Hohe Daumen, tiefe Daumen

von Cedric Weidmann

Wie wollen wir kommunizieren? Das Internet hat gezeigt, dass wir nach mehr Kommunikation lechzen. Der Junge, der normalerweise in Schweigsamkeit verharrt hat, zeigt plötzlich ein neues Gesicht, wird frech, aufdringlich, hemmungslos. Introvertierte Menschen verwandeln sich in Rechtsaussenpolitiker oder stille Mädchen werden zum verbalen Niagara. Das ist erst seit kurzem möglich.

Die Kommunikation, die wir mit dem Sprechen haben, ist ausgeschöpft und bietet nicht für alle Menschen gleichviel. Die guten Redner sind leider auch nur selten die, die etwas Schlaues zu sagen haben. Deshalb das Internet.

„Wege des Gedankenstrichels zwischen Ja und nein ja – und nein, Herr Hauptmann, ja und nein? Ist das nein am ja oder das ja am nein Schuld“

Nehmen wir Facebook.

Facebook ist die Verwaltung eines eigenen Kommunikationszentrums. Das Layout der Startseite wurde öfters – vor allem nach verschiedenen Änderungen – zum Thema ausschreitender Diskussionen. „Übersichtlichkeit“ heisst der grosse Vorteil, den Facebook zu bieten hat. Klar, dass dabei die Verschiebung eines einzigen Buttons zu Scherereien führen kann.

Die Facebookmenschen haben einmal beschlossen, zur Vereinfachung der Kommunikation – denn das ist ihre Hauptaufgabe – einen sogenannten „Gefällt mir“-Knopf einzuführen.

Die Herkunft des „Gefällt mir“-Knopfs ist mir nicht bis ins Detail bekannt. Er erleichtert aber die Bekundung von grundsätzlicher Zustimmung. Statt „Cool“ (je nach Person ein schwieriges Wort, manche halten es schon für veraltet, andere für zu informell) zu schreiben, drückt man den „Gefällt mir“-Knopf. Statt „Toll“, „Stimmt“, „Richtig“ oder „(Y)“ zu schreiben, drückt man eben den „Gefällt mir“-Knopf, ganz einfach.

Die letzte Bezeichnung – (Y) – ist übrigens eine aus der Chatsprache entwendete Abkürzung für Yes. Wers bei MSN eingibt, wird mit einem hübschen Daumen nach oben belohnt. (Anmerkung für Verschwörungstheoretiker: Welches Zeichen prangt neben dem „Gefällt mir“-Knopf? Aha!)

So weit, so einfach, so gut.

Nur hatte das Ganze einen Haken. Wenige Tage nach Einführung des „Gefällt mir“-Knopfs gab es eine ganze handvoll Gruppen, die sich mit der Forderung nach einem „Gefällt mir nicht“-Knopf den Anstand wund schrieben. Dass Facebook darauf nicht eingegangen war, ist verhältnismässig. Darum ging es ja nie. Trotzdem ist die Forderung nicht falsch und die Frage stellt sich: Was ist das nur für eine Kommunikation? Wenn einem etwas gefällt, dann darf es einem doch auch nicht-gefallen?

Entwickelt hat es sich wie folgt: Der „Gefällt mir“-Knopf senkte die Hemmschwelle zur Kommunikationsbereitschaft sogar noch mehr – er wird immer stärker und intensiver genutzt. Währenddessen stellt sich die Erwartungshaltung ein, dass ein Ausbleiben von „Gefällt mir“-Drückern – zum Beispiel bei einem Bild, das man hochlädt – zwingend bedeuten soll, dass das Bild nicht gefällt. Das dualistische Ja/Nein, (Y)/(N), „Gefällt mir“/„Gefällt mir nicht“ pendelt sich eben immer ein, egal wie beschränkt die Sprach- und Kommunikationsmöglichkeiten sind.

Nur kurze Zeit später wurden Stimmen laut, die für einen „Interessiert mich nicht“-Knopf eintraten. Was natürlich toll wäre, weil es alle interessiert, wen etwas nicht interessiert, oder nicht?

Jerons‘ Paradoxon

Die Vereinfachung der Kommunikation durch Knöpfe wird ein prägendes Element im 3. Jahrtausend sein. Statt Statements zu machen, kann man übrigens auch einfach einer von tausenden Gruppen auf Facebook beitreten. Das liest sich fast äquivalent, wie wenn man es selbst schreibt, bereitet aber ein Vielfaches weniger Mühe. Zum Glück verliert solche Artikulation deswegen an Ernsthaftigkeit.

Ich möchte keinen Kulturpessimismus predigen. Dafür sind Knöpfe viel zu bequem. Interessant ist aber trotzdem gerade dieses „Gefällt mir“/“Gefällt mir nicht“-Problem. Durch die Einfachheit dieser Ausdrucksweise gehen – vermeintlich – viele Nuancen der Sprache verloren. Wir aber, wir Menschen, suchen gerade diese Einfachheit. Wer einen Twitter-Account macht, liefert sich mit der grössten Selbstaufopferung einer Buchstabenbegrenzung aus. Kein Tweet darf länger als 140 Zeichen sein, egal ob Mike Skinner oder Mike Shiva twittert. Diese Begrenzung greift wieder der Übersichtlichkeit unter die Arme.

Wonach wir also suchen, ist die Optimierung unserer Kommunikation. Es stellt sich nun eine Frage: Kann Kommunikation überhaupt optimiert werden?

Wie angetönt, kann man aus der „Gefällt mir“-Knopf-Geschichte eine unglaubliche Vielfalt an Konnotationen und Zusammenhängen herauslesen, die nicht einberechnet waren. Das Nichtdrücken auf den Knopf sagt viel mehr aus, als das nichtschreiben eines Kommentars. Die Nuancen sind dank der Vereinfachung nur schwerer festzustellen. Aber Nuancen gibt es immer.

Und wenn jetzt unter diesem Blogeintrag zwei Daumen, ein hoher und ein tiefer zu sehen sind, dann bedeutet das ganz einfach: Ich mag Nuancen nicht.

Das ist ein Beitrag zum Projekt Essays über das neue Leben.