Routine

von Cedric Weidmann

Das war dem Herr Kohler klar, dass sich die Klasse heute einen Scherz mit ihm erlauben würde.

Dass sie allerdings gerade so frech nach der Rückgabe eines Aufsatzes fragen würden, den er nicht einmal schreiben liess, verwunderte ihn. Vor allem, so schien es ihm, waren sorgfältige Aprilscherze besser und liessen sich nicht so einfach durchschauen.

„Okay, okay“, sprach er zu seinen Schülern, nachdem er sie (und sich) beruhigt hatte, „das war zwar lustig, aber vielleicht könnten wir uns trotzdem wieder unserem Stoff zuwenden?“

Trotz seiner langen Lehrerzeit hatte Herr Kohler noch viel Geduld und er machte seinen Job gut, soweit er das beurteilen wollte. Ihm gefiel seine Arbeit nicht besonders, aber ein wenig reichte ihm, und er mochte seine Schüler, einige davon wenigstens.

Plötzlich streckte eine Hand in die Höhe.
„Ja, Kevin.“
„Haben Sie den Aufsatz dabei, den wir bei Ihnen geschrieben haben?“
Herr Kohler bekam eine Gänsehaut. Langsam schien ihm das unheimlich. Es kam oft vor, dass Schüler dasselbe noch einmal fragten, weil sie nicht zuhörten. Kevin aber war einer jener Schüler, die immer zuhörten und ganz abgesehen davon, war die Klasse viel zu ruhig, um abgelenkt zu sein.
„Mir schien es, Kevin, dass ich die Frage erst gerade eben gehört hätte. Nein, ich habe den Aufsatz nicht korrigiert, ausser vielleicht in jenem Stadium des Bewusstseins, in dem Sie ihn auch geschrieben haben könnten.“
Kevin sank wieder in seinen Sitz zurück und sagte nichts mehr, worauf kurz verwirrte Stille herrschte, in der alle den Schüler ansahen, bis wieder eine Hand in die Höhe schoss.
„Lydia.“
„Ich wollte fragen, ob Sie uns den Aufsatz schon zurückgeben könnten.“
Herr Kohler seufzte und setzte sich aufs Pult.
„Es tut mir leid, Ihnen die Wahrheit so schonungslos mitteilen zu müssen, aber der Scherz wird nicht lustiger – und es ist nicht lustig – wenn Sie nur ihren Satz wiederholen. Ich muss zwar gestehen, dieser hier ist besser, als ich gedacht habe, aber trotzdem nicht das Mass aller Aprilscherze.“
Sie waren alle still, fast verletzt. Er sollte nicht so gemein zu den Kindern sein, sie haben sich immerhin Mühe gegeben.

Es streckten gleich vier auf, alle fragten dasselbe.
Herr Kohler wurde zuweilen wütend und ungeduldig. Er fragte, ob er wieder nach Hause gehen sollte und als er das tat, meldete sich Lydia noch einmal, die wissen wollte, wann die Aufsätze kämen.
„Es gibt keine Aufsätze! Das wissen Sie alle, das hier ist nicht lustig, wenn auch gut.“
So geht das nicht, dachte er sich, er durfte sich nicht einfach geschlagen geben. Er musste Ruhe bewahren und ihnen den Sieg nicht gönnen, auch wenn das etwas Kaltherzigkeit erforderte.
Er antwortete noch einige Male äusserst geduldig und amüsiert auf die Spässe, bis er sich einen Schüler pickte und hoffte, ihn etwas anheizen zu können.
Auf seine Sticheleien hin, sagte dieser kein Wort.
„Interessant“, brummte Herr Kohler, „wie wäre es mit einem Experiment? Sehen Sie diese Hand hier? Wenn Sie mir die gleiche Frage stellen, wie Ihre Mitschüler, werde ich sie schlagen. Das könnte ein Aprilscherz sein wie Ihrer, oder aber keiner und Sie würden böse erwachen.“
Der Schüler sagte nichts, sondern schaute ihn nur verwirrt an.
„Ich mache mir keine Sorgen wegen einer Strafanzeige, beim ersten April drücken die immer ein Auge zu.“ Als Lehrer war Bluffen genauso schwierig, wie überall sonst.
„Also?“, fragte Herr Kohler.
Der Schüler hob seine Hand in die Höhe, obwohl er schon lange angesprochen war.
„Haben Sie die Aufsätze dabei, die wir vor zwei Wochen geschrieben haben?“
Da hatte es der Schüler zu weit getrieben und Kohler wollte gegensteuern, seine Doppelstunde sollte immer noch 70 Minuten dauern und er hielt es nicht mehr aus.

Während er dem Schüler eine Ohrfeige gab, bereut er die übereilte Tat sofort, doch lange blieb ihm dafür nicht Zeit.
Die Klasse sagte nichts, wie es zu erwarten war, aber beunruhigenderweise war es keine Stille, die auf einem Schock beruhte, sondern eine leere.
Niemand sagte etwas und Herr Kohler fragte sich, ob er träume. Er klopfte noch einmal, diesmal feinfühliger, an den Kopf des Jungen. Es erklang ein metallisches Geräusch.

Da bekam es Herr Kohler mit der Angst zu tun. Er stand auf und trat wieder vor die Klasse, sein Gesicht blutleer und verzerrt.
„Was ist das für eine makabere Art von Scherz? Das ist nicht lustig!“, sagte er.
Er ging zu einem Mädchen, klopfte ihm auch an den Schädel, es schepperte kurz.
Diesen Versuch führte er an einer ganzen Reihe fort, bis ihm plötzlich jemand sagte:

„Herr Kohler! Haben Sie unseren Aufsatz schon korrigiert?“

Da stürzte er aus dem Zimmer, und rannte in den Schulhausgang, der absolut leer war. Natürlich war er leer, es war auch noch mitten während der Stunde. Aber er hätte gerne irgendjemanden gehabt und auch wenn er beinahe durchs ganze Schulhaus rannte, lief er niemandem über den Weg.

Er stiess die Tür zum Lehrerzimmer auf, und setzte sich erst einmal. Zu seiner Erleichterung sassen da einige Kollegen auf den Stühlen.
„Hören Sie, was mir passiert ist!“, keuchte er, doch die anderen schüttelten den Kopf.
„Bei uns doch auch, bei uns allen auch.“
Sie starrten nur auf den Tisch, wo ihre Kaffeetassen standen. Da beschloss der verwirrte Herr Kohler, sich auch einen Kaffee einzugiessen, aber an der Stelle, wo sich die Kaffemaschine hätte befinden müssen, stand jetzt ein Toaster. Es klebte ein gelber Post-It-Zettel mit der Aufschrift „April, April“ drauf.
„Wer von euch war das?“, fragte Herr Kohler genervt zu der Lehrerrunde, doch sie antworteten nicht. Er setzte sich wütend, starrte die Tassen der anderen an und fragte sich, wieso die alle eine hatten.
Dann kam ein anderer Lehrer hineingestürmt, die Krawatte hing im schräg von der Schulter.
„Oh mein Gott, das ist der schlimmste Tag meines Lebens, meine Klasse hat sich einen Aprilscherz erlaubt!“
„Bei uns doch auch, bei uns allen auch“, sagte eine der Lehrerinnen und dann schwiegen sie alle, auch Herr Kohler, dem das Ganze nicht sehr geheur war.
Der Lehrer, der hineingestürmt war, sah sich entgeistert in der Runde um.
„So sagen Sie doch etwas! Sie machen mir Angst, meine Schüler sagten auch nichts.“
Herr Kohler sagte nichts, weil es niemand tat.
Vorsichtig, so dass niemand es sah, klopfte er der Lehrerin an den Kopf, die neben ihm sass. Es klang nach Metall.
Herr Kohler sprang hoch. Als er nach dem neuen Lehrer suchte, der gekommen war, fand er ihn am Tisch sitzen, still in Gedanken versunken, vor ihm eine Tasse Kaffee.

Ohne Umwege flüchtete Herr Kohler hinaus aus dem Lehrerzimmer zum Rektorat, wo der Rektor mit einer Tasse am Fenster stand und Tee trank.
„Das glaubst du mir nicht!“, rief er, doch der Rektor drehte sich ganz entspannt um.
Herr Kohler erkannte sein Gesicht erst nicht, da die Sonne zu hell hinter ihm hervorschien. Doch als er näher kam, konnte er es sehen.
Über dem Gesicht des Rektors klebte ein gelber Post-It-Zettel, auf den in krakeliger Schrift „April, April, Herr Kohler“ geschrieben stand.

Er rannte durch die Mensa nach draussen und hatte auch Jahre später noch Mühe zu begreifen, wieso es die Schulkommission eigentlich jedes Jahr wieder schaffte, ihn so in Angst und Schrecken zu versetzen.