Die Regel des kleinsten Bedauerns

von Cedric Weidmann

Was sollte sie machen? Sollte sie ihn anrufen?
Die Art, wie das Telefon dalag, gefiel ihr nicht. Es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Und wenn er abnahm, was sollte sie sagen? Sie würde stottern. Oder schlimmer: Sie würde nichts sagen können. Sie würde auflegen. Und dann? Dann würde sie vermutlich später noch einmal anrufen.
Was sollte sie also machen?
Was hätte er gesagt? „Hallo?“, „Wer ist da?“?
Sie hätte geschwiegen, gehustet, gestottert, sie hätte erklärt, wer sie sei.
Und dann?
Dann hätte sie erklärt, dass sie ihn etwas fragen wollte. Und auf seine Erwiderung würde sie einen Alltagsgegenstand nennen, von dem sie vorgab, ihn unbedingt zu brauchen. Würde ihr einer einfallen? Hoffentlich nicht. Aber es würde ihr bestimmt einer einfallen. „Kannst du morgen deine Sneakers mitnehmen.“
„Warum?“
„Damit ich sie einem Freund zeigen kann.“
Oder:
„Kannst du morgen deinen Tucker mitnehmen?“
„Hast du keinen?“
„Nein… Meiner ist kaputt.“
Aber was war, wenn alles schief lief? Zum Beispiel so:
„Kannst du morgen dieses Buch mitnehmen?“
„Nein.“
Oder so:
„Hast du Klebstoff?“
„Du hast doch aus einem anderen Grund angerufen.“
Oh mein Gott. Ihre Kehle trocknete ein wie eine griechische Tomate. Aus allen Ecken kroch ihr die dunkle Klarheit der Realität entgegen. Er würde sie sofort durchschauen. Es gab keine Möglichkeit, ihn anzurufen. Es war einfach unmöglich.
Sie sah zum Telefon hin.
Sie versuchte standzuhalten.
Aber sie war die Erste, die wegschaute.
Es gefiel ihr einfach nicht, wie das Telefon dalag.
Vielleicht war sie auch nur verrückt geworden. Wieso wollte sie ihn anrufen, wenn es gar keinen Grund gab, ihn anzurufen? Wenn sie nichts von ihm wollte, wieso sollte sie überhaupt anrufen?

Dann klingelte das Telefon.

Sie schluckte und schmeckte den Geschmack von griechischen Trockentomaten.
Was zum?