Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Kategorie: Dialoge/Dramen

Symptome

– Frau Ärztin, ich sehe immer so schwarze, schwirrende Punkte vor meinen Augen.
– Das sind nur die Mücken, die in Ihren verfaulten Zähnen wohnen.
– Es tut mir weh, wenn ich mich an meinen Arm kratze.
– Ihre Fingernägel sind bröcklig und zerschneiden die Haut.
– Ich kann keine Erektionen mehr haben.
– Sie sind noch gar nicht geschlechtsreif.
– Mir ist oft schwindlig.
– Ihr Kopf baumelt bei jedem Schritt um den Hals und schlägt an die Schultern.
– Aber… auch meine Zunge fühlt sich taub an.
– Das ist weil Sie so durstig sind.
– Frau Ärztin, was bedeutet das alles?
– Sie stellen nicht die richtigen Fragen.
– Kann man etwas dagegen machen?
– Philosophie studieren?
Die Ärztin lachte heftig auf und hielt sich vor Schmerzen den Bauch.
– Kleiner Scherz, sagte sie und runzelte wieder die Stirn.

Sokrates, Phagos

Sokrates. Du scheinst müde und hungrig zu sein, mein lieber Phagos.
Phagos. Das ist wahr, Sokrates, meine Reise war lang. Erst heute Morgen habe ich Athens Stätte betreten.
Sokrates. Ist es nicht so, mein Freund, dass der Hunger mit der Müdigkeit die grösste Gemeinsamkeit aufweist?
Phagos. Erkläre mir das.
Sokrates. Hunger ist doch wohl ein grässliches Gefühl?
Phagos. Das grässlichste.
Sokrates. So sehr der Hunger grässlich, so erfreulich wird das Essen, das nichts anderes als das Stillen des Hungers ist.
Phagos. Sehr richtig.
Sokrates. Und da der Hunger mit der Zeit zunimmt, so folgt daraus, dass es dem grossen Glück förderlich wäre, lange nichts zu essen, bis der Hunger gross genug ist.
Phagos. Jawohl.
Sokrates. Und da dasselbe vom Schlaf zu sagen ist — so ist es der schnellste Weg zum Glück, weder zu essen noch zu schlafen?
Phagos. Mhm.
Sokrates. Bist du nicht auch schon in der Nacht aufgewacht? Und war dir dadurch nicht die Nacht und der Schlaf viel klarer ins Bewusstsein getreten, als wenn du durchgeschlafen hättest?
Sokrates. Ist es nicht so, dass das Essen sich durch das Ausmass der Hungerns verbessert, das Schlafen durch die Unruhe, die wach hält?
Sokrates. Und da dem so ist, müsste es doch das Beste sein, statt eine Nacht lang zu schlafen, oder eine Mahlzeit zu essen, nur viele, kurze Nickerchen zu machen und kleine Bissen zu verzehren?
Sokrates. Wirst du also nicht zugeben, dass es der Glückseligkeit am ehesten zureichte, das Essen in seine kleinsten Teile zu spalten und den Schlaf in seine kürzesten Phasen zu trennen, so dass man im Stehen und Liegen, in der Schlacht und auf dem Marktplatz immerzu ein wenig schläft und ein wenig isst, ohne sich jedoch in grossen Portionen satt zu knabbern, noch wach zu schlafen?
Sokrates. Würdest du, Phagos, daher nicht behaupten, dass das kleine Mass in jedem Fall die Müdigkeit und den Hunger bei Stange hält und somit für das Essen und den Schlaf am zuträglichsten sind?
Sokrates. Phagos?
Sokrates. Phagos?!
Sokrates. Es wäre zumindest höflich, nicht so viele Pinienkerne auf einmal in den Mund zu nehmen, damit du mir noch Antwort geben könntest.
Phagos. Verzeih, werter Sokrates, der Hunger…!

Zwei misslungene Aufträge

Soldat Bernhard: Anmelden, Offizier.
General Gerber: Ich bin kein Offizier, Soldat, ich bin General. Name, Soldat?
Soldat Bernhard: Soldat Bernhard, General.
General Gerber: Sie sind hier um Ihren Auftrag zu raportieren, korrekt?
Soldat Bernhard: Korrekt, General.
General Gerber: Sie hatten den Auftrag, eine Nacht- & Nebelaktion durchzuführen und die Zielperson zu eliminieren.
Soldat Bernhard: Jawohl, General.
General Gerber: Wurde der Auftrag ausgeführt?
Soldat Bernhard: Nun, das ist abhängi-
General Gerber: Bitte antworten Sie nur mit Ja und Nein, Soldat. Verstanden?
Soldat Bernhard: Ja.
General Gerber: Das heisst „Ja, General“.
Soldat Bernhard: Nein.
General Gerber: Wieso nicht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Okay, von vorne: Sie antworten jeweils mit Ja oder Nein und nennen Ihren Vorgesetzten, weil es sich gehört, seinen Gesprächspartner mit dem Titel anzureden.
Soldat Bernhard: Soldat, General.
General Gerber: Was?
Soldat Bernhard: Sie hätten „Soldat“ anfügen sollen, General.
General Gerber: Seit wann ist es Ihnen erlaubt, diese Art von Antworten zu geben?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Zurück zu Ihrem Auftrag, Soldat. Haben Sie die Türe aufgebrochen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Waren Sie geräuschlos?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Sind Sie ins Schlafzimmer eingebrochen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie die Person im Schlafzimmer erwürgt?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Wieso nicht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Haben Sie die Person andernorts erwürgt?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Was?? Haben Sie die Person anderweitig eliminiert?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: War eine Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Ja, General.
General Gerber: Ist diese Person jetzt tot?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Waren Sie nicht der Mörder der Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Doch, General.
General Gerber: Wieso sagten Sie dann, dass Sie sie nicht eliminiert hätten?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War ausser Ihnen und der Person noch eine weitere Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Wer zum Teufel war im Zimmer?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Namen!
Soldat Bernhard: Ich kenne sie nicht.
General Gerber: Sie kennen den Namen der Zielperson bei Ihrem ersten Eliminationsauftrag nicht?
Soldat Bernhard: Doch, General!
General Gerber: Wen zum Teufel, wenn nicht Ihre Zielperson, haben Sie denn umgebracht heute Nacht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Waren zwei Personen ausser Ihnen im Schlafzimmer, als Sie es betraten?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was haben die beiden Personen getan?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: … Ich verstehe. Haben Sie geschossen, als Sie sie entdeckt haben?
Soldat Bernhard: Also, nein, General.
General Gerber: Sie zögern. Haben Sie geschossen, oder nicht?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie auf die Zielperson geschossen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie die Zielperson getroffen?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Das ist schlecht, Soldat. Haben Sie niemanden getroffen?
Soldat Bernhard: Doch, General.
General Gerber: Wer war es? Name, Beschreibung, Aussehen, Beruf, irgendwas!
Soldat Bernhard: Der Gärtner.
General Gerber: Wieso der Gärtner?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War es Ihre Absicht, den Gärtner zu treffen, Soldat?
Soldat Bernhard: Nein, ich hab ja gar nicht auf ihn geschossen.
General Gerber: Keine leeren Ausflüchte! Geben Sie nur Antwort, wenn ich Sie etwas frage.
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Das war keine Frage! Jetzt spielen Sie nicht mit mir. Wurden Sie von der Zielperson angegriffen?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Hat Sie sich überhaupt nicht gerührt?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: War sie schlafend?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: War sie tot?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Wieso zum Teufel war sie schon tot, bevor Sie auf sie geschossen haben?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War wenigstens die andere Person lebendig?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Gibt es Grund zur Annahme, dass die lebende Person die tote Zielperson neben sich im Bett ermordet hat?
Soldat Bernhard: Das, General, ist doch schon ein Grund zur Annahme.
General Gerber: Sie sind nicht zum Klugscheissen hier!
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Hat sie sie erwürgt?
Soldat Bernhard: Mich?
General Gerber: Spielen Sie nicht mit mir, oder mein Exekutionskommando tut es mit Ihnen. Würde Ihnen das auch Spass machen?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Hat die andere Person die Zielperson erwürgt?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Echt jetzt?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie irgendeinen Schimmer, was abgegangen ist?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Sind die Leichen beseitigt worden?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Auch die des Gärtners?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was haben Sie damit gemacht?
Soldat Bernhard: Wir haben sie im Blumenbeet verscharrt.
General Gerber: Wie sollen Sie antworten???
Soldat Bernhard: Mit Ja und Nein, General.
General Gerber: Mit „General“! Und ja, auch mit Ja oder Nein, Sie kleiner Scheisser!
Soldat Bernhard: Okay, General.
General Gerber: Ist der Auftrag abgeschlossen?
Soldat Bernhard: Nun ja, also das kommt drauf-
General Gerber: Ja oder Nein?!
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was? Gut.
Soldat Bernhard: Nein, General: Ja: „Ja oder Nein“, General.
General Gerber (drückt Knopf): Exekutieren Sie Bernhard, den Soldaten. Er hat es vermasselt.
Stimme aus Apparat: Ja, sofort exekutieren, General!
General Gerber (stutzend): Nur, damit wir uns verstehen, Offizier: Den Soldaten Bernhard exekutieren! Man sagt übrigens nicht „General“ in so einem Satz.

Keine Antwort. Pause. General Gerber und Soldat Bernhard sehen sich an.

General Gerber: Hoffen wir, dass der Offizier richtig zugehört hat.
Soldat Bernhard: Ja, General!

Klopfen.

General Gerber: Eintreten!
Offizier (hinter der Tür): Wer ruft?
General Gerber: Ich, General!
Offizier: Kein General, ich bin Offizier!
General Gerber: Ich weiss, Idiot. Treten Sie ein. Hier spricht General Gerber.

Der Offizier tritt ein.

Offizier: Soldat Bernhard, General Gerber – exekutieren?
General Gerber und Soldat Bernhard: Ja, Offizier!

General Gerber und Soldat Bernhard sehen sich verblüfft an. Der Offizier lädt die Waffe.

Noch einmal leben

„Sag mal… Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest“, der Mann lächelte nachdenklich hinter seiner neuen Brille, „würdest du alles genau so machen?“
„Ja“, sagte Goethe.
„Einfach ja? Ohne nachzudenken?“
„Ich hab nachgedacht. Ich kann schnell nachdenken.“

Ob das Kind eine Frage stellen darf

„Darf ich eine Frage stellen?“, fragte das Kind.
Der Lastwagen ruckelte durch die Dunkelheit.
„Nein“, antwortete der Mann.
Es wurde kühl und das Kind begann zu frieren, doch wollte es nicht um eine Decke bitten.
„Darf ich jetzt eine Frage stellen?“, fragte es nach einer Weile.
„Nein.“
Der Mann putzte sein Gewehr und hielt sich an einer Stange fest, um in den harten Kurven nicht zu fallen.
Das Kind wurde müde und nach einer halbe Stunde fragte es noch einmal.
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Nein.“
„Warum denn nicht?“
Der Mann stellte sein Gewehr zu Boden und bückte sich tief hinab zum Kind.
„Wo kämen wir denn hin, wenn wir immer Fragen stellen dürften?“
„Wohin?“
„Woher soll ich das denn wissen? Nirgendwohin, wos schön ist.“
Darauf verfielen die beide wieder in langes Schweigen.
„Warum nicht?“
„Weil man dafür nicht fragen darf, sag mal, spinnst du?“
„Wieso sollte ich denn spinnen?“
„Wieso — was?“
Wütend starrten die beiden einander lange an und verharrten reglos. Die Nacht verschwand und der Tag kam durch die braunen Vorhänge des Wagens wieder zum Vorschein.
„Darf ich eine Frage–“
„Nein.“

Der Vogel und die Patrone

Paul sah aus dem Fenster.
„Was siehst du?“, fragte Lisa.
„Ich sehe einen Vorgarten und einen Brunnen. Ein kleiner Mann und eine junge Frau sitzen davor. Die Frau scheint auf jemanden zu warten und schaut ständig auf die Uhr. Der kleine Mann kramt in seiner Tasche.“
„Seiner Tasche? Was sucht er in seiner Tasche?“
„Er sieht nicht eigentlich aus, als würde er nach etwas suchen. Aber… vielleicht doch, jedenfalls kramt er darin, er könnte sich aber auch nur massieren.“
„Massieren? Hat er einen Herzinfarkt? Muskelkater?“
„Ich weiss nicht, er könnte natürlich auch nach etwas suchen.“
„Was siehst du noch, Paul?“
„Ich sehe einen Pfirsichbaum und ein Vogel sitzt darauf.“
„Was ist das für ein Vogel?“
„Nun, kein besonders schöner, speziell auch nicht, aber er schaut den Mann an, der vor dem Brunnen auf der Bank sitzt. Ich kenne Vögel nicht, aber ein wenig angriffslustig hält er schon nach ihm Ausguck. So als wollte er ihn nächstens attackieren.“
„Hat der Mann in der Zwischenzeit etwas gefunden?“
„Nein, aber… aber er lächelt. Oh, ich glaube er hat doch etwas gefunden. Er holt es hervor-“
„Was ist? Was ist es?“
„Nun,… Ich weiss nicht recht, von hier oben sieht alles aus wie eine Reflexion des Fensters.“
„Sag schon.“
„Ich denke, nun, ich denke er hält eine Pistole in der Hand.“
„Was?!“
„Na ja, ich bin mir nicht sicher.“
„Um Gottes Willen, die arme Frau!“
„Die hat bis jetzt noch nichts bemerkt. Aber Moment, der Mann hält noch etwas anderes in der Hand. Ich glaube, es ist ein Bündel Postkarten.“
„Postkarten? Ja was will er denn!“
„Er spricht die Frau an.“
„Sieht sie denn seine Pistole nicht?“
„Nein, er hält sie versteckt hinter seinem Rücken.“
„Oh Gott, wieso macht er sowas!“
„Ich kann es mir nicht erklären. Jetzt streckt er der Frau Postkarten hin… Sie nimmt sie zögerlich. Und schaut sie an.“
„Wies-“
„Oh!! Jetzt hält er die Pistole auf ihr Gesicht.“
„Oh, nein. Nein, nein, nein.“
„Er spricht mit ihr. Ich glaube nicht, dass er sie erschiessen will. Die junge Frau jedenfalls ist kreidebleich. Sie… Moment.“
„Was tut sie?“
„Sie… Sie schaut weiter die Postkarten an. Womöglich zwingt er sie dazu. Es ist ein riesiger Stapel und er hat noch einen zweiten Stapel auf dem Schoss. Er schreit sie an, vermutlich, dass sie jeden einzelnen Brief lesen müsse.“
„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“
„Vielleicht sollten wir, aber sie käme ohnehin zu spät, denn mittlerweile hat er die Waffe wieder aus der Hand gelegt. Er scheint sehr zufrieden. Die Frau kämpft sich weiter durch die Postkarten. Bald hat sie den ersten Stapel hinter sich.“
„Was wohl auf diesen Postkarten steht?“
„Nichts spannendes, nehme ich an. Die Frau sah anfangs nicht sehr interessiert daran aus. Jetzt im übrigen auch nicht, sie hat nur Schweisstropfen auf ihrem weissen Gesicht und müht sich damit ab.“
„Wer tut so etwas Krankes? Wer will diese Postkarten jemandem aufzwingen?“
„Vielleicht kann er nicht lesen und sie muss es ihm vorlesen. Allerdings bewegen sich ihre Lippen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie laut liest.“
„Vielleicht sind es seine eigenen Postkarten“, mutmasste Lisa, „die er an niemanden adressieren konnte und jemandem zum Lesen geben möchte.“
„Stimmt. So, der Mann hat noch einen Stapel ausgepackt.“
„Oh, die arme Frau…!“
„Aber was ist das! Der Vogel hat sich niedergestürzt auf die Pistole und piekt den kleinen Mann ins Gesicht. Jetzt rennt er davon und lässt die Frau mit den Postkarten und dem Vogel zurück.“
„Eine Elster? Weil es glänzte!“
„Richtig, genau. Eine Elster. Und jetzt sitzt die alte Frau da. Sie liest immer noch die Postkarten. Die Pistole liegt neben ihr.“
Eine ganze Weile lang schwiegen sie.
„Jetzt passiert was, jetzt passiert was!“, rief Paul aus. „Sie steht auf. Und sie hält sich die Pistol ans Kinn!“
„Oh nein! Wir hätten doch die Polizei rufen sollen. Vielleicht waren Drohbriefe in den Postkarten versteckt!“
„Doch, nein, sie drückt nicht ab. Sie hebt die Pistole hoch. Und gibt einen Schuss ab, um die Elster zu verjagen. Sie fliegt davon. Ausser Sicht. Die Frau geht zu einem Briefkasten am Ende der Strasse und wirft die Postkarten ein. Sie sieht müde aus.“
„Aber…“ Lisa schwieg. „Wieso habe ich keinen Schuss gehört?“, fragte sie dann.
„Ach!“, rief Paul aus und sprang vom Fenstersims. „Du weisst genau, dass sie in Zürich starke Verglasungen wegen dem Autolärm haben.“
„Ich würde sehr gerne hinaussehen.“
„Es sind alle verschwunden. Ohnehin weisst du, dass Mama dir verboten hat, auf den Fenstersims zu klettern. Du bist ohnehin zu müde.“
Lisa raschelte beleidigt mit der Bettdecke.
„Immer passiert so viel, wenn ich krank bin“, rief sie aus und versuchte mit traurigem Blick aus dem Fenster zu schauen. Vom Bett aus konnte sie nur einen Ausschnitt des Himmels und ein paar Wolken sehen und einen ganz kurzen Moment lang, fast unsichtbar oder wie eine Reflexion im Fenster, die Patrone, die von oben im Höllentempo hinabschwirrte. Sie lächelte und wollte aufschreien, doch Paul war bereits wieder verschwunden.

Gründe für den Baum, mit mir zu sprechen

Ich sah in den Himmel.
„Warum bist du so nervös?“, fragte eine Stimme. Es war der Baum, der mit mir sprach.
„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „Es scheint mir nur immerzu, als müsste etwas passieren.“
„Was meinst du, sollte passieren?“, fragte der Baum.
„Das ist es ja gerade, was ich nicht weiss. Wenn ich es wüsste, dann würde es mich vermutlich weniger bedrücken. Aber mir scheint stets, dass nichts von selbst vor sich geht auf der Welt.“
„Das ist eine arrogante Meinung“, sagte der Baum, „Ich selbst zum Beispiel tue gar nichts und es passieren eine Menge Dinge auf der Welt.“
„Du bist womöglich auch nur ein Baum“, antwortete ich.
„Das ist wahr. Aber was sollte ich auch mehr sein?“, sagte der Baum verärgert, „Niemand verlangt von mir, etwas anderes zu sein, und niemand verlangt, dass ich etwas zum Passieren bringe.“
„Aber ich bin doch ein Mensch“, antwortete ich, „Wir sind die, die Dinge geschehen lassen.“
„Das ist das Lustige an euch Menschen. Immerzu glaubt ihr, der Ursprung von allen Dingen zu sein und selbst wenn ihr begreift, dass ihr selbst auch nur einem Ursprung gehorcht, so glaubt ihr immer noch fest überzeugt, dass auf euch etwas folgen muss.“
Ich starrte in den Himmel und achtete darauf, wie sich die Wolken zu einem Gewitter zusammenzogen. „Ich wundere mich, was daran falsch sein soll“, erwiderte ich, „Du bist auch ein Baum, dich muss es ja auch nicht stören, wenn nichts passiert. Aber schau mich an: Wenn nichts passiert, dann bin ich wertlos.“
Der Baum seufzte. „Ich wachse in den Himmel, weil ich den Himmel berühren will. Ich wachse aus dem Boden, weil ich ihm entrinnen will. Ich werfe meine Blätter im Herbst ab, weil ich den Schnee und die Kälte nicht ertrage. Und ich ertrage die Kälte nicht, weil meine Zellen nicht robust genug sind, ich wachse in den Himmel weil ich dann dem Licht entgegenwachse – ausser Konkurrenz. Hinter jedem Weil weilen weitere Weils, denn immerzu gibt es von allem eine Ursache.“
„Das ist wahr“, antwortete ich.
„Dein Fehler ist nur, dass du immerzu denkst, weil alles eine Ursache habe, sei auch alles eine Ursache. Das ist doch Irrsinn.“

„Aber warum?“

„Weil es keine Ursache dafür gibt.“

Ich sah in den Himmel.

Terminator

Mensch: „Es ist ein schöner Tag.“
Maschine: „Na ja. Das kann man so nicht sagen.“

Mensch: „Die Vorsokratiker haben den Mythos bereits abgeschafft.“
Maschine: „So würde ich das nicht ausdrücken.“

Mensch: „4 plus 4 gibt 8.“
Maschine: „Das würde ich nicht behaupten.“

Mensch: „Ich habe Hunger.“
Maschine: „Nein, nein, das kann man so auf keinen Fall sagen.“

Mensch: „Ich bin keine Maschine.“
Maschine: „Das müssten wir jetzt etwas differenzierter betrachten.“
Mensch: „Nein, nein, so würde ich das nicht ausdrücken.“
Maschine: „Moment, moment, das müssen wir uns genauer unter die Lupe nehmen.“
Mensch: „So kann man das also nicht sagen.“
Maschine: „Nein?“
Mensch: „Nein.“