffnung, er würde mir Mut machen. Der glitschige Kopf war ein wenig in sich abgesunken und die Tentakel strudelten bei jeder Welle im seichten Wasser. Seine Haut hatte eine ungesunde braune Farbe. Aber was hiess schon ungesund für einen Koloss-Kalmar? Diese Tiere lebten in tausenden Metern Tiefe, weit weg vom Sonnenlicht. «Das macht 50.000 Rand.»

«50.000?»

«Ich habe einen Hochschulabschluss.»

Einen Moment lang blitzte in seinen Augen die Idee auf, mich herunterzuhandeln. Immerhin könnte er mich in Zukunft weitervermitteln und ein Auftrag von einem renommierten Hotel wie dem seinen wäre gute Werbung für mich. Die ganze Argumentation schien sich hinter seiner käsigen Stirn zu verketten und mündete in einen angriffslustigen Blick, der mir nur allzu bekannt war. Aber nach kurzem Zögern kehrte sein Lächeln zurück. «In Ordnung.» Er streckte mir die Hand hin, ich schlug hastig ein, und etwas Schleim blieb an seiner Hand hängen.

Bevor er sich abwandte, fügte er hinzu: «Ach ja. Und natürlich dürfen auf keinen Fall die Behörden etwas davon mitbekommen. Hauptsache, es tauchen hier nicht noch hundert Forscher auf und verängstigen unsere Gäste. Die würden alles im Umkreis von 10 Kilometern abriegeln.»

«Natürlich», sagte ich.

«Sie haben bis morgen Abend Zeit.»

Ich nickte und ging.

Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich eine Flasche Weisswein geöffnet, Musik aufgelegt und mich aufs Sofa fallen lassen. Ich beglückwünschte mir zum unverhofften Auftrag, den ich nur mit einer eigenen Webseite und zusammengegoogeltem Wissen an Land gezogen hatte und von dem ich ein gutes halbes Jahr leben könnte – oder ein halbes Jahr gut – und in der Euphorie nahm ich den Laptop hervor und stöberte durch meine Skizzen, und wäre es nur dabei geblieben, dann sässe ich jetzt nicht einem Zwieback gegenüber, der mich anglänzt und an meine Übelkeit erinnert. Und ich müsste nicht dem Winseln des Mannes zuhören, der zwei Meter vor mir an den Bürostuhl gekettet ist.

 

«Ich werde notieren, wie es ist, einen ganzen Laib Brot in Scheiben zu schneiden, wie mir der Arm lahm wird und der Kopf sich fragt, warum ich das Brot nicht gleich vorgeschnitten gekauft habe, trocken wird hier nichts, hier wird alles umgehend gegessen.» (Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen)


 

Hunger?

Niemand fragt, wenn man allein vor dem Computer sitzt, in einem Altbaublock mit Blick auf einen kleinen Zürcher Innenhof, in dem die Kinder schreien. Ich atme tief, meine Brust wird nicht mehr in der Tischplatte eingequetscht, weil es keinen schiefen Boden gibt, nur schön weisse Wände (S. B., danke dafür!), und die Kirchenglocken sind so weit weg, dass ich sie fast ein halbes Jahr nicht mehr gehört habe. Nur die Kinder schreien manchmal, und das erfüllt mich mit dem milden Ärger des Gesetztseins.

Ich informiere mich über die «Anfechtung des Anfangsmietzinses», weil die Verwaltung die Miete um einen schockierenden Betrag erhöht hat. Am meisten verbittert mich, dass eine Verwaltung (die im Auftrag einer Anlagestiftung agiert, die wohl im Auftrag irgendeiner Steuerersparnis agiert), auch nur probeweise den Mietpreis erhöhen könnte. Wenn 30 Tage verstreichen, ohne dass jemand die Erhöhung «anficht», hätte sie die Wohnung für alle Zeiten verteuert. Ich sage nicht, dass sie das tut. Aber sie könnte, und es wäre lukrativ.

Hunger, weil man Stunden investieren muss, nur um weiter existieren zu dürfen. Im Versuch, nicht mehr für eine Wohnung zu bezahlen, als ohnehin erlaubt ist? Ist das schon Hunger nach mehr, als einem zusteht? Es erinnert mich an dubiose Inkassofirmen, die darauf spekulieren, dass die Übermüdung derjenigen, von denen sie vermeintliche Schulden einfordern, sie zum Aufgeben zwingt. Poverty Tax: Es ist teuer, arm zu sein, das ist keine Neuigkeit. Hinzu kommt das Geschäft, das auf die aus ihr erwachsende Ermattung baut.

Zu leben bedeutet nicht nur zu zahlen und den Aufwand, zu wohnen. Man muss auch stets Dokumente hervorzaubern können und Unterschriften einholen, man muss immer präsentieren können, dass man des Lebens mächtig ist. Alle Essays der Welt werden das nie beweisen.

Nach der Publikation von «Warum ich alles gebacken kriege» – im Oktober 2018 – ist etwas Wunderbares passiert. Ich habe so viel Feedback bekommen wie noch nie für einen Text. Vom bündigen «brillant» bis zu ganzen Antwort-Interviews war alles dabei; und das ist eine Form der Anerkennung, die mich berührt und durch das Leben trägt. Es ‹ernährt› mich natürlich nicht mehr als in einem extrem weichbirnig-metaphorischen Sinn, und meistens muss einen auch gar niemand durch das Leben ‹tragen›. Aber es fühlt sich trotzdem gut an.

Und es gab Kritik.

Manche haben zum Beispiel gesagt, dass ich die ‹Arbeit› des Schreibens unterschätze; denn es gehe ja doch um eine Form der Anerkennung, um eine gesellschaftliche Anerkennung, die das Geld bewerkstellige. Auch das Schreiben würde erst dadurch ausreichend geschätzt, dass andere auf etwas verzichteten. Im Gegensatz zum lakonischen Lob, das eben nie etwas kostet, kann nur Geld echte Anerkennung bedeuten. (Einwand von U. U. und D. H., danke dafür!)

Andere wiederum haben gesagt, dass ich das Schreiben zu sehr als eine Arbeit dargestellt hätte. Dass die Temporisation oder das «Aushalten» wesentlich gemässigter sei, wenn man schreibe, als wenn man wirklich arbeiten müsse; in einer Fabrik; in einem Café; in einem Büro. Dass ich den Überstilisierungen des Kognitariats erlegen sei, das so tue, als wäre das Schreiben das Leiden jeder Arbeit, obwohl es in den Pantoffeln zuhause geschieht und man es jederzeit dem echten Arbeiten vorziehen würde. (Einwand von S. P. und J. M., danke dafür!)

Beide Einwände sind interessant und klüger, als ich sie darstelle. Aber es ist deutlich, dass sie nicht vereinbar sind, und sie beweisen ziemlich gut, woran mein Essay gescheitert ist. Ich wollte zeigen, dass sich diese Unvereinbarkeit nicht mit einem geschärften Begriff von Arbeit (zum Beispiel einem marxistischen «Doppelcharakter») oder einer Unterteilung in professionelles und dilettantisches Schreiben lösen lässt, sondern strukturell in der Literatur angelegt ist, indem sie immer zugleich als wichtig und unerheblich gilt.

Zumindest in der bürgerlichen Kultur, über die wir mit Literatur sozialisiert werden, ist sie in einen besonderen gesellschaftlichen Bereich eingebettet, dem Freiheiten und Möglichkeiten zuerkannt, zugleich aber ein Teil seiner Bedeutsamkeit aberkannt wird. Das ist der Trade-Off. Die Literatur kann in diesem Bereich nie ganz den gesellschaftlichen Wert reflektieren, den sie eigentlich ‹verdient› hätte: Ähnlich wie die Mode verfügt die Literatur über eine Macht, der sich niemand entziehen kann – wer könnte sich von der eigenen Sprache befreien? wer von ihrem Erzählen? –, während sie doch nie ‹ganz so wichtig› ist. So, wie etwas ‹nur eine Mode› ist, der trotzdem alle auf die eine oder andere Weise gehorchen müssen, ist etwas ‹nur Literatur›, und dieser ökonomische Mechanismus bestimmt ihr ganzes Potenzial.

Meine Kritik am Bild der Bäckerei wollte hier ansetzen: dass es in dieser Unerheblichkeit von vornherein nichts zu verdienen gibt, oder jedenfalls nicht das, was es zu verdienen geben sollte. Der Unterschied zum Teig besteht darin, dass man Sprache nicht essen kann.

 

«Jede Sprache, gleich ob arm oder reich, impliziert eine Deterritorialisierung des Mundes, der Zunge und der Zähne. Mund, Zunge und Zähne finden ihre ursprüngliche Territorialität in der Nahrung. Indem sie sich der Artikulation von Lauten widmen, deterritorialisieren sie sich. … Gewiß kann man beim Essen schreiben, es ist leichter, als beim Essen zu sprechen, aber das Schreiben verwandelt die Wörter eher in Dinge, die mit der Nahrung rivalisieren können.» (Deleuze und Guattari – Kafka. Für eine kleine Literatur)


 

Ich bin wie im Rausch, ich wandere in der Wohnung auf und ab und schlage auf dem Küchentisch ein Heft auf, das voll ist mit Notizen, lese ein paar Sätze, stolpere ins Schlafzimmer und überlege mir, wie ich sie zitieren könnte. Dazu dringt Miley Cyrus aus den Boxen: «My mama always told me that I’d make it / that I’d make it: / so I made it.»

Irgendwann bleibe ich stecken. Ich verspüre den Wunsch, den Erfolg des Riesenkraken mit jemandem zu feiern, und vielleicht will auch die Nebenfach-Meeresbiologin in mir meine Entdeckung mitteilen. Ich rufe Martina an, meine beste Freundin, aber sie ist bereits verplant. Reese und Jenny sind nicht erreichbar. Nach einigem Zögern und leicht verwundbar wähle ich die Nummer von Ava.

«Hallo.» Ihre Stimme klingt verraucht, aber melodisch. Allein die Begrüssung beruhigt mich.

Noch im vorigen Winter haben wir ziemlich intensiv gedated. Im September habe ich es verebben lassen, weil ich neben den Uber-Diensten und den Texten keine Zeit mehr gehabt hatte – ich glaube, in Wirklichkeit fand ich, dass ich in ihrer Anwesenheit zu viel Geld ausgab. Dafür konnte sie nichts, sie hatte mich nicht dazu angestiftet, aber wie ich feststellen musste, gab es eine Sorte Mensch, in deren Gegenwart man Geld verprasste, als hätte man mehr davon.

Sie ist einverstanden, sich noch zu treffen; unter der Bedingung, dass wir die Florida Road mieden. Da gibt es zu viele Weisse für unseren Geschmack, und sie sagt, sie hätte keine Lust auf viele Leute. Wir verabreden uns in einem kleinen indischen Restaurant, das sich in eine abgehalfterte Ecke zwischen zwei Neighbourhoods gekeilt hat, und wir sind tatsächlich die einzigen Gäste.

«Hallo», sagt sie noch einmal im gleichen Ton und lächelt. Ich würde mich am liebsten in den Klang ihrer Stimme hineinfallen lassen.

«Hi. Was möchtest du essen? Ich lade dich ein.»

«Wirklich? Das musst du nicht.»

«Will ich aber.»

Während sich Ava ein Gericht auswählt, ziehe ich an meiner Unterlippe. Ich nehme mein Notizheft hervor und betrachte noch einmal das Geschriebene. Es ist so viel Unsinn, dass ich etwas schmunzeln muss. Avas Blick wandert von mir zu meinem Notizbuch.

«Wofür machst du dir eigentlich all die Notizen? Das wollte ich immer schon fragen.»

Wir sind oft in meinem Zimmer gewesen, dessen Wände von Post-Its übersät sind; mit Ideen und Textschnipseln, die ich hingeklebt hatte, um einen Überblick zu bekommen. Morgens im Bett ist Avas Blick manchmal hin und her gewandert, mit einem leicht irritierten Ausdruck, den sie auch jetzt wieder hatte, aber sie hat mich nie danach gefragt. Ich glaube, sie konnte meine Schrift kaum lesen, und selbst wenn, verstand sie kein Deutsch und konnte sich keinen Reim darauf machen. Womöglich hielt sie mich für verrückt; für eine Verschwörungstheoretikerin oder Psychopathin, aber sie hatte mich das nie merken lassen.

«Keine Ahnung… ich meine… vielleicht bringen sie mir mal was.»

«Hm», sagt sie nachdenklich und sieht wieder in die Karte.

Ava nimmt Palak Paneer und ich füge der Bestellung ein Curry, Springbock-Roti, Shrikhand und zwei Lassi hinzu.

«Bist du sicher, dass du nur so wenig willst?», frage ich.

«Ja. Essen wir das wirklich alles?»

«Wahrscheinlich nicht», sage ich und grinse. Aus der Küche zischt dampfendes Öl und hüllt uns in eine Wolke. Sie sieht wunderbar aus im Dampf, wie eine Erscheinung am Waldrand an einem nebligen Morgen. Wir rücken auf unseren Stühlen hin und her.

«Was gibt es denn eigentlich zu feiern?», fragt Ava.

«Ich habe wieder einen Job!»

«Was, einen richtigen?» Sie sieht mich begeistert an.

«Nein, natürlich keinen richtigen. Einmalig, auf Honorarbasis. Aber er wird dir gefallen. Ich zeig es dir später.»

«Gut», sagt sie und hebt das Glas, «… auf deinen geheimnisvollen Job!»

Ava erzählt mir von der Arbeit in der Agentur und dass sie von den vielen Überstunden müde sei. Von ihren Vorgesetzten werde es nicht gern gesehen, wenn man zuviele aufschriebe, aber die Mitarbeiter_innen würden ihr die langweiligeren Aufgaben zuteilen, wenn sie in den richtigen Sitzungen fehlte. «Aber es tut mir leid. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht immer über die Arbeit zu beklagen.»

Das Essen kommt an unseren Tisch und ich sage so etwas wie: «Nein, das ist gar kein Problem, erzähl mir alles», und meine so etwas wie: «Das gehört dazu, das gemeinsame Auskotzen, unbezahlte Reproduktionsarbeit, ohne die keine Agentur und keine Firma funktionieren kann, und ich übernehme sie auch unbezahlt, für dich, Ava, weil etwas an dir mich unvernünftig freigiebig macht und weil ich gerade einen Deal in der Tasche habe», und denke dabei so etwas wie: «Was könnte er für ein Problem haben? Ein ganzes Jahr hat er nicht mehr weitergemacht mit der Fortsetzung, obwohl er es immer vorgehabt und gegen alle Seiten versprochen hat. Eigentlich ist die Situation ideal. Alles, was es jetzt braucht, ist ein Problem, ein hanebüchenes Problem, das ihm das Schreiben erschwert hat – etwas, in das sich nur ein Mensch in seiner Lage hineinsteigern könnte, ein Stottern seiner ungecheckten Privilegienmaschine, die er in einem verächtlichen Twist zu Selbstmitleid auftürmt.»

Während wir essen, fällt mir die Lösung ein – sein Problem – und ich schreibe es prustend in mein Notizbuch, das neben dem Teller liegt. Ava hält inne, als wäre sie dankbar unterbrochen zu werden, und lächelt mich milde an, bis ich fertig bin.

 

«Jetzt etwas essen!» (Michelle Steinbeck – Mein Vater ist ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch)


 

Aber was?

Ich schliesse die PDFs und kalibriere die neue Position im Feld: In fünf Minuten kann ich immer noch beim Café Bauer sein, aber in der gleichen Zeit wäre ich bem Hug-Ableger an der Schmiede, und in drei bei der Bäckerei in der Elsa-Strasse, die mir empfohlen wurde, aber bei der es nie die Schoggigipfeli auf Lager hat, wenn ich mich mal zu ihr herablasse. Alles Geschäfte, die ihren urchigen Charme spätestens dann verloren haben, als die Hundebäckerei an der Zypressenstrasse eröffnet hat: ein Sinnbild der Gentrifizierung, deren Pixarhaftigkeit jede Vorstellungskraft übersteigt.

Aber wenn ich jetzt hinausgehe und nicht zuerst diese «Anfechtung» verstehe, werde ich den Roman vielleicht nie mehr schreiben, diesen zweiten Brötchen-Essay und erst recht nicht die dumme Kurzgeschichte, an der ich schon über ein Jahr sitze. Was ist schon ein Einkauf, will man fragen, aber wieviele kleine Einkäufe machen ein bürgerliches Jahr aus? Du musst nur einmal noch den Kühlschrank auffrischen, dir eine Trainerhose überwerfen und Geldnoten knautschend zum Albisriederplatz torkeln, und schon ist wieder Winter und die Schreibblockade perfekt.

In solchen Fällen wünschte ich mir, Zwieback zuhause zu haben, diese für immer haltbaren Brotskelette, die in sciencefictioneskes Alusilber gepackt sind und absolute Anspruchslosigkeit bewahren. Man kann sie in die hintersten Winkel überfüllter Küchenregale verstauen, aus denen ich sie zum Ende der letzten Grippe hin zu Tage gefördert und aufgegessen habe.

«Ich weiss, dass du findest, Literatur müsse/sollte keinen ökonomischen Wert haben, dass das Schreiben eben nicht wie Brotbacken sei. Du weißt aber auch, dass ich das für bourgeoisen Scheiss halte. Ich kann es mir eben nicht wie du leisten, für das Schreiben nichts zu wollen», hat mir Dominik Holzer in der TV-Show «klasse literatur» an den Kopf geworden.

Vielleicht bin ich bürgerlich, weil ich die bürgerliche Last des Literarischen überbetone. Zu sagen, Literatur sei unerheblich, ist vielleicht schon zu viel Eingeständnis an die Bourgeoisie. Und vielleicht ist es auch gar keine Last, denn tatsächlich haben einige Formen der Literatur, etwa die Lyrik, immer wieder behauptet, gerade dank der Unerheblichkeit dem Bürgerlichen entfliehen zu können.

«Na, es ist ja ein Gedicht, nein, ein Zyklus sogar. Was soll das? Sicherlich dringt der Vorwurf der Unerheblichkeit nun durch all seine wohl überlegten Lücken, in den Zeilenleerstand, er weht durch den Nebelraum, sobald die manische Sorgfalt für einen Moment wagt, ihren sanften Griff zu lockern. Aber was wollen Sie? Der Dichter erholt die Menschen, unterhält sie sogar. Seine Bemühungen um das Gedicht bieten den Menschen im Zugriff der Symbolischen Ordnung Erfrischung. Der Dichter erfrischt die Begriffe! Durch diesen historischen Halm hat er all das konzentriert eingesogen und es uns sprühend überliefert. Ist das gut?» [i]

Es ist diese Art von wahnsinnigmachender Unnötigkeit jedes Worts, das «den Dichter» zum «Idioten» macht, wie Monika Rinck in Risiko und Idiotie so rasend beschreibt – und wie es von Fabian Schwitter wieder lanciert wurde, um die Lyrik zu verfechten:

«Die Rettung des Redens im Versuch, selber (ich) selbstlos (ohne Interesse) zu reden – so sind Gedichte: idiotisch. Idiotisch sind sie angesichts der Möglichkeiten einer Gattung und der Erbärmlichkeit ihrer Exemplare. […] Lyrik ist nur ein einziges Wort. Nichts ist nötig, weil alles schon gesagt ist. Erst wenn das so ist, lässt es sich reden…»

Diese Positionierung der Lyrik als Idiotie ist ein Umgang mit ihrer Unerheblichkeit, sie wird zur Hoffnung geformt, dem Bürgerlichen zu entgleiten. Lyrik ist irgendwie ätzend, anachronistisch, idiotisch (was das Wort alles bedeuten wird, wenn man seiner Etymologie nachforscht, muss man gar nicht wissen, um es zu befürchten – hintersinnig sind die Lyriker_innen allemal, aber darin auch vorhersehbar); sie ist das unerhebliche Genre, im Vergleich zu Prosa, zum Roman, der sich verkauft, weil er eskapistisch ist oder unterhält. Eine schöne Underdog-Erzählung.

Und gut, ok, die Unerheblichkeit ist eine ‹Stärke› der Lyrik und in etwas kompromissbereiterer Form der Prosa – unter der Voraussetzung für Schwitter, dass sie zum ewigen Geplapper werden will –, und etwa sowas ist ja auch mein Punkt. Meine Überzeugung ist aber, dass die Unerheblichkeit nicht irgendwie den Kontrollmechanismen der bürgerlichen Gesellschaft entglitten wäre oder dass sie in der Peripherie der Macht auswuchert: Die Unerheblichkeit wurde zuerst institutionalisiert durch die bürgerliche Gesellschaft, und deshalb muss man sie mit Skepsis behandeln. Vielleicht kann die Literatur dennoch aus ihr ausbrechen, aber nicht nur indem sie unerheblich ist, sondern im Wissen, dass sie – wie die Mode («Deshalb haben skandinavische Möbel und Kleider ja so Konjunktur hier») – eine eigene Macht besitzt.

Es dürfte klar geworden sein, dass ich nie gesagt habe, Literatur hätte «keinen ökonomischen Wert» – im Gegenteil, ich bin ja gerade überzeugt, dass dieser systematisch unterschätzt wird und dass er von all jenen Autor_innen unterschätzt wird, die sich für Brotbäcker_innen halten –, aber ich glaube, Dominik Holzer war das auch längst klar. Zurecht kitzelt er immer wieder den Punkt, dass die Unerheblichkeit der Literatur jeder und jedem etwas anderes bedeutet, dass man seine ‹Herkunft› verstehen muss, was auch für ihn heisst: die Herkunft der Sprache, die Abkunft der Literatur von der bürgerlichen Gesellschaft (oder vom «Patriarchat», wie er es vielleicht richtiger nennt), aber eben auch und vor allem als seine eigene Herkunft verstehen muss, mit all ihren materiellen Implikationen – die über die vordergründig ökonomischen hinausgehen. Und dass man sich nicht allein auf die strukturelle Unerheblichkeit der Literatur verlassen kann:

«Ein Text muss Fäuste haben, muss fisten, das muss so eine Entunterwerfung sein: In jeder von diesen Fäusten muss ein TROTZDEM stehen. So ist das Leben und TROTZDEM mache ich das hier.»

 

«PHILIP CAN THINK BREAD! BREAD HELP PHILIP THINK! PHILIP NEED BREAD LOAF!» (David Ives – Philip Glass Buys a Loaf of Bread)


 

Später fahren wir mit einem Uber an die Küste. Der ganze Strand ist leer mit Ausnahme mehrerer im Abstand von zwanzig Metern in den Sand gepfählter Schilder, auf denen vor Haien gewarnt wird.

Wir spazieren durch den Sand, Ava atmet ihr stimmvolles Atmen, und plötzlich sehe ich weiter vorne im Dunkeln eine Yoga-Gruppe.

«Sieh mal.»

Ava und ich schleichen uns an und verstecken uns hinter einer nahen Düne. Am Strand sitzen etwa acht Schüler_innen um einen Yogalehrer herum und machen Übungen. Im bedeckten Mondlicht sind nur ungefähre Formen zu erahnen, die Menschen kaum mehr ähnlich sehen. Aus verdrehten Rümpfen ragen Glieder, die sich eigenartig langsam winden, ein gequälter Organismus im Sand.

«Strandyoga, wenn man nichts sieht? Touris machen wirklich jeden Scheiss.»

«Wir könnten sie überfallen», schlage ich vor.

«Was?»

«Ja, ich meine, wir könnten ihnen sagen, dass wir bewaffnet sind.»

Ava lacht. «Aber die würden es doch nicht glauben.»

«Ja, wahrscheinlich nicht.»

Also gehen wir schweigend weiter. Ich versuche mich auf das Einsinken des Sandes zu konzentrieren, die Spiegelung der Wasseroberfläche, aber immer wieder gleiten meine Gedanken weg und formieren sich vor dem Computer in meinem Zimmer.

Nach einer halben Stunde hält Ava sich die Nase zu. «Was stinkt hier so?»

«Siehst du das?»

Ich zeige auf den Kraken.

Erst sieht sie ihn nicht. Sie atmet melodisch aus. Dann saugt sie scharf Luft ein und hält mich fest.

«Komm.» Ich ziehe sie zum Wasser und wir waten einige Zentimeter hinein. Fliegen schwirren in der Luft, und als ich näher komme, sehe ich, dass er sich verfärbt hat. Das Braun ist einem grünen Glitzern gewichen; und die Haut scheint durchsichtiger geworden zu sein, als könnte man ins Innere sehen.

«Abgefahren», sagt Ava. «Der ist riesig.»

«Es ist ein Koloss-Kalmar, extrem selten. Und ich soll ihn loswerden.»

«Und wie?»

«Ich glaube, ich werde ihn sprengen.»

Da beginnt sie zu lachen und ich lache mit und wir halten uns fest, um nicht ins Wasser zu fallen. Wir erschrecken, als der Krake ein Geräusch von sich gibt – Gas ist aus seinem Inneren entwichen und verteilt sich in die Weite der Nacht.

 

«Und an schlechten Tagen? – Dann würde ich gerne alles hinschmeissen und Bäckerin werden.» (Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach im Interview, in: Republik, 31.12.2019)


 

Ich reisse mich von meiner Recherche los und ziehe mir eine dicke Jacke an (Leihgabe von J. H., danke dafür!). Draussen scheint die Sonne so grell, dass ich für einen Moment vergesse, wofür ich die Wohnung verlassen habe. Dann knurrt mein Magen zur Antwort und ich biege in eine der Quartierstrassen ab, in der die Menschen ihre gebrauchten Bücher auf die Strasse stellen und verschenken, weil sie in den skandinavischen Sideboards nicht mehr Platz finden.

«Anfechtung», ich weiss genau, wo ich den Begriff in seiner erotischen Verwendung zum ersten Mal gesehen habe: In Fontanes Effie Briest, auf einem grossen Wohnzimmertisch. Es war am gleichen Tag, an dem ich gemerkt habe, dass ich das Wort «wallen» zu wenig benutze, und ich fühlte mich wehrlos in einer Unentschiedenheit, ob die blosse Fähigkeit zum Vokabular eine ist, die man an Autor_innen schätzen darf. Was für eine wilhelminisch/viktorianische Sexualität muss man haben, in welchen 19. Jahrhundert-Studentenverbindungen muss man sich geschlagen haben, um sich eine «Versuchung» – schon dieser Begriff hat etwas von Rape Culture – als «Anfechtung» vorzustellen?

Vor drei, vier Monaten habe ich in einem informellen Interview behauptet, dass sich das Bewusstsein für das Schreiben historisch verändert; und dass das spürbar ist. Zum Beispiel sei es mir bis jetzt schwer gefallen, in literarischen Texten auf das generische Maskulinum zu verzichten, auch wenn es mir in essayistischen Texten besser gelinge. Die Gen Z-Interviewerin sagte nur: «Warum denn?»

Und natürlich bin ich ins Schwimmen gekommen – ins «Schwimmen», weichbirnig-metaphorisch natürlich, «ich schwimmte, schwamm und schwomm / endlich bin ich angekomm’n» – aber ich weiss es wirklich nicht und möchte es wissen: Wie genau gendert man in einem literarischen Text? «Ich laufe durch die Strasse und höre die Bäcker und Bäckerinnen hinter der Scheibe fluchen»? Oder die Bäcker*innen oder die Bäcker_innen – tut das jemandem weh? Den Lesern? Oder den Leserinnen? Und wer soll das sein? Dem Text? Tut es jemandem weh, wenn man es nicht tut? Inklusiver ist Bäck*, aber wer wäre auf die grammatischen Implikationen vorbereitet? Oder gleich im generischen Femininum: Bäckerinnen? Das klingt nach Frauenverschwörung in der Backstube. Und vielleicht sollte man auch nur darüber schreiben.

Man kann diese Diskussion führen, als gäbe es eine richtige und eine falsche Lösung. Interessant finde ich das nur halb; aber das Nervigste ist, wenn wieder jemand glaubt, die Sprache wäre so schwächlich, dass man nicht an ihr rütteln dürfte. Denn Sprache ist nicht schwächlich, sie ist so ziemlich das Gegenteil davon, sie ist faschistisch, indem jedes Lispeln, jeder falsche Zungenschlag oder leicht in den Sonanten verschobene Vokal gesellschaftlich geahndet wird – und wer immer so tut, als wäre es schlimm, dass Sternchen, Symbole oder auch mal Schreibfehler in ihr auftauchen, scheint sich ihrem Regime schon unterworfen zu haben. (Ein Grammar Nazi ist keine Metapher – nur eine vermeintlich witzige Bezeichnung für einen faschistischen Reflex.) Auch Sprache ist Tradition, Tradition ist menschenfeindlich, und ihr muss man sich entgegenstellen, man muss Fäuste haben, muss FISTEN, es muss eine Entunterwerfung sein gegen das Patriarchat, habe ich je etwas anderes behauptet? Womöglich, aber das ist nicht der Ort dafür.

Nun hat man aber behauptet, man wolle sich entscheiden, wenn man schreibt (sonst könnte man sich jeden Text sparen) und solche Entscheidungen sind nicht nur ästhetische, sondern tragen den «Doppelcharakter», auch noch literaturökonomische Positionierung des oder der Schreibenden zu sein, aus der sich Kapital schlagen lässt oder nicht:

«[…] aufgrund des Spiels der Homologien zwischen dem Feld der Literatur und dem Feld der Macht oder dem sozialen Feld insgesamt sind die meisten literarischen Strategien nämlich überdeterminiert, und zahlreiche «Entscheidungen» tragen Doppelcharakter, sind zugleich ästhetischer und politischer, interner und externer Natur.» [ii]

Darum kann man diese Diskussion auf die Frage hin führen, wer von welchen Formen wie profitiert. Und verstehen, dass es sich um einen Kampf handelt, allerdings um einen Kampf, der sich nach bestimmten ökonomischen Regeln richtet. Als Autor könnte ich darauf spekulieren, dass sich der Wert der Variante Bäcker*innen kapitalisieren wird. Dass ich in Zukunft auf der richtigen Seite der Sprachgeschichte stehen werde, und die Sprache der Zukunft in den Sternen steht (bevor man behauptet, dass es eine richtige Seite nicht gibt, will ich sagen: Unsinn. Natürlich gibt es Sprache, die ‹ihrer Zeit› voraus ist, indem sie aktueller scheint als anderes zur gleichen Zeit. Ein Beispiel von vielen: Freud).

Ich könnte das Risiko vielleicht auch vermeiden und mich stattdessen in der patriarchalen Tradition der Literatur weiterverorten, den sicheren Weg fahren, indem ich schreibe «die Bäcker»; einfach, um nicht so ganz so festgelegt zu sein und im Notfall mit den 60er Jahren verwechselt werden zu können (so habe ich es viel zu oft getan). Oder ganz bewusst nur von «Bäckern» schreiben, weil ich darauf hoffe, dass sich die ‹Hüter der Sprache› durchsetzen werden (und immer dieser übergriffige Antanztrick: «Die Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir sie» – wer kann sich schon dem Reiz der Tradition entziehen? Wer ihrer Anfechtung?) und ich bis dahin die Aufmerksamkeit und Marktanteile jener raunenden anti-aufklärerischen Männer auf mir vereinen kann, die noch auf der Backlist (und leider Frontlist) von Suhrkamp herumgeistern.

Den ganzen Winter hat es noch nicht geschneit, aber das Wetter ist wirklich unanständig schön. Neben den Mietrechtsratgebern und Esoterik-Büchern finde ich keinen dieser Namen in der Auslage, die mit «GRATIS» beschriftet ist, aber ich befürchte, dass sie als Erstes weggegangen sind – wie warme Semmeln, sagt man doch immer noch so?

 

«ahd. pachan, mhd. Bachen  (machen, sachen), nnl. bakken, ags. bacan, engl. bake, altn. baka, schw. baka, dän. bage. bei älteren süddeutschen schriftstellern immer bachen, und noch heute so in Schwaben, Baiern, Östreich, erst Luther setzte backen durch, das so unhochdeutsch scheint, als macken, sacken für machen, sachen wäre; doch erscheint ausnahmsweise schon ahd. packan, bacchan (Graff 3, 24) und peccho, mhd. becke pistor. die organische flexion ist stark, ahd. puoch, mhd. buoch und buoc, nhd. buch und buk und überall mit dem part. gipachan, gebachen, gebacken; mnl. boek, nnl. bakte, altn. bakaði, schw. bakade, dän. bagede.» (DWb. 1,1065)


 

Als wir wieder zum Strand zurückspazieren, ist Ava bei mir untergehakt und ich erzähle ihr davon, wie die Koloss-Kalmare in den finstersten Winkeln des Ozeans Jagd auf kleinere Tintenfische machen.

In unserem vom Mond aufgelichteten Dunkel bemerken wir eine Gestalt, die uns zwischen den Dünen beobachtet. Als wir näher kommen, grinst der Yogalehrer heimtückisch. Er sitzt im Schneidersitz da, in einem weiten Shirt und Leinenhosen, die Yogamatte an den Rücken geschnallt. Seine Schüler_innen sind nach Hause gegangen.

«He!», ruft Ava. «Was ist dein Problem? Was gibt es da zu grinsen?»

Der Yogalehrer zuckt nur mit den Schultern.

«Was hast du gesehen?», frage ich, um die Situation zu beruhigen, aber ich klinge einigermassen panisch. Darauf lächelt er nur.

«Der wird das bestimmt ausplaudern, schau ihn dir an», sagt Ava. «Der rennt zum nächsten Marine-Institut oder zum Tierschutzverein.»

Die Vorstellung belustigt mich. Aber ich bleibe ernst und sage zu ihm: «Wie heisst du?»

«Tony.»

«Hör mal, du hättest das nicht sehen sollen: Morgen werde ich ihn abtransportieren. Ich brauche das Geld für diesen Auftrag wirklich dringend.»

Aber während ich das sage, holt Ava eine Pistole aus ihrer Jackentasche und hält sie gegen die Stirn des Yogalehrers.

«Spinnst du?» Woher hat sie plötzlich die Waffe? Aber auch das Gesicht des Yogalehrers entsetzt mich. Es strahlt noch immer eine finstere Ausgeglichenheit aus.

«Was machen wir jetzt? Ihm drohen?», frage ich ironisch.

Ava befiehlt ihm aufzustehen und mitzukommen. Meine Wohnung liegt nicht so weit weg. Wir müssen vier Blocks zurücklegen, aber so, indem wir die Pistole in seinen Rücken stossen, macht es uns nichts aus, zu Fuss zu gehen. Das Adrenalin rauscht durch unsere Glieder und macht uns wach. Die Strassenlaternen sind nicht sehr stark und wir fallen niemandem auf; wir sind nur zwei Frauen und ein Mann in weiten Leinenhosen, die vom Ausgehviertel zurückkehren und den Gestank einer Meeresbestie absondern.

Wir bringen ihn zu meiner Wohnung und versuchen ihn irgendwo anzubinden. Erst versuchen wir es in der Küche, aber der einzige Ort, an dem er sich gut festbinden lässt, ist die Kühlschranktür und ich will nicht, dass er sie öffnet und das Essen schlecht wird. Darum zwingen wir ihn in den Bürostuhl in meinem Schlafzimmer, an dem wir ihn auch hinter dem Rücken fesseln können. Müde setzen wir uns auf die Bettkante und sehen ihm ins Gesicht, sein Ausdruck ist immer noch stoisch-milde.

«Was machen wir jetzt?»

«Ganz einfach, du behältst ihn bis morgen hier. Alles ganz harmlos, und wenn der Tintenfisch weg ist, kann er nach Hause gehen… Scheisse», sagt Ava und schnuppert an ihren Handflächen, «ich muss zuerst duschen.»

Sie lässt mich mit der Geisel allein. «Sorry», sage ich. «Ich hoffe, du verstehst.»

Nach einer Weile nickt der Yogalehrer langsam. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, was ihn am Strand so heimtückisch erschienen liess, denn jetzt wirkt er harmlos und dumm.

Selbst jetzt, in der Aufregung, werde ich zum Schreibtisch in der Küche gezogen. Es ist, als würde das Adrenalin nur meine Lust zu schreiben anfachen, und ich gebe nach. Von rechts höre ich Ava unter der Dusche und links den Yogalehrer vor sich hinsummen. Ich lege etwas Musik auf. Ich schenke mir noch ein Glas Weisswein ein und öffne den Laptop, während es aus den Boxen dröhnt: «You wanna know how I get away with everything? / I work / All the fucking time  / From Monday to Friday, Friday to Sunday.»

Inzwischen, soviel war mir klar, müsste er umgezogen sein. Nicht weit weg, wohl immer noch so, dass der Albisriederplatz in Spaziernähe wäre, vielleicht noch ein wenig näher an jenen Hipsterzonen von Wiedikon und Kreis 4, an denen das kulturelle Kapital pulsiert, aber keine fünf Gehminuten vom Bullingerhof entfernt, über den ich ihn damals hatte stolpern lassen. Jetzt in einer kleinen Wohnung vermutlich, ohne Balkon oder grossen Pomp, aber an gut vernetzter Lage, etwas worüber sich etwas sagen liesse wie «zwischen Idaplatz und Fritschiwiese» oder «zwischen Goldbrunnenplatz und Schmiede» oder «zwischen Lochergut und Brupbacherplatz» – zu teuer für den Doktorandenlohn, aber vorübergehend in Ordnung, und Ausdruck einer Bemühung, kulturelles Kapital zu markieren, für das er sich nie zu schade wäre.

GoogleMaps wird von einer E-Mail-Benachrichtigung überdeckt. Die delirium-Redaktion schreibt, sie freue sich auf meinen Text. Sie habe schon befürchtet, dass ich keine Lust mehr auf den Zirkus hätte, sie sei aber darauf angewiesen, dass ich mich für sie engagiere – vor allem, da ich es ja ohne Bezahlung tue. Aber was weiss sie schon vom Gefühl hier zu sitzen, mit meernassen Füssen und Adrenalin in jeder Pore, einer Geisel im Nebenraum und einer Geliebten im Badezimmer, die mit einer Pistole an ein Date geht?

Wer weiss schon, wie schön echtes Schreiben ist!

 

«C. Wright Mills originally organized the inquiry that showed how national brands such as Tip Top and Wonder had replaced the small bakeries that used to be in every town. The large industrial outfits initially offered bread at prices that greatly undercut local bakeries. […] The fate of the small American baker has stayed in my mind as I have watched the progressive disappearance of independent bookstores from America’s main streets.» (André Schiffrin – The Business of Books)

Mein Anliegen war, dass sich die Schreibenden ihres Werts bewusst sind. Allerdings nicht jenes Werts, der sich direkt in den oft so unschuldig wirkenden, verwinkelten Literaturmarkt übersetzt, nicht jenes Werts, der einen etwas ‹verdienen› lässt. Der Literaturmarkt ernährt sich von den Vorstellungen, die Schreibende von sich und der Literatur haben, und das sehr direkt und pekuniär. Man kann es mit dem Problem der «Druckkostenzuschussverlage» veranschaulichen: Diese sind verpönt und gelten als unsauberes Geschäft, weil sie von den Autor_innen Geld für den Druck verlangen. Das Risiko trägt dabei nicht der Verlag, und folglich hat er keinen Anlass, sich um Lektorat, Marketing, Vertrieb und Qualitätskontrollen zu kümmern.

Dass diese dubiosen Verlage in den letzten Jahren gewachsen sind, liegt nur zum Teil an mangelnder Information und schmierigen Geschäftsleuten. Hauptgrund bleiben die Wünsche und Träume von Schreibenden, einmal einen Roman geschrieben zu haben – das heisst: veröffentlichen zu können, denn ein Worddokument ‹geschrieben zu haben› oder sogar als Audruck in der Schublade zu horten, reicht für die bürgerliche Kategorie ebensowenig wie einen Roman im Kopf aufzubewahren; schreiben heisst – neben den Dingen, die ich bereits erwähnt habe – auch publizieren, Roman bedeutet Buch – «Luther setzt neben backen noch buch». Diesen kulturell programmierten Wunsch übersetzen die Druckkostenzuschussverlage in einen ökonomischen Bedarf, und vielleicht nicht einmal unlauter. Vielleicht sind sie nur gute Übersetzer_innen.

Anna Lowenhaupt Tsing nennt in ihrem Buch Der Pilz am Ende der Welt den Bereich, wo kulturell vorgeprägte und ausserhalb von kapitalistischen Kontexten entstandene Wertsysteme in kapitalistische Verwertungsketten übersetzt werden, «perikapitalistisch». Auch Literatur kann man als einen perikapitalistischen Ort verstehen, wenn das Selbstbild der Schreibenden – als Bäcker in der Bäckerei – erst die Voraussetzung schafft, sie so auszubeuten wie die Angestellten von allerorts wegrationalisierten Bäckereien.

Die Träume und Wünsche, die dem Schreiben entgegengebracht werden (die Idee vom Genie; die Idee von der brotlosen Kunst oder der unpolitischen; die Idee von der geschliffenen oder verdichteten Sprache; der Kompetenzausweis, ein Buch geschrieben zu haben; aber auch, dass es sich bei einem Buch um eine Einzelleistung handelt), können mit einer Übersetzung kapitalistisch verwertet werden. Die Einzelleistung etwa wird in einer Name Economy zugeschnitten, die die Buchbranche fetischisiert. Die Erklärung, dass es sich dabei um eine ‹realistische› Leistung handeln solle, die eine emotionale Verbindung zwischen arbeitender Autorin und empathischer Leserin schafft, taugt mindestens für die jüngere Geschichte nicht mehr:

«[I]t was believed until recently that there was not a market for more than one book per year by name-economy authors. Even at the end of the 1990s, some highly productive authors would have their manuscripts backlogged or would use pen names to release multiple titles in the same year.» [iii]

Seit im Jahr 2004 James Patterson schliesslich die 4-Buch-Grenze durchbrach, wächst die Produktion ungehindert an, mit 14 ‹eigenen› Bücher im Jahr 2014. [iv]

Als ich am Idaplatz vorbeikomme – dem Aushängeschild für Zürcher Lebensqualität –, denke ich darüber nach, wen ich hier im Quartier eigentlich noch kenne, und merke, dass es sich nur um junge Ärzt_innen handelt, die kurz nach dem Studium in ihre brutalen Assistenzstellen gepfercht werden, und Jurist_innen vor oder nach dem Examen. Man kann sich natürlich nichts vorstellen – nicht einmal die Hundebäckerei –, was die Gentrifizierung besser beweisen würde, aber richtig einsehen will ich es nicht, weil ich mit diesen Menschen studiert habe, wir waren so lange gleichauf, ich verstehe mich gut, und die Gentrifizierung, dachte ich, käme von anderen, von oben herab; natürlich rinnt sie durch unsere Adern, sie drückt aus der eigenen Haut ans Tageslicht. Vielleicht ist das der Wunsch nach mehr, als einem zusteht. (Erst später fallen mir die drei Autor_innen ein, die auch hier wohnen. Einer davon praktizierender Jurist.)

Ich musste und muss an vielen Freund_innen beobachten, die weder Jurist_innen noch Ärzt_innen sind, wie sie nach dem Studium in die Schule der Arbeitslosigkeit gezwungen werden. Hochgebildet, arbeitswillig und flexibel stellen sie ideale Arbeitskräfte dar, denen – wenn es auch vielleicht in Zukunft keine Form der ‹Karriere› mehr geben wird – erfolgreiche Jobs bevorstehen. Davor werden sie aber erst einige Monate der Demütigung ausgesetzt: Zuerst nehmen sie das «Stempeln» [v] und die Offenheit der Situation humorvoll hin und entfesseln nicht selten wunderschöne Energien – aber nach einigen Monaten, in denen sie im Smalltalk antworten müssen, dass sie noch nichts gefunden hätten, und ständig Absagen erhalten (oder: Zusagen für kaum bezahlte Praktika, oder: gar keine Antwort bekommen, oder: im Bewerbungsgespräch gedemütigt werden, jede_r hat eine Geschichte), bricht auch der grösste Optimismus zusammen und macht dem Selbstzweifel Platz. Einem Selbstzweifel, der gut verwertbar ist für das Kapital und einige Arbeitgeber_innen und nicht nur die Verhandlungsmacht schwächt, sondern die Person nachhaltig erschüttert und verunsichert: Impostor-Syndrom, Selbstverachtung. [vi]

Autor_innen sind – wie auch akademische Forscher_innen – Expert_innen des Selbstzweifels. Dafür brauchen sie keine Schule der Arbeitslosigkeit zu durchlaufen, weil die Ideale der Forschung und der Literatur schon automatisch für das Impostor-Syndrom sorgen; das Gefühl, beim nächsten Text würde das Telefon klingeln und jemand deckt auf, dass man nichts weiss oder gar nicht schreiben kann.

Auch dies ist ein Verwertungskapitalismus, wie ihn Lowenhaupt Tsing am Matsutake-Handel veranschaulicht: Die Ausnutzung des systematischen Selbstzweifels, der an den bürgerlichen Idealen des «modest witness» – wie Donna Haraway das maskulinistische Bild eines zurückgezogenen und apolitischen Gentleman-Forschers nennt – oder des perfektionistischen Literaturgenies geschult ist, wird direkt in kapitalistischer Wertschöpfung verwertet (sie nennt das «Verwertungskette»).

 

«Brot: Zum Glück weiss man nicht, wie viel Dreck man mitisst.» (Gustave Flaubert – Wörterbuch der Gemeinplätze)


 

Am nächsten Morgen dann die Magenverstimmung. Ich bin über der WC-Schüssel aufgewacht und habe in das braun-besprenkelte Wasser gestarrt, in dem Stücke von Springbock tanzten, als würde sie das Wasser wieder zum Leben erwecken. Und während ich auch meinen Bauch tanzen spürte, sah ich in die Beugung des Abflussrohres, in dem das Wasser verschwand, und dachte daran, wieviel Wasser verbunden war, die Ozeane, die Seen, Moore und Flüsse, die ganze Zeit.

Ich habe mich ins Bett zurückgeschleppt und noch versucht, in einem Aufsatz zu Körpergasen der Meerestiere zu blättern, den ich im Journal of Maritime Animals gefunden habe. Jetzt liege ich da und betrachte den Zwieback, der mich anglänzt, eine alte Erfindung für lange Reisen auf hoher See. Ich stelle mir vor, wie ich auf einem Piratenschiff sitze, dessen Wellengang meinen Schwindel erklärt, und ich spüre nicht einmal eine höfliche Nervosität in mir, ob ich meinen Auftrag heute noch schaffen werde.

Das Einzige, was mir wirklich Bauchschmerzen macht und an das ich denke, während ich mich übergebe, ist der Essay. Irgendetwas an dem ganzen Versuch ist so wahnsinnig bemüht – erst dieses jahrhundertealte Klagelied des urbanen Hipstertums, das sich darüber beklagt, wie die Mieten teurer werden und die Geschäfte nicht ihrem auserwählten Geschmack entsprechen, und das mehr über die Kläger_innen aussagt als über die Stadt. Ausserdem gäbe es noch so viele ‹Feedbacks›, die ich einbauen muss, obwohl es schon jetzt zu lang ist. Denn das ist das Wichtigste: so zu tun, als hätte man ein Publikum. Immer von ihnen sprechen, mit Namen oder Kürzeln, und von «günstigen» oder «teuren» Leserinnen.

Glücklich war ich nur mit der Gender-Irritation; ein ultraspezifisches Problem, das sich nur einem mit sich selbst beschäftigten weissen Mann stellen kann, der sich als politisch progressiv versteht. Als ginge es nicht von Anfang an darum, über welche Menschen man schreiben will, als würden Gendersterne und -striche wirklich etwas anderes markieren als die eigene Wokeness, die sich in Währung im urbanen Markt übersetzt. Aber die Verwirrung wäre Grund genug, dass die Fortsetzung so lange gedauert hat. Das brauche ich nur noch mit einer Prise altväterlichen Erklärtons zu marinieren: Passagen, in denen er irgendwo angelesene wissenschaftliche Erkenntnisse ausbreitet. Ich weiss nicht, wieso die Leute darauf stehen, aber sie werden es am Ende doch wieder lesen.

Als ich mich vom Badezimmerboden erhebe, höre ich ein Rufen aus dem Schlafzimmer. Der Yogalehrer bittet mich um Essen. Ich bringe ihm zwei Bananen aus der Küche, schäle sie und halte sie ihm hin. Er nimmt haihafte Bissen, immer noch stoisch, wenn ihm auch die Frische fehlt. Er hat die ganze Nacht auf dem Bürostuhl verbracht und sieht aus, als hätte er kein Auge zugetan.

Ich esse den restlichen Zwieback auf und kehre ins Badezimmer zurück, unter der Dusche gehe ich in die Knie und muss mich noch einmal übergeben. Nach einer Stunde schleppe ich mich schwitzend ins Bett zurück, eine leere Salatschüssel umschlingend.

«Alles in Ordnung?», fragt Tony.

«Eh», sage ich, und strecke mich, um mit einem Fussstoss den Bürostuhl in Drehung zu versetzen. Der Yogalehrer ist nun mit dem Rücken zu mir gezirkelt und muss aus dem offenen Fenster sehen.

«Ist der Essay schon fertig?»

«Was?», frage ich würgend.

«Ich habe deine Notizen gesehen. Das sieht doch nach einem Essay aus.»

«Was? Ja.»

Jetzt fällt es mir ein. Er meint die Zettel und Wandinschriften. Ich weiss nicht, wie er das im Mondlicht geschafft hat, aber er scheint sie in der Schlaflosigkeit gelesen zu haben. Dafür schäme ich mich nicht, manche davon sind richtig gut, aber ich weiss nicht, was ich mit ihnen anfangen kann, denn ich muss die Geschichte zur Idee ja noch schreiben. Ich muss ja alles noch verwerten.

«Meinst du wirklich, dass du dich als jemand anderes ausgeben musst?» Seine Stimme klingt bedauernd.

«Ja… Nein, muss ich nicht. Ich will es. Kannst du etwa Deutsch?»

Er zuckt mit den Schultern.

«Ein wenig. Glaubst du, man würde dich hier etwa nicht lesen? Oder weil du eine Frau bist? Oder weil du keinen Job hast und nicht hauptberuflich Schriftstellerin bist? Hier gibt es auch Literaturmagazine. Hast du es schon im Prufrock versucht?»

Ich winsle auf, weil mir schlecht ist, aber auch wegen den dummen Fragen. «Darum geht es doch überhaupt nicht», sage ich. «Aber mir passiert zu viel. Ich wollte mir jemand ausdenken, der total langweilig ist, und wie jemand schreiben, der nur für seine eigene Meinung existiert. Menschen wollen das lesen, keine Geschichten oder Handlung. Sie wollen Lokalkolorit und die Vorstellung von Realismus. Aber vor allem kann ich so endlich mal abschalten, wenn ich von einem Job nach Hause komme.»

Ich kann den Gesichtsausdruck nicht sehen, aber sein Kopf hat sich im Gegenlicht wieder leicht bewegt. Er sieht die Post-Its und Zettel und traut sich nicht zu fragen, ob Abschalten so aussehe.

Ich bin erschöpft und schlafe einige Minuten. Gegen Mittag werde ich doch nervös. Ich zittere wegen dem Wasserverlust; meine Kehle zieht sich manchmal noch zusammen, aber Magenflüssigkeit kommt kaum mehr hoch. Trotzdem liegt mein Kopf zur Sicherheit halb in der Schüssel. Dort draussen irgendwo brütet der Krake an der Sonne. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass am Nachmittag einige die Warnschilder am Strand ignorieren und unterwegs den Kadaver erblicken, und vielleicht würde jemand die Behörden informieren, die Tiefseeforschung auf den Plan rufen und die Schaulustigen hinter sich herschleppen.

Ich habe keine Chance, heute zu sprengen. Ich kann so noch nicht einmal Auto fahren. Ich setze mich auf und nehme das Telefon in die Hand. Als Vorschlag taucht Martinas Nummer auf und ich lasse es bei ihr erfolglos klingeln. Dann rufe ich Ava an. Während ich warte, betrachte ich den Yogalehrer auf dem Bürostuhl. Nach einer Weile ohne Antwort hänge ich auf und sehe, dass mir Ava schon morgens Nachrichten geschickt hat. Ein kotzendes Emoji und «heute wird nichts» und, zwei Minuten später: «Ist der Dude noch bei dir? Einfach nicht freilassen, bis wir eine Lösung haben.»

Als der Yogalehrer herumwirbelt, schaut er mich überrascht an. Ich drücke ihm die Autoschlüssel in die gefesselte Hand. «Hast du schon mal etwas in die Luft gesprengt?», frage ich.

Und zum ersten Mal flackert eine Unruhe über sein Gesicht.

 

«Telling an employee to type this letter rather than to file that document is like telling a grocer to sell me this brand of tuna rather than that brand of bread.» (Alchian und Demsetz – Production, Information Costs, and Economic Organization) [vii]


 

«Ist der Dichter noch Experte für die Angegriffenheit der Gegenwart, der Vorreiter in die Fragwürdigkeit, in der peu à peu auch die restlichen Agenten eintreffen werden? Was den Buchmarkt angeht, ist das sicherlich der Fall, wenn sich nun in vielen künstlerischen Gattungen das vollzieht, was in der Dichtung gang und gäbe ist, nämlich, dass man dort kein Auskommen findet.» [viii]

Warum wird das Schreiben denn überhaupt so glorifiziert, wenn es hier eh nichts zu verdienen gibt und nur die Unsicherheit droht? Wer profitiert am Ende davon, wenn die ‹Verhandlungsmacht› von Schreibenden reduziert wird? Es ist ja nicht so, als hätten sie stabile Abnehmer_innen, die sich nach ihren Produkten verzehren und die ein Interesse an ihrem Mangel hätten – im Gegenteil ist die Nachfrage nach literarischen Produkten extrem elastisch.

Vielleicht betrachtet man die bürgerliche Funktion des Schreibens aber falsch, wenn man sich nur auf seine Produkte richtet. Die liberale Ökonomie gründet auf der genialen Utopie, durch das Regime der Preise eine dezentrale Informationsverwaltung zu schaffen, die faire Gleichgewichte unabhängig von totalitärer Überwachung ermöglicht und korrupte Kartelle aufbricht. Elizabeth Anderson hat in Private Government die Frage gestellt, wie diese eigentlich von linken progressiven Kräften angestrebte Utopie in die heutige Situation münden konnte, in der Grosskonzerne wie Diktatoren über die Körper ihrer Mitarbeitenden herrschen können.

«Most workers in the United States are governed by communist dicatorships in their work lives. Usually, those dicatorships have the legal authority to regulate workers’ off-hour lives as well – their political activities, speech, choice of sexual partner, use of recreational drugs, alcohol, smoking, and exercise.» [ix]

Waren die progressiven Kräfte des 18. Jahrhunderts etwa nicht vorausschauend genug, um diese Wirkungen abzusehen? Warum haben sie solche Diktaturen befürwortet?

«The answer is that labor radicals saw access to self-employment as central to avoiding poverty and attaining standing as equals in society. In the late eighteenth and early nineteenth centuries, the most radical workers were not the emerging industrial proletariat, but artisans who operated their own enterprises.» [x]

Denn die Selbständigkeit ist nicht einfach nur eine Arbeitsform unter anderen, sondern sie wirkt als gesamtgesellschaftliches Korrektiv, wenn sie für Angestellte eine Exit-Option darstellt. Die theoretische Möglichkeit, eine eigene Bäckerei zu eröffnen, erhöht die Verhandlungsmacht einer Arbeitnehmerin; es lässt sie die Bedingungen ihrer Anstellung mitbestimmen. Das Beispiel von Adam Smith – «not by the benevolence of the baker» – wird damit doppelbödig, denn die Bäckerin ist «benevolent» durch ihre blosse Existenz. [xi]

Die Idee der Selbständigkeit mag in der Zeit von Adam Smith – dessen Vorbild der Arbeitsteilung in der «pin factory» lag, einer Fabrik mit nur 10 Mitarbeitenden – noch eine ganz andere Bedeutung gehabt haben. Heute ist diese Exit-Option so unvorstellbar [xii], dass der Anteil an Selbständigkeit in «developing countries» unverfroren dazu verwendet wird, ihre Armut zu bemessen. [xiii]

Im Gegensatz zur Bäckerei, die eine Backstube und Ausbildung erfordert, kennt der Schriftsteller_innen-Beruf keine klaren Anforderungen. Natürlich gibt es auch hier ein Handwerk, aber da es nicht von den Preisen irgendwelcher Rohstoffe abhängig ist und diese Tür theoretisch allen offensteht, die je das Schreiben gelernt haben, ist die Schriftstellerei ein Bild für die Freiheit in einer Gesellschaft der Privaten Regierungen, eine trügerische Exit-Illusion, die die Maschine am Laufen hält, die praktischerweise aber keine echte Alternative darstellt, weil sie sich nicht lohnt.

Wieviele Personen in Kaderpositionen entschliessen sich im Laufe ihres Lebens, doch noch ein Buch zu schreiben? Ich habe im letzten Essay das neoliberal verwertbare Genieprogramm der Aufklärung kritisiert – die totale Ausbeutungsbereitschaft von Goethe und Schiller, die dem realen Neoliberalismus vorausgegangen war –, aber die dort entwickelte Eigenleistung war vielleicht kein Exzess und kein Vorzeichen. Sie hatte von Anfang an eine zentrale Funktion für eine Ökonomie, die auf Kosten ihrer Teilhaber_innen immer höheren Mehrwert akkumulierte. Die Schriftstellerei ist das Ventil, das den Druck ausgleicht, unter dem sich alle anderen ausbeuten lassen.

Die nette Idee, mit dem Schreiben Anerkennung zu verdienen, sollte immer mitbedenken, wem sie dabei entzogen wird. Das Schreiben bietet kein vernünftiges Auskommen; es ist selbst ein Hochrisikomarkt [xiv], in dem nur einige wenige an der Spitze schwimmen können («life is even better at the top in the twenty-first century» [xv]). Und was für ein Markt ist das überhaupt, der Menschen wie Donald Trump mit Buchvorschüssen quersubventioniert? [xvi]

Nicht ohne Grund hat mal jemand den «Kampf um Anerkennung» als treibende Kraft der Geschichte betrachtet.

 

«Die eschatologischen Themen vom ‹Ende der Geschichte›, vom ‹Ende des Marxismus›, vom ‹Ende der Philosophie›, vom ‹Ende des Menschen›, vom ‹letzten Menschen› usw. waren in den fünfziger Jahren, vor vierzig Jahren, unser tägliches Brot. […]  Was jene angeht, die sich mit jugendlicher Frische darauf stürzen, so bieten sie das Bild von zu spät Gekommenen; etwa so, als sei es möglich, den letzten Zug noch nach dem letzten Zug zu nehmen – und immer zu spät zu einem Ende der Geschichte zu kommen.» (Jacques Derrida – Marx’ Gespenster)


 

«Du musst schneller fahren», rufe ich von der Rückbank. «Wir sind knapp dran.»

Ich liege auf den beiden hinteren Sitzen verteilt, mit vier Wasserflaschen unter dem Rücken und einem Dynamitpräparat auf dem Schoss. Es ist die schlimmste Fahrt aller Zeiten, und ich bin für meine Bachelorarbeit einmal mit einem Schiff in einen Sturm geraten und vier Wochen auf dem Ozean getrieben. Ich muss die Pistole nicht mehr an den Nacken des Yogalehrers halten. Er fährt auch so in kriminellem Tempo durch die Strasse. Vielleicht hat er sich ein Herz gefasst und Mitleid mit mir, zumindest scheint er sich für mein Schreiben zu interessieren und schreibt vermutlich selbst. Ein primitiver, aber kaum unterdrückbarer Instinkt verleitet manchmal dazu, sich wider besseren Wissens mit anderen Schreibenden verbunden zu fühlen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie sehr wir uns wirklich vertrauen. Vielleicht fürchtet er nur, ich könnte versehentlich das Auto in die Luft jagen, was, wie ich zugeben muss, gar nicht so unwahrscheinlich ist.

Als ich mit der Zunge zwischen den Zähnen den Zeitzünder kalibriere, bremst Tony plötzlich ab. Ich sehe nach draussen. Wir stehen mitten auf einer Kreuzung, aber es ist kein Auto in Sicht. «Spinnst du?» Tony scheint sich umzusehen; sein Blick geht immer wieder in die Seitenspiegel. Nach einer Sekunde legt er den Rückwärtsgang ein und biegt nach links ab. «Wir werden verfolgt.»

«Was?» Als ich mich umdrehe, um durch die Heckscheibe zu sehen, dreht sich auch mein Magen um. Ich öffne gerade noch das Fenster und entlasse das Curry in die Strassenmitte. Zwischen dem Würgen konnte ich kein Auto ausmachen. «Wer verfolgt uns? Die Polizei?»

Tony gibt mir darauf keine Antwort und ich habe ein schlechtes Gefühl. Er hat die Route ohne meine Zustimmung geändert und sich nicht darum gekümmert, dass ich ihn mit einer Waffe bedrohe. Wäre mir nicht so schlecht, würde ich jetzt Angst bekommen, dass er mich entführt. Ich wünsche mir Ava zurück, und Martina, aber die ist nie da für mich und ich frage mich, was ich mit Martina immer gehabt habe. Immerhin bin ich in ihrer Anwesenheit immer sparsam geblieben, fast geizig eigentlich. Über Umwege, die mir selbst nicht bekannt waren, führt uns Tony zu einem bewachten Parkplatz voll glänzender Kühlerhauben.

Beim Aussteigen drücke ich ihm den Sprengkörper in die Hand, und wir gehen gemeinsam zum Strand.

 

 «Die Pünktlichkeit der Schweizer Bahnen und Postautos, die gepflegten öffentlichen Klos, die nicht mal Eintritt kosten, und diese köstlichen Gipfeli, die so viel kosten wie ein ganzes Brot.» (Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen)


 

Ausserhalb der Schmiede Wiedikon sehe ich ein Transparent an einem Balkon mit der Aufschrift: «Nein heisst nein!» Dazu fällt mir der neue Duden-Slogan ein: «Sprache sagt alles.»

«Unter backen (Brot usw.) wird seit der 19. Auflage [des Duden] (1986) in Mannheim und Mannheim/Leipzig für die 2. Person Singular angegeben: ‹du bäckst od. backst; […] du backtest (älter buk[e]st); du backtest (älter bükest)›. Hier wird nicht mit der Markierung ‹veraltend› oder ‹veraltet› gearbeitet, sondern mit dem Hinweis ‹älter›. Im Leipziger Duden finden wir die Form ‹du bukst› ohne zeitliche Kennzeichnung; hier steht: ‹du bukst; auch backtest›.» [xvii]

Während in der DDR 1986 die Form du backtest erst gleichrangig neben du bukst steht, scheint es im ‹modernen› Westen schon zum neuen Standard aufgewertet worden zu sein. In Mannheim urteilt man über die Form des starken Verbs denn auch, sie sei schon «älter».

Die Markierung sogenannter Archaismen durch den Duden ist interessant, denn sie zeigt nicht nur den Sprachwandel auf, sondern wie er als solcher bewertet wird. Zweifellos sind sowohl bukst als auch backtest im Jahr 1986 verwendet worden: Was heisst es also, dass eine der Formen «älter» ist? Etwa, dass sie in historischen Dokumenten schon länger belegt ist und dass die andere erst ‹neu› dazugekommen ist? Aber eine ‹neue› Form heisst im Regime der Sprache normalerweise nichts anderes als eine ‹falsche›, und alle Formen sind unterschiedlich früh belegt. Sicher sagt seit langer Zeit, Jahr für Jahr, ein Kind den Satz: Ich bin geschwimmt; und dennoch ist die Form geschwommen, wie sie seine Eltern verwenden, noch nicht ‹älter›.

Das ‹Älter›-Werden von Formen hat zum einen mit einer Häufigkeitsverteilung der Form zu tun und mit einem Schwund von Häufigkeit in der Gesamtheit der Formen von backen. Bei backtest und bukst handelt es sich 1986 um Variationen (d. h. Ausdrücke ohne Bedeutungsunterschied) und «Variation ist der Weg, auf dem sich Veränderungen in der Sprache abspielen, denn was sich im Laufe der Zeit in Wirklichkeit ändert, ist die Häufigkeitsverteilung der konkurrierenden Formen.»[xviii] Offenbar wird immer seltener die Form bukst benutzt, aber noch nicht so selten, dass Duden das typische Attribut «veraltet» verwendet hätte.

Zum anderen reicht die «Häufigkeitsverteilung der konkurrierenden Formen» allein nicht ganz: Es gibt Institutionen und Mächte, die mehr darüber zu sagen haben, was richtig, was neu und was alt ist. Darum werden alle Kinder der Welt nicht Du bist geschwimmt zur Standardsprache machen können, es sei denn, sie würden mit der Zeit Erwachsene oder am besten eine Dudenmitarbeiterin finden, die sich auf ihre Seite schlüge. Die tonangebenden Institutionen der Sprache zu identifizieren, ist nicht leicht; insbesondere da sie sich widerständig gegen manche Versuche gezeigt hat, sie zu manipulieren. «Caesar non est supra grammaticos», ein Spruch, den ausgerechnet Kant  – «zum mächtigen Kettenrasseln seiner leserquälerischen Syntax spricht dann etwa Kant einem guten Teil der Menschheit die Mündigkeit ab, woran sie natürlich selber schuld sind» – in Was ist Aufklärung? zitiert. Die heutigen Sprachforscher_innen würden ihm zustimmen, aber auch hinzufügen: Selbst die Grammatiker_innen haben einen verschwindenden Einfluss auf die Sprachgeschichte, die aus fast automatischen, von blossem Auge kaum sichtbaren Bewegungen entsteht und von niemandem aufgehalten werden kann.

Will man nicht einfach behaupten, dass historisch-materiale Bedingungen dazu zwingen, diese Wörter zu erfinden und jene Wörter zu vergessen (wie z. B. diese «Limejuicerin» und jenes «Ausfenstern» – «da fenstern heiszt nachts am fenster der geliebten harren, seufzen, so bedeutet ausfenstern oder wegfenstern ursprünglich den am fenster flehenden liebhaber schnöde abfertigen, ausscheltenDWb. 1, 856), muss man annehmen, die Dynamiken des Sprachwandels gingen auf das Verhalten von Sprachnutzer_innen zurück, die zur Übernahme oder zur Vermeidung von gewissen Wörtern anregten. Seither wird die Sprache meist als eine liberale Ökonomie betrachtet, die in einer ewigen Bewegung – aggregiert durch die Entscheidungen all ihrer Teilnehmer_innen – die effizientesten Allokationen sucht. Für dieses Adam Smith-artige Denkgebäude ist Guy Deutschers Modell ein gutes Beispiel:

«Zu Veränderungen der Sprache kommt es […] durch die Anhäufung unbeabsichtigter Handlungen. Diese Handlungen müssen auf gänzlich eigennützige Motive zurückgehen und nicht auf irgendeinen bewussten Plan, die Sprache umzuwandeln. […] Im Wesentlichen […] lassen sich diese Motive in der Dreiheit Ökonomie, Expressivität und Analogie zusammenfassen.» (74)

Die Motive der Ökonomie und der Analogie sind aus der Linguistik und dem Alltag gut bekannt: Die Ökonomie beschreibt die «Tendenz» (74), Mühe zu sparen, und zeigt sich oft in der abgeschliffenen Aussprache (Nebensilbenabschwächung, aber auch Ellipsen etc). Sie kann auch dazu führen, dass zum Beispiel Postpositionen nur noch zu einer unsichtbaren grammatischen Markierung werden, etwa zum Kasus (wie in der ungarischen Endung –ra, die auf die Postposition –rea [= nach] zurückgehen könnte, und im lateinischen –ibus, das dem proto-indogermanischen *bhi [= «bei»] entstammt, 188f.). Die Analogie bezeichnet die Regelbildung in der Sprache: Kinder sagen Ich habe geschwimmt, weil sie die unregelmässige Verbform schwimmen glätten oder ordnen möchten. Diese Phänomene sind nicht nur im Alltag zu beobachten, sondern auch sprachhistorisch belegt: Durch Analogie «wurde ‹boll› durch die ‹unkorrekte› Form ‹bellte› ersetzt, ‹pflag› durch ‹pflegte›, ‹sielz› durch ‹saltze› und ‹buk› durch ‹backte›.» (75)

Das dritte Motiv jedoch – die Expressivität – hat den grössten schöpferischen Anteil und wird von Guy Deutscher nur lapidar als «Versuche von Sprechern, ihren Äusserungen grössere Wirkung zu verleihen und deren Bedeutung zu erweitern», bezeichnet. «Besonders expressiv sind wir oft beim Neinsagen, denn ein schlichtes ‹nein› erscheint oft zu schwach, um das Ausmass unserer mangelnden Begeisterung zu vermitteln.» Stattdessen greift die Sprecherin zu Formulierungen wie keineswegs, überhaupt nicht oder nicht im geringsten – Verstärkungen, die «häufig das Gegenteil dessen erreichen, was beabsichtigt war, denn die Wiederholung emphatischer Phrasen kann einen inflationären Prozess in Gang setzen, der ihre Gültigkeit entwertet.» (74)

«Nein heisst Nein» – eine Kampagne, die gesellschaftlich geführt werden muss, weil offenbar ein Nein oft nicht ‹reicht›; und natürlich immer dann weniger reicht, je machtloser die Person ist, die es ausspricht. Eine Managerin kann es in vielen Kontexten bei einem einzelnen «Nein» belassen – und schindet womöglich besonders Eindruck, wenn sie es hinflüstert – , während ein Prostituierter sich nicht ganz so leicht Gehör verschaffen kann. Diese Brutalität der Hierarchie entgeht Deutschers Liberalismus natürlich, obwohl sich die Frage aufdrängt, warum man gerade beim Neinsagen «besonders expressiv» ist. Im heutigen keineswegs, ganz und gar nicht, überhaupt nicht und nicht im geringsten liegen tausende in der Menschheitsgeschichte gesagte und geschrieene, gefauchte oder gehöhnte Neins vergraben, und damit tausende Versuche, sich zur Sprache zu ermächtigen. Nein heisst nein, Sprache sagt alles, aber nicht immer für alle.

Der Versuch, einen Teil des Bedeutungskuchens abzubekommen, verführt zum Verstärken und Metaphorisieren. Gleichzeitig facht er so eine Bedeutungsinflation an, indem die Verstärkung plötzlich keine Verstärkung mehr ist, sondern in den Ausdruck verschluckt wird: Der Ausdruck ni-êo-wiht («nicht ein Wesen») zog sich noch im Althochdeutschen zu niowiht zusammen, das einst auch in Kombination zum viel nüchternern ni verwendet werden konnte, um es zu verstärken. Es verkürzte sich durch das ‹ökonomische Motiv› auf niht. «Im 12. Jahrhundert wurde niht in der Konstruktion ne … niht so gängig, dass sich seine emphatische Kraft weitgehend verflüchtigt hatte. […] Das ursprüngliche ne empfand man dann als redundant und liess es ganz fallen, so dass die moderne Konstruktion ‹ich weiss nicht› übrig blieb. ‹Nicht› ist somit ein erstklassiges Beispiel für materialen und sozialen Niedergang.» (117) Dieses Phänomen – Jespersen’s Cycle – findet sich in zahlreichen Sprachen.

Die Verstärkung ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, in einer inflationären Abwertung expressiv zu sein. Das Motiv der Expressivität lässt eine Nutzerin zum Beispiel auch zu Metaphern greifen; Ökonomie und Analogie können diese Metaphern wiederum einbetten und semantisch verknöchern lassen. Der inflationäre Prozess ist in der Lage, metaphorischen Inhalt in Struktur zu verwandeln, zum Beispiel mit going to, das zuerst das Gehen, dann auch grammatikalische Zukunft markiert, mit gonna sogar nur noch zum grammatikalischen Marker wird – also ein metaphorisches Gehen bezeichnet. Die Metapher führt abstrakte Gedanken in die Sprache ein wie z. B. einführen (Wörterbuch der Gemeinplätze: «Einführung: Ein unschickliches Wort»), deren semantischer Gehalt sich von weltlichen Dingen lösen und ganz neue Wertigkeiten in der Welt der Abstracta annehmen kann.

Die Expressivität verführt also zu Benennungsversuchen, zu Beiträgen einer Benennungspolitik. Das schickliche «Einführen» lässt sich sexualisieren; dann wieder theoretisieren; je nach Absicht und Sprachmacht. Bei jeder zusätzlichen Umwertung nimmt der Grenzwert ab, bis sich Inflation einstellt.

Aber wie eine höhere Geldinflation mit einer Senkung der Arbeitslosigkeit verbunden ist, hat auch die sprachliche Inflation nicht nur Nachteile. Gerade der Versuch, Gender exzessiv zu markieren, wird langfristig nicht dazu führen, die Bedeutung von Frauen und Transpersonen aufzuwerten (die wertlos aufgewertete Bezeichnung von weiblichen Personen ist das beste Beispiel der Inflation: Magd/WeibFrauDame…), aber er kann dabei die maskuline Nullmarkierung abwerten und durch eine Ausdifferenzierung an Variation vorführen, dass nicht das Männliche die Bedeutung verbürgt. [xix]

Über dem Transparent «Nein heisst nein!» sehe ich ein Abstimmungsplakat, das gegen den Rosengartentunnel mobilisiert. Ein Ja würde mehr Verkehr bringen und die Wohnungen hier schlechter machen – oder billiger? Ich weiss nicht, ob ich den Unterschied noch verstehe. Ich hoffe nur, es würde mehr Lastwagen bringen.

 

 «Die Inflation des Zeichens ‹Sprache› ist die Inflation des Zeichens selbst, die absolute Inflation, die Inflation selbst.» (Jacques Derrida — Grammatologie)

 

Die Hände des Yogalehrers zittern, während er das Dynamit in die Hand nimmt und mit unsicheren Schritten zum Wasser geht. Ich habe mich in den Schatten einer Palme gesetzt und schaue ihm zu, wie er sich dem Kadaver nähert. Ich hasse dieses Tier und wünsche, dass es verschwindet. Ich möchte zuhause sein.

Der Yogalehrer ist bis zum Rumpf ins Wasser hineingewatet. Mit einem Messer schneidet er tief in die Haut. Er duckt sich weg, als würde eine Druckwelle des Gestanks aus dem Innern stossen. Als er zu mir zurückschaut, hebe ich die Pistole ein wenig in die Sonne, damit sie ihn anglitzert. Er schaltet den Zeitzünder ein und drückt den Sprengkopf in die Öffnung des Kraken. Bei dieser Bewegung scheint der Koloss-Kalmar wie lebendig, er zuckelt kurz. Schnell kommt der Yogalehrer zurück an Land, er stolpert, rappelt sich hoch und setzt sich zu mir in die Nähe.

In einem wunderschönen Seufzen, das ich schon sehr lange nicht mehr gehört habe und in das ich am liebsten hineingefallen wäre, spritzt das Innere des Kraken auf. Vier oder fünf  Meter schiessen die Teile in die Luft und ein blauer Dunst schwebt für den Bruchteil einer Sekunde über dem Wasser. Es platscht wie ein lebensmüder Regen und eine grosse Welle schwappt an den Strand.

«Wir müssen jetzt die Teile einsammeln.»

Der Yogalehrer schaut sich um. «Das schaffen wir nicht.»

«Wie meinst du das? Du musst es machen, mir ist übel.»

«Nein, soviel Zeit haben wir nicht.» Etwas in seinem Gesicht ist definitiv nervös.

«Warum nicht?» Ich höre eine Stimme hinter mir, und Tony beginnt zu rennen. Ich fasse mir an den Bauch und humple hinterher. Als ich über die Düne komme, sehe ich Tony unten beim Eingang zum Parkplatz, einer der Wächter hält ihn auf und befragt ihn skeptisch. Wieder höre ich die Stimme, die mir bekannt vorkommt, und im gleichen Moment, während ich die kleine Holztreppe zur Strasse hinuntersteige, kommen aus den umliegenden Hügeln mehrere Personen in Anzügen auf ihn zu. Sie umstellen ihn. Ich verstecke mich hinter einem Mülleimer am Ende der Treppe und beobachte.

Die Agent_innen richten Waffen auf den Yogalehrer. Er hält die Arme hoch und an seinen Handgelenken sind noch die Abdrücke des Seils erkennbar.

«Na, Tony!» Ich zucke zusammen. Es ist Ava, die sich aus dem Schatten eines Autos löst und sich vor ihn stellt. «Du schuldest uns immer noch was.»

«Hast du solange gebraucht, um deine Agent_innen zusammenzusuchen?», fragt Tony hämisch. «Eine ganze Nacht?»

«Unsere Mittel sind beschränkt.»

«Meine auch.»

«Das ist nicht unser Problem, du schuldest uns noch immer eine Fortsetzung.» Ava tritt auf ihn zu. «Wir haben schon lange bemerkt, dass du uns hintergehst. Jetzt willst du selbständig werden, uns absagen. Aber du hast ein Versprechen abgegeben.»

Tony lächelt mit erhobenen Händen. Der Parkplatzwächter hat sich auch zurückgezogen und vermutlich die Polizei informiert. Sie würde in wenigen Minuten eintreffen und mich vorfinden, mit der Pistole in der Hand und einer Person auf dem Parkplatz, die ich als Geisel gehalten habe. Ich wünsche, dass Tony verschwindet und ich tue das Einzige, was für mich wie eine Lösung erscheint. Als ich mit der erhobenen Pistole hinter dem Mülleimer hervortrete, fahren die Agent_innen herum, aber Ava dreht sich ganz entspannt zu mir. «Hallo», singt sie. Sie hat gewusst, dass sie uns beide hier finden würde.

«Lasst ihn gehen, was auch immer ihr vorhabt!» In meinem Magen braust es.

«Das werden wir, aber bevor er wieder untertauchen kann, müssen wir dafür sorgen, dass er uns den Text nachreicht.» Ava wendet sich an Tony: «Nicht wieder zum Prufrock, hörst du? Diesmal gibst du ihn uns und wir schauen dir über die Schulter, wenn du den letzten Absatz schreibst.»

«Den Text?», frage ich irritiert. Die Agent_innen nicken ernst.

«Den Fortsetzungstext, den er uns seit Ewigkeiten schuldet.»

«Wer seid ihr?»

Doch bevor sie antworten können, macht Tony einige Schritte rückwärts auf die Strasse. «Den werdet ihr nie bekommen», sagt er mit einem ausgeglichenen Lächeln. Ein Quietschen erklingt; und in einer Sandwolke von der Düne herab schiesst ein Gefährt. Für einen Augenblick, in dem sich die Wolke kurz lichtet, kann ich es erkennen: eine fahrerlose Rikscha, die in geisterhaftem Tempo auf Tony zugerast kommt, die Reifen quietschen kurz und ehe ich mich versehe, ist Tony mit ihr davongedonnert. Nur der Staub zeigt an, in welche Richtung er geflohen ist.

«Los, los, los!», ruft Ava ihren Agent_innen zu, die in schwarze Autos steigen und die Verfolgung aufnehmen. Sie kommt auf mich zu und legt die Hand an meine Wange. «Es tut mir leid, ich hätte dir das alles früher erzählen sollen. Und ich wollte dich nicht hier hineinziehen, aber als ich Tony gestern per Zufall gesehen habe, war das meine Chance. Wenn ich seinen Text hereinhole, muss ich nie mehr Überstunden machen, verstehst du? Dann bin ich fein raus in der Agentur und meine Mitarbeiter_innen werden mich nicht mehr übergehen können.»

«Du hast mich angelogen und benutzt», sage ich und versuche sie böse anzusehen. Aber ich kann es nicht, ich weiss: Dieser Frau würde ich jedes Eis bezahlen, selbst wenn sie alle Agenturen der Welt besitzt. Erst verdreht sie ihre Augen und die Wangen blähen sich, dann übergibt sie sich vor meine Füsse.

«Entschuldigung. Kann ich dich nach Hause fahren?», fragt sie hustend.

«Nein, danke. Ich bin mit dem Auto da.»

 

«Nein, ich bin am Brötchen schmieren, nicht an der Kasse!» (Frau beim Überfall auf die Tankstelle Münster)

 

Jemand bedankte sich bei mir dafür, dass ihm der Bäckereiessay eine Geschenkidee für den Geburtstag seiner Mutter geliefert hatte: eine Cherrytastatur, über die sie sich gefreut haben soll. (J. W., danke dafür!) Einem lange verschollenen Freund lief ich nach Mitternacht auf dem leeren Albisriederplatz über den Weg. Statt einer Begrüssung zeigte er schweigend auf den Boden, und beim Nähertreten erkannte ich, dass dort eine Snickers-Packung lag: «Sauber? Der ist überhaupt nicht so sauber, wie du geschrieben hast.» (F. Z., danke dafür!) Jemand anderes war auf dem Gericht tätig und meinte, das Café Bauer sei oft in Einvernahmeprotokollen vorgekommen, wenn es darum ging, wo die Betroffenen ihre Drogen, «die sie für Insektizid oder Pestizid gehalten haben wollen», erhalten hätten. (J.-D. Z., danke dafür!).

Das trägt einen nicht mehr als in einem extrem weichbirnig-metaphorischen Sinn durch das Leben, aber es ist doch weit, vor allem mit der dazu passenden Kritik. Die ist vor allem meiner Behauptung entgegengekommen, es gäbe nur eine Regel, die gutes Schreiben auszeichnet (Kritik von C. J., D. H. und J. S., danke dafür!):

«Gutes Schreiben, sofern ich mir das Urteil anmassen darf, lässt sich auf eine einzige Regel herunterbrechen, die ich allgemein gelernt habe: Kurze Wörter statt lange (Orwell), so wenige wie möglich, keine Redundanzen, keine Unnötigkeiten (es gibt keine Beweisführung, nur einen Beweis, keine Fragestellung, nur eine Frage, kein schlussendlich, nur ein endlich), keine überflüssigen Charaktere, wenig Konjunktionen, alles muss sich aus der blossen Reihung von Zeichen ergeben, show don’t tell, kill your darlings (Faulkner), start as close to the end as possible (Vonnegut), get into the scene late; get out of the scene early (Goldman/Mamet) [Rat von S.F., danke dafür!], schwieriger als es klingt – eine Ökonomie des Schreibens, die ich eigentlich überhaupt nicht verstanden habe, aber befolge wie ein Lohnschreiber, zwinker.»

Das möge vielleicht heute ein Schreibprinzip sein – hat man mir gesagt –, aber ich brauche nur ans 17., 18. und 19. Jahrhundert zu denken; an Jean Paul zum Beispiel, aber auch an Thomas Bernhard. Diese Knappheit sei keineswegs ein überhistorischer Standard der Literatur.

Nirgends lässt sich so gut ablesen, wie unversöhnliche Auffassungen vom Text die Literaturwissenschaft und das Schreiben haben. Während die Literaturwissenschaft den Text immer als Notwendiges präsupponiert («Jedes Kunstwerk hat ein Ideal a priori, eine Notwendigkeit bei sich, da zu sein.» Novalis), muss das Schreiben den Text in einem paranoiden Prozess offen und geschlossen zugleich halten. Der Schreibtipp der Verdichtung ist daher kein allgemeines Formprinzip (oder eine Regel des «Gedichteten»), sondern nur in einem ganz bestimmten Teilprozess des Schreibens relevant: Erst, nachdem in einem ersten Schritt eine ‹Rohfassung› entstanden oder im Kopf ‹ausformuliert› wurde, kann nämlich der Tipp überhaupt eingesetzt werden. Denn aus Schreibsicht ist jeder Satz immer ein Satz zu viel: Gar kein Wort ist kürzer als das kürzeste Wort, keine Literatur ist die grösste Vermeidung der Redundanz. Man hat diese Regel also schon einmal ignorieren müssen, bevor man sie sinnvoll anwenden kann.

Es handelt sich beim Schreiben daher um zwei Entscheidungsstufen, bei der jede Entscheidung – Genderstern oder nicht? Anfechtung oder nicht? – noch einmal rekursiv geprüft wird und widerrufen werden kann. Das Schreiben hat mit solchen Entscheidungen zweiter Stufe den Blick für Verhältnisse zwischen Entscheidungen erster Stufe und damit einen Blick für die Benennungsökonomie in Texten – ein Blick, der der Literaturwissenschaft meist verstellt ist.

Ich bleibe dabei: Die Fähigkeit, Redundanz der ersten Stufe zu entschlacken ist ein wichtiger Teil des Schreibens, und der, an dem man tendenziell «gutes Schreiben» festmacht – im Gegensatz zum Beispiel zur «blühenden Fantasie», die nicht blind der Verdichtung gehorchen (auch so ein Gemeinplatz: ‹Gehorchen: immer blind›) muss und vom Bürgerlichen weniger geschätzt wird – denn wir sprechen beim «Handwerk», bei der «Profession» natürlich von bürgerlichen Kategorien. Und natürlich könnte es sich dabei um eine historische Konjunktur, seit, sagen wir, Raymond Carver handeln. Aber das würde nicht ihre Wertigkeit relativieren: Innerhalb dieser Konjunktur gilt Verdichtung als eisernes Prinzip – bündig ist besser im Schreiben.

Es ist wichtig zu verstehen, warum dieses Prinzip gilt. Da gibt es einerseits Bedingungen der Literatur, die ihm den Weg ebnen: Literatur verläuft unerheblich und langsam, kostet Zeit und will besser vertilgt als breitgeschlagen werden. («Als würde sie in einer Zeit der kurzen Aufmerksamkeiten nicht schon längst den Kürzeren ziehen, als wäre sie in den Augen der Menschen nicht jetzt schon eine verstaubte Angelegenheit, als wäre sie nicht schon immer die erste, die unter staatlichen Budgetkürzungen und unter Streichungen in der Feierabendökonomie zu leiden hätte.») Diese Unerheblichkeit ist das Urteil bürgerlicher Gesellschaftsordnung; sozusagen eine Kürzung der Subventionen, um Anreize zur Verdichtung zu schaffen.

Die Verdichtung übernimmt aber auch die Rolle des «Nein heisst nein!». Indem die Literatur ausserhalb der bürgerlichen Hierarchien steht, kann sie eine Form der Sprachhygiene betreiben und Begriffe auf ihren semantischen Kern herunterbürsten: Ein Gedicht kann es bei einem «Nein» belassen, weil sich das Gewicht des Begriffs nicht aus der Sprecher_innenpositionen, sondern erst im Verhältnis zu den anderen Begriffen bestimmt. Dieses strukturalistische Phänomen gründet auf dem Prinzip der Kohärenz: ein Zusammenhang, den die literarische Unerheblichkeit erzeugt. Die Bürgerin schlägt das Buch auf; alles darin gehört zueinander. Daher ist es auch die Bürgerin zuerst, die sagt, ein Buch müsse man an sich selbst messen, an seinen eigenen Aufgaben und an den eigenen Begriffen. Und vielleicht ist es ihre Angst vor dieser Macht, die das Geschriebene immer nur ins gedruckte Buch bannen will.

Die Metapher – dieses ach so grossartige Tool der Expressivität – ist, wie Paul de Man irgendwo herausgearbeitet hat, auf eine Metonymie angewiesen, auf eine Nähe der Begriffe schon auf der Ebene des Ausdrucks. [xx] Dass Achilles ein Löwe ist, wird nur zur Metapher, weil Löwe und Achilles (geo)grafisch enggeführt werden, und diese Nähe und die Graviationskraft zwischen den Begriffen werden durch die Kohärenz erzeugt. Das, was die bürgerliche Gesellschaft als Literatur verbrämt, leistet der Kohärenz Vorschub und lässt es zu, dass sich fast alles gegenseitig benennen darf. Ein «Nein» kann zwar auch unverstanden bleiben oder überlesen werden («an author’s biggest enemy today is not piracy but obscurity» [xxi]), aber nur die literarische Sprache kann «Nein» sagen und alle nickend zur Besinnung rufen, dass das ja völlig ausreiche. Nicht selten ist daraus schon eine bürgerliche Begeisterung entstanden. Wallen, was für ein Wort. Wie expressiv! Anfechtung, so schön altmodisch, aber zeitlos treffend! Der Dichter erfrischt die Begriffe!

Auch Julia Mantel habe ich getroffen, die online auf den Essay gestossen war und Zürich im November besuchte. Wir sassen im Grande, sprachen über Lyrik, sie fragte, ob ich ihr eine Lesung in der Stadt vermitteln könnte, und lobte das Fruchtbrötchen – «sehr lecker», sagte sie und bestellte gleich noch ein zweites. (J. M., danke dafür!)

 

«Es ist grad fast wie ein Sinnbild der AfD, dass ich hier eine sehr intellektuelle Frau mit Kulturmagazin habe und einen Mann aus Zwickau, der an einem Brot kaut.» (Hazel Brugger)

 

«Weg ist weg», sagt der Hotelbesitzer.

«Ja», antworte ich.

«Der Gestank ist irgendwie immer noch da.» Darauf gehe ich nicht ein. Er zuckt mit den Schultern.

Aus seiner Tasche holt er 50.000 Rand und legt sie mir in die Hand. Ich versuche nicht zu zeigen, wie sehr ich sie festhalte und zähle sie, indem ich so tue, als würde mich das Kindergeschrei beim Hotelpool immer wieder ablenken. «Es hat mich gefreut mit Ihnen Geschäfte zu machen», sagt er.

Mein Weg führt durch das Hipster_innenviertel, in dem sich Fahrradwerkstätten an Möbelgeschäfte reihen. Ich laufe durch die Strasse und höre es hinter der Scheibe fluchen. Ich versuche hineinzusehen, aber sie ist getönt und dahinter sind nur einige Gestalten in Uniform versammelt. Sie scheinen alle flüsternd über einen Tisch gebeugt, auf dem eine etwas mit den Händen formt oder zeigt.

Ich will meinen Rückweg fortsetzen, als ich plötzlich meinen Namen zu hören glaube. Ich schleiche zurück, aber die Gestalten sind verschwunden. Ich umklammere das Geld in der Tasche und halte es ganz fest.

Ich mag das Gefühl von Geld, ich mag alles, was ich bin. Aber diesen Essay würde ich gerne loswerden. Ich würde am liebsten nach Hause gehen und ihn fertig schreiben. Aber von der ganzen Aktion und dem ständigen Erbrechen habe ich Hunger bekommen. Ausserdem riecht es nach Würsten und Kuchen in dieser Strasse und ich habe schon ewig nichts mehr verdaut.

Ich trete in eine der Bäckereien ein, die hier von tätowierten 40-Jährigen bedient werden, aber als ich die Schlange sehe, drehe ich mich um, gehe zu einem Kiosk und kaufe einen Kaugummi mit viel zu grossen Noten.

Zuhause werfe ich mich auf die Couch und esse eine Suppe, in die ich den restlichen Zwieback tunke. Die Redaktion von delirium fragt mich, wann sie denn mit etwas rechnen könne; ich klicke die Nachricht müde weg. Ich frage mich, was Ava eigentlich genau arbeitet, und warum ich sie bei all den Treffen nie danach gefragt habe. Und was hatte es mit Tony auf sich? Hat sie vielleicht an meinen Texten Interesse gehabt und sich nur deshalb auf mich eingelassen? Hat sie mich nie dafür verurteilt, weil sie hoffte, irgendwie von der Verbindung zu mir profitieren zu können? Aber sie hat mir nie ein Angebot unterbreitet, zur Agentur zu kommen, und sie wollte auch nie etwas lesen…

Das Fenster steht immer noch offen, und der allgegenwärtige Geruch von Wot drängt in die Wohnung. Obwohl die Küche gleich gegenüber der Strasse ist, war ich noch nie bei diesem Äthiopier … – bei dieser Äthioperin…_in? —  oder äh… äh—thiopix*?; ich pruste los. Ich stelle mir vor, wie er sich dabei winden würde, wie ihn die Unklarheit durch die Zürcher Quartierstrassen quält und wie ich genau dieses Bild in seinen Versuch übersetzen werde, intellektuelle Zwischentitel in den Essay reinzuhämmern, wie um alles zusammenzunähen. Und auf einmal ist mir auch klar, wie ich es anfangen werde, sein, mein, unser erster Satz, der jede Ironie krönen wird: «Hunger? Niemand fragt usw.» Und ich muss noch mehr lachen.

In diesem Moment erscheint Martinas Kopf am Fenster und jagt mir einen Schrecken ein. Wir sehen uns beide verstört an.

«Hey!», ruft sie. «Wie geht es dir?»

«Okay.»

«Du hast mich angerufen.»

«Ja, das war ein Versehen», sage ich.

«Hm… Willst du mich nicht reinlassen?»

«Heute lieber nicht», fertige ich sie schnöde ab.

 

«There’s one in every town / just to grind you down.» (Arctic Monkeys – The Bakery)

 

Noch einmal Alice in Wonderland. Die Gräfin bestand darauf, mit ihren unterschiedlichen Sprichwörtern stets das Gleiche zu meinen: Take care of the sense and the sounds will take care of themselves. Hierin zeigte sie sich als feudale Herrscherin, von deren Lippen die Untertanen ihre Wünsche ablesen, ihr Ausdruck spielte keine fundamentale Rolle für ihr Meinen. Dass ihr Alice die liberale Doktrin von Adam Smith unterschiebt – «Somebody said… that it’s done by everybody minding their own business!» – stellt dabei nach, wie die kapitalistische Ordnung die feudale usurpiert; und wie sich das Bürgerliche in der Sprache einnistet: Es nimmt, Maulwürfen gleich, Umbenennungen vor, die die Feudalmacht untergraben.

In der Alltagssprache gibt es die Möglichkeit, sich Expressivität durch eine Häufung von Zeichen zu erkämpfen, aber nicht jene zu sagen: «Nein heisst nein.» Dies ist eine politische Umbenennung, die instituionell erkämpft werden muss, was erst nötig wurde, nachdem andere Instanzen behauptet haben: «Nein heisst ja», und in systematischem Massstab grammatisches Gaslighting betrieben – also von vornherein die Benennungsfähigkeiten bestimmter Menschengruppen in Abrede gestellt haben (ein Beispiel von vielen: Freud). «Achilles ist ein Löwe» ist ausserhalb der literarischen Kohärenz meistens nur eine Aussage über Achilles im weichbirnig-metaphorischen Sinn, eine Benennungspolitik, wie sie etwa Alan Murray in «The Politics of Naming» für die Rhetorik von Politiker_innen vorgezeichnet hat. [xxii] Dass sie überhaupt funktioniert, mag damit zusammenhängen, dass ausser Quintilian und ein paar Linguist_innen diese Aussage von gar niemandem getroffen worden ist. Im Kontext der literarischen Kohärenz aber ist «Achilles ist ein Löwe» sowohl eine Aussage über Achilles als auch über den Löwen; sie valorisiert bestimmte Eigenschaften und wertet dabei andere ab; sie legitimiert manche Ausdrücke auf Kosten von anderen. Einer einfachen Benennungspolitik steht damit die Möglichkeit gegenüber, eine Benennungsökonomie zu eröffnen, die neue Trade-Offs und Verhältnisse erzeugt.

Heute geht man zwar nicht mehr wie im 19. Jahrhundert davon aus, dass die Sprache in einem ewigen Zersetzungsprozess von ihrem Idealzustand wegstrebt, dennoch scheinen manche Prozesse in der Sprache irreversibel zu sein. Dafür gibt es nur wenige Beispiele, etwa die sprachhistorische Verschiebung eines Worts von Aspekt über Tempus zu Modus («So wird aus dem imperfektiven Aspekt das Tempus Imperfekt oder Präteritum, wobei sich das Präteritum dann wiederum in einen Irrealis entwickelt (Modus wie Konjunktiv im Deutschen).» [xxiii])  oder die zunehmende semantische Abstrahierung von Begriffen.

Diese Bewegung entspricht einer allgemeinen semantischen ‹Inflation› sprachlicher Zeichen, die kaum aufgehalten werden kann. Am deutlichsten wird sie in der abnehmenden Grenzexpressivität eines Begriffs. Nur das Schreiben — das literarische Schreiben — gibt dank der Kohärenz dieser allgemeinen Inflation Gegensteuer, indem es eine doppelte Praxis von Expressivität und Ökonomie propagiert: Ungeahntes, egoistisches, «idiotisches» und ohne ein Recht auf Äusserung vorgebrachtes Äussern — dann aber auch ein Verdichten und Abschleifen. Erfrischung!

Aber wie verhindert sie die Inflation, wenn sie die Zeichenmenge nicht verringert, sondern nur neue hinzufügt und damit die Bedeutung weiter schwächt? Literarisches Schreiben ankert den Wert bestimmter Zeichen wie die Deckung durch einen Goldstandard. Durch Kohärenz und Rekursion entsteht eine Art Privatmarkt ausserhalb des von bürgerlichen Märkten durchdrungenen Sprachraums: im ausserbürgerlich-verhätschelten Raum der Literatur. Hier können Dinge nicht einfach nur neu benannt und neu bewertet, sondern in neue Wertverhältnisse gesetzt werden. Das leistet das Schreiben (nicht die Literatur per se) vor allem über Entscheidungen, die nicht einfach nur den Wert eines Zeichens festlegen — wie dies eine vulgärökonomische Betrachtung über den Wert von Gütern annimmt —, sondern  in der ständigen Entscheidung zwischen verschiedenen Zeichen-Bündeln — wie es in der Mikroökonomik (Güter-Bündel) – bestimmt wird. Dadurch, dass manche Bündel anderen vorgezogen werden, ergibt sich — im besten Falle wohlgeordnet — eine ordinale Wertigkeit, die im Gegensatz zur kardinalen keine absoluten Werte angibt, sondern nur Verhältnisse zwischen Zeichen. Das Zeichenbündel «Achilles ist ein Löwe»  — das selber wiederum eine Indifferenz zwischen semantischen (und phonetischen) Bündeln repräsentiert —, steht den Bündeln «Achilles ist ein Tiger» oder «Achilles ist eine Löwin» gegenüber.

Im Gegensatz zur Benennungspolitik (Policy) einer herkömmlichen sprachlichen Äusserung, die aus einer in die bürgerliche Hierarchie eingegliederten Sprecher_innenpositionen vorgebracht wird und jederzeit abgelehnt werden oder scheitern kann, ermöglicht eine Benennungsökonomie weitaus stabilere und produktivere Resultate, weil sie im Schreiben selber schon sprachhistorische Prozesse implementiert (Expressivität und Ökonomie) und keine Werte aus der Luft greift, sondern sie in ihrem mindestens doppelt gestuften Entscheidungsverfahren durch Verhältnisse auslotet.

Schön, denke ich mir, als ich den Coop betrete und nach einem Plastikkorb greife. Da habe ich es also wieder hingebogen, dass die Literatur dank ihrer Unerheblichkeit davonflieht und ihre Stärke aus ihrer Schwäche schöpft. Vielleicht findet dieser Essay auch darum nie zu einem Ende, weil ich wieder am Punkt anlage, den ich am Anfang kritisieren wollte; und schon wieder stehe ich in einem Supermarkt – mein Gott, bin ich in Supermärkten gestanden! – und schaue mich um, als wäre ich erwacht. Ich prüfe noch beim Gemüse, ob in meiner Hosentasche wirklich Geld steckt und bemerke glücklich, dass es da ist.

Aber etwas anderes habe ich vergessen. Thomas Bernhard habe ich ganz unerwähnt gelassen, der wäre ja ein gutes Gegenbeispiel, bürgerlich und trotzdem nicht verdichtet, aber zu dem will ich eigentlich nichts sagen. Den mag ich gar nicht, fällt mir ein. Aber vielleicht gibt sich trotzdem noch Gelegenheit.

Auf Kosten der Unerheblichkeit erhält die Literatur von der bürgerlichen Gesellschaft einen Vorschusskredit: Kohärenz. Und Kohärenz ist das revolutionäre Potenzial der Literatur, aber sie wird durch bürgerliche Kategorien immer neu gefangen gehalten. Die Kohärenz, die es möglich macht, in einem Roman wie im Gedicht sprachlich völlig zu verdichten, Dinge neu zu benennen, Kausalitäten aufzubrechen, chronopolitisch zu verschieben und Geschlechter und Sprechpositionen zu wechseln, droht immer reterritorialisiert zu werden durch Kategorien und Hierarchien der bürgerlichen Tradition. Eine Tradition, die sich oft in der Literaturkritik artikuliert.

Die Tools dazu sind vielfältig: Anforderungen an die grammatisch richtige Schreibweise und das Vokabular (Grundvoraussetzung des guten Handwerks – das bedeutet, das generische Maskulinum vorzuziehen und sich ab und zu als Grammar Nazi zu erkennen zu geben), an Genres (der Kohärenz-Vorschuss wird durch das Genre wieder kassiert: so und so hat ein Kriminalroman auszusehen, solange hat er zu dauern etc.), und an die systematisch kolportierte Überzeugung, dass Autor_in und Erzähler_in – mindestens im Gender – übereinstimmen.

Ich habe mal einen Preis gewonnen, an dessen Laudatio meine «Auseinandersetzung mit dem Schwulsein» gelobt worden war. Ich war immer überzeugt, den Ich-Text aus der Sicht einer Frau geschrieben zu haben, aber natürlich liegt die Entscheidung nicht bei mir – es passt mir beides und vielleicht ist sogar beides ‹richtig›; trotzdem mag es etwas über die Benennungspolitik der Rezipierenden aussagen, dass sie das eine eher als das andere vermuteten.

«Was bedeutet es, nicht verstanden zu werden auf einem Feld mit ohnehin komplett ausgelockerter Hermeneutik, wo zudem in Zweifel steht, ob die Bemühung, Gedichte zu verstehen, überhaupt sinnvoll ist? […] Folgendes können Sie tun: Seien Sie hierzu mindestens zu zweit. Zeichnen Sie zwei Linien im Abstand von 2,50 Metern auf die Aschenbahn. Stellen Sie sich dort auf und fixieren Sie einander. Sagen Sie im Wechsel: Mit Müdigkeit meinst du doch eigentlich Desinteresse. Ihre Mitspieler übernehmen den letzten Begriff und beginnen erneut: Mit Desinteresse meinst du doch eigentlich Lässigkeit. Mit Lässigkeit meinst du doch eigentlich Impotenz. Mit Impotenz meinst du doch eigentlich Widerstand. Den Joker übernimmt die Witterung. Sie können einander selbstverständlich auch siezen. Das ist vermutlich sogar noch besser.» [xxiv]

Diese Tools legitimieren nur, dass bestehende Hierarchien in die Literatur rückimportiert werden: Die grammatisch richtige Schreibweise erfordert eine Kombination aus Autoritätshörigkeit und elitärer Bildung, die ganze Klassen von Menschen ausschliessen soll. Die Treue zu einem Genre bedingt eine Traditionalität; und die Deckung von Autor_in und Erzähler_in wird – durch Mechanismen des Buchmarkts – weiterhin die Texte weisser Cis-Männer bevorzugen. (Man erinnert sich daran, dass sich sogar noch Joanne K. Rowling als Mann ausgeben musste, und kann sich heute die deprimierenden Resultate des #frauenzählen zu Gemüte führen.)

Diese bürgerlichen Mechanismen sind dank des Ideals vom einsamen Geschäft und von self-employment leicht zu vertuschen: «Da hat eine Bestsellerautorin, wenn sie Glück hat, vielleicht eine Million Bücher verkauft. Und dann zieht die sich zurück und schreibt erstmal ihr nächstes Buch», sagt Elizabeth Prommer. «Was wir aber nicht wissen ist, wieviele Menschen eben gar nicht an den Punkt kommen, sich zwei Jahre zurückzuziehen, um das neue Buch zu schreiben, sondern in Abhängigkeiten sind oder vorher schon rausgekegelt wurden in Machtverhältnissen. Das ist alles in der Literatur sehr viel schwerer zu fassen. Das sind ja unsichtbare Menschen, die verschwunden sind, die vielleicht gar nicht reinkommen, weil sie vielleicht nicht das tief ausgeschnittene Kostüm getragen haben im richtigen Moment, und die sehen wir nie wieder.»

Es sind die Tools eines Kampfes, der gegen die Schreibenden geführt wird. Vom ‹Feminismus› einer Marie von Ebner-Eschenbachs – «O ja, es gibt ein Mittel, die Ehen und die Literaturen zu verbessern: Die Abschaffung der bräutlichen Mitgift, Abschaffung der Schriftstellerhonorare» – über den Dünkel eines Ferdinand Freiligrath – «der wohlhabende Autor widme sich nur dem Kultus des Gedankens – er kann es! Der Arme aber schaffe sich sein tägliches Brot durch irgendein unbescholten praktisch Gewerbe und überlasse sich nur in seinen Weihestunden dem Höheren, zu dem er eigentlich berufen ist» – bis zum Artikel Literaturförderung? Hungert sie aus! (FAZ) gibt es eine lange bürgerliche Tradition, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse in die Literaturproduktion zu verlängern. [xxv]

«Professionell zu schreiben heißt prosaisch 3.900 Euro im Jahr zu erwirtschaften», bilanziert Philipp Schönthaler im lesenswerten Essay Schreiben im Zeichen des Geldes. «Wer aus prekären Verhältnissen stammt, der wird sich weniger wahrscheinlich für eine prekäre Tätigkeit wie das Schreiben entscheiden. Fragen nach ästhetischen Wertigkeiten sind mit den sozialen Verhältnissen verwoben.»

Kohärenz ist ein Vorschusskredit und wie jener wird er nicht allen gewährt und selbst dann zurückgefordert werden. Diese Reterritorialisierung ist zum Verzweifeln und scheinbar unlösbar. Vor nicht allzulanger Zeit hat eine Literaturzeitschrift allen weissen Männern geraten, keine Texte mehr zu schreiben.

 

«Personally, I think you learn more from finishing things, from seeing them in print, wincing, and then figuring out what you did wrong, than you could ever do from eternally rewriting the same thing.» (Neil Gaiman – No longer the blog without giraffes)

 

Ich sitze am Strand und scrolle durch den Essay. Er ist fast fertig, aber ich ziere mich, und es ist schade, dass mich niemand dabei beobachten kann. Ich erhebe mich aus meinem Liegestuhl, umrunde ihn dreimal mit betont nachdenklichem Blick, bestelle mir einen Drink und leere ihn, zahle den doppelten Betrag, den ich zwischen den Seiten meines Notizbuchs hervorkrame, und setze mich wieder in den Liegestuhl, wo ich genüsslich zwei, drei Ausbrüche tippe.

Ein junger Mann, von dem ich dachte, er sei tot, bewegt sich im Liegestuhl neben mir. Mit lässiger Geste lehnt er sich zu mir hinüber und sagt: «Schreibst du auch?»

«Auch?»

«Ja, meine Mutter schreibt auch.»

«Also ist sie Schriftstellerin?»

«Na ja, so ungefähr. Sie hat nie etwas veröffentlicht, natürlich. Aber sie hat immer geschrieben, die ganze Zeit, jeden Tag. Und wenn sie mal nicht geschrieben hat, sondern mit mir unterwegs war, hatte sie diesen Blick im Gesicht. Den habe ich auch an dir erkannt. Du bist auch am Schreiben, wenn du nicht schreibst.»

«Wieso natürlich?»

«Was?»

«Du hast gesagt: Sie hat nie etwas veröffentlicht, natürlich.»

«Bist du sicher? Ich glaube nicht.»

«…»

«Darf ich dich auf einen Drink einladen?»

«Auf keinen Fall», sage ich, und er dreht mir schnaubend den Rücken zu.

Einige Sekunden später wird am Strand etwas angespült. Zwei Kinder schreien und gehen daneben in die Knie. Ich stehe wie mechanisch auf und nähere mich ihnen.

«Was habt ihr da?» Es ist ein unkenntlicher Organismus oder ein Organ, aufgedunsen und bis zur Unkenntlichkeit zerspült, schwarz übergossen wie von Öl.

«Ein Globster!», ruft das Mädchen und sticht vorsichtig mit einem Stock in die Haut.

Ich sage ihnen, dass sie verschwinden sollen. Globster ist ein ziemlich treffendes Wort für dieses glitschige Ding, das wahrscheinlich einmal ein Teil eines Lebewesens war, jetzt aber ungefähr so sehr ein Tier ist wie ein Pilz oder ein Schleim. Man wünschte, es wäre nur eine optische Täuschung. Ich ziehe es mit ins Wasser und wate tiefer hinein. Zwischen meinen Händen fühlt es sich weich an, wie Pudding. Ich drücke und knautsche es, ich vergrabe meine Fingernägel in ihm. Ich tauche unter Wasser und versuche es zu zertreten, dann nehme ich es in die Hand und streichle es, bis sich Fäden lösen.

Zurück am Strand ist der junge Mann verschwunden. Ich klicke mich mit den verschleimten Händen durch den Essay, der genau so unfertig ist, wie als ich ihn verlassen habe. Manchmal rührt man in der Brühe und sie wird nur trüber und träger und es wäre besser gewesen, man hätte sich schon lange davon getrennt. Aber dann sehe ich, dass der Drink auf dem Tischchen wieder gefüllt ist, und die Kellnerin nickt mir zu, um zu sagen, dass er aufs Haus geht.

Ich setze mich und denke mir noch ein paar «Lösungen» für ihn aus. Manche Brühe ist so zäh, dass es Spass macht, darin zu rühren.

Es stimmt.

Ich bin mich gern.

 

«Sauge auf die Panik, Wonne und die Logik der Nacht, jenseits der Unterscheidung von Fiction und Non-Fiction.» (Monika Rinck – Risiko und Idiotie)

 

Wie gelingt es den Schreibenden, das Geschenk der Unerheblichkeit entgegenzunehmen, aber das Potenzial des Schreibens zu entfesseln – über die Begrenzungen des Bürgerlichen hinaus? Ich glaube nicht daran, dass «Idiotie» die Lösung ist oder indem man auf  Lyrikperlen reitend unter dem Radar fliegt. Ich glaube andererseits auch nicht daran, dass das Schreiben – als bürgerliches Handwerk – so verstanden werden soll wie ein beliebiges Anderes, das man für «erheblich» hält: Schreiben ist kein Backen und wird es nie werden; da wird nie mehr zu holen sein als Unerheblichkeit.

Ich glaube aber, dass es Auswege gibt – zwei Formen, die Unerheblichkeit auszuhebeln:

Die erste habe ich als Postrock bezeichnet und in einem anderen Essay beschrieben. Literatur kann sich einem Genre verschreiben und es in seinem Inneren aushebeln: Indem sich eine syntagmatische Schichtung von Wiederholungen und Benennungen ergibt, die die Kohärenz zum Beispiel des klassischen Romans überdehnt und an ihre Grenzen bringt.

«Wie sich ein alltägliches Wort, das man unzählige Male laut vor sich ausspricht (z. B. ‹Sessel› oder eine ‹Rose›, die eine ‹Rose›, die eine ‹Rose› ist), plötzlich von seiner Bedeutung ablösen und zu einer verstörenden Ansammlung von Lauten werden kann, stösst am Ende eines Postrock-Texts eine ‹Hexe› auf Irritation. Ihre Bedeutung hat sich so aktualisiert, dass man nicht mehr weiss, was ‹Hexe› am Anfang bedeutet hat, dass eine Hexe also neu gedacht werden muss – es aktualisiert nicht ‹nur› die Sprache, sondern die Welt, da Sprache und Welt metonymisch (immer schon) verbunden sind. Die Rekursion lässt schliesslich Hexen entstehen («you could also call it magic»).»

Postrock ist eine echte Alternative zur bürgerlichen Benennungsökonomie der Literatur. Ohne sie ist man geneigt, zu glauben, dass sich auch in der Literatur die Benennungspolitik in Metaphern erschöpft, in Zusammensetzung und Umbenennung von einzelnen Wörtern. Postrock-Texte haben noch eine andere Möglichkeit gefunden, Kohärenz auszunutzen. Die Metonymie zwischen grösseren sprachlichen Einheiten wird zu einem «Setzbaukasten» umgewandelt, der aus ganzen Absätzen und Abläufen neue Syntagmen aufbaut. Damit werden neue politische Prozesse möglich, die nicht nur eine immer übergriffige Umwertung von Zeichen versuchen, sondern Zeichen in weite, rekursive und antizipierende Verhältnisse versetzen – benennungspolitische Prozesse, die weder überemphatisch und aggressiv (wie «Nein heisst ja») noch lakonisch und ironisch sind («Nein heisst nein»), sondern sich auf einer Zwischenebene bewegen.

«Beantworten Sie hierzu bitte eine Frage: Hypotaxe oder Parataxe – welche von beiden ist flächiger? Merken Sie sich Ihre Antwort.» [xxvi]

Und nein, dazu darf man das Klischee nicht feiern, sondern muss eine neue Fläche des Gemeintseins, eine Haut schaffen. Während Tier werden eine Form der Ekstase, Fetischisierung und Transgression hervorstreicht, geht es hier um eine dünne, fragile, elastische Schicht zwischen Ironie und Eigentlichkeit, die jederzeit platzen kann: Ballontier werden.

Eine zweite Möglichkeit ist, dass man ganz auf das Genre verzichtet und seine äussere Grenze durchbricht: Statt einen Roman oder ein Gedicht – einen Essay schreiben, von dem das Bürgerliche nicht weiss, was es ist, oder noch besser: Theory-Fiction. Rinck schreibt dafür eine «Logik der Nacht, jenseits von Fiction und Non-Fiction» herbei, die eine relative Unsicherheit der Begriffe nach sich zieht: Ist «der Dichter» wirklich Rinck selbst? Oder schreibt sie durch den Dichter hindurch, ist er ein Hebel, durch den eine Verschiebung der Ich-Hier-Jetzt-Origo (Karl Bühler) möglich wird, ein Deictic Shift, wie man sagt? Tier werden?

Deiktische Zeichen können in der Literatur Verschiebungen nach sich ziehen; diese nennt man deictic shifter und sie verursachen Umwertungen, die sich selbst beim Rückimport aus der literarischen Sphäre kaum durch die bürgerlichen Mechanismen unterdrücken lassen. Wenn sich in einem literarischen Text eine Erzählposition verschiebt, wenn man durch Zeitebenen springt, das Geschlecht oder das Tempus wechselt, erschafft das neue benennungspolitische Subjekte. So kann man sich in jemand anderen hineinschreiben.

«Glücklicherweise installiert die Arbeit, oder besser gesagt, der erarbeitete Text dann später irgendwann ein ganz neues und auf viel bessere Art fiktives Ich», schreibt Rinck, «einfallsreich bereitet es sich eine neue Biografie.» [xxvii]

Riesentier werden!

Dass Anke Stellings Schäfchen im Trockenen den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist nicht nur angesichts des kleinen Verlags erstaunlich, sondern weil es sich nicht um einen Roman handelt. Stattdessen wird hier das Auseinanderfallen des Romans aufgrund der ökonomischen Bedingungen des Schreibens behandelt:

«Es tut mir leid, dass hier alles so zerrissen scheint. Ich hätte gerne mehr Stringenz, eine erkennbare Einheit, einen Trost für alle, die auf der Suche sind. Doch ich bin, wer ich bin, und ich werde nicht mehr so tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie, sagen wir mal, Martin Walser.

Ich kann das Brett, das ich mir mithilfe von Spreizdübeln zwischen die bröckeligen Altbauwände meiner Kammer geschraubt hab, als ‹Schreibtisch› bezeichnen, kann immer weiter von ‹meiner› Kammer reden und sie damit zu meiner machen, ich bin die Protagonistin der Geschichte, ausserdem noch die Erzählerin und obendrein Schriftstellerin von Beruf!» [xxviii]

Ich mochte dieses Buch von Anke Stelling sehr, aber irgendwie teilt niemand meine Begeisterung. Meine Freunde nicht und auch nicht Maren Haffke: «Anke Stellings Schäfchen im Trockenen las ich auf dem Sofa, in meiner neuen Genossenschaftswohnung im Ökohaus; so war es auch vorgesehen, glaube ich. Ich schwöre trotzdem: ich war nicht gemeint.» Es nervt, ja, aber es nervt auch darum, weil es sich ständig eine Ermächtigung herbeischreiben will, indem es die Kohärenz nutzt. Denn von aussen sieht es aus wie ein Roman.

Ich habe gesagt: «Schreibende müssen sich nicht in ein untergehendes System eingliedern. Sie müssen sich hinausschreiben.» Sie müssen vielleicht durch das Schreiben aufhören, Schreibende zu sein oder neue werden. Oder aufhören alleine zu sein und gemeinsam werden..

Das Schreiben kann das leisten. Es kann aber auch nur die Begriffe erfrischen. Es ist jeder und jedem Schreibenden überlassen, was xier anpeilen; aber die Literatur leistet so oder so ihren Beitrag. Nehmt dieses Selbstbewusstsein, geht hinaus. Fordert alle Honorare der Welt ein, und lasst euch nie wieder in eine Schule der Arbeitslosigkeit drängen. Holt euch die Impostor-Prämie zurück, holt euch den Mehrwert zurück, aber nennt es nicht verdienen. Holt doch gleich mehr als den Mehrwert zurück. Nennt es meinetwegen Kampf. Das ist es immer gewesen.

 

«Ich bin – eigentlich – nicht in der Lage in Sachen Nahrungsmittel mehr als eine Mahlzeit auf einmal zu denken. Für jede einzelne Mahlzeit, meinen momentanen Gelüsten entsprechend, gehe ich zum Supermarkt – oder zur Bäckerei.» (Fabian Schwitter – Experimentalsystem delirium: aus einem – weiteren – Blickwinkel)

 

Hunger? Wie eine Löwin!

«Abgesehen also, ich brauche etwas zum Leben also, wenn ich nichts habe muss ich, wie jeder andre Mensch auch, arbeiten gehen. Dagegen habe ich nichts, im Gegenteil, holzhacken oder ähnliches ist mir [die] längste Zeit lieber als schreiben, aber dann kann ich auch nicht daran denken, den Roman, an dem ich arbeite weiter zu bringen und so fort. Wie stellen Sie sich vor, lebt ein Mensch mit einem Bauch? Man muss ihn füllen, ganz einfach.» (Thomas Bernhard, Brief an Thomas Unseld, 11.7.1968) Na endlich, denke ich, als ich mich in der Kasse einreihe. Da hätte ich also auch noch die Nervensäge untergebracht.

Als ich aus dem Coop hinauskomme, blinzle ich wieder in die Sonne und schaue in meine Tüte. Da ist Zwieback und Proteinbrot, für den Muskelaufbau oder nicht. Ich werde nie mehr schwach sein. Ich werde meine Verwaltung anrufen – und die Kurzgeschichte schreiben.

 

«Kinder lieben softweiche Gebäcke. Daher zeichnet sich das ‚Felix – Mein Brot‘ unter seiner crunchig mürben Kruste durch eine besonders weiche und saftige Krume aus.» (Coppenrath vergibt Felix-Lizenz für Familien-Dinkelbrot, in: Buchmarkt. Das Ideen-Magazin für den Buchhandel, 06.02.2019)

 

Die Titel sind das Wichtigste überhaupt.

 

«Am Ende ist, was man sich zu Beginn vielleicht als schlüssig, ganzheitlich und harmonisch vorgestellt hatte, bestenfalls ein Flickwerk, eine Montage, zusammengesetzt aus Gestohlenem, aus Fragmenten, die man sich im Archivfieber zusammengeklaubt hat, durchaus nachts, sich teils schamvoll, teils begierig bedienend an den Korpora der vorigen Generationen, vom Hunger getrieben, einem schon für leblos gehaltenen Stoff noch gerade die richtige Art und Dosis von Atem einzuhauchen; ein Wesen aus Stücken, zusammengeheftet mit Kapitelüberschriften, vernäht mit Fussnoten, entsetzlich und immer entsetzlicher werdend in den Momenten, da man sich endlich davon trennen muss oder zumindest sollte.» (Sebastien Fanzun – Zwischenlandung. Zwanzig amerikanische Postkarten)

 

 

Hört das nie auf?

 

 

«Darum tanzt das Brot, bis sich alles um euch dreht, damit keiner von euch merkt, dass das Brot nach Hause geht.» (Bernd das Brot – Tanzt das Brot)

 

 

Wer rettet mich?

 

 

 

 

Cédric Weidmann

 

 

 

[i] Monika Rinck (2017): Risiko und Idiotie. Streitschriften. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. S. 12.

[ii] Pierre Bourdieu (2016): Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 328f.

[iii] Clayton Childress (2017): Under the Cover. The Creation, Production, and Reception of a Novel. Princeton N.J.: Princeton University. S. 65.

[iv] Childress, S. 62. Vgl. auch Pattersons Bibliografie.

[v] Dass diese Demütigungen systematisch auf die Schule der Arbeitslosigkeit ausgerichtet sind, lässt sich recht leicht an dem halben Jahr veranschaulichen, während dem man zwar alle Bewerbungsauflagen erfüllen muss (d. h. zum Beispiel auch nicht das Land verlassen darf) und ohne Geld überleben muss: «Personen, die infolge Schulausbildung, Umschulung oder Weiterbildung von der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind, haben – unabhängig des Alters, Unterhaltspflichten oder eines Berufsabschlusses – 120 besondere Wartetage zu bestehen.» (Amt für Wirtschaft und Arbeit) Wartetage sind 5 Werktage in der Woche, d. h. es dauert 25 Wochen ohne Geld, bis die Wartezeit «bestanden» ist (schon das Wording weist auf «Prüfung» hin). Dem gegenüber steht die Perversion, dass die Schweizer Arbeitslosenversicherung – als eine krankhafte Ausnahme in der Welt – schwarze Zahlen schreibt.

[vi] Dass sich dieses System noch weitaus menschenfeindlicher zu jenen verhält, die ohne das Privileg von Hochschulabschlüssen in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden, versteht sich von selbst. Hier ist es nicht einmal nötig, ihre Verhandlungsmacht zu brechen, sondern ihr blosses Schicksal – als invertiertes Bild des Bäckers – drückt über einen brutalen Mechanismus die Verhandlungsmacht aller Arbeitenden. Ökonom_innen bezeichnen mit dem Begriff «natürliche Arbeitslosigkeit» ziemlich unverhüllt, wie konstitutiv eine konstante Masse an arbeitssuchenden Arbeitslosen auf lange Frist ist (und in diese Zahl werden Langzeitarbeitslose noch gar nicht eingerechnet).

[vii] Armen Alchian und Harold Demsetz: «Production, Information Costs, and Economic Organization», in: American Economic Review 62 (1972: 5), S. 777-795. Hier S. 777. Elizabeth Anderson: «This is like saying that Mussolini was not a dictator, because Italians could emigrate.» Elizabeth Anderson (2019): Private Government. Princeton: Princeton University. S. 55.

[viii] Rinck, S. 21.

[ix] Anderson, S. xi.

[x] Anderson, S. 25.

[xi] «Its central principle [of the Republican Party], anti-slavery, was based not so much on the moral wrong slavery inflicted on the slaves (although this was acknowleged), as it was on the threat slavery posed to the self-employed worker.» Anderson, S. 30.

[xii] «Similarly, self-employment levels have been declining in the USA since the global financial crisis and have fallen from 11.4 percent in 1990 to 10 percent in 2014. A simple reason for these declining rates of entrepreneurialism is quite simple: according to Blanchflower and Oswald (1998), the key characteristic defining whether someone becomes an entrepreneur or not is their access to capital, which largely depends on personal wealth (e.g. housing equity, inheritance, personal contacts, etc.). And since most people’s personal wealth has been declining relatively speaking (Piketty, 2014), the opportunities for people to invest in themselves – to become ‹entrepreneurs of the self› – are severely limited.» Kevin Birch und Simon Springer: «Peak neoliberalism? Revisiting and rethinking the concept of neoliberalism», in: Ephemera Journal 19 (2019: 3).

[xiii] «For men [with secondary schooling], there is a drop in the probability of low-skill self-employment, as well as suggestive evidence of a rise in the probability of formal employment. The opportunity to attend secondary school also reduces teen pregnancy among women.» Owen Ozier (2015): «The Impact of Secondary Schooling in Kenya: A Regression Discounity Analysis» Policy Research Working Paper; no. WPS 7384. Washington, D. C.: World Bank Group.

[xiv] Eines der Lieblingsbeispiele Nassim Nicholas Talebs für Schwarze Schwäne ist der Buchmarkt.

[xv] Childress, S. 65.

[xvi] «He [= Samuel Irving Newhouse] insisted that Random House pay a huge advance to Donald Trump, the New York real estate speculator whose adventures and many failures are still the butt of jokes in tabloid articles. […] Nancy Reagan was paid $3 million for her memoirs, a sum that went largely unearned and that inspired one wit to ask whether it was an advance against royalities or a tip for services rendered by the Reagans to the very rich. […] [81] Murdoch at HarperCollins would encourage his editors to pay similar advances, often to equally conservative recipients. The thriller writer Jeffrey Archer, then head of Britain’s Conservative Party, received $35 million in advances for three novels that crashed so resoundingly that the finances of the American branch of HarperCollins were severly shaken. In time, Newhouse would institutionalize a system within Random House that maximized these follies: he allowed the heads of the various publishing houses within Random to bid against each other, rather than in concert, as before. As a result of such competition, books like Colin Powell’s memoirs received multimillion-dollar advances, far higher than would have otherwise been the case.» André Schiffrin (2001): The Business of Books. How International Conglomerates Took Over Publishing and Changed the Way We Read. London: Verso Books. S. 80-81.

[xvii] Klaus-Dieter Ludwig (2005): «Immer wieder die Archaismen. Veraltetes Wortgut im Rechtschreib-Duden

[xviii] Guy Deutscher (2018): Die Evolution der Sprache. Wie die Menschheit zu ihrer größten Erfindung kam. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. Nördlingen: Beck. S. 81. Seitenzahlen fortan in Klammern.

[xix] Die Fisher-Gleichung, die das reziproke Verhältnis von Arbeitslosigkeit und Inflation beschrieben hat, wurde in den 70ern um die Erkenntnis erweitert, dass es sich um das Verhältnis von Arbeitslosigkeit und Inflationserwartung handelt. Wenn nämlich alle Teilnehmer_innen eines Markts mit einer zunehmenden Inflation rechnen, neutralisiert sich deren Effekt; ein unerwarteter «Schock» kann aber kurzfristig zu einer Senkung der Arbeitslosigkeit führen. Ebenso wird sich nie ein Effekt einstellen, wenn man mit der ‹Sprachregelung› geht oder den letzten Zug nach dem letzten Zug nimmt; um ein Bewusstsein für die maskulinistische Vorherrschaft zu schaffen, muss man einen Schock produzieren und jeder sprachlichen Neuerung und Erfrischung stets zuvorkommen.

[xx] «Das gleichzeitige Vorhandensein von intra- und extratextuellen Bewegungen führt niemals zu einer Synthese. Die Beziehung zwischen dem buchstäblichen und dem figuralen Sinn einer Metapher ist in dieser Hinsicht stets metonymisch, obschon von einer konstitutiven Tendenz angetrieben, das Gegenteil vorzutäuschen.» Paul de Man (1988): Allegorien des Lesens. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 104

[xxi] Childress, S. 65.

[xxii] Alan Murray: «The Politics of Naming», in: Warwick Journal of Philosophy 1 (1988: 1). S. 134-174.

[xxiii] Elisabeth Leiss (2014): «Vorwort», in: Gustave Guillaume: Zeit und Verb. Theorie der Aspekte, der Modi und der Tempora. Aus dem Französischen von Esther von der Osten und Bernd Klöckener, hg. v. Armen Avanessian und Anke Hennig. Zürich/Berlin: diaphanes. S. 7-24. Hier S. 10.

[xxiv] Rinck, S. 12f.

[xxv] Zitate aus Paul Kluckhohn (1949): Dichterberuf und bürgerliche Existenz. Tübingen und Stuttgart: Rainer Wunderlich Verlag. – Auch wenn die Reterritorialisierung den Nutzen der Unerheblichkeit fast auslöscht, heisst das nicht, dass sie sich gar keinen Wert bewahren kann: «Der Idiot mutmaßt, dass es genau jene reflexive Beschäftigung der bürgerlichen Kunst mit ihrer eigenen Machtlosigkeit und Überflüssigkeit in der empirischen Welt sein könnte, welche sie in die Lage versetzt, soziale Machtlosigkeit auf eine Art zu theoretisieren, die von anderen Formen der kulturellen Praxis nicht erreicht wird.» Rinck, S. 79. Aber so viel ist das womöglich gar nicht.

[xxvi] Rinck, S. 114.

[xxvii] Rinck, S. 16.

[xxviii] Anke Stelling (2018): Schäfchen im Trockenen. Berlin: Verbrecher Verlag. S. 42f