Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

von Cedric Weidmann

Tim stand vor der Türe, hielt in seiner rechten Hand den Gitarrenkoffer und hatte eine etwas gebückte Statur.
Aus dem Innern des Nebenraumes drangen die Klänge schwingender Saiten auf den Korridor. Tim schaute sich im Korridor um. Er war aus altem Holz, wie auch das kleine Gebäude in der Mitte der Stadt sehr alt war, in dem er sich befand, doch alles war zusätzlich mit weisser Farbe bestrichen, die immer so roch, als wäre man gerade erst eingezogen. Auf der anderen Seite des Ganges konnte Tim die Tür sehen, deren kleines Glasfenster den Blick auf einen grauen Regentag freigab.
Tim überlegte, ob es wirklich Donnerstag sei.
Er schaute auf seine Uhr. Es war Donnerstag. Jede Woche war Donnerstag, da gab es überhaupt nichts schön zu reden. Jeden Donnerstag um Viertel nach Sieben hatte Tim seine Gitarrenstunde, so war das.
Die Melodien im Zimmer schwiegen plötzlich. Tim hielt den Atem an. Was besprachen sie? Was hatte Eva wieder falsch gemacht? Für einen Moment befürchtete Tim, dass Eva gleich jetzt herauskäme und schon mit ihrer Stunde fertig wäre. Zu Tims grosser Erleichterung war das jedoch nicht möglich, es war noch Fünf nach Sieben. Nach der Schule musste er nämlich immer mit dem Bus in die Stadt fahren. Und der einzige Bus, der ins Stadtzentrum fuhr, brauste im Halbstundentakt durch die Strassen. So kam es immer, dass Tim früher da war, in dieser kleinen Musikschule, im weiss gestrichenen, stinkenden Korridor.
Tim bemerkte den Hunger im Magen. Normalerweise hatte er etwas zu essen dabei, aber heute hatte er es irgendwie völlig vergessen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit seinem Gitarrenkoffer in der rechten Hand dazustehen und Evas Musikstunde zu lauschen.
Sie begannen drinnen wieder zu spielen. Es klang nach Jazz oder so, Tim wusste das nicht genau, aber es gefiel ihm. Evas Gitarrenspiel war sowieso immer wieder sehr bewundernswert und wie er hörte, dass sie mit Präzision und Können über die Saiten hüpfte und in Geschmeidigkeit eine vorgezogene Triole spielte, so freute er sich immer an der Kunst.
Aus Tims Bauch stieg ein Kribbeln in den Kopf, ein unangenehmes Gefühl, die plötzliche Angst, die Angst, dass er es nicht könne, dass er es nicht genug geübt hatte.
Er hatte wieder nicht genug geübt. Sollte er nicht gleich wieder zurückfahren? Der nächste Bus würde allerdings erst in zwanzig Minuten wieder fahren, Zeit genug für Frau Hangartner den Kopf aus dem Zimmer zu strecken und nach Tims Verbleiben zu fragen. Vielleicht sogar Zeit genug, Tims Mutter wieder zu informieren, dass er ein weiteres Mal ohne Entschuldigung dem Unterricht fern bliebe.
Nein, da musste er jetzt durch, das konnte er jetzt nicht noch einmal bringen.
„Du musst zwar ein Instrument spielen“, hörte er seine Mutter die Diskussion ein tausendstes Mal wieder aufrollen, „Aber ich will dir nicht sagen, welches. Wenn es dir nicht gefällt, so nimm doch ein anderes.“
Tim betrachtete den Gitarrenkoffer in seiner Hand. Er war ausgetragen und die braune Farbe hatte mittlerweile in ein ausgewaschenes Grau gewechselt. Vom Flohmarkt hatte er den. Vom Flohmarkt, so viel war ihm das wert?
Tim spürte, wie er an den Handflächen zu schwitzen begann und er stellte sich schon die Handreichung mit Frau Hangartner vor, das Aneinanderklatschen all dieser kleinen Handpartien und ihrem Schweissfilm, das in der Stille der Peinlichkeit ein kleines Geräusch verursachte, wie ein Furz vielleicht, dachte Tim und musste grinsen, doch das Grinsen verschwand wenige Sekunden später spurlos aus seinem Gesicht.
Es war wieder still und Tim wusste nun, dass seine Stunde geschlagen hatte.
Er wiegelte nervös den Gitarrenkoffer von der rechten in die linke Hand.
Die Tür schwang auf und Eva trat heraus, auch sie trug in ihrer Hand einen Gitarrenkoffer, allerdings einen aus Metall, silbrig und poliert. Nur schon die Art wie sie ihn trug, machte sie zur geborenen Gitarrenspielerin. Sie stellte ihren Gitarrenkoffer hin, schloss behutsam die weisse Tür hinter sich und sah Tim an, während sie ihre Jacke aus der Garderobe hob und anzog.
Tim wollte etwas sagen, wollte irgendetwas fragen, er hatte nur plötzlich vergessen, was es eigentlich war.
„Schön gespielt“, murmelte er knapp.
Eva lächelte. Sie bedankte sich nicht. „Sie war heute nicht so…“ Sie brach ab und zerschnitt mit dem Zeigefinger symbolisch ihre Kehle, langsam, von rechts nach links. Tim schluckte.
„Bis dann“, sagte sie und winkte Tim noch zu, während sie in den Regen hinausstürmte um den nächsten Zug zu erreichen. In diesem Moment hätte er alles darum gegeben, mit ihr tauschen zu können.
Doch seine Aufmerksamkeit wurde gleich wieder auf die grosse weisse Türe gelenkt, aus der Eva die Stunde verlassen hatte.
Er hatte wieder nicht geübt.
Langsam und zögerlich, er spürte die Klinke kaum noch unter der Schweissschicht seiner Handfläche, öffnete er die Türe. Der Raum war gleich einige Grad wärmer und etwas stickiger.
In zwei Wänden waren Fenster eingelassen, an die trist der Regen tropfte. In der einen Ecke lagen Taschen und Kleider von Frau Hangartner. Das war ein Bereich im Raum, den niemals ein Schüler hatte beschreiten dürfen und auch nie einer jemals würde, ausser Eva vielleicht, wenn sie gross und erfolgreich war.
In diesem verbotenen Ecken stand auch eine teure Fendergitarre. Ein Poster von Jimi Hendrix hing inmitten der weissen Wand.
Es roch nach Kaffe und die Kaffemaschine stand unschuldig in einem anderen Ecken des Raumes ohne ein Geräusch von sich zu geben.
„Hallo, Tim“, sagte Frau Hangartner freundlich.
Er hatte schon wieder nicht geübt.
„Guten Tag, Frau..“ Der Name blieb ihm im Hals stecken, denn zu seinem grossen Entsetzen streckte sie ihm zur Begrüssung die Hand hin. Ihm fiel kein Ort ein, wo er sie hätte abwischen können. Er tat so, als hätte er es schwer, sich mit seinem Gitarrenkoffer zu bewegen und setzte ihn darum umständlich ab, während er unauffällig mit der Handfläche über den Koffer fuhr, um den Schweiss abzustreifen. Natürlich hatte er keinen Erfolg.
Als er ihre Hand nahm, hatte er das klatschende Geräusch der Schweissschicht beinahe hören können. Und er sah verlegen weg.
Er setzte sich verlegen und Frau Hangartner tat es ihm gleich.
Ihr Stuhl war mindestens zehn Zentimeter höher als seiner.
Sie schaute über den Rand ihrer Brille über ihre grossen Brüste über ihre teure Gitarre auf ihn hinab, während er mit zittrigen Händen nach dem richtigen Lied suchte.
„Na, wo sind wir stecken geblieben? Ach, das hier, das ist ja nicht so schwierig, du warst bestimmt unterfordert.“
Tim wäre am liebsten in Ohnmacht gefallen. Stattdessen wankte er nur halbpatzig unter seinem übermässigen Blutdruck.
„Na?“ Tim zuckte unter jedem einzeln ihrer kaum spärlich eingesetzer „Na“s zusammen. „Das kannst du doch bestimmt auswendig, nicht wahr?“
Und damit lehnte sie sich vor und – Tim wollte es nicht glauben – klappte das Notenbuch zu.
„Also, los.“
Sie spielten, Tim starrte mit krampfhaft aufgerissenen Augen auf die Griffe, die Frau Hangartner benutzte und versuchte es ihnen nachzutun, um so den Eindruck zu machen, das er es einfach langsamer zu spielen gewohnt sei und darum immer etwas hinterherhinkte. Natürlich hatte er keinen Erfolg.
Frau Hangartner hörte auf zu spielen und setzte die Gitarre ab.
„Du hast schon wieder nicht geübt, stimmts?“ Sie sagte es sehr ruhig, allerdings enttäuscht.
Er hatte schon wieder nicht geübt.
„Du weißt, ich habe dir das letzte Mal gesagt, dass du diesmal unbedingt üben musst.“
Tim schwieg.
„Warum hast du meinen Rat nicht befolgt?“ Ihre Stimme war nicht wütend, sondern sehr bedauernd.
„Bitte steh auf.“
Tim stand auf. Frau Hangartner erhob sich ebenfalls und sie zeigte mit der Hand, ihm zu folgen.
„Ich habe dir gesagt, das würde Konsequenzen haben“, sagte sie, während sie ihn zu einer Tür auf der anderen Seite des Raumes brachte. Tim hatte das vergessen.
Sie nahm einen Schlüssel aus ihrer Jeans und schloss die grosse, alte Holztür auf. Sie knarzte, als sie sie aufstiess.
„Tut mir leid, Tim, aber du musst jetzt da hinein.“ Das war alles was sie sagte.
Seine Beine schienen beinahe nachzugeben, aber langsam ging er in den Raum. Er bemerkte plötzlich: Das war sein Untergang.
Mit einem lauten Geräusch, wurde die Tür hinter ihm wieder zugeknallt und abgeschlossen. Es war absolut dunkel, man konnte nur einige Schemen von Menschen ausmachen.
Sie alle weinten.
Und, plötzlich, da hörte Tim ein weiteres Geräusch. Der Klang von vor Ewigkeiten verstimmten Gitarren, auf denen verzweifelt und unengagiert geschrammt wurde.
Sie weinten und spielten, verzweifelt. Sie alle hatten schon wieder nicht geübt. Sie alle mussten es nachholen. Vielleicht bis in alle Ewigkeit. Tim konnte förmlich hören, wie Eva hier ihre quälenden Stunden hatte abarbeiten müssen. Er würde vielleicht einmal ein grosser Gitarrist sein. Oder wenigstens aus der Kammer entkommen. Aber bis dahin würden seine Hände erst noch Bäche schwitzen müssen.