Wrag!

Cédric Weidmann, 24, schreibt.

Mango bindet sich eine Krawatte (Rally)

Mango stand vor dem Spiegel und knöpfte sich die Krawatte zu. Er sah so gut aus dabei, dass er es fast schade fand, sie jetzt schon anzuziehen. Er hätte irgendwann zwischen den Kameraeinstellungen die Krawatte aus der Hosentasche holen und sie sich dann vor laufender Kamera binden können, mit dem Falsche-Versprechungen-Blick, der ihm dabei wie automatisch über das Gesicht wanderte. Da er ein Ausländer war und als ABC, als American-Born Chinese, für die Zuschauer bereits selbstbewusste Weltläufigkeit verkörperte, wäre er gegenüber den zugeknöpften inländischen Journalisten vermutlich mit Bewunderung bedacht worden. Aber er entschied sich dann doch dagegen. Ein bisschen aus Respekt vor dem Spiel: War das nicht der Moment, in dem die ganze Welt zu ihm sah? So viele Jahre Experte, Sportspezialist, kleine Reportagen, dann hunderte, tausende unterfinanzierte Live-Übertragungen, in denen der Ton ausfiel. Für viele Menschen war es vielleicht das wichtigste Spiel ihres Lebens. Für ihn aber ganz bestimmt. Jeder vernünftige Agent hätte ihm klar gemacht: Weiter würde er nicht kommen.
Aber der noch wichtigere Grund, warum er die Krawatte jetzt sauber richtete, war Françoise. Er würde ihr keinen hämischen Kommentar gönnen, so leicht jedenfalls nicht. Er nahm das Jackett von der Gardebore und warf es sich über die Schulter. Als er die Tür zuzog, begegnete er kurz seinem Blick im Spiegel und sah die amerikanischen Augen in einem von wenigen Kanten wie mit dickem Filzstift konturierten Gesicht. Die schwarzen Augenbrauen zuckten schelmisch, obwohl er es nicht wollte. Schnell drehte er sich weg und schloss zu.
Als er sich umdrehte, sank seine Laune schlagartig. Über den grauen Spannteppich des Stockwerks stolzierte ihm Françoise auf hohen Absätzen entgegen. Sie trug ein enges rotes Kleid, einen dezenten Lippenstift und die Locken ihrer braunen Haare tanzten kräftig um die halb entblössten Schultern, wie er es in den letzten zehn Jahren ihrer gemeinsamen Moderationen nie gesehen hatten. Sie sah einige Jahre jünger aus, als er es im Kopf hatte, aber zugleich erkannte er in diesem frischen, kräftigen Gesicht auch ein Zeichen des Alters, das er an seinem eigenen, wohl aus Nachsichtigkeit, nicht bemerkt hatte.
«Was haben sie mit dir gemacht? Pornos sind im Fernsehen doch nicht erlaubt.»
«Spar dir die Mühe. Niemand ist da, um Lachen zu heucheln.» Sie drückte ihm ihr Handy in die Hand, auf dem ein Video lief, und strebte ohne innezuhalten zum Lift. «Sie haben Footage von Bao Xu, wie er durch ein Einkaufszentrum geht.» Mango sah auf den Bildschirm. Eine kleine Strichfigur bewegte sich durch eine Halle von anderen Strichen. Die Haltung des jungen Mannes war perfekt. Das Knie zog keine Sekunde nach, er schien sich sogar ein bisschen regelmässiger durch das Getümmel zu bewegen als die anderen.
«War es auf Sendung?»
«Es ist jetzt auf Sendung, als Vorlauf.»
Die Tür des Lifts schloss sich. Er gab ihr das Handy zurück. Für eine Sekunde berührten sich ihre Hände. Sie fühlte sich warm an. Er sah ihren blauen Nagellack neben seinen perfekten, mattdurchsichtigen Fingernägeln und schloss die Augen. Nur beim Parfum hatte sie nichts Extravagantes mehr. Es war immer noch das Gleiche wie zum Anfang ihrer beider Karriere, der unerweckbare, halbtote Geruch eines Waschmittelgemischs.
Er hasste sie und ihren Atem, den er unter dem leisen Rattern des Lifts hörte. Es hätte ja sein können, dass dieser Atem noch beim Zuhören für immer verstummte und sie neben ihm zu Boden sank. Er hasste alles an ihr, schon zehn Jahre, zehn Jahre und etwas mehr!, und sie hasste alles an ihm, er konnte sich nicht erinnern, wann es anders gewesen war. Und wie sie sich hassten, die Kommentatorin und der Kommentator, dieses eingespielte Team des Badminton: Diese kleine und einzige Öffentlichkeit eines riesigen Sports. Sie hassten sich fast mehr, als sie ertragen konnten, und weil keiner das Schweigen des anderen aushielt, spielte Françoise das Video noch einmal ab, mit höherer Lautstärke. Als die Lifttür sich öffnete, stoben sie nach draussen, als wäre der Behälter unter grossem Druck gestanden, und überquerten miteinander die Strasse zum Stadion.

Bao Xu humpelt nicht mehr (Rally)

Auf den Nebenfeldern machten Jamie und sein Trainer noch einige Übungen. Der Trainer spielte ihm einfache Bälle zu, liess ihm Zeit fürs Laufen, um ihn optimistisch zu stimmen. Aber auch nach zwei Stunden, in denen Jamie abwechselnd in alle vier Ecken des Spielfelds gelaufen war, atmete er kaum, stütze die Hand mit dem Schläger in die Hüfte und schien völlig entspannt. Jamie hatte Optimismus vor langer Zeit durch etwas anderes ersetzt; etwas Harmonischeres, eine Durchlässigkeit, die keine Nervosität bei sich hielt.
Auch der Appetit war unbeschadet. Die beiden steuerten auf ein kleines Strassenrestaurant vor der Turnierhalle zu. Dort stand Ming, die sich neben sie an den Esstisch setzte. Seine vierjährige Tochter bildete mit Jamies hochgewachsener Gestalt und dem Verbindungsglied des Trainers eine schroff ansteigende Gebirgskette, die manchmal niedersank, um ihre Nudelsuppen zu schlürfen. Sie erzählte davon, wie man sie früher aus der Schule entlassen hatte, weil heute das grosse Spiel ihres Vaters sei. Jamie hörte lächelnd zu.
«Sie alle wünschen dir Glück, Papa.»
«Gut.»
Er gab nicht viel auf die Meinung der Rektoren, aber das musste Ming nicht wissen. So viele Menschen, die von Glück und Pech sprachen, als wüssten sie, was damit gemeint sei! Er selbst wusste es nicht und er hatte seit zwanzig Jahren damit zu spielen gelernt. Er nahm es niemandem übel, der ihm Glück wünschte, nur die Leichtfertigkeit solcher Äusserungen erstaunte ihn immer noch.
«Ich glaube, sie alle wollen wissen, wie es heute ausgeht. Sogar die kleinen Kinder sagen, es sei das Spiel des Jahrhunderts. Und im Fernsehen zeigen sie heute immer Bao Xu.»
«Ach ja?»
Der Trainer war Ming auf den Fuss getreten, aber das Mädchen war zu eifrig, um den Hinweis zu bemerken. Sie ass schnell, schlürfte laut und musste immer wieder husten. Sie zog nur den Fuss zurück und sprach unbeirrt weiter. «Ja, er hätte aufgehört zu humpeln, einfach so, von gestern auf heute. Sagen sie in den Nachrichten. Und jetzt berichten sie, spekulieren, wie er das geschafft hat. Man sagt, eine bestimmte Akupunktur, aber man weiss es nicht.»
Jamie Lee zog die Augenbrauen nach oben.
«Ich habe ihnen gesagt, dass mein Vater keine Akupunktur braucht, um zu gewinnen.»
Jamie warf seinem Trainer einen unendlich bedeutungsvollen Blick zu, in dem ein kurzer Schlagabtausch, ein langes Gespräch und eine verständige Einigung in einem winzigen Moment abgehandelt wurden. Er endete damit, dass der Trainer die Handflächen über seiner Schüssel zusammenpresste und an die Decke des Restaurants sah, mit einem Gesicht, als hätte er etwas Neues gelernt, und Jamie den Kohl mit ruhiger Zufriedenheit weiter aus seiner Suppe fischte. Ob Bao Xu humpelte oder nicht, war nicht seine Sache, und nicht die seines Trainers. Sie hatten eine Sekunde gebraucht, um zu begreifen, dass sie schon längst so abgeklärt geworden waren.
«So, so», sagte Jamie und lächelte. «Wer weiss. Schaden täte einem so eine Akupunktur jedenfalls nicht. — Was ist das?» Er schlug Ming zwischen die Schulterblätter. «Hast du dich verschluckt? Iss doch ein bisschen anständig, Essen ist kein Wettrennen. Du machst mich noch ganz nervös.» Sie schüttelte den Kopf mit den tränenden Augen. Lachend zerwuschelte er ihre Haare und gab ihr einen Kuss auf die kalte Stirn.

Wie wenn am Ausverkaufe…

Wie wenn am Ausverkaufe, den Sale zu sehn,
die Mutter geht, des Morgens, wenn
seit früher Stund die hohen Preise fielen
Die ganze Zeit und fern schon leuchten die Schilder,
in die Parkhäuser wieder fährt der Mann
und frisch der Reifen quietscht
und von der Decke erfreuenden Boxen
Rabatte schallen und glänzend
in stillem Lichte stehn die Schnäppchen des Tages:

So stehn sie unter günstiger Witterung,
Sie die kein Laden allein, die wunderbar
Allgegenwärtig erzieht in leichtem Umfangen
Der mächtige, der göttlichschöne Konsum.
Drum wenn zu schlafen er scheint zu Zeiten des Jahrs
Am Himmel oder unter den Pflanzen oder den Völkern
So trauert der Käufer Angesicht auch,
Sie scheinen allein zu sein, doch ahnen sie immer.
Denn ahnend ruhet sie selbst auch.

Jetzt aber Sale! Ich harrt und sah es kommen,
Und was ich sah, das Billige sei mein Kauf.
Denn er, er selbst, der älter denn die Zeiten
Und über die Götter des Abends und Orients ist,
Der Sale ist jetzt mit Reklameschild erwacht,
Und hoch vom Äther bis zum Abgrund nieder
Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt,
Fühlt neu die Begeisterung sich,
Die Allerschaffende, wieder.

Vorbereitung zum Finale (Rally)

«Bin ich ein Held?»
«Das hab ich dich gefragt?» Jamie lachte und stiess die erste Schwingtür auf.
«Ich war ziemlich beschäftigt, weil ich ja nach dem Autoschlüssel suchte. Aber du hast nicht aufgehört. Bin ich ein Held? Bin ich ein Held? Dabei hast du heftig an meiner Schulter gezerrt. Ich bin dann ziemlich schnell aufgewacht. Ich blieb erst einmal eine Weile im Bett liegen und dachte nach. Was will man sagen? Bin ich ein Held? Wer stellt eine so bescheuerte Frage?»
Jamie legte den Arm auf die Schultern seines Trainers, der noch immer den Kopf schüttelte. Er grinste zu dem kleinen Mann herab. Am Ende des Korridors drückten sie gemeinsam, Jamie links und sein Trainer rechts, die zweite Schwingtür auf und sahen sich in der Halle um.

Sie standen beim Spielereingang. Die Hälfte der Halle war abgesperrt und durch eine vierte Tribüne ersetzt worden. Sie fühlten sich wie auf dem Grund eines riesigen Trichters. Zehntausend hochgeklappte Plastikstühle stiegen zu allen Seiten bis knapp unter die Decke hoch, wo sie im Schatten fast nicht mehr zu sehen waren. Die leere Halle war ungewöhnlich ruhig. Nur das Scheppern einer Metallröhre drang hinter der VIP-Tribüne hervor.
Das Feld war gereinigt worden, der grüne Teppich, auf dem gespielt werden sollte, war bereits ausgerollt. Neben dem Feld stand ein neuer Toyota, der mit Scheinwerfern angeleuchtet wurde. Das Spielfeld war mit dicken weissen Linien angezeichnet. Achtzehn von der Decke hängende Lampen verbreiteten ein in alle Winkel des Platzes vordringendes Licht.
Eine Ingenieurin sass auf dem Schiedsrichter-Podest und versuchte, den Turm, auf dem sie sass, mit Gewichtsverlagerung zum Schwanken zu bringen. Er schien zu halten. Unter ihr stand ein Mann im Anzug, der die Spannung des Netzes mit einer Wasserwaage prüfte.
Sie steuerten auf den Organisator zu, der sich aus dem Gespräch mit der Ingeneurin löste.
Der Organisator gab ihnen eine verschwitzte Hand. Er hielt seine rechte Hand mit der Linken vor dem Schritt fest, während er sprach. Dazu drückte er den Daumen auf den Handrücken und den Zeigefinger auf die Handinnenfläche, als ginge es darum, die Hand aus einer Spalte zu fischen. Er zeigte auf die Röhren und sprach leise, fast flüsternd, zu den beiden Dazugestossenen, dem grossgewachsenen Athleten und dem forsch um sich blickenden Trainer, der zwei Köpfe kleiner war.
«Die Lampen sind klug platziert und technologisch hochgerüstet. Hochdruck-Gasentladungslampen. Kürzlich erneuert und mit vollständig digitalem Stufungsverfahren. Ein besonderes Verdienst der dänischen Architekten. Vielleicht gerade zu Ihrem Vorteil.»
Der kleine Trainer nickte nach einigem Umsehen und sah zu seinem Schützling hoch. Er suchte wohl Jamies Blick, doch er sah nur den Adamsapfel des in den Nacken geworfenen Kopfs. Vorsichtig und ohne den Blick von der Decke zu wenden, machte Jamie einige Schritte nach links und nach rechts. Die beiden kleineren Männern traten zur Seite, als er den Raum in wenigen Sprüngen durchmass.

Unmöglich, im künstlichen Licht zu wissen, wer krank und wer nur bleich wäre. Die Lampen waren in sorgfältig kalkulierten Abständen von den Decken gelassen, wo ihre Lichtkegel auf dem Weg bis zum Boden keine Falte eines Kleidungsstücks und keine Mulde unbeleuchtet liessen. Die Farbe des Lichts war bleich und eierschalengrell. Unmöglich, sich im künstlichen Licht zu verstecken, aber unmöglich, von den Strahlkörpern geblendet zu werden, weil sie für die Spieler sorgfältig abgedeckt wären. Wer auf dem Spielfeld stand und nach oben sah, musste den Schopf weit in den Nacken schieben, damit die Helle der Scheinwerfer in den Augen schmerzte. Es würde nicht oft vorkommen.
Es war genug hell, dass die Tribünen im Schatten lagen. Grosse Bewegungen, das Schwenken von Transparenten oder Plastikballonen, wären als Ungefähres wahrnehmbar, aber könnten kaum ablenken. In den vorderen drei Reihen wären Gesichter erkennbar, wenn man die Lider zudrückte, mit etwas Glück auch die zitternden Lippen, das Glänzen wässriger Augen, die jubelnden Fäuste oder ein offenstehender Mund. Nur ob jemand krank oder gesund wäre, würde sich in den Ausläufern der Strahlen nicht erkennen lassen. Unter diesem Licht waren alle wächsern und jung.

Jamie starrte nach oben, öffnete schliesslich den Mund. Die feuchten Lippen gaben bei ihrem Ablösen ein fast unhörbares Schnalzen von sich, das wie das Scheppern des Stahlrohrs noch lange durch die Halle schwebte.
«Das Licht ist käsig», sagte er.
Der Organisator betrachtete Jamies kantiges Gesicht voller Bewunderung und Ehrfurcht, er massierte etwas betreten die Hand. Aber seine Stimme hatte eine neue Härte. Er liess seine Rechte los, die jetzt wie gelähmt zur Seite herabhing. «Was möchten Sie noch sehen?», fragte er.
Jamie ging zum Netz und bückte sich zu ihm hinunter. Er kniff ein Auge zu und blickte, die Nase an der Netzkante, über das gegnerische Feld. Er befummelte den Saum des schwarzen Umschlags auf der Oberkante. Keine Naht löste sich, es war gut gemacht. Er kehrte zum Trainer zurück und ging in die Hocke, um mit ihm in ein flüsterndes Gespräch zu verfallen. Dabei zeigte er nach oben.
Dann erhob er sich, und der Trainer machte einen Schritt auf den Organisator zu. «Eines vielleicht. Können Sie die Kamera auf der anderen Seite anbringen? Ihre Linse spiegelt.»
In einigen Metern Höhe auf der rechten Seite hing eine Kamera von der Decke, die schräg auf das Spielfeld gerichtet war. Der Organisator bewegte den Kopf, als könne er keine Spiegelung erkennen.
«Auf der anderen Seite?»
«Bitte hängen Sie sie links, nichts rechts von hier.»
Der Organisator nickte langsam. «Das ist für das Fernsehen ungewöhnlich.»
«Ich vertraue Ihnen», sagte der Trainer und drückte ihm die Hand, dass sie schmerzte. «Jemand wird es Ihnen wohl vergelten.» Kaum liess er sie los, fiel die Hand des Organisators wie tot herunter. Der Organisator verneigte sich noch, wünschte ein gutes Spiel und zog sich zurück.

«Um zur Frage zurückzukommen», sagte der Trainer, während sie sich zufrieden, die Hände in die Hüfte gestemmt, sich um die eigene Achse drehend, in der Halle umsahen. «Bist du ein Held? Ich will es so sagen: Frag mich noch einmal, wenn du heute gewonnen hast. So etwas wie heute macht den Unterschied. Fast niemand hat in seinem Leben Gelegenheiten, die den Unterschied machen. Die grossartigsten Menschen haben sie nicht.»
«Du siehst krank aus.»
«Es geht mir gut.»

Rally – Genese oder nicht

Nach zwei längeren Erzählungen, «Das Wolkenkrematorium» und «Kinder klauen», die meine Aufmerksamkeit verlangt haben — mehr vielleicht, als gewöhnlich, weil ich mit Setting und Sprache kämpfte: beide keimten vor drei, vier Jahren und sind in kleinen Schritten herangereift, und jetzt habe ich sie gepflückt, vielleicht noch etwas bitter-ungeduldig, aber schon ein wenig süsser als sonst — wende ich mich jetzt Neuem zu. Eine Erzählung. Auch diese Idee besteht seit längerem, auch hier gibt es unzählige Skizzen, von denen ich jetzt schon weiss, dass sie in die falsche Richtung gegangen sind und trotzdem taucht die Idee immer wieder auf, wie ein anhänglicher Freund.
Ich habe beschlossen, dass ich das Projekt nun in Angriff nehme, eine längere Erzählung, ein Roman vielleicht — noch ohne Titel. Ein Arbeitstitel lautet: «Shuttlecock», der wegen der Kürze bestehen bleibt. Ein anderer, zu umständlich: «Die Rückhand des Meisters vom Tränenden Berg». Oder auch ganz affektiert: «Meister! Tochter! In jede eurer Lieben ragte noch ein Dritter»
Hier werde ich es einfach «Rally» nennen: Eine Geschichte über das Endspiel eines Badmintonturniers, bei dem zwei unterschiedliche Spieler mit ihren Leben und ihren Körpern, in die sich ihre Leben geschrieben haben, aufeinandertreffen. Ein junger und ein alter Spieler. Ein reicher und ein armer. Ein emotionaler, ein zynischer.
Ein klassisches Schema. Eine klassische Geschichte, hoffe ich. Die will ich auch erzählen. Allerdings will ich sie nicht klassisch erzählen. Aber mal sehen.
Den Prozess zu diesem Roman möchte ich nun vollständig auf dem Blog laufen lassen. Erste Skizzen, hingeworfene Absätze werden hier gepostet. Die Überarbeitungen, ein paar der Überlegungen, die ich aufschreiben will. Ob es bestehen bleibt, ob ich mich verrenne. Es ist das Internet, vielleicht hat ja jemand von beidem etwas.
Keine falschen Hoffnungen: Ich werde nicht mit der Beflissenheit eines Schriftstellers arbeiten. Nicht jeden Tag posten. Ich werde ab und zu was schreiben, es hochladen, sehen, was sich ergibt.

Über Kommentare freue ich mich.

Loribeths Missgeschick

Einige Gedanken zum Roman „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ von Michelle Steinbeck.

Bloggen statt schlegeln

Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben. Dann ist mir ein Missgeschick passiert, und ich wurde abgelenkt. Was, meinen Sie, hat das zu bedeuten? (34)

Nerven

Im ersten Absatz, bevor die Erzählerin auch nur einen Schritt tut, macht das Kind vor dem Haus eine klare Ansage. „Gestern habe ich geträumt, ich hätte alle beleidigt.“ Von Anfang an ist sicher: Das wird keine harmonische Angelegenheit. Ein Kampf wohl eher. Daher nimmt es der Text schon auf den ersten Seiten mit allem auf: mit Kafkas Unglücklichsein, dessen Setting – allein, nervös im Zimmer mit Blick aus dem Fenster, schreiend, als ein zu kluges Kind wie aus dem Nichts eintritt – Steinbeck gleich übernimmt; mit Murakamis Der zweite Bäckereiüberfall,

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Der Krieg im Garten des Königs der Toten (Ein-Satz-Review)

Der Krieg im Garten des Königs der TotenDer Krieg im Garten des Königs der Toten by Sascha Macht
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Dieses Buch ist eine Enttäuschung, die so gross ist, wie sie ein schlechtes Buch niemals bedeutete, denn es hält immerhin die Versprechung von Fantasie, jonglierenden Klischees und gespreizten Erzählsituationen, die mir Sascha Machts Gewinnertext des New German Fiction-Preises «Nach den Spionen» letztes Jahr gemacht hatte, indem auch hier die Handlung auf einer Just Cause-ähnlichen Abziehbild-kubanischen Insel spielt, wo die Klischees regieren, nicht nur als korrupte Generäle, kommunistische Sekten, deutsche Touristen, sondern auch in der Coming Off Age-Handlung selbst, als ein von den Eltern einsam zurückgelassener Junge namens Bruno Hidalgo, der sich in billige Horrorfilme, die auch nur schlechte Klischees von sich selbst und deren Inhaltsangaben oft lustig zu lesen sind, flieht und zu einem Filmfestival reist, um aus dem gelangweilten Elend der Existenz hinauszukommen, doch das Buch — trotz diesen gehaltenen Versprechungen — enttäuscht, weil die Sätze so lieblos zusammengeschustert sind wie die einzelnen Ideen und fantasievollen Schnipsel, deren Reihungen sie sofort in ein ironisches Licht rücken, wo, so spürt man, eben nichts so wirklich gemeint und alles nur das Spiel eines unglaublich bemühten Spassmachers ist, der sich an jedem sprachlich vulgären Register vergreift, in der Hoffnung, es münde in die Dreistigkeit eines Clemens Setz, auf der er leider einen grossen Rückstand hat.

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Das Geräusch aller fallenden Smartphones

Ich habe in meinem Leben schon so viele Smartphones zu Boden fallen sehen. Natürlich handelt es sich einfach um jenen Gegenstand, der überdurchschnittlich oft und, wenn man gewisse Fälle betrachtet, über Gebühr in der Hand gehalten wird. Dennoch ist es erstaunlich. Eben schlug ein iPhone krachend neben mir im Flughafen Kopenhagen auf. Das Geräusch ist fast vertraut.
Wie wäre das schön, wenn alle auf der Welt gleichzeitig zu Boden fielen. Amerikanische Banker und afrikanische VHS-Verkäufer würden mit kaum schockierten, angesichts des bevorstehenden Ärgerlichens leicht verblüfften Blick dem fallenden Handy hinterhersehen. Ein kleiner Einbruch in der Volkswirtschaft, ein paar tausend kaputte Geräte, mehr nicht, dafür: Terror durch das Alltägliche, spürbar gemacht. Unter dem wurde schon mehr gelitten als unter allen Kriegen zusammen. Nur merkt es keiner. Man denkt: „So ist das Leben. Es lagert sich eben Staub ab, wenn man nicht jede Woche wischt.“ Und denkt gar nicht daran, wie uns der Staub, der sich zu kleinen Terrorzellen sammelt, terrorisiert.
Aber man muss sich schon fragen: Ist der Mensch wohl nicht zum Halten von Smartphones gemacht (und nicht umgekehrt, wie jene Apple-Designer denken, die das sogenannte Handling perfektionieren wollen)? Liegt die Obszoleszenz nicht im Gerät sondern in der Behändigung durch unsere dürren Finger? Wie oft haben sie nicht schon gezittert und vor dem Einschlafen gezuckt!

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