Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Kategorie: Märchen

Mein Kind, ein kleiner Sohn

Mein Kind, ein kleiner Sohn, kam am 19. September 2008, am gleichen Tag wie die Asset-Backed Commercial Paper Money Market Mutual Fund Liquidity Facility zur Welt. Ich stand mit dem Handy im Spital und tat, was etwas wie ein Nicken war, mit meinem Vaterkopf. Denn die Krise, in die wir das Kind geboren hatten, die in Stürmen durch altmodische Börsenhallen peitschte und gepflegte, starke Männer am anderen Ende der Welt in einer kleinen Telefonkabine zum Weinen brachte, war meine. Sie war meine Überstunden, sie war meine Beförderungsbedingung, sie war mein Trainingsprogramm, an dem ich jeden Tag sass, sie war der Stoff meiner alltäglichen und unter aufwachenden Augenlidern flackernden Träume. Meinem Chef hatte ich nicht einmal gesagt, dass es kommt.
Das fleischige Gesicht meines Sohnes. Mir lief der Stolz im Mund zusammen. Seine Austauschbarkeit neben den Brutkästen der anderen Frischlinge, die alle weinten ausser ihm. Ich hielt die Hand an die Scheibe. Es war ein kleines Gitternetz in ihr eingelegt. Das Netz legte sich über das mir zugewandte Babygesicht. Das mit der Hand fand ich auch echt dämlich. Wie aus einem ganz schlechten Film. Aber ich liess sie da beim Telefonieren, sie war weit über dem Kopf, viel zu weit oben, das Jackett spannte. Mein Sohn öffnete stumm seinen fleischigen Mund. Die Bewegungen waren im Gitternetz undeutlich, sie waren unregelmässig und glichen einem Sprechen. Ohne den Blick abzuwenden, telefonierte ich und was mein Chef auch sagte, das Kind schien es gerade so mit den Lippen zu formen.
The AMLF is designed to provide a market for ABCP that MMMFs sought to sell, sagt das Fed, erklärt mein Kind.
Meine Hand bringt das Glas ein wenig in Schwingung. Mit jener Deckung und dem Quantitative Easing, 45 Milliarden jeden Monat, wendete sich vielleicht etwas in der Lage, wie ich die Welt im Dunkeln zurück gelegt und zugedeckt hatte, und alles sah anders aus, wie wenn man die Tischplatte von unten betrachtet oder das erste Mal überhaupt etwas sieht. Was schlägst du vor, fragt er, kaum einen Tag alt, was schlägst du vor, willst du das neu gewichten im Portfolio? Zuerst müssen wir wissen, wer und wie an die Facility — ich will Namen, ich will eine Liste. Mein Sohn tritt mit seinem winzigen Fuss gegen das Plexiglas seines Brutkastens. Ich will diese Sachen bis morgen Abend, weil Nordamerika haben wir gekippt, schon vorgestern, du sollst das noch nicht erfahren, erst nächste Woche ist das Briefing, aber ich sag dir das jetzt schon, vertraulich und direkt, das kommt von ganz oben: Nordamerika haben sie gekippt, zumindest bis sich das fängt, 16, 17 Monate haben sie gesagt.
Ich war euphorisch und wollte den Chef einweihen. Mein Sohn, sein Lachen, seine Bewegungen, ich wollte sie allen zeigen, aber zuerst sagte ich: Sie schaffen mein Portfolio ab? Ja, ja, aber dich nicht — Südamerika, sie schicken dich rüber, Brasilia, usw. Du kennst dich doch aus? Hablas espagñol, hehe, nein, musst einfach die Indizes zusammenpeilen, ein bisschen die Rechenschieber zusammenkugeln, nichts Riskantes jetzt. Klar, sagte ich. Lachte mein Sohn? Er wand und drehte sich auf die andere Seite.
B´dann! Die Stimme des Chefs war leiser geworden. Vielleicht war die Sekretärin ins Zimmer gekommen und er hatte den Hörer abgedeckt um zu reden. Ruf dich gleich noch einmal an! — Warte, sagte ich. — Ja? — Endlich konnte ich meine Hand vom Fenster nehmen. Ich steckte sie in die Tasche der Anzugshose. Ich zögerte. Wie heisst das Packet nochmal? — AMFL. Merk dir einfach AMFL. — Ok. — Sorry, tut mir leid für dich, aber wir werden alle noch auf die Welt kommen.

X

Der kleine Winzling geht über die Strasse und von der Strasse wird er gefegt. Er ist überfahren worden von einem Bus und der Bus kommt quietschend zum Stehen. Vor dem Tatort sammeln sich die Menschen und sie schreien um Hilfe. Die Leiche ist verschmort und qualmt und der Qualm steigt zu den oberen Stockwerken der Häuser. Aus den Fenstern strecken die Neugierigen ihre Köpfe und in den Köpfen sammeln sie den verbrannten Dampf des Fleisches.

Die Geschäftsreise

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Ulan Bator. Seltsamer Ort für ein Meeting. Aber er war schon an vielen seltsamen Orten gewesen. Die Stadt wuchs schnell und konnte bald Kapitalzentrum Nordasiens werden. Nur hoffte er, dass sein gestern schon gebrauchtes Hemd reichen würde und in der versmoggten Stadt kaum auffiele. Zum Glück ging es nicht darum, einen guten Eindruck zu machen, sondern eine Absage zu erteilen. Das Geschäft mit dem mongolischen Staat war zu heikel und finanziell unsicher, weshalb sich seine Firma von den Verhandlungen zurückzog. Also keine guten Gründe sich vorzubereiten. Er versuchte trotzdem, endlich auf Flughöhe, eine Powerpoint durchzuklicken, wurde aber schnell abgelenkt. Er spürte einen Schlag im Rücken. Hinter ihm sass eine Frau, die ihn entschuldigend anlächelte. Er lächelte verständnisvoll zurück. Er musste auf die Toilette und als er durch den Gang ging, fiel ihm ein Mann auf, der mit dem Sitz langsam in senkrechte Position glitt. Der niedergesunkene Kopf mit den starren Augen sah einem Roboter ähnlich. Dabei zuckte sein Hals seltsam und er runzelte mechanisch die Stirn, als wäre sein Motherboard ausgefallen. Und tatsächlich brummte es eigenartig unter seinem Sitz. Doch er hatte keine Zeit länger zuzuhören, weil er sich nicht zu lange dort aufhalten konnte. Es hätte ihn allerdings interessiert, weshalb er den blauen Vogel, eine Art Ara, in den Händen hielt. Beim Vorübergehen sah es aus, als wäre er tot, aber ein lebendiges Tier wäre bestimmt auch nicht durch die Bordkontrolle gekommen. Sogar die Finger, die um den Hals des Tiers gelegt waren, knirschten wie bei einem Roboter, dessen Zentralsteuerung überhitzt und ausgefallen war.
In der Toilette trocknete er den Schweiss von der Stirn und sah sich an. Auch wenn das Motherboard ausgefallen war, war die Gefahr längst nicht gebannt. Im Gegenteil, die übertaktete CPU schaltete den Roboter in den Handlungsmodus. Er klopfte auf die Aktentasche, die er aus Vorsicht auf die Toilette mitgenommen hatte. Sie antwortete mit einem Glucksen. Er tastete an den Rücken, wo ihn die Passagierin getreten hatte. Was, wenn…? Sie kam ihm bekannt vor. Sie sass direkt vor dem Roboter. Vermutlich hatte sie ihn warnen wollen. In welchem Auftrag nochmal? Er wusste es nicht, aber es spielte keine Rolle. Die Firma wusste es bestimmt.
Und er wusste, dass der Roboter den Vogel auf keinen Fall loslassen durfte. Er richtete seine Krawatte, atmete tief durch und trat aus der Toilette. An der Bordsteuerung, für die er keine Befugnis hatte, drückte er auf einen Knopf. Wie erhofft fielen die Lampen aus und es wurde, bis auf die Notfall-Lichter, stockfinster. Die Flight Attendants riefen aus, einige kamen hergerannt. Er ging ihnen scheinbar verwirrt entgegen, stolperte im Korridor. Jemand stand auf, um ihm zu helfen, es war aber nicht der Roboter. Ein Seitenblick verriet ihm, dass der auch im Dunkeln noch auf seinen Vogel starrte, als hätte er sein Hinfallen nicht bemerkt. Er rappelte sich hoch, ging zu seinem Platz zurück, nahm seinen Mantel, warf der Frau durch die Dunkelheit einen Blick zu, der ihren für einen Zehntelssekunde traf. Dann sahen beide weg. Er zog sich den Hut an und schlüpfte, indem er auf den Sitz stieg, in die Gepäckablage. Die Leute riefen wild durcheinander und waren teilweise aufgestanden, weshalb er kaum auffiel. Er legte sich ganz vorsichtig in die enge Ablage und machte sich so flach wie möglich, dann zog er die Klappe zu. Neben sich legte er den Aktenkoffer. Jemand, der flüchtig hineingeschaut hätte, hätte ihn übersehen und für Tasche und Kleidungsstücke halten können. Dort verharrte er eine halbe Stunde, eine ganze. Der Nacken taub vor Schmerz betete er, dass das Motherboard unter dem Roboter durch eine Notschaltung wieder in Betrieb gekommen war. Vielleicht hatte auch seine mysteriöse Helferin bei der langen Ruhe die Hand im Spiel.
Dann hörte er das Krächzen und ihm blieb das Herz stehen. Ein Flappen, das vom probeweisen Schlagen mit starken Flügeln stammte, drang herauf. Er griff reflexartig nach dem Handy in der Tasche. Aber es war zu spät, sich von Freundin und Kindern zu verabschieden – das Handy war im Flugmodus. Ein Pochen und Schnattern wurde hörbar. Es scharrte an den Wänden. Er begann trocken zu weinen. Er klopfte auf die Aktentasche neben sich. Es klang hohl. Plötzlich wurde es hell – die Tür zur Gepäckablage wurde geöffnet… Wie klug von ihm, dass er die Aktentasche ausgetauscht hatte, als er sein Stolpern vorgetäuscht hatte. Der Roboter käme nie darauf, dass ausgerechnet der Mann hinter ihm einen Aktenkoffer aus dem Zoll tragen würde, in dem es lustig schwappte. Und in Ulan Bator würde der stechende süssliche Geruch, der daraus hervordrang, schnell im Schmutz der Stadt untergehen. Er lächelte stolz, als er in einem Meer von blauen Federn untertauchte.

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(Handy #6)

So spät noch ein Kind

Schau mal da, hinter dir.
Er drehte sich nicht um, sondern presste den Kopf mit geschlossenen Augen ans Sitzpolster als wäre es ein flauschiges Kissen.
Schau mal, das Kind sieht genau aus wie du.
Er blickte stattdessen nach links zum Zugfenster, wo er nur sie, eine junge Frau mit einer konzentrierten Stirnfalte, und ihn, abgerockt und chancenlos müde, im Abteil sitzen sass, weil es draussen dunkel war.
Sie begann in der Tasche zu nesteln.
Aber ganz genau so wie du. Wenn du dich nicht umdrehen willst, werde ich ein Foto machen.
So spät noch ein Kind, sagte er.
Sie hatte das Handy hervorgeholt, einige Tasten gedrückt und kniff ein Auge zu, um besser zu zielen.
Was hast du gesagt?
Es klickte.
So spät noch ein Kind.
Sie wollte ihm das Bild zeigen, doch er war eingeschlafen.

„Meine Mutter schreibt auch.“

Er sass im Bus in den Sitzen, von denen man die Beine in den Stehbereich strecken konnte. Es war früher Feierabend, die Menschen rückten eng zueinander auf. Ich stand im Gedränge vor ihm. Er sah mich schon beim Einsteigen erkennend an und ich lächelte zurück. Ich kannte ihn, von fern oder aus früheren Zeiten. Doch ich konnte das pausbäckige Gesicht mit dem spriessenden Bart mit keiner Gelegenheit oder Begegnung zusammenführen.
„Hey!“, sagte er.
„Hoi“, sagte ich.
„Du bist doch der Cedric.“
„Ja, und du der …“
„Mirko.“
„Mirko. Klar, der Mirko.“
Der Bus brummte. Eine Schülerin, die so dicht neben mir stand, dass sie unser Gespräch überhörte, sah Mirko prüfend an, als hätte sie die Vermutung, er löge.
„Wie geht es dir? Schreibst du eigentlich immer noch.“
„Ja, ich versuche es, so gut es eben geht neben dem Rest.“
„Cool.“
Wir nickten eine Weile. Auf meiner Hand entdeckte ich eine Verletzung, von der ich nicht wusste, woher ich sie hatte. Es war eine unregelmässige Schürfung am Handgelenk. Ich lief oft in Gegenstände hinein oder verletzte mich an einer rauen Wand meiner Wohnung. Aber früher hatte ich wenigstens noch gespürt, wenn mir etwas zustiess. Das Mädchen schien sich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Füssen halten zu können, nur der Arm, mit dem sie sich an der Deckenstange hielt, war ein festgelötetes Gelenk, das nicht locker liess. Sie blinzelte wie in Zeitlupe und vor dem Augenschliessen konnte ich zweimal beobachten, wie sich die Augäpfel nach oben zu kehren begannen, kurz bevor sich das Oberlid über die Pupille senkte.
„Sehr cool. Da muss man ja echt viel wissen und lesen. Ich selber habe es ja wahrscheinlich nie so ganz mit Sprache gehabt. Aber ich habe auch gerne mal Geschichten geschrieben, aber so den Schritt sich vorzuwagen aus der Schreibkammer, der ist mir immer schwer gefallen.“
„Ja, das verstehe ich“, sagte ich.
Ein Mann stand mir auf den Fuss und entschuldigte sich. Ich spürte ein unangenehmes Gefühl an den Zehen, aber es war kaum ein Schmerz. Das Mädchen stiess mit der Schulter gegen meine Brust.
„Meine Mutter schreibt auch“, sagte er plötzlich.
„Ah?“
„Ja, schon lange. Ganze Romane.“
„Oh.“
„Ich weiss, wie hart es ist. Ich weiss es von meiner Mutter. Es ist echt schwer, einen Publisher zu finden, der deine eigenen Wünsche wahrnimmt und dir nicht alles aus den Fingern reisst. Sie hat noch keinen, aber sie will bald einen finden. Sie schreibt Kurzgeschichten und Romane. Von Hand, nicht am Computer. Sie zieht sich ganze Wochenenden zurück und will alleine arbeiten, was manchmal unsere Familienpläne durcheinanderbringt. Aber klar, es braucht auch viel Konzentration und Geduld.“
„Das ist toll“, sagte ich.
„Ach was“, er zuckte mit den Schultern. „Eltern. Aber eben, Respekt, es braucht echt viel Begeisterung.“
Die Stationen kamen jetzt schneller, während der Bus ausserorts fuhr. Er erzählte mir von seiner Mutter, sie schreibe einen Roman über die Zombieapokalypse. „Sie schleift an jedem Satz. Sie hat ganze Notizbücher gefüllt. Sie hält sich wach, indem sie liest. Wir alle sind stolz auf sie, vor allem Vater, denn was sie macht, ist nicht ohne.“
Seine Haltestelle kam. Er verabschiedete sich und musste sich, Entschuldigungen ausstossend, an seinen Sitznachbarn vorbeischieben.
„Hat mich gefreut, Cedric.“
„Mirko.“
Er hielt kurz inne, schulterte nachdenklich den Rucksack. „Wahnsinn, dass du noch schreibst.“ (Er schüttelte dazu den Kopf.)
„Komm gut heim“, sagte ich.
Jetzt nickte er und zog sich die Kopfhörer über die Ohren, seine Pausbacken glühten in den Abend. Die Schülerin öffnete die rollenden Augen, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht, und sah mich erschrocken an. Ich blickte auf meine Hände. Das trockene Blut liess sich einfach abreiben und bröselte auf die Schuhe der Passagiere.

Der Kurier

Schon wieder. Schon wieder auf der Strasse, schon wieder dunkel. Aber etwas muss immer von A nach B, sagt mein Chef. Er hat diese gleitende Powerpointpräsentation, wenn er bei Firmen vorspricht. Sie gleitet erst langsam, nimmt Tempo auf und vollzieht dann seltsame Wirbel auf dem Sternenhintergrund, so dass der Zuschauer glaubt, durchs All zu schweben. Etwas muss immer von A nach B schon wieder. Diese gleitende, wirbelnde Powerpointpräsentation, als Bewerbung für einen Fahrradkurier, dem selbst der Kosmos nicht unverschlossen scheint. Schon wieder so dunkel sogar, dass der Schein dieser Fahrradlampe keine Leiche mehr auf der Strasse erkennen lassen würde, höchstens noch Mauern, grosses Gefälle und spiegelndes Wasser, so dunkel und schon wieder so kalt, dass es durch die Winkel meiner Finger in die Handschuhe zieht, aber etwas muss immer von A nach B und wenn es nur eine Idee ist, ein Gedanke, damit hatte er die Zuhörer in der Tasche, ganz am Ende der Powerpointpräsentation, wenn er das brachte, alles muss von A nach B, und wenn es nur eine Idee ist, sie merkten auf, als sie längst vergessen hatten, dass sie für Immaterielles auch E-Mails schreiben könnten. Aber es gehört zu unseren Kunden, dass sie eine Idee für etwas Anfassbares, Verpackbares halten, nicht weil sie es nicht besser wüssten, sondern weil sie Anfassbares glücklich macht, durch die Winkel der Finger. Etwas muss immer von A nach B, und mein Knie brennt. Ich habe vor langer Zeit um eine neue Lampe gebeten, der Kegel meiner Funzel fürchtet sich vor der Dunkelheit und duckt sich vor den Schatten weg, mein Chef hat mir eine neue versprochen, er hat sie mir sogar zweimal versprochen, Sicherheit geht vor. Schon wieder ist es dunkel, die allerletzte Lieferung auf meinem Gepäckträger, aber dann ist wirklich Betriebsschluss, auch wir haben unsere Lieferzeiten. Oben sehe ich durch die pechschwarzen Äste hindurchschimmernd einen verdreckten Nachthimmel. Im Industriegelände spüre ich den Weg der Holpersteine nach, lasse mich von ihnen führen, von A nach B, ich sehe jetzt auch keine Leiche mehr auf der Strasse, aber auch keine Mauern und kein Wasser, nichts, nur das Plantschen von fliehenden Tieren manchmal von der linken Seite. Und wenn es nur eine Idee ist, ein Papierhäuschen erschien im Weltall, aus dem eine aufleuchtende Lampe trat, die Lampe bewegte sich eine Weile durch die Galaxien und schlüpfte dann in ein weiteres Häuschen hinein, und wenn es nur ein Gedanke ist, die Lampe verpuffte zu einem Wölkchen. Das Knie brennt und der Hintern, und ich spüre hinter mir wie sich der Karton aus dem nach unten pressenden Griff des Gepäckträgers schiebt, aber ich halte nicht an. Autos sind schnell auf der Strasse, aber Ihr Unternehmen ist ein modernes Unternehmen. Autos sind schnell auf der Strasse, aber Ihr Unternehmen ist nicht auf der Strasse, Flugzeuge sind schnell in der Luft, aber Ihr Unternehmen ist nicht in der Luft, es ist überall. Nur Velos sind schnell überall.
Die vergitterten Fabrikhallen rechts von mir, der Zaun gleitet vorüber, der Geruch von Sulfaten, mein Knie brennt, die Finger frösteln und ich muss später, wenn alles vorbei ist, noch von B nach A. Ich habe den Raum verlassen müssen, wenn die Powerpointpräsentation kam, die Bilder schwirren auf Knopfdruck des Chefs über die Leinwand und die zehntausend Sterne, alle mögliche Sonnen belebter Planeten, alle Wiegen neuer Leben und Geheimnisse, sprenkeln die Wand und mir ist oft schlecht geworden vom blossen Zusehen in diesem Taumel. Sicherheit geht vor, hat er gesagt, aber am Wichtigsten ist mir deine Sicherheit. Wenn du nicht von A nach B kommst, wer anderes und was anderes sollte es schaffen? Schon wieder. Schon wieder zu spät, kurz vor Betriebsschluss, aber dann ist wirklich Schluss, Dringendes, Express-Lieferung. Schon wieder kalt, stockdunkel jetzt, und der Stummelfinger meiner Leuchte wühlt sich kaum fünf Meter vor. Der Zaun öffnet sich auf der rechten Seite und ich biege ab auf die Zufahrt, schon wieder biege ich ab und rumple über die Holpersteine und das Packet knirscht hinter mir, aber es sitzt noch, die Nase läuft aus, ich bin von A nach B, ich bin gekommen, schon wieder, wieder in der tiefsten Dunkelheit, Vorbetriebsschlussdunkelheit, denn es ist überall, das Moderne, nicht in der Luft, und nur Velos sind schnell überall, von A nach B und auch wenn ich nur eine Idee bin, ein Gedanke, ein Wirbel im Kosmos. Schon wieder habe ich etwas nicht gesehen, der Mann ist aus der Dunkelheit gekommen, ist entgegengekommen, die Arme aufgespannt um das Paket zu empfangen oder Strahlung aus dem Kosmos, ist da gestanden und fliegt, er stöhnt noch auf, während sein Knie nach innen klappt, der Schädel poltert von A nach B gegen den Lenker, es ist kalt und durch die Winkel meiner Finger spüre ich warmes Zähflüssiges, vor mir fällt er niedergestreckt in den Wühlfinger der Lampe, in deren schwachem Licht auch eine Leiche nicht ganz tot aussieht. Anhalten, quietschen, vielleicht ist es keine Leiche. Schon wieder. Sicherheit geht vor, du musst von A nach B, was oder wer anderes, wenn nicht du, und wenn du auch nur eine Idee bist, ein Gedanke, auch wir haben unsere Lieferzeiten, und komm mir wieder zurück, von B nach A, gib das Packet ab, sie mögen das Anfassbare.

Für Winter grosses Glück

Ich bin ein Huuuuhn. Ich bin ein Huhn. Links: Der Stall, an dessen Bretterwand eine aufgestellte Schubkarre lehnt, er ist nicht lang, aber auch nicht so kurz, dass im Gehen nicht eine gewisse Zielstrebigkeit liegen müsste, um seine Länge abzulaufen. Davor, sehe ich, gockelt der Hahn, immer umkreist von den zwei Anhänglichen, die flatterhaft vom einen auf das andere Füsschen springen. Sie nicht beachtend stolziert er hin und her und lässt die Hennen wie Satelliten um sich kreisen. Hinter der Schubkarre, gleich unter dem Fenster, steht ein älterer Mann mit einer Maske. Er trägt einen weiten Mantel, hat die Maske hochgeschlagen, um in seiner Erregung freier zu atmen, und wirft regelmässig Blicke zur anderen, der Stallmauer abgewandten Seite hin, während er seine Hand mit den gespreizten Fingern inspiziert. Nachdem in mehreren Schauern Furchen durch seine Stirn geronnen sind und sich seine Mundwinkel im spuckenden Selbstgespräch verzogen haben, zieht er den Ehering vom Finger und dreht das ihm plötzlich unverständlich Fremde in den Händen. Der hasserfüllte Blick, den er immer wieder verstohlen in die andere Richtung schickt, nimmt jetzt einen anderen, gefährlich entzückten Ausdruck an und die Verstohlenheit hat einer offenen Angriffslust Platz gemacht. Nur die Furchen beginnen jetzt wieder verräterisch zu spielen, als er das Harte, das er aus der Innentasche seines Mantels kramt, in den Händen hält und lächelt. Er scheint ganz zufrieden damit, sehe ich, und beginnt, angetrunken, loszustaksen, indem er sich, die Hände im Rücken, von der Bretterwand abstösst. Vor sich trägt er, wie um es von sich weg zu halten, das Glänzende, Tödliche, das nicht der Ring ist. Nanu? Ein Korn! Alles verschliert sich beim Zuhacken, aber es schmeckt. Und dann wieder, den Kopf schräg gestellt in seiner angenehm gewohnten Stellung, pocht das Blut noch eine Weile und erst wenn es abklingt, stellt sich die Schärfe des Blicks aufs Neue ein. Rechts: Das grosse Haus mit dem rosenumrankten Eingang, aus dem die beiden hinausgestolpert kommen. Sie halten sich fest, vergraben die in der Kälte unverzüglich aufleuchtenden Nasen in ihre Gesichter, die sie in der Festung ihrer aufgeschlagenen Mantelkrägen vor dem Winter schützen. Die Frau, eindeutig älter als der junge Hausbesitzer und von Haltung und Stand nicht zu ihm passen wollend, zieht ihn mit der nackten Hand, die sie in seinen Nacken presst, zu sich hinab. Auch dort hinten, am Hals, glänzt es, der stolz blinkende Ring ist beispiellos, sehe ich, an dem dünnen Fingerknöchel festgemacht. Das Paar bemerkt weder die über ihnen im Flug seltsame Ziffern beschreibenden Krähen, noch die unsorgfältig geschlossene Tür des Hauses, die im Luftzug aufweht und dampfende Luft in den Vorgarten entlässt. Sie würden auch einen Mann nicht bemerken, der von hinten auf sie zusteuert, wenn er auch so übermütig ginge, als hoffte er, rechtzeitig erkannt und aufgehalten zu werden. Aber da ist niemand, der ihn aufhält. Aber was rede ich, er selbst ist ja gar nicht mehr da! Der Mann mit der Maske und dem glänzenden Etwas in der Hand ist aus meinem linken Auge verschwunden. Vielleicht wird er in das rechte mit seiner wütenden Hast wieder eintreten und zu den anderen beiden stossen. So ist es ja gewöhnlich. Aber man kann es nie wissen. Da, ein Koorn (noch eins)! Für Winter grosses Glück.

Das Wolkenkrematorium

«Du musst es versuchen.»
«Aber warum?»
«Wir müssen ein wenig auf unser Geld achtgeben, mein Sohn, du weisst, dass die Dinge nicht gut stehen. Versuch es doch. Mir zuliebe.»
Er nickte und half seinem Vater, den verpackten Leichnam auf den hinteren Sitz des Doppeldeckers zu hieven.
«Aber es wäre doch leichter, wenn wir ihn hier verbrennen würden und die Asche oben ausstreuten. Sie wünschen doch nur, hinunterzuregnen, nicht in den Himmel zu kommen.» Er lächelte über den klugen Vergleich.
«Richtig, du musst weiterhin den Regen mit der Asche auslösen, so steht es im Testament. Aber wenn du die Kremation in der Luft vornimmst, ist alles ein Vielfaches leichter. Wir können dann die Miete hier sparen.»
«Gut.» Der Sohn starrte auf seine Hände, als wären sie ein Buch, in dem man lesen konnte. «Ich mache es.»
Der Vater lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. Eine Weile sah er ihn gerührt an. «Moment, du kannst Markus als Unterstützung mitnehmen», sagte er und erschien wenige Sekunden später mit dem Gürteltier. Er legte es vor ihm auf den Tisch.
«Wirklich?»
«Ja. Du bist alt genug.»
Der Sohn nahm das Gürteltier ehrfürchtig und legte es zum Leichnam auf den Hintersitz. Selber schwang er sich durch die Flügel des Doppeldeckers hindurch und schlüpfte ans Steuer. Der Motor heulte auf, der Propeller keuchte. Als er in die Lüfte stieg, warf er prüfende Blicke auf den hin und herschaukelnden Toten und das auf ihm sitzende Gürteltier. Markus quiekte.
Er steuerte auf eine Cumulus congestus zu, die sich noch am Horizont befand. Unter ihnen zogen farbige Felder und Äcker vorbei und auf den Strassen sah man Traktoren bummeln. Markus war nach vorne gekrochen, stieg auf seine Schulter und zeigte auf ein anmutiges Herrenhaus, in dessem Hintergarten ein Croquet-Spiel stattfand. Ganz in weiss gekleidete Damen verfolgten, wie Herren mit karierten Mützen Bälle durch Törchen bugsierten, und prosteten ihnen Mut zu. Auf der Galerie des Hauses funkelte das Blech der tanzenden Big Band.
«Wir müssen ihn verbrennen», rief er ihm zu.
Das Gürteltier sah zum Leichnam zurück. Der Greise schimmerte noch von der Balsamierung und nickte nachdenklich in den Turbulenzen.
«Warum?»
«Vater und Mutter können das Krematorium als Stripschuppen untervermieten.»
Markus kniff die Augen zusammen und klackerte mit seinem Panzer. «Also ist es für die Familie», sagte er stolz.
Der Sohn nickte. Er zog nun eine Schlaufe über einem aufblitzenden Fluss. Markus blies einen Luftballon mit Helium auf. Dann wuchtete er einen schweren Anker aus dem Flugzeug und warf ihn über die Heckflügel. Der Doppeldecker machte einen gefährlichen Schlenker, den der Sohn mit einem geschickten Manöver auszugleichen wusste. Es glitzerte, als der Anker in den Fluss fiel. Der Luftballon schwebte nun am Seil, unbewegt auf der Höhe der Wolken.
«Markus! Die Wolke, sie kommt näher.»
Tatsächlich war aus der Cumulus congestus innert kurzer Zeit eine sich Kilometer weit auftürmende Kumulonimbus geworden, deren Ausläufer nur noch wenige Meter vor ihnen schwebte. Sie drehten ihre Pirouetten enger.
«Markus, wie sieht’s aus? Die Zeit ist knapp.»
«Näher zum Ballon!» rief das Gürteltier.
Der Sohn steuerte den Doppeldecker in die Wolken. Die Fliegerbrille beschlug sofort. Der Leichnam schien euphorisch zu hüpfen. Das Gürteltier quiekte. Die Äcker und Herrenhäuser waren verschwunden. Alles um sie herum war weiss. Er machte einen schwungvollen Bogen und steuerte erneut auf den Ballon zu. «Los, Markus! Nimm die Fackel.»
Das Gürteltier hielt sich mit dem Schwanz an der Kante fest und rutschte über den roten Stahl des Hecks. In seinem Mund hatte es die brennende Fackel geklemmt, weshalb ihm das Sprechen schwer fiel. Es raunte dem Sohn etwas zu, worauf dieser die Füsse ans Steuer presste und sich vorsichtig nach hinten drückte. Er griff über den Kopf nach dem Leichnam und konnte ihn unter Aufwendung seiner ganzen Kraft aus dem Sitz hieven. Nun waren sie alle drei auf der Tragfläche des Flugzeugs. Der Wind biss ihnen in die Flanken, zweimal schlug ihnen die Stahlfläche leicht in den Rücken. Die Wolken begannen sich zu lichten, sie konnten vereinzelte Flecken Erde ausmachen.
«JETZT!», schrie das Gürteltier durch die Zähne gepresst. Der Ballon war wenige dutzend Meter vor ihnen aus dem Nebel aufgetaucht. Der Sohn musste das Steuer mit den Füssen loslassen, um sich umzudrehen: Er packte den Greis bei den Schultern und schüttelte ihn, als wollte er einen Betrunkenen zur Besinnung bringen, und warf den Toten mit einer Drehbewegung auf den linken Flügel. Das Flugzeug geriet nun sofort aus dem Gleichgewicht, aber mit einem untrüglichen Manöver sprang der Sohn zum Steuer und hielt den Doppeldecker für mehrere Sekunden in der Balance. Markus liess die Fackel los und schleuderte es mit einem Faustschlag in Richtung Ballon. Ein kleiner Zwick mit dem Steuerrad nach links liess den sich kaum mehr halten könnenden Leichnam endgültig über die Flügelkante gleiten. Die Fackel traf den Ballon. Neben ihnen ging alles in Flammen auf, das Seil zuckte wie lebendig, schwarzer Rauch stiess in die weisse Wolke vor, der Klang der Explosion blendete für lange Zeit das Geräusch der Rotoren und des Fahrtwindes aus.
Das Gürteltier hielt sich jubelnd am Hinterkopf des Sohnes fest, der seine angeschwärzte Fliegerbrille vom Kopf zog und selber jauchzte. Die Luft schien überladen und wie ein riesiges Gefängnis, in dem Atmen unmöglich geworden war. Dann, wie in einer grossen Entspannung, begann es leise auf den Stahl zu klopfen. Der Regen hatte eingesetzt.