Einheit des Ortes

von Cedric Weidmann

In Ninas Wohnung gab es keine Türen mehr.
Es fiel ihr erst Tage später auf, als sie auf den Balkon wollte, um frische Luft zu schnappen und verdutzt feststellen musste, dass sie zum dritten Mal im Kreis gegangen war, ohne eine einzige Türe zu sehen. Sie trat mit dem Fuss ganz sachte gegen die Wand, an der Stelle, an der die Wohnungstüre für gewöhnlich hätte sein sollen. Sie hatte sonst keine Ahnung, wie sie zu reagieren hatte. Es passiert nichts. Sie umschlang die Teetasse, die sie in den Händen hielt, noch fester und fragte sich, wieso ihr das nicht aufgefallen war.

In Thomas‘ Wohnung gab es plötzlich eine Tür mehr.
Dort wo normalerweise der Wandschrank gestanden hatte, war heute eine moderne Tür in einen frisch gestrichenen Rahmen eingelassen. Aus der Küche lief noch ein Bob Dylan-Lied, während er ganz leicht die Türklinke hinunterdrückte. Er hätte schwören können, dass es diese Türe nicht hätte geben dürfen.

Nina ging viermal in ihrem Gang hin und her, bevor sie sich neuen Tee einschenkte. Den alten hatte sie über den Spannteppich geträufelt. Sie achtete auf die Uhr und achtete damit nicht nur darauf, dass die Zeit noch normal ging, sondern dass sie überhaupt noch vorhanden war, denn solange Uhren vorhanden waren, das wusste selbst Nina, war alles noch irgendwie erhalten.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass das Licht brannte.
Fenster gab es keine.

Thomas öffnete die Tür immer weiter und es erschien ihm nicht mehr als tiefes Dunkel. Er hustete und erinnerte sich zeitgleich an eine Dokumentarsendung, die er auf Sat3 gesehen hatte, die das Vordringen in die verborgenen Grabkammern der Pyramide von Gizeh begleitet hat. Meistens war das Ganze eh eine Enttäuschung.

Nina dachte über ihren Mietvertrag nach. Eigentlich war das schon ziemlich viel, was sie da zahlte. Vor allem dafür, dass plötzlich der Balkon weg war. Und die Türe hätten sie ihr auch nicht wegnehmen dürfen. Vielleicht, dachte sie, wollen sie das Gebäude ja abreissen, und sie wurde ganz still um zu lauschen, aber sie konnte keine Geräusche hören ausser den Bob Dylan Songs, die aus der Wohnung unter ihr drangen.

Thomas sah hinein und merkte, dass es ein Raum war, den er einmal gekannt hatte, vor sehr langer Zeit. Er mochte sich nur nicht richtig daran erinnern.
Er erinnerte sich, wie seine Grossmutter von Räumen erzählte, wie sie waren, bevor er geboren wurde. Aber das hatte mit der Situation erstmal überhaupt nichts zu tun, keine Ahnung, wieso ihm das gerade eingefallen war.

Nina hielt den Atem an. Dann blubberte sie in ihren Tee. Sie tippte die Maus ihres Computers an und stellte ernüchtert fest, dass das Internet abgestürzt war.

Thomas ging im Raum umher. Nichts daran war misteriös. Er hatte ein Bett, das weiss bezogen war, mit einer Nachtischlampe daneben. Es gab ein paar Fenster und eine Heizung und es schien sehr gepflegt.

Nina öffnete die Tür zu ihrem Kleiderschrank und zog sich um, weil ihr danach war.

Thomas prüfte die Federung des Bettes und legte sich hin.

Daraufhin passierte nichts Erwähnenswertes mehr.