Blaue Flecken rote Wangen

von Cedric Weidmann

Thomas ass ein wenig Teig.
„Nicht jetzt, Thomas, du musst doch warten, bis wir es gebacken haben.“
„Aber es ist so lecker“, presste Thomas aus vollen Backen hervor und zwirbelte kleine Fasern der klebrigen Masse um den Finger.
„Du wirst Bauchschmerzen davon bekommen“, belehrt ihn seine Mutter, während sie sich die Hände trocknete und zu Kevin hinüberschielte. Der Junge war ihr nicht ganz geheuer. Manchmal trug Thomas blaue Flecken nach Hause, wenn er mit ihm spielen war, und bei einer Freundin hatte sie schon Bedenken geäussert, ob er zum Kreis ihrer Kinder passte. Er war so grimmig und still. Vielleicht war er auch ein wenig behindert, wer wusste das schon? Deshalb, das war der Plan, würden sie und die anderen Mütter Kevin ein wenig unter die Lupe nehmen. Hier, beim Kecksebacken schien er sich nicht sonderlich wohl zu fühlen, andererseits, wer konnte das schon sagen?
Mit funkelnden Augen stach er Formen aus, stumm und mechanisch, mit einer maschinellen Präzision und einer verächtlichen Schnelligkeit Thomas gegenüber.
„Schau doch mal, wie toll das Kevin macht“, sagte sie. „Vielleicht kann er dir zeigen, wies geht.“
Beide blickten vom Tisch auf und sahen sie an, als hätte sie etwas Falsches gesagt.
Dann begann Thomas, Figuren zu kneten, zu spielen und zu plärren, während im Gegensatz dazu das rhythmische Niederfallen der Ausstechform von Kevins Seite zur beängstigenden Drohgebärde auswuchs.
„Schau mal, der Samichlaus!“, erklärte Thomas, an niemanden im Besonderen gerichtet, und streckte sein Werk in die Höhe.
„Das ist doch nicht der Samichlaus“, sagte Kevin misstrauisch.
„Doch, das ist er. Und da ist sein Esel.“
Kevin zog kritisch die Augenbrauen hoch und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
„Und das hier bin ich“, meinte Thomas und legte Kevin ein Figürchen hin, das nicht wie Thomas aussah. Aber man sah, dass es mit Liebe geformt war, der Kopf hatte dutzende Eindellungen, das Produkt einer perfektionistischen Korrektur, sein Körper versuchte behelfsmässig seine echten Proportionen einzufangen, auch wenn die Arme viel zu lang geraten waren, und, was vielleicht das Rührendste war, er hatte ihm in vollem Bewusstsein eine platte Nase aufgedrückt – die zu seiner eigenen, aussordentlich platten Nase passte. „Du kannst mich haben.“
Thomas lachte für sich.
Kevin wartete kurz, denn die Rührseligkeit hatte Thomas‘ Mutter überwältigt und sie musste hinschauen. Als sie sich wieder weggedreht hatte, nahm Kevin den geschenkten Teigthomas und legte ihn vor sich hin, dann trennte er, ohne zu Zögern, aber langsam, den Kopf vom Rumpf, schlug den Teig lange, mit sechs oder sieben Schlägen, flach und stach, in heftigem Hin- und Herdrehen, Formen aus dem, was von Thomas‘ Leiche übrig geblieben war.
Thomas traten Tränen in die Augen. Vor Unfassbarkeit versiegten sie jedoch, bevor sie über die Lider treten und hinabrinnen konnten.
„Schau doch mal“, sagte die Mutter wieder, als sie sah, wie Kevin nach dem Teig auf Thomas Seite grabschte, „Kevin macht sogar deinen Teig. Vielleicht solltest du dich ein wenig ins Zeug legen, um ihm nicht die ganze Arbeit zu überlassen.“
Kevin nickte.
Thomas schlug mit Wucht eine Hand an die Wange, die rot anlief.
Oh!, schoss es der Mutter durch den Kopf, Wer wusste schon, woher die blauen Flecken wirklich kamen!