Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: Postrock

Die Tragödie der Coma Lilies

Der Songt heisst Erotic Boxing.

Im Ürban Dictionary gibt es jetzt einen Eintrag zur Tragödie der «Coma Lilies». Dazu steht «A short-lived band out of Sonoma, California.» Santa Rosa heisst es in anderen Quellen. «They made and performed experimental, psychedelic, and hard rock. They were classy as shit, and never before has there been a band anywhere near them in style, originality, or sheer awesomeness. The tragedy of the Coma Lilies is that as a band they released less than 90 minutes of music, before having a total band shakedown.»
90 Minuten sind inklusive des Demo-Tapes, das sie vor dem Plattenvertrag aufgenommen hatten, also das einzige Album von Denovali Records und eine EP. 90 Minuten reichen gerade mal, eine Show zu spielen. Das ist noch kaum eine Band, eher ein Experiment. Und tatsächlich sind die Jungs, von denen die meisten noch unter 20 Jahre alt waren, zwischen 2002 und 2008 durch Amerika getourt. «Getourt», das heisst zum Beispiel, sie spielten bei einem Battle of the Bands in Colleges oder in einem Pub, nicht an Festivals, nur in ganz wenigen kleinen Clubs. Das war nicht einmal eine Tour, eher ein Dunst, der vom Wind getrieben wird und sich rasch verflüchtigt.
Die Band hat gut 500 Facebook-Fans. Das ist nicht einmal eine Fan Base. Das ist gar nichts.
Und doch gibt es diesen Artikel im Urban Dictionary: «the very essence of all that is good and awesome, a universe of lust and perfection, classy a shit, the band God made to make up to the travesty that the Coma Lilies would become». Ihre Hörer sind ihre Fans, ihre Fans vergöttern sie. Es gibt keinen Umweg darum. Nicht bei dieser Band, die zwischen 2002 und 2008 alles auf den Kopf gestellt hat und eine einzige Ankündigung darstellt. Sie ist eine der schönsten Ausgeburten des Postrocks. Mit 16, 17 Jahren, kurz vor ihrer Auflösung, bin ich ihr begegnet, und nichts war mehr das gleiche. Ich klatsche mir jetzt noch gegen die Wangen wenn ich die Trommeln bei 4:02 in grab a fork micron höre.
Diese Melodien, dieses untrügliche, scheinbar durch alle Zeiten hindurch über alle Kulturgrenzen hinweg vibrierende Gefühl, das klar pointierte Gitarrenläufe, sanfte Klavierakkorde, und der Bass, der zwischen Härte und Zurückgezogenheit hin- und herspringt,  durch die Welt schrammeln. Die Schönheit dieser Melodien sind bei The Coma Lilies mit einem Schlagzeug zusammengefallen, dessen klare Präzision und virtuose Arhythmie man nur als eine Tättowierung beschreiben kann, die unter die Melodie gestochen wurde, und durchschimmert. Dieses Schlagzeug ist etwas vom Gänshauterzeugendsten, was man je hören kann. Über die Auflösung dieser Band möchte man weinen wie über einen jungen Menschen, der zu früh gestorben ist, man reisst sich nur zusammen: Es ist mehr davon geblieben, als man sich zu wünschen traute.
Warum so grossartige Musiker sich auflösen, das ist bei Coma Lilies ein Rätsel, dem man einen eigenen Namen geben muss. The Tragedy of Coma Lilies: Der Schlagzeuger macht abgefahrenen Jazz — gute Musik, aber nichts im Gegensatz zu früher. Die anderen Bandmitglieder haben aufgehört Musik zu machen und spielen in zweitklassigen Hardrockbands. Diese Band ist der Rimbaud der Musik.

Warum dieses Lied, warum dieses belanglose, fast stille Lied, in dem das Schlagzeug sogar noch fehlt? Warum das als Beispiel für die Tragedy of the Coma Lilies?

Wegen Minute 6:30 und was danach kommt. Ein Anklang einer Musik, die sie sonst nicht gespielt haben. Ein rudimentärer Synthie, der gerade über das 16bit-Zeitalter hinausgewachsen scheint, und den man in einer Minute ausweidet: Stockende Bässe, übereinanderliegende Drums, verschwindende Leads, zwei, drei Klänge wie elektronische Harfen – und das Ganze ist vorbei. Das war nicht einmal ein Lied. Doch vielleicht ist es das nicht. Doch Coma Lilies spielten noch nicht einmal elektronische Musik. Sie mussten nur, am Ende eines der atemberaubendsten Alben aller Zeiten, in einigen Sekunden beweisen, dass sie auch diese Musik aufgeräumt hätten, wenn es nötig geworden wäre. Warum haben sie nicht aufgeräumt? Bekamen sie selber Angst davor? Das ist das Rätsel um die Tragödie der Coma Lilies.

sonntagabendsong

Versuch über die Glocken

Being held_google search

Der Song heisst Being Held.

Er besteht aus etwa 8 Tönen. Drei davon machen den grössten Teil des Liedes aus und schwingen regelmässig von Anfang bis Ende. Sie sind das Herzstück. Sie sind nicht gerade schrill, aber auch nicht dunkel wie ein Gong. Es sind Glocken. Dazu gesellen sich im Laufe des Lieds ein summender Bass und kurze Einwürfe eines insektenartig hohen Klangs. Mit Ausnahme der Glocken, die am ehesten von Schiffsglocken eines Frachters auf See stammen, lässt sich keines der Geräusche einem Instrument zuordnen. Erst das Schlagzeug. Es setzt fast unhörbar bei Minute 1:30 ein und flüstert, als dürfte es die Glocke nicht hören. Es begleitet sie und wird Takt für Takt klarer, bis es die Glocken, die sich bis zu diesem Zeitpunkt fast ins Gehör geschrammelt haben, ins Trommelfell tättowiert. Erst bei 2:38 übernimmt das Schlagzeug ganz und dominiert die Melodie. Das Tempo zieht an, als würde es auf einen Höhepunkt oder eine Auflösung zugehen. Glocken, Schlagzeug, Bass. 8 Töne. Das ganze Lied. — Und natürlich gibt es keinen Höhepunkt.

Being Held klingt wie ein Prädikat, ist aber eine Eigenschaft. Statischer geht es nicht: Die Aktion geht von etwas anderem aus: jemand oder etwas hält. Dazu kommt, dass man selbst noch festgehalten, also unbeweglich ist. Zur Bewegungslosigkeit gehört auch die Bewegungslosigkeit der Glocken, die unablässig und ohne Pause durch das Lied klingen. Being Held heisst nicht I am being held oder You oder We are being held, und es sagt nichts darüber aus, ob man umarmt wird — zärtlich, schützend, liebend oder freundlich — oder ob man festgehalten wird — aggressiv, gewalttätig, unabwendbar.

In der Dunkelheit höre ich das Lied, wenn ich nach Hause laufe. Die Welt kommt mir dann vielleicht eng vor. Ich fühle mich wirklich beklemmt, ich kann das Lied nur einmal am Tag hören und ich kriege Atembeschwerden in der Hälfte. Es ist ein bisschen zu laut, die Glocken lassen fünfeinhalb Minuten keinen Freiraum in den mittleren Frequenzen. Es ist unheimlich, aber nicht gruselig. Es ist, wie es sich für Postrock gehört, stimmungsvoll, aber es lässt seltsamerweise keine Welten entstehen. — Am frühen Morgen höre ich es, wenn es mir sehr schlecht geht. Es geht mir dann besser. Vielleicht so, als würde mich jemand festhalten, ohne dass ich wüsste, wer.

Das, was ich für eine der besten Kompositionen halte, die die Musikgeschichte hervorgebracht hat, ist vielleicht gar keine Musik.
Die Glocken bringen in ihre hermetische Welt ein bisschen Realität, allerdings wie durch den Vorhang eines Wasserfalls  hindurch. Die Schiffsglocke ist verzerrt. Man müsste sich den rostenden Frachter vorstellen, die Matrosen, die auf diesem öden Ozean leben. Gezeichnete, die die andauernde Nichtstille ertragen, und aus lauter Gewöhnung ein Klingeln in den Ohren hören, wenn sie einmal an Land gehen, wo sie es nur ein paar Tage aushalten.

Aber nein, muss man nicht! Muss man sich nicht vorstellen. Man kann es fast nicht. Man möchte wohl. Möchte ein wenig herumdenken. Aber mehr als daran zu denken, dass man das möchte, kann man nicht. Hier scheint man von Pawlow dressiert. Die Glocken halten den Gedanken auf der Stelle fest.

sonntagabendsong