Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Michael Kohlhaas (Ein-Satz-Review)

Michael KohlhaasMichael Kohlhaas by Heinrich von Kleist
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Inzwischen, nachdem ich die Geschichte des Kohlhaas, Rosskamm an der Havel im 16. Jahrhundert, aus Ärger über die Ungerechtigkeit, die ihm von Seiten des Junker Wenzels von Tronka widerfährt, eine grausame und gehirnversprützende Wendung um die andere zu nehmen, und somit immer schneller einen Strudel von Geschehen einzulassen, gelesen und mit in der Hektik aufgepeitschter Begeisterung genossen habe, schien ich mich an das Stakkato der Apposition, jenen sprachlichen Galopp gewöhnt zu haben, in dem die Kohlhaas entwendeten Rappen, von ihrem abgeschundenen bis zum strahlend wiederhergestellten Auftritt, nie inne gehalten haben müssen, und das den Takt dieser Geschichte trommelt; dergestalt, dass die Poetik des Clusterfuck, wie ihn die Coen-Brüder viele Jahre später wieder aufnehmen, der Verwechslungen und kleinen Ungerechtigkeiten wegen, die gänzlich unentwirrbar Knoten um Knoten knüpfen, bis sich ein chaotisches Geflecht ergibt, hier auf einer Schnelligkeit der Sprache reitet, wie sie die bewundernswerten Unberechenbarkeiten im Film vielleicht doch nicht vermögen.

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Hälfte des Lesens

Mit gelben Post-Its hänget
Und voll mit wilden Strichen
Der Leser ins Buch,
Ihr holden Ratten,
Und gierend nach Story
Tunkt ihr das Haupt
Ins dünngebundene Bändchen.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es fertig ist, das Nächste, und wo
Das Schlafmittel,
Und treffende Sätze?
Die Wörter sind
viele und schwer, im Einband
wuchern die Seiten.

Für das gefrorene Meer in uns

Mit Dank an S. Fanzun

Der Satz (LXXXII)

In einem Brief schrieb mir Sensini, dass er fürchte, ihm könne der Stoff ausgehen. Ich verstand ihn fälschlicherweise so, als fände er nicht genügend Wettbewerbe, bei denen er seine Texte einreichen könnte.

Roberto Bolaño, Sensini

Eine Million Faschisten (die untenrum nichts tragen)

Man sieht ihnen von aussen meist nichts an. Aber auch von innen kann ja keiner etwas ansehen.

Wen würdest du auf eine einsame Verkehrsinsel mitnehmen?

Der Satz (LXXXI)

Während ich nach den Schillingen und Pennys in meiner Tasche suchte, überkam mich ein unglaubliches Glücksgefühl: Endlich stand wieder das Geld im Mittelpunkt aller Dinge, das heisst, der Mensch.

 

Antal Szerb, Die Pendragon-Legende.

Der Satz (LXXX)

Der menschliche Blick hat es an sich, dass er die Dinge kostbar machen kann, allerdings werden sie dann auch teurer.

Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen