Körperhygiene

von Cedric Weidmann

„Magst du es eigentlich nicht mehr, wenn wir zu zweit unter der Dusche stehen?“

„Wieso sollte ich?“

„Nun ja, wir haben es schon so lange nicht mehr getan und du hast auch nicht gesagt, dass du es vermisst. Ich wollte nur fragen.“

Sie schwieg kurz, während sie aus dem Fenster sah. Man konnte vom Bett aus nichts sehen ausser die grauen Wolken, die sich satt und fest über den Himmel zogen.

„Und ich mein nur, weil man doch auf Facebook von Douche à 2 Fan werden kann. Und ich hab da eine Menge deiner Kumpels gesehen, die Fan wurden, aber du nicht, und da hab ich mich gefragt ob etwas nicht in Ordnung ist.“

„Achso, weil ich da kein Fan von bin?“, fragte er.

„Na ja, ich hab mich ja nur gefragt.“

„Nein, ich weiss nicht. Bist du denn ein Fan geworden?“

„Wieso? Spielt das für dich eine Rolle? Ich meine, magst du es nicht? Wirst du es nur, wenn ich es bin? Willst du mir einen Gefallen tun, oder was?“, fragte sie zurück.

„Ich hab doch gar nicht gesagt, dass ich es nicht mag, du hast gesagt, ich mag es nicht, weil ich im Internet kein Fan davon geworden bin, aber das sagt doch nichts aus, ob ich von Schokolade oder von Keira Knightley Fan werde. Nur weil das alle tun, muss ich doch nicht“, erwiderte er.

„Nein, natürlich musst du nicht. Aber ich wollte ja nur einmal gefragt haben, du musst auch nicht so austicken, du kannst ja auch einfach sagen, dass du es nicht willst. Aber, sag mir, liegt es an mir? Bin ich dir zu langweilig?“

„Nein, ich habe gar nicht gesagt, dass ich es nicht mag.“

„Aber du magst es nicht, oder?“

„Weißt du, dieses Internet macht dich doch ganz verrückt. Ich muss doch nicht von allen Dingen in meinem Leben ein Fan werden, um zu zeigen, dass ich es nicht hasse.“

„Achso, du hasst es nicht, dann ist ja alles super! Hasst du mich auch nicht? Das wäre richtig lieb von dir.“

„Wieso sollte ich dich hassen? Das ist jetzt ungerecht, dass du mir das vorwirfst, das habe ich überhaupt nicht gesagt. Ausserdem müsste ich wohl zuerst von Hass auf Facebook Fan werden, bevor ich überhaupt etwas hassen dürfte. Oder ich müsste mich zu den Menschen, die dir pausenlos die Fresse polieren könnten, gruppieren, um eine Meinung äussern zu können.“

„Dann äussere doch jetzt deine Meinung. Ich frag dich doch nur.“

„Aber, wieso denn? Wieso bist du kein Fan geworden?“, bohrte er weiter.

„Na ja, ich hab abgewartet, was du tust. Ich will nicht von etwas Fan werden, was du hasst, das sehen doch dann alle. Ich will das nicht als Zeichen einer Meinungsverschiedenheit sehen.“
„Und wenn es eine Meinungsverschiedenheit wäre?“

„Ich weiss nicht, dann müssen wir das ja nicht gleich so öffentlich machen. Du gibst also zu, dass es eine Meinungsverschiedenheit ist.“

„Nein, das tue ich nicht.“

„Und trotzdem ist es eine.“
„Was kümmert dich eigentlich, ob das die anderen Leute sehen oder nicht?“

„Na ja-“

„Nein, eher: Was kümmert diese Leute, was wir unter der Dusche machen?“

„Wir machen gar nichts unter der Dusche.“
„Das stimmt doch überhaupt nicht! Wann haben wir das letzte Mal zusammen geduscht? Vor zwei Monaten?“

„Vor drei.“

„Na und? Ich meine, na und, du hast auch seit drei Monaten nicht mehr gefragt, ob wir duschen sollen.“
„Ich will dich nicht unter Druck setzen, wenn es dir nicht gefällt.“

„Was tust du dann gerade eben?“, fragte er.

„Es gefällt dir nicht? Dann sag das doch, ich wusste es, aber was ist es? Wieso denn nicht?“
„Das habe ich doch damit überhaupt nicht sagen wollen. Was glaubst du denn, wie es für mich ist? Wie fühle ich mich wohl, wenn ich Fan vom Duschen zu zweit werde, wenn du es nicht bist? Das ist doch scheisse.“

„Willst du denn ein Fan werden? Ich werde auch einer, wenn du es wirst“, schlug sie vor.

„Magst du es denn selbst nicht genug um ohne mich Fan zu werden?“

„Ich bin doch nur vorsichtig.“

„Natürlich bist du vorsichtig. Aber wieso?“

„Was? Nur so. Ich wusste nicht, dass das etwas Schlechtes ist.“
„Ist es ja auch nicht.“

Er stand auf und trat auf ein herumliegendes Buch. Er zog sie hoch und am Arm ins Badezimmer.

„Ich will nicht, dass du das mir zu liebe machst. Ich will nicht, dass du mir diesen Gefallen tust“, rief sie ihm zu.

„Das ist kein Gefallen, das ist Hass.“, grollte er und öffnete die Düse.