Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: lesen

Die Zukunft des Zitats // Kontaminierte Texte

Schöne neue Literatur! Sie wird noch besser. Ich habe vor einiger Zeit über die Plagiatsmethode der Medizinhistoriker mit einigem Wohlwollen geschrieben. Auch von den Urheberrecht-Wasserzeichen, die die Originaltexte verändern. Die automatisierten Headliner-Haikus, nicht-lesenden Professoren, die sich selbst in Patente umwandelnden Textprogramme kommen dazu. Und neuerdings gibt es noch etwas Weiteres, auf das ich mit Vorfreude blicken kann: Die Zukunft des Zitats.
Vorgeschichte ist ein Streit im Literaturclub, der mich nicht interessiert: Stefan Zweifel wurde als Moderator abgesetzt und hat den Literaturclub verlassen — unter anderem, weil er das SRF vergeblich darum bat, dass Elke Heidenreich sich für ihr Heidegger-Zitat entschuldigen müsse. Das hingegen ist interessant.
Hier der kurze Mitschnitt über Heidegger, mit dem fraglichen Zitat:

Es war Heidenreichs gutes Recht, das Buch auf den Tisch zu knallen! Schliesslich sind noch nicht alle für das Zitieren der Zukunft offen, ich hätte dasselbe getan. Man muss die Menschen empfänglich machen. Heute erschien zum Glück im Tages-Anzeiger eine Klarstellung von Elke Heidenreich, wo sie erklärt, wie sie das Zitat gemeint hätte:

Dann sagte ich: «Einen Satz wie ‹Die verborgene Deutschheit› (das wörtliche Zitat las ich vorsichtshalber ab, Band 96, S. 29) ‹müsse man entbergen›» (dieses Wort stammt aus einem Artikel in der SZ vom 25. März 2014 von Thomas Meyer zu Heidegger, enthalten im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte; ich fand das Wort «entbergen» so originell, dass ich es hier verwendete) – dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»

Natürlich ist es schade, dass sie die ersten drei Wörter noch aus dem Original abgelesen hat, aber man muss das verzeihen, denn in Kürze steigert sie ihr Verfahren merklich: «entbergen» benutzte sie, weil sie es so originell fand. Das ist nicht nur legitim, sondern richtig so. Spannende, lustige Wörter gehören in ein Zitat. Umso besser ist, dass das ‹originelle› «entbergen» in jedem zweiten Text Heideggers vorkommt, die Originalität ist nicht fadenscheinig, sie liegt auf einer Meta-Ebene: Es als originell zu bezeichnen, darin liegt Heidenreichs starker Ausdruck der Originalität.

Vieles der Wirkung dieser neuen Zitierweise ist jedoch auch Heidenreichs Rhetorik geschuldet. Sie hätte ja das Wort («entbergen») ein bisschen versetzt aussprechen können, aber sie schaffte es, es nahtlos einzufügen. Hinzu kommt, dass man ihre Bewunderung für das Wort nicht gerade anmerkt, sie faucht es fast und setzt damit die Originalität auf eine subtilere Ebene.
Diese Stärke zeigt sie schon in der Einleitung, in einer leichten Abwandlung der captatio benevolentiae: «Also ein Satz wie — ich kann ihn ja kaum lesen, also auch Klügere als ich verstehen ihn nicht, ich schäme mich dessen nicht, dass ich vieles nicht verstehe.»
Damit hat uns Heidenreich gezeigt, wie wir der neuen Welt zu begegnen haben: Zitate müssen schön sei, sie müssen klingen — sie müssen originell sein, indem sie ausserordentlich unoriginell sind. Zitate müssen nicht aus Büchern stammen, man soll sie nicht verstehen, nicht lesen, Zitate soll man bringen und aufsagen, und mit eigenen Sätzen, mit kaum hörbaren Fragezeichen ergänzen, alles wird so nur virtuoser, Zitate sollen nicht länger als drei Worte am Stück sein, Fazite sollen aus einem Zitat und einem schönen Wort gezogen und lückenlos ans Ende des Satzes angefügt werden, aber das Wichtigste: Man muss diese Art zu zitieren gegen jede Stumpfheit verteidigen, komme, was wolle. Auch in der Öffentlichkeit, in Stellungnahmen. Zitate sind die Pflastersteine unserer Zukunftswege.


 

Ich möchte dennoch ein Bedenken aufwerfen, das sich auf den zweiten Teil von Heidenreichs Rechtfertigung bezieht. Erneut versucht sie, Heidegger nationalsozialistisch zu färben. Sie macht das mit nichtssagenden Zitaten, die im Diskurs der Zeit — auch dem jüdischen — keine Auffälligkeiten bilden. Ich will Heidegger nicht verteidigen, er ist nicht zu verteidigen, vor allem ist mir das aber einfach zu blöd.

Hier ist etwas offensichtlich und öffentlich bedroht: das Lesen. Hier wird falsch gelesen und der Öffentlichkeit aufgeschwatzt. Für das Lesen noch viel fataler aber ist die Vorstellung von kontaminierten Texten. Heidenreich sieht Drohendes in Heideggers Text und fragt, «inwieweit man die Philosophie all derer, die von ihm beeinflusst wurden, auch mal neu überdenken muss mit diesem Hintergrund.» Die Vorstellung, Texte seien krank, ist für sich genommen schon gefährlich: Bereits der Glaube, es müsse einen Index für Bücher geben, halte ich für eine Zumutung. Gefährlich ist es hingegen, wenn eine Gesellschaft nicht weiss, wie man liest und wie man über das Lesen spricht. Es gibt keine kranken Texte.
Der Glaube an Unterschwelliges, an das Eigentlich-so-gemeint-Sein ist die Hauptgefahr für das Lesen. Das erinnert an die Argumentation aus Saladins Prozess, wo Bücher zwar nicht «per se» als Pornografie bezeichnet werden, aber es eigentlich doch sind. In diesem oder jenem Kontext. In der Fülle… Texte sind zwar keine Personen, man kann sie interpretieren, sie wollen nichts Böses. Aber eigentlich — im Innersten — in Wahrheit doch. So lautet die Vorstellung dieser Leute.
Das ist eine echte Bedrohung für das Lesen. Denn Texte haben kein Eigentliches. Keine eigentliche Absicht. Keine eigentlichen Ideen. Und dass sie andere Texte in ihrer Verseuchtheit anstecken können, gar Nachfolgetexte von innen zersetzen (denen man es bis jetzt nicht angemerkt hat, dass sie eigentlich böse sind — (moment, was?) —, die latent krank sind, deren Krankheit noch nicht ausgebrochen, vielleicht rezessiv, aber lauernd, zeitbombentödlich ist).  Gegen dieses Bild muss man sich früh genug wehren. Auch deshalb:

Lesen statt Hetzen

 

Zwei lesen, einer lacht

Auf einer Bank unter einem Birnbaum sitzen zwei Männer. Beide lesen, einer lacht. Sie tragen täglich frische Anzüge und schlagen die Beine übereinander. Der Lachende kommt meist am späten Vormittag und klappt sein dickes Buch auf. Er schmunzelt, manchmal geschieht es früher, manchmal später, aber immer im Laufe der Lektüre. Das Schmunzeln breitet sich auf seinem rasierten Gesicht, während seine Augen über die Seiten fliegen, Zeile für Zeile weiter aus, bis es schliesslich zum Grinsen wird, das den baldigen Ausbruch seines hellen, durch den Park fliehenden Lachens ankündigt.
Sein Nachbar zur Linken ist oft schon am Morgen da und liest unbewegt. Nur selten spitzen sich seine blassen Lippen und entspannen sich wieder nach wenigen umgeschlagenen Seiten. Er bleibt nachmittags eine halbe Stunde alleine dort, bevor er nach Hausegeht.
Der Lachende sucht den Blick der Umstehenden, vielleicht um sich zu entschuldigen oder um sich zu erklären. Der Stille schielt knapp über den Buchrücken, erwidert seinen Blick, zieht die Mundwinkel bekräftigend nach oben und fährt mit dem Lesen fort.
»Entschuldigen Sie«, rief der Lachende unter Tränen. »Ich störe sie immer.«
»Überhaupt nicht«, versetzte der andere und las weiter.
Der Lachende verstummte höflich und sah seinen Nachbarn neugierig an. Eine Weile beobachtete er, wie dessen Blick stumm über die Buchstaben glitt, ohne die geringste Regung auf dem Gesicht zu zeitigen.
»Entschuldigen Sie meine Frage: Aber was lesen eigentlich Sie?«
Der Stille klappte das Buch zu und verdeckte es mit der anderen Hand. »Nichts besonderes«, sagte er.
»Ach?« Der Lachende überlegte sich, ob er von seinem Buch erzählen sollte, aber der andere sah ihn kühl an, und er wollte nicht wie ein alter Mann wirken, der unaufgefordert aus seinem Leben ausplauderte. Er verabschiedete sich am Nachmittag und der Stille lächelte zum Abschied. Eine Woche später sassen sie wieder auf der Bank und wieder lasen zwei und einer lachte.
»Lesen Sie immer noch das gleiche Buch?«, fragte der Lachende, nachdem sein lautes Johlen verebbt war.
»Ja, ja.«
»Immer noch den Novalis?«, denn er hatte beim letzten Abschied auf den Umschlag gelinst, und den Titel Autor erkannt.
Der andere ruschte auf der Bank hin und her. »Ja…«
»Sie lesen seit einer Woche dasselbe Buch?«
»Ja…«
»Oder lesen Sie es erneut?«
»Ja…«
Der Lachende hatte sein Buch zur Seite gelegt und lehnte sich mit dem ganzen Körper hinüber, dem Stillen auf den Leib rückend. »Und immer noch die gleiche Seite? Oder habe ich ihr Blättern übersehen?«
»Eigentlich lese ich gar nicht darin«, erwiderte der andere, unangenehm berührt..
Der Lachende machte ein verblüfftes Geräusch. »Sie lesen gar nicht im Buch?.«
Einige Sekunden druckste der andere herum und gestand dann: »Ich lese in Ihrem Buch.«
»In meinem — ?«
»Ich lese nie in meinem Novalis.« Er diene nur als Ablenkung, wenn er in den Büchern von anderen lese. Es sei immer etwas Neues dabei und spare Bibliothekskosten. »Ausserdem interessierte mich, was Sie so lustig finden..«
»Sie haben aber nie gelacht«,stellte der Lachende, nun ernst und nachdenklich, fest.
»Nun ja«, sagte der Stille, »so einer bin ich nicht.«