Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Kategorie: Lyrik

Wie wenn am Ausverkaufe…

Wie wenn am Ausverkaufe, den Sale zu sehn,
die Mutter geht, des Morgens, wenn
seit früher Stund die hohen Preise fielen
Die ganze Zeit und fern schon leuchten die Schilder,
in die Parkhäuser wieder fährt der Mann
und frisch der Reifen quietscht
und von der Decke erfreuenden Boxen
Rabatte schallen und glänzend
in stillem Lichte stehn die Schnäppchen des Tages:

So stehn sie unter günstiger Witterung,
Sie die kein Laden allein, die wunderbar
Allgegenwärtig erzieht in leichtem Umfangen
Der mächtige, der göttlichschöne Konsum.
Drum wenn zu schlafen er scheint zu Zeiten des Jahrs
Am Himmel oder unter den Pflanzen oder den Völkern
So trauert der Käufer Angesicht auch,
Sie scheinen allein zu sein, doch ahnen sie immer.
Denn ahnend ruhet sie selbst auch.

Jetzt aber Sale! Ich harrt und sah es kommen,
Und was ich sah, das Billige sei mein Kauf.
Denn er, er selbst, der älter denn die Zeiten
Und über die Götter des Abends und Orients ist,
Der Sale ist jetzt mit Reklameschild erwacht,
Und hoch vom Äther bis zum Abgrund nieder
Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt,
Fühlt neu die Begeisterung sich,
Die Allerschaffende, wieder.

Eine Liebe, die stärker ist

Es gibt für jeden Menschen
Einen Menschen,
Hat meine Grossmutter
Im Lehnstuhl gesagt
Und den Hund aus Versehen
Mit dem Fuss angestupst

Ich will aber keinen Menschen
Sagte ich
Und wollte den tobenden
Hund haschen.
Der Mann im Kasten
Reicht mir aus.

Und ich ging zum Kasten
Und nahm den Mann heraus
Öffnete sogar das Halsband
Und stellte ihn
Stolz neben uns.
Der Hund raste.

So habe ich es nicht gemeint
Sagte sie
Und kickte den Fuss
In den Kiefer des Hunds
Es gibt eine Liebe
Die stärker ist.

Ich nickte
Und nahm den Mann
Nach draussen, liess ihn den
Kopfstand machen
Und seufzte, weil der Hund
wieder ins Haus rannte

Zu Grossmutters Schoss.

Ich liebe dich, Frau

Ich liebe dich, Frau,
Du bist so weiblich.
Etwas leichter bist du
Und etwas kleiner meist auch
Etwas zerbrechlicher
Und deine Hüfte ist breiter.
Auch hast du oft Haare, Frau,
Auf die du etwas hältst.
Du bist so weiblich, so weiblich.
Alles an dir schreit:
„Ich bin eine Frau!“ Und ich
Schreie: „Eine Frau, eine Frau!“
Deine Stimme klingt höher,
Dein Busen quillt mit.
Du lächelst viel und sagst Danke,
Wie es sich geziemt,
Heutzutage ohne Knicks.
Aber weiblich,
trotzdem bis in die Fingerlein.
Kinder gebärst du und
Bist deren Mutter, du bist,
Du bist ein Wunder.
Die Stimme ist höher
Und die Schuhe dazu
Und du vertritts damit alles in allem
Doch auch einen Teil
des schönen Geschlechts,
Irgendwie.
Ich liebe dich,
Frau.

Prüfung fürs Leben

Ich erinnere mich
einer Prüfung im Sommer, als ich
dreizehn, fünfzehn war.
Es war in Chemie und unser Chemielehrer
war ein begnadeter und weitherum bekannter
Heissluftballonfahrer.
Jedes Mädchen in unserer Klasse war
in ihn verliebt, und er lachte mit einem Grunzen.

Meine Eltern waren in diesem Sommer dabei,
ihren Hühnerstall auszubauen,
sie glaubten nicht, dass ich das Semester bestünde.
Ich zog mich ins Zimmer zurück, lauschte
dem Poltern und Gackern,
ohne ein Heft aufzuschlagen,
und dabei spitzelte ich
die Zehen unter den Teppich.

Am hellsten Tag war die Prüfung.
Ich zog mein bestes Hemd an.
Ich sah nach oben und kein Flugzeug
Kein Zeppelin, kein Raumschiff
und kein Ballon flogen am Himmel.
Alle im Klassenzimmer murmelten und
trampelten, bis der Lehrer uns
die Blätter verteilte.

Eigentlich möchte ich Buchhändler werden.
Man grunzte und wünschte uns Glück.
Es raschelt im Papier, erstickt —
Und plötzlich hört man tickende Zeiger.

Niemand hat gesagt,
es wird leicht.
Und doch
wird es leicht.

Im Buddelschipp

Die Luft ist stickig,

das Licht glaswändig matt.

Man sagt, alles in allem,

bevor man etwas Wichtiges sagt.

Es ist ja auch alles in allem.

Doch ich sehne mich

nach dem Wind.

Es gibt kein richtiges Leben

in Flaschen.

Gute Dinge

Ein Jahr Snowdenleaks und du likest Bilder vom Essen.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Ballernde Gotteskrieger vor den Türen von Baghdad und du kennst Isis als ne Rockband.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

FIFA schanzt sich Länder zu und du zahlst ihr die Steuern.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Boko Haram klaut Internate und du surfst durch Schulmädchenporn.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Israel sucht drei Teenies und die Westbank wird geräumt.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Aller guter Dinge sind drei
und gut Ding will Weile haben,
macht: eine lange Weile.

Wir sind alle langer Weile,
alle guten Dinge sind uns.

Als ich kleiner war

Als ich kleiner war, hatte ich einen Freund,
den ich später nicht mehr hatte.
Ich sagte, er sei abstossend,
als er aus Versehen
auf mein Bett gespuckt hatte.
Ich sagte wirklich abstossend,
glaube ich.
Wer aus deinem Leben als Erster verschwindet,
hat es als Erstes geschafft.
Nach ihm wirst du suchen
wie man einen schlechten Geruch
zu erschnuppern gezwungen ist.
Auf einer Bank im Wald
zwischen den Feuerstellen
sitzt manchmal ein Labrador
verschüchtert, ohne Besitzer.
ngstschw, so viele Konsonanten hintereinander
denke ich, so viele Konsonanten hintereinander.
Ich sitze drinnen, erinnere,
alles scheint mir momentan
und von hier aus zu schwierig.
Aber ich könnte schreiben, tue es,
das T-Shirt klebt
Sexgeräusche
Tastatur kalte Finger
überüberall Perlen von
Einflussangstschweiss.
So viel so viel hintereinander, aber
die Hälfte von allem vergesse ich
und die andere Hälfte
habe ich schon vergessen.
Ich bin zufällig durchschnittlich, denke ich,
aber das Geräusch die Spucke
der Labrador.
Und so, eine Hand auf dem Ohr,
rück ich weiter auf dem Blatt vor.

&

helixe zwirbel
konkave konvex
gekräuselt gewunden
spiralig geschraubt
verrenken kreuzend
verschlungenes
klothoide
ein farnwedel
oder wie elle speiche
im handumdrehen