Früh sterben

von Cedric Weidmann

Es blieb nicht viel vom Beerenkuchen übrig. Als die Mutter nach Hause kam, sah sie Kevin, der noch mit vollen Backen den Teig zu Krumen kaute, und im Schneidersitz auf dem Küchentisch sass.
Sie seufzte und fuhr sich über die Augenringe, wie sie es bereits den ganzen Tag getan hatte, in der undeutlichen Hoffnung, dass sie verschwinden würden. Sie stellte die Einkaufstaschen ab und zog Kevin harsch am Arm.
„Kevin! Wieso hast du den ganzen Kuchen gegessen? Schon wieder! Hab ich dir nicht gesagt, dass ich ihn als Geschenk mitbringen werde? Überhaupt magst du doch gar keine Beeren!“
Kevin versuchte etwas zu sagen, aber statt Worten entschlüpfte nur ein roter Klumpen seinem Mund, der mit einem unangenehmen Geräusch zu Boden fiel.
„Was ist bloss mit dir los?“, fragte seine Mutter, aber sie sprach zu ihm, als hätte dies keinen Sinn mehr. „Was habe ich bloss mit dir falsch gemacht? Ich habe dich doch in den Kindergarten geschickt, mit anderen Kindern zusammengebracht, ich habe dir Geschichten vorgelesen, dir Bücher gebracht -“
Hier brach sie ab, denn ein plötzlicher Gedanke durchkreuzte ihr Gerede.
Nach einer Weile des Kauens hatte sich Kevin genug Platz freigeschluckt, um einige Worte hervorzustammeln, die er folgendermassen ersuchte:
„Ich – habe den – Kuchen nicht gegessen.“
Seine Mutter sah ihn mit dem Blick an, den Eltern ihren Kindern zuwerfen, wenn sie hoffnungsvoll daran zweifeln, dass sie Eltern von diesem Etwas seien. Kevin fand, man brauche ihm nicht so einen fatalistischen Blick zuwerfen und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
Schon wieder seufzte die Mutter und liess von ihm ab. „Ja. Natürlich hast du den Kuchen nicht gegessen.“
Und sie begann, den Inhalt ihrer Einkaufstasche in den Kühlschrank einzuräumen.
„Weisst du“, sagte sie, „es ist nicht nötig, Dinge abzustreiten die auf der Hand liegen. Wenn klar ist, dass du den Kuchen gegessen hast, macht es keinen Sinn, das Gegenteil zu behaupten.“
Kevin entschloss, dass sie recht hatte, und entschied sich für eine andere Strategie. Er trat, als sie sich umgedreht hatte und nach verbliebenem Platz im Kühlfach suchte, mit seinem Fuss gegen das Bein seiner Mutter, die lauthals aufschrie. Ihr Gesicht lief rot an und auf ihrer Lippe überschlugen sich die Beschimpfungen, so dass am Ende keine einzige ihren Mund verliess. „He! Wieso machst du so etwas?! Sag es mir! Sprich mit mir! Was habe ich falsch gemacht? Habe ich dir irgendeinen Grund gegeben, dass du mich treten musst?“
Sie schloss den Kühlschrank und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Kind. Kevin zog Rotz die Nase hoch und wiegte den Kopf hin und her.
„Und! Du weisst genau, dass du fett wirst, wenn du ganze Kuchen isst. Das gehört sich einfach nicht, für ein achtjähriges Kind. Das ist krank. So wirst du ganz früh sterben. Sterben, hörst du?“
Kevins Miene änderte sich nicht.
„Warum? Und warum trittst du mich?“
Sie seufzte noch einmal und fuhr sich über die Augenringe. Sie wartete noch auf einen Anruf, er musste jeden Moment kommen. Ihr Puls war schon den ganzen Nachmittag auf Hochtouren und sie fühlte sich, als stünde sie vor einem riesigen unaufgeräumten Zimmer und der Besuch stünde gerade vor der Türe. Sie atmete langsam tief aus und ein, um sich zu überzeugen, dass sie sich keinen solchen Druck zu machen brauche. Es war ein ganz normaler Anruf. Ausserdem hatte sie den Einkauf schon erledigt. Sie sah also streng Kevin an und hoffte, dass er nachgeben würde.
Irgendwann, nach etwas mehr als fünf Minuten, mussten Kevins Beine zu wenig Blut gehabt haben, deshalb sah er seine Mutter an und erklärte: „Ich habe den Kuchen nicht gegessen.“
Seine Mutter nickte, nicht sicher, was sie davon halten sollte. Sie wünschte sich, sie hätte ihm einfach so glauben oder ihm, vielleicht, ohne Konsequenzen eine Faust ins Gesicht schlagen können. Stattdessen lenkte sie um.
„Die Eltern von Thomas und Sven haben mit mir gesprochen. Ihnen war aufgefallen, dass sie blaue Flecken hatten, nachdem sie mit dir gespielt haben. Kannst du mir das erklären?“
Kevin sprang vom Tisch und sah zu Boden, sein Gesicht war rot und verzerrt vor Gram.
„Sie sagen nicht, woher sie diese Flecken haben, aber Angelika, die Mutter von Thomas, hat beobachtet, wie du ihn auf den Sandkasten geschubst hast. Du weisst aber hoffentlich, dass man so etwas nie, nie machen darf. Nie, hörst du!“ Bei den letzten Worten schrie sie so verzweifelt, dass sie sich selbst verängstigte. Kevin stierte weiterhin auf die Kacheln in der Küche und suchte ihr Muster nach einem Spiel ab, das man darauf spielen könnte.
„Du bringst mich echt zur Verzweiflung“, sagte seine Mutter. Dann klingelte das Telefon und weil sie so überrascht war, rannte sie fast zur Tür hinaus. Im Rahmen hielt sie jedoch inne und schaute sich zu Kevin um, der sie mit kalten Augen anfunkelte. „Möchtest du noch etwas sagen?“, fragte sie halb angriffslustig halb aus schlechtem Gewissen, weil sie so schnell hatte verschwinden wollen.
„Ich habe den Kuchen nicht gegessen.“
Und Kevin fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, um die letzten Reste der Beeren vollständig und für immer durch seinen Magen zu entfernen.