Lifestyle (Laufe Amok, saufe Koma)

von Cedric Weidmann

Es hätte Severins vierter Amoklauf werden sollen.

Trotz seines zarten Alters von 21 konnte man schon von einer gewissen Routine sprechen.

Bei einem Hobby, dessen Faszination nur wenige mit ihm teilten, war es vermutlich auch nicht besonders schwer, ausserordentlich hervorragende Fähigkeiten darin zu zeigen. Es wäre trotzallem nicht anständig es zu leugnen oder es unerwähnt zu lassen, dass er der Beste war.

Er sprach immer von der Kulmination, vom Gipfel absoluten Rausches und dem Gefühl der Allmacht, dessen Impressionen er sich in den wenigen Minuten in den blutbesudelten Schulhausgängen oder vor der Bushaltstelle gewahr wurde. Das sei ein schönes Gefühl. Doch was viel besser sei, das sei die minutiöse Vorbereitung der Tat.

Er liebte es, abends nach dem Nachhauskommen auf dem Internet Waffen und Abschiedsbriefe zu shoppen, heute geht das ja alles über Paypal. In diesem Bezug war er den Mädchen, die Samstags in der Stadt ihre Kleider kauften, kaum unähnlich.

Auch Severin legte Wert auf Kleidung. Er hatte sehr lange, bis er sich wirklich zum richtigen Spruch auf dem T-Shirt durchgerungen hatte. Es durfte nicht zu sehr politisch sein und etwas nerdig, aber nicht freaky. Leech-Speak hätte leider niemand verstanden und ein HTML-Lauftext schien ihm nicht genug eingänglich, es musste für eine kurze Videosequenz auf Youtube reichen, um jedem im Hinterkopf zu bleiben. Das war eine Beschäftigung, der er sich gerne hingab. Meistens, so fand er, stellten sich seine Sprüche im Nachhinein als ziemlich dumm heraus. Er hätte das letzte Mal das koreanische Schriftzeichen für Orgasmus nehmen sollen, anstelle des barocken Gedichts, das er mit Google auf Englisch und dann wieder auf Deutsch übersetzt hatte.

Unheimlich Spass machte es ihm auch, im Chat einen Bot hochzuschalten, der einen zufälligen letzten Satz einer berühmten intellektuellen Persönlichkeit postete, oder Abends in den Internetforen seine Drohungen ausführlich und seine Ausführungen eindringlich zu beschreiben.

Blut und die Dynamik extrahierter Körperteile fanden in seinen Erzählungen immer seltener Eingang. Man änderte schliesslich auch die Art, wie man das Ganze anging.

Es war, alles in allem, eine Frage des Stils, eine Frage der Konzeption vielleicht, und auch wenn sich Severin nie mit diesem Aspekt seiner Beschäftigung auseinandergesetzt hatte, war das möglicherweise eine Form von Aktionskunst. Aber das sollte keine Kunst sein, gegen das klagte er ja alles, gegen die Kunst, gegen die Konzeption, gegen Ordnung und Verlangen, gegen Verdrängung und Unterwurf. Andererseits war das ja nicht politisch. Es gab da keine Revolution, die dahinter steckte.

Es war viel mehr einfach ein geiles Gefühl.

Es hätte Severins vierter Amoklauf werden sollen, als ihm aus Versehen in einem etwas vom Topic abhanden gekommenen Thread herausgerutscht war, dass Che zwar Gewalt angewandt habe, aber dass ihn nicht die Lust, sondern die Idee getrieben habe.

Da war das Ganze natürlich gelaufen.

Er konnte ja nichts mehr machen, was nicht politisch war. Hätte er seinen vierten Amoklauf begangen, so sähe man heute noch Che als den Auslöser und das Idol. Doch das war doch alles nicht richtig. Nicht einmal sein Hobby durfte man vorbehaltlos ausleben.

Und so war es dazu gekommen, dass Severin Politiker wurde, was er bis zum Ende seiner Tage blieb. Sein Tod galt als Martyrium für die Besserung und den Umschwung zur politischen Veränderung anstelle von roher Gewalt. Er dachte an die Ästhetik eines durchlöcherten Schädels, als er röchelnd in das in seiner Kotze getränkte blutfarbene Kissen biss und verschwand.