Die Entrüstung

von Cedric Weidmann

Im Zugabteil stanks.
Eine Alte, von Thon-Sandwich Geschwängerte,
frönte im Abteil
ihrer Leibspeise.
Meine Freundin fragt
„Anna, du…
ist es denn nicht so…?“
und sucht mit den Augen
nach dem Wort im Zug,
das im späten Verkehr
des Feierabends augenscheinlich
nicht zu finden schien
gestattet. Die Gerüche verschlossen
ihr die Glotta und sie begann von Neuem
„Du, Anna…
ist es denn, also,
ist es denn nicht so…?“
Und so zügig wie fahrig fuhr sie
straffend durch das Haar, um die
Schuppen des Satzes, jene Ab-
blätternden, aus dem Gestrüpp zu
knaubeln. Doch auch dies war,
so schien es dem armen Mädchen,
ihr verwehrt, denn
als ich sie, mit der Müdigkeit
des Tages in die Stirn gezogen, fragte
und mit Geduld, da fuhr sie fort,
und begann, von Eigensinn gedrängt und
in einen Anflug von Verzweiflung
schon getünkt, von neuem ihren Satz:
„Anna, aber…
ist es denn nicht so…?“
„Wie?“, fragte ich und wischte das Display
meines Handys vom Setzen manchen Staubkorns sauber.
„…Ich hab vergessen…,
was ich eben sagen wollte.“
Und der Entrüstung wich aus
ihrem Blick das Unentscheidbare.
Eine bedauernswerte Selbstbeschämung
strafte sie damit, aus dem Fenster zu sehen,
wo bloss die Nacht dahinzog ohne
Unterbruch und Lichter eines noch so
verlassenen und verdorbenen Ört-
chens, wie nirgends
auf der Erde.