Wrag!

Cédric Weidmann, 25, schreibt.

Literatur im Bau

Zur Zeit schreibe ich im Auftrag für WSS Architekten mit János über die Strangsanierung. Nicht Drangsalierung, ich glaube nicht. Literatur im Bau heisst das Projekt und ist nichts anderes als ein weiteres Tor in eine Parallelwelt.

Diese Welt tut sich schon auf, wenn man an den Seiten eines „flachliegenden Durchschreibebuchs“ schnuppert, des sogenannten Baujournals, das den Namen einer pazifischen Insel trägt, und auf dem oben an jeder Seite eine Zeile für das „Wetter“ zur Verfügung steht. („Wetter?“ Ja, heute schon, immerhin! Wetter sehe ich eines.)

Bild.jpg

Die Erotik, die hier mit Büchern verbunden wird, macht fast eifersüchtig: flachgelegt und bereit, durchgeschrieben zu werden. Wer würde unter dem Helm nicht erröten oder kürzer Atmen, wenn er seine Zeilen über die Entrümpelung oder die Mietersprechstunde hineindrückte? So erregt schreiben die Bauleiter, wie man es sich für das Schreiben nicht zu träumen wagte.

Die Autorin Julia Weber und der Autor Tommy Schleicher machen mit. Eine Auswahl der Texte erscheinen im Journal.

„Die Brücke“ im neuen KOLT

Illustriert von Petra Bürgisser.

Kinder klauen

Siegertext des X. Wartholz-Literaturwettbewerbs. Mit freundlicher Genehmigung der Schlossgärtnerei Wartholz.

 

Die Hitze trieb uns von Schatten zu Schatten.

Ständig lag ein Gewitter in der Luft, aber es traf erst dann ein, wenn man es nicht mehr erwartete. Manchmal setzten wir uns unter einen Baum oder an ein Mäuerchen, bevor wir unseren Weg fortsetzten. Wir kannten die Hintergärten, die Pools und die Grösse der Drahtmaschen aller Zäune. Wenn einer von uns eine Regentonne umstiess, hielten wir inne und machten einen Schritt zurück, wie um über etwas nachzudenken. Aber meistens rannten wir. Fast alles, was wir im Sommer nach Jonathans Befreiung aus dem grünen Haus taten, mit Ausnahme der Mutproben, möglichst lange auf den siedenden Asphalt zu liegen, und dem Zusammenknäueln in Tobis Hängematte, wenn die Sonne unterging, bestand aus einem ununterbrochenen Laufen, das sich von Schritt zu Schritt in Hüpfen, in Sprinten, in tänzerisches Straucheln verwandeln konnte. Wenn wir einschliefen und zur Morgendämmerung wieder erwachten, nahmen wir unseren Lauf von Neuem auf. Die tauben Füsse kribbelten, bis wir durch die Zähne atmeten, und die Hände, deren Flächen von den Dachrinnen und Rosenstauden zerkratzt waren, schienen älter zu sein als der Rest unserer Körper.

Unverzichtbar waren unsere T-Shirts. Ihre Farbe, die sich nach wenigen Tagen im Grün saftiger Vorgärten vereinheitlicht hatte, war es nicht. Entscheidend für uns war, wieviel kühlende Luft hindurchstiess, wenn man einen Zaun hochkletterte, und ob, wenn man den Arm hob, der Saum an der von Schweiss gereizten Achsel ribschte. Es war wichtig, wie weit und wie fest ihre Maschen waren, ob wir sie leicht greifen konnten, wenn wir uns an den Shirts rissen und hochhoben. Die Grösse und der Schnitt waren wichtig, denn wir trugen sie dreissig Tage im Monat und hatten keine Gelegenheit, sie zu wechseln: Am Ende des Sommers würden wir sie in einem Kugelgrill verbrennen und um ihn herumtanzen. Wir legten uns auf die Wellblechdächer der Fahrradunterstände, die unsere Wirbelsäulen massierten, prügelten uns auf den Grund leerer Pools und warfen uns Himbeeren zu, während sich das Wetter über unseren Köpfen zusammenzog wie ein nervöser Muskel, sich ballte, und wieder entspannte.

Wir balancierten über die Gleise, kühlten uns in den Brunnen der Schulhäuser und rannten Slaloms in den herausgeputzten Alleen. An das Brummen der Drohnen hatten wir uns gewöhnt und wenn ihr Schatten auf die Vögel fiel, die wir zu jagen versuchten, und sie flatternd davonstoben, brauchten wir nur Sekunden, bis wir in einem Schlupfloch, unter einem Kanalisationsdeckel oder einem dichten Busch, ihrer Wärmekamera entflohen waren. Wir versteckten uns so lange, bis die Geräusche leiser geworden waren, und rannten dann weiter. Jonathan war grösser geworden, er lernte, die Steinschleuder zu bedienen, und traf immer öfter die Rotorblätter der grauen Drohnen, die ein wenig weiter in den Himmel zurückwichen und uns doch nie aus den Augen liessen.

Auch vor ihnen mussten wir uns in Acht nehmen lernen, die uns mit Gegenständen bewarfen, wenn wir durch ihre Gärten traten. Sie wollten uns verscheuchen und spielten dafür Geräusche in hohen Frequenzen aus in Blumentöpfen versteckten Boxen ab, die uns und fremde Katzen fernhalten sollten. Einmal war ein Abendessen, das sie uns vor das geschlossene Fenster gestellt hatten, vergiftet, und Tobi musste unter Magenkrämpfen alles herauswürgen. Andere von ihnen halfen uns natürlich auch, schlugen Zelte in den Gärten auf, die wir leer vorfanden und in denen wir die Nacht verbrachten, sie liessen frische Tomaten vor der Tür reifen und taten, als sähen sie uns nicht, wenn wir uns an den Beeren vergriffen. Sie waren mitunter sehr nachsichtig.

Doch unser Einverleiben des Gartens und der Scheunen schritt voran und wenn wir auch immer öfter in die Kanalisation einstiegen und den Flussläufen folgten, stellten wir für sie ein unverständliches Übel dar, das zwischen den Setzlingen wucherte.

Wir brachen durch die Fenster ein.

Es waren immer die Komposteimer, die sie naiv darunter stellten und über die wir bequem zum Fenster kraxeln konnten. Ihm näherten wir uns zu viert, um gleichzeitig Wache zu halten, hineinzuklettern und den Fluchtweg zu klären. Wenn im Haus jemand wach war, bereiteten wir eine Ablenkung vor. Die Bewegungsmelder überklebten wir und warteten auf die Dunkelheit. Wir brauchten keine Minute, bis wir drin waren. Im Dunkeln ihrer Häuser fühlten wir uns eigenartig wohl. Wir schliefen miteinander auf den Sofas, benutzten ihre Badezimmer und verwüsteten die geordneten Schränke. Als Geniesser schlüpften wir in die Fusswärmer, als Vorsichtige zogen wir den Kindern die blickdichten Sportsäcke über den Kopf. Die geöffneten Joghurts, alle genau vier Löffelchen Inhalts beraubt, liessen wir wählerisch in ihren Kühlschränken zurück. Die Häuser mit ihren einfachen Winkeln erinnerten uns an andere, in denen wir gelebt hatten, und wir suchten nach Familienfotos an den Wänden, um sie einzupacken. Nichts davon war für uns. Wir hielten das Kind fest, das zu zappeln aufhörte, wenn wir den Motor anliessen und losfuhren. Neidisch beobachteten wir, wie schnell sie sich ihrem Schicksal fügten, und wir versuchten deshalb, ihnen etwas Angst zu machen. Von Kitzelattacken und dem Abfüllen mit Alkohol abgesehen, den wir ihnen in die auseinandergedrückten Kiefer leerten, waren uns die Kinder zu egal, um ihnen weh zu tun.

Die Nächte waren mit kommenden Gewittern vollgesogen. In sie schrien wir unsere Triumphreden, während wir die weinende Trophäe über den Kopf stemmten. Wir umfuhren Siedlung für Siedlung, den Wehr am Weiher, wir querten die unmarkierten Bahnübergänge der Bauernhöfe, damit nicht die Motorgeräusche, die durch die Äcker der Moränen hallten, einem Schlaflosen unsere Richtung verrieten. Die wenigen Autos, die uns begegneten, drückten aufs Gas, wenn sie uns kreuzten, und drehten sich nicht nach uns um. Wir kannten diese Häuser, wir alle hatten in Familien wie diesen gelebt. Einen Plan brauchten wir nicht. Wenn draussen ein Bobbycar auf dem Rücken lag, als würde er sich totstellen, oder wenn es grosse Piratenzeichnungen an den Fensterscheiben gab, hielten wir an und suchten nach Grünguteimern oder Malerleitern, die uns die Arbeit erleichtern würden. Im Verlauf des Sommers begannen sie wegen uns die Fenster abzuschliessen, doch Tobi hatte eine Hintertür im Sicherheitssystem gehackt und konnte auf Knopfdruck alle Hausfenster im Takt unseres Lieblingslieds auf- und zumachen. Das Krokodilschnappen verängstigte die Kinder, die wir, zitternd und eingeschlungen, nur noch aus den Matratzen zu pflücken brauchten. Das Mitgebrachte reichten wir vom Motorrad durchs Fenster und legten es ins fremde Bett. Wenn der Tausch vollbracht war, standen wir im Zimmer und betrachteten den panischen Blick des Kinds, der uns aus dem falschen Bett entgegenfunkelte. Wir gaben ihm eine Schlaftablette, steckten das neu ergatterte Kind in den Sportsack und schoben es durch die Fensterklappe nach draussen. Wir machten Kontrollgänge und ersetzten die Familienfotos durch die vorher eingepackten. Wir löffelten die Joghurts aus, ausser die laktosefreien, die wir in ihre Schuhe füllten. So gingen wir von Haus zu Haus, mit immer neuen Kindern unter dem Arm, eine Kette von Verwechslungen bildend. Das konnte die ganze Nacht dauern. Einmal nahmen wir eines der Kinder zur Autobahnraststätte mit. Wir setzten es neben uns auf die Plastikstühle, während wir Pizza assen, und versuchten sein Schluchzen auszublenden. Jemand, wahrscheinlich Mira, hatte ihm mit Mehl ein grinsendes Gesicht auf den speichelnassen Sportsack gemalt, und wenn man es zwickte, sah es aus, als würde es sich in stummem Lachen krümmen.

Dieser Frühling war besonders. Wenn die Morgendämmerung kam oder jemand keine Lust mehr hatte, fuhren wir mit dem Kind zum Reichenviertel auf der Endmoräne. Hier fanden wir immer eine Familie, die ihre Liebsten ins Internat schickte, und legten unser letztes Kind in das leere Bett. Stolz fuhren wir an den Fuss des Hügels zurück und trennten uns nach langen Umarmungen auf, um unter die eigenen Decken zu schlüpfen. Es gab nichts zu bereden.

Wenn es eine Idee war, so hatte sie niemand von uns gehabt. Der Frühling hatte sie uns gebracht, eine Zeichnung in den Wolken, die wir dämmernd betrachtet hatten und in der alle, weil wir verschieden lagen, etwas anderes erkannten. Als sie uns noch akzeptierten, sassen wir in Tobis Hängematte oder in der Waldlichtung neben dem Sportplatz und liessen uns von demjenigen, dessen Beine eingeschlafen waren oder der aufs Klo musste, Limonade bringen. Wir hatten über alles gesprochen, was uns eingefallen war. Wir warteten darauf, dass Zeit verging, und waren unsicher, ob sie es tat. Es war schwer, die Kraft aufzubringen, sich aus der Erstarrung – die Beine über die Beine des anderen gelegt, den Kopf in eine Ellenbeuge geschmiegt – loszumachen, die wir vier bildeten. Der Frühling drohte uns das Gewitter schon an. Ein Kuckuck rief.
Dann, als wäre es ein Einfall, der unsere Glieder durchzuckte, lösten wir uns. Wir packten die Rucksäcke und schwangen uns auf die Roller. Wir trafen uns nur noch nachts, wir atmeten die Abgase unserer Fluchtfahrzeuge wie eine frische Brise, wir wählten die Jeans mit Bedacht.

Irgendwann hatten wir einen Fehler gemacht.

Das grüne Haus wirkte in seiner doppelten Umzäunung, der Videoüberwachung und seinen riesigen Ausmassen nicht aussergewöhnlich auf uns. Es fiel zwischen den Villen der reichen Familien nicht auf. Aber im Gegensatz zu diesen ging das grün gestrichene Gatter ein wenig zu widerstandslos auf. Wir robbten aus Spass über den Kies der Einfahrt, als wären wir im Krieg. Unter einem Fenster, das nach Kinderzimmer aussah, stand ein farbiges Trampolin wie ein Angebot. Wir dachten uns nichts dabei. Wir warfen den widerständigen Jungen, den Feli mit Brandy zum Schlafen gebracht hatte, durch ein gekipptes Fenster. Wir hörten, wie er auf die Matratze fiel, und brachen glückselig auf.

Wir hatten grossen Hunger, wir assen unsere Kebabs auf der Autobahnbrücke. Wir pinkelten in die sterilen Flüsse der Renaturierung. Wir wussten noch nicht, was Flucht genau hiess, aber wir schienen es zu ahnen, als wir beschlossen, in einem Baumhaus zu übernachten, das wir in einer Waldgruppe sahen. Am nächsten Tag lasen wir skandierend aus der Zeitung vor, die Morten aus einem Briefkasten gestohlen hatte, und verfolgten aus seinem Mund das Stammeln der Polizeivorsteher, das Jammern ihrer Verängstigten. Ein Journalist hatte sich die Mühe gemacht, die Joghurts zusammenzurechnen und als Sachschaden zu beziffern, den wir von unseren Sparkontos abhoben, um ihn übermütig, in verschlossenem Umschlag, der Polizeistation zu übergeben.

Ohne besonderen Anhaltspunkt dachten wir sofort an das grüne Haus, als nach einer Woche die Zeitungen immer noch von einem vermissten Jungen berichteten, der nicht zurückgekehrt war. Unsere Aktionen waren harmlos. Die Kinder fanden fast immer am gleichen Tag noch zurück. Einmal war ein Junge nur mithilfe eines Psychologen zur Rückkehr zu bewegen. Wir wussten, dass die Umgebung, in der sie sich wiederfanden, die poolgeschmückten Villen mit ihren Himmelbetten, einen Eindruck hinterlassen musste. Diesmal war es mehr als das.

Das Tor war fest verschlossen. Wir fanden einen Eingang, als wir über die beiden Zäune einsteigen wollten, die zu hoch und elektrisch geladen waren: Beim Herunterfallen stiessen wir eine grüne Regentonne um, unter der ein Loch zum Vorschein kam. Aus ihm ragte eine lange Leiter, die mitten in eine unterirdische Rutschbahn führte. Wo sie endete, sahen wir nicht, doch wir hörten ein Pfeifen aus dem Dunkeln. Wir drehten uns um und krochen die Rutschbahn aufwärts, in die ungefähre Richtung des grünen Hauses. An der Decke leuchteten farbige LEDs. Nach zehn Minuten flachte die Steigung ab und wir erreichten eine etwa zwanzig Meter breite Plattform. Von hier gab es mehrere Wege in die Kanalisation. Statt Abwasser floss geschmolzene Schokolade, manchmal auch knisternde Cola durch die Röhren.

Untrüglich war die Nase von Mira. Sie roch die etwas durchwälztere Luft von grösseren Räumen und Hallen und wusste, wo sie herkam. Wir drangen durch ein enges Röhrensystem immer weiter ins Haus vor.

Als wir den Kopf aus dem Ende der Röhre streckten, lag Jonathan vor uns, in einen neonleuchtenden Käfig gepfercht, dessen Stäbe aus gefestigter Zuckerwatte bestanden. Es stand in einem sterilen Kinderzimmer, von Teddybären und grünen Skateboards umringt. Wir schmolzen die Zuckerwatte mit einem Feuerzeug auf und versuchten der funkelnden Überwachungskamera, die aus den Porzellanaugen eines Plastikclowns starrte, keine Beachtung zu schenken.

Wir hörten noch einen Ruf hinter uns, der uns bat, doch nicht schwierig zu sein, und gellende Sirenen, als wir wieder in die Röhre flohen. Die Schritte von etwas sehr Schwerem, wie einem geharnischten Nashorn, schienen uns überallhin zu folgen. Natürlich rannten wir.

Wir schliefen bei den kühlen Teichen neben der Autobahn, wir waren schlechte Fischer. Die glitschige Wassermasse und M1, M2, die kahlen Hallen des nahen Mehrzweckgebäudes, boten vollkommenen Schutz vor den uns nun verfolgenden Drohnen. Sie kreisten noch eine halbe Stunde über das Schilf, in dem wir unsere Köpfe versteckten, und verschwanden für einige Tage, um später mit Verstärkung wieder aufzutauchen. Wir legten uns unter Traktoren und Sportwagen, wenn es besonders heiss war, und versuchten, Jonathan an dieses Leben zu gewöhnen. Wir rannten. Wir strauchelten, sprinteten und hüpften. Wir schliefen aufeinandergestapelt, damit die Drohnen weniger Körper sehen würden, und wuschen uns nackt in der Fontäne eines leckenden Hydranten. Für einige Zeit schliefen wir auf dem Dach des Schützenhauses, in der Hoffnung, man würde uns übersehen und vergessen. Weder die Drohnen noch die grünen Autos, die scheinbar ohne Fahrer durch die Seitenstrassen patrouillierten, gaben die Suche je auf.
Die Tage wurden kürzer, der Sommer neigte sich dem Ende zu. Aber das war uns längst kein Versprechen mehr. Erst musste das Gewitter einbrechen, das über uns verhängt war, und wir waren nicht ganz sicher, ob wir noch an seine Ankunft glaubten.

Irgendwann hatten wir alles gemacht. Wir hatten unsere Wasserpistolen, mit denen wir Schlachten spielten, mit Jauche gefüllt, weil Wasser keinen mehr störte, und wir prügelten uns, bis niemand mehr lachte; erst dann fanden wir Schlaf. Wir wurden sehr viel älter in kurzer Zeit. In der Nacht schielten wir ihnen in die Wohnzimmer, die hell erleuchtet waren, wo sie Fussball schauten oder kochten. Wir fanden, dass es sehr hübsch aussah, von draussen. Selbst mit den Drohnen im Nacken wäre uns nie eingefallen, dahin zurückzukehren. Unser Blick fiel auf die kleinen Jungs, die mit dem Fussballspiel mitfieberten, oder die Mädchen, die jubelnd das Uno gewannen, und malte sich aus, wie diese jetzt lächelnden Gesichter zwischen fremden Spielzeugen erwachen und für einige Stunden ihr neues Leben anblinzeln würden. Auch dieses Bild fanden wir sehr hübsch.

Wir verbrannten unsere T-Shirts und tanzten im Gras. Unsere dünnen, zerschlissenen Körper fielen immer wieder hin. Beim Sportsack zögerten wir. Wir holten ihn aus dem Feuer, löschten ihn im Gras und zogen ihn über unsere russverschmierten Köpfe. So abwechselnd maskiert, küssten wir uns im Flackern des Kugelgrills, in dem die ersten Regentropfen lachend verdampften.

In der Sache Wartholz

Das Wichtigste vorweg: Ich habe an diesem Samstag im Asphaltstockschiessen in Niederösterreich den 3. Platz (im Team mit den ambitionierten: Markus Liske, Christian Blazek und Knut Gerwers) errungen.

17270244_10211344577863876_71329341_n.jpg

Foto: Christian Ritter

Danach noch 1. Platz im Literaturwettbewerb, was eine schöne Sache ist, wenn man bedenkt, wie schön es ist – und wieviele gute Texte es gab. Aber da Text bekanntlich mühsam ist, hier ein paar Bilder und Links.

17237247_10211332318717405_1574309936_o(1)

Foto: Christian Ritter

im Fernsehn

Das ORF hat meine Gier, meine Gier noch einmal mit der Kamera festgehalten und meinen Namen ausgesprochen wie man einen Korken auf der Zunge rollt. Den Beitrag gibt es hier:

http://tvthek.orf.at/profile/ZIB-900/71256/ZIB-900/13920794

40.479.395

Foto: Johannes Authried/Nön.at

Link zur Fotostrecke der Nön.at.

Und hier noch die Begründung der Jury, die mich natürlich besonders freut, weil sie zeigt, dass ich meinen Text richtig verstanden habe.

„Dieser Text hat die Erosion der Gegenwart im Blick, Verwerfungen, existentielle Verunsicherung und Überwachung. Die surreale Versuchanordnung überzeugt, das Motiv der Kindervertauschung ist eine Persiflage auf die Brutalität und Brüchigkeit gesellschaftlich gesichert scheinender Strukturen. Ironie, Komik und Satirik prägen die Handlung in einer dystopischen Welt, deren jugendliche Akteure einerseits ihre soziale Sphäre torpedieren, andererseits Kinder des Establishmenst sind. Der Widerstand in einer generell überwachten Welt bleibt spielerisch. Die Subversion leichtfüssig. Die Jury zeichnet mit dieser Wahl einen frischen jungen Text aus, der sich vorwagt“

Der Satz (LXXIX)

„Jedoch zürne ich meinen Sinnen, dass ich nicht mehr von euch gesehen habe und ich trotzdem von euch behaupten muss, soweit ich es beurteilen kann, dass ich nie einen Mann für so schön befunden habe.“
Er glaubte ihr aufs Wort und betrachtete sie.
Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet

Fs mit kleinen Füsschen

Traum:

Ich fahre in einem Bus durch ein sehr grün bewachsenes Australien (ich weiss, es ist Australien, aber eigentlich möchte mir alles, was ich sehe, sagen, dass es Neuseeland ist), der Bus rast einen sehr, sehr steilen Hang hinab, der von wiederkäuenden, stehenden Schafen regelrecht überzogen ist. Es gibt Tausende davon. Es ist Sonnenuntergang. Der Busfahrer erzählt durch die Lautsprecher von seinen täglichen Routinen und den Vorzügen des australischen Lebens, er lenkt einen ZVV-Bus, ist wohl selber ein ausgewanderter Schweizer. Allerdings sei es in letzter Zeit schwieriger geworden, immer öfter werde er von Personen des SNF angegangen oder an Haltestellen überfallen. Sie hätten jeden Respekt verloren, selbst während der Arbeit und auf fremdem Boden suche man ihn heim. Ein grosses Mitleid geht durch den Wagen, als wir das hören, nicht nur, weil er selbst nur Mittelsmann oder gewöhnlicher, argloser Chauffeur ist und mit den Problemen des SNF eindeutig nichts zu tun hat, sondern auch, weil viele neben mir selber Forscher sind oder sich als solche bezeichnen, das spüre ich. Am Fuss des steilen Hangs bricht tatsächlich jemand durch die Tür des fahrenden Wagens ein. Während der SNF-Beauftragte sich über den Chauffeur hermacht und den Wagen ins Schleudern bringt, gelingt es mir durch die hintere Tür zu entwischen: Ich fliehe um mein Leben. Ich renne den Hang zurück, klettere ihn eher hoch, an den vielen Schafen vorbei, und bemerke, dass es gar nicht die Schafe sind, die den Hang beherrschen, sondern die Milliarden von Flöhe, die neben uns umherspringen. Während dem panischen Klettern sehe ich das Gewimmel vor meinen Augen ganz genau: Zwischen den Flöhen, die für sich genommen ganz dumm sind, gibt es Insekten mit acht Füssen und aufgerichtetem Hals, deren Mund eine Klammer bilden, sie sehen ziemlich genau so aus wie ein „F“, wenn es acht kleine Füsschen hätte. Mit dieser Klammer pickt das Insekt die Flöhe auf und liest die kleinen Gehirne (ich habe im Traum gedacht: Flöhe haben doch keine Gehirne — aber diese Flöhe haben welche) in ein höheres Bewusstsein ein. Ich weiss nicht, was im Höheren Bewusstsein damit passiert, wo sich dieses befindet, und ob es mit dem ausser Kontrolle geratenen SNF-Projekt zu tun hat, denn bevor ich es hätte erfahren können, bin ich auf halbem Weg aufgewacht, ziemlich erschöpft von der ganzen Kletterei.

Der Satz (LXXVIII)

and sometimes
I think to myself, God, sometimes
I wonder what my ancestors
would have thought of me but then
I realise they probably would have
just fucking beat me to death

Nick Mulgrew, biography.

Kleiner

Geträumt: auf einem Campus der Zukunft. In einen Raum musste man kriechen, es wurde immer enger, dann wurde man verkleinert. Irgendwo gab es Verjüngungsstationen, aber ich hatte keine Zeit mich damit zu beschäftigen. Keine Ahnung, was ich nachgerannt bin.