Perspektive

von Cedric Weidmann

Warnhinweis: Diese Geschichte kann Spuren von Fisch, Nüssen und Stichhaltigkeit aufweisen. Ich persönlich würde aber nicht danach suchen.

„Ich denke jeden Tag darüber nach, wie ich es schaffe, dass sich der alte Arsch alle seine Knochen bricht.“

Die Rede war dabei von unserem Lehrer, Herr Bantli, der uns oft damit quälte, uns die Lebenszeit zu rauben, um sie mit irgendwelchen Lehrplänen zu füllen, deren Inhalte – sollten wir später einmal aus der Primarschule raus sein – wir in keinster Weise würden verwenden können. Aber das wussten wir damals noch nicht. Wir gingen nur von Vermutungen aus und diese Vermutungen sagten mir, dass Herr Bantli ein schlechter Lehrer war.
Ramon warf sein Fahrrad zu Boden. Und legte sich daneben in die Wiese. Ich stellte ebenfalls mein Fahrrad ab und legte mich zu ihm hin.
Herr Bantli war eine interessante Figur. Manchmal, wenn er zu spät kam, parkierte er so knapp vor der Türe des Schulhauses, dass es in der grossen Pause einen Stau beim Ausgang gab und sich die Schüler vor Ungeduld und Dichte ins Gesicht schlugen. Ins Gesicht schlagen, das sei keine tolle Sache, sagte Herr Bantli oft. Ich fand, dass es nicht ganz falsch sei, was der Herr Bantli sagte, nur waren seine Behauptungen statt falsch, fast immer nicht richtig. Es war eben eine Sache des Standpunktes. Der Zustand und die Tätigkeit vom Schlagen waren nicht ein und derselbe Umstand und hätten sich in der Frage, ob es gute oder schlechte Dinge seien, nicht stärker unterscheiden können.
Wir lagen mit dem Rücken auf dem Gras und schauten in den Himmel. Ramon suchte in seiner Lederjacke nach Zigaretten.
Herr Bantli war ein seltsamer Typ. Manchmal kam er im Winter mit Hawaihemd und Shorts in die Schule, worauf Wochen folgten, in denen er immer die gleichen grauen Kleider trug und er nicht den Eindruck machte, sich zu waschen. In diesen Zeiten sprach er immer nur mit sehr tiefer Stimme und wenn man aufstreckte, nahm er einen oft gar nicht dran. Manchmal, wenn wir wieder zu laut waren, oder etwas kaputt gemacht hatten, verwarf er die Hände und vergrub dann sein Gesicht in ihnen, während er seufzte, dass er einem sogenannten Pestalozzi einmal die Birne weichprügeln wolle. Das gefiel mir, denn es unterstützte meine Ansicht: Schlagen war, moralisch betrachtet, eine Sache der Perspektive.
Endlich hatte er sie gefunden und Ramon steckte sich die Zigarette in den Mund. Dann suchte er nach dem Feuerzeug.
Herr Bantli war ein spezieller Mensch. Oft ignorierte er Ramon in den Stunden, während er anderen fast willkürlich Gehör schenkte. Er hörte sich am Liebsten morgens die Geschichten an, die wir Kinder auftischten, um uns dafür zu entschuldigen, dass wir die Hausaufgaben gemacht hatten. Er nahm dann für gewöhnlich seinen Stuhl und stellte ihn vor die Klasse, setzte sich darauf und nahm ganz interessiert Anteil. Manchmal baute er die Geschichten aus und schlug bessere oder logischere Varianten vor. Ab und zu sogar fantastischere, so dass man nie sicher war, ob er einem jetzt böse war oder nicht. Das Vergessen von Hausaufgaben hatte aber nie Konsequenzen, wenn man eine gute Geschichte erzählte. Das war auch der Grund, weshalb wir kaum mehr die Hausaufgaben lösten, sondern uns nur neue Geschichten ausdachten. Das war das Tollste an Herr Bantli, nichts an ihm machte auch nur vergleichsweise so viel Spass.
Ramon entzündete seine Zigarette und nahm einen tiefen Zug.
Herr Bantli war ein alter Arsch. Einmal, als Ramon noch nicht an unserer Schule war, war ich auf dem Pausenplatz verprügelt worden. Sie waren zu viert gewesen und hatten auf mich eingetreten. Aus dem Liegen konnte ich das Fenster des Lehrerzimmers sehen. Ich konnte sehen, wie Herr Bantli im Zimmer stand und eine Tasse Kaffee trank. Die andern traten auf mich ein, immer länger, lange, eine ganze grosse Pause lang, und Herr Bantli hatte sich währenddessen zehntausendmal Kaffee zugeträufelt.
Ramon gab mir die Zigarette weiter. Ich nahm einen Zug und gab sie ihm zurück.
Herr Bantli war ein alter Arsch, das war schon richtig. Ich konnte mir nur nicht gerade vorstellen, warum man wollte, dass er sich alle seinen Knochen bräche. Vor allem, und das beschäftigte mich natürlich, schien es mir etwas zu fantastisch zu sein: es war gar nicht so einfach, jemandem alle Knochen zu brechen. Die kleinsten Knochen des Menschen, das waren Hammer, Amboss und Steigbügel im Ohr, das wusste ich aus einem der Was ist was?-Hefte, die ich während der Pause gelesen hatte, als ich mich nicht mehr auf den Platz getraut hatte. Und um die zu zerquetschen bräuchte es einen ziemlichen Druck. In einer Schrottpresse, die Autos zu Würfeln zerstampfte, oder so. Aber auch da würden wohl die Hautreste und die Knochensplitter der grösseren Knochen diese kleinen Knochen noch so beschützen, dass sie nicht gebrochen würden. Natürlich könnte man nun diesen Zerquetschprozess wiederholen, bis eine Art Mühle aus der Schrottpresse geworden wäre. Dann stellte sich nur die Frage, ab wann Herr Bantli noch Herr Bantli war, denn gestorben war er dann ja schon lange. Und ob seine Knochen dann noch ihm gehörten, denn wenn einem Knochen immer gehörten, dann war der ganze Boden ja voll von Menschen. Mir wurde es bei diesem Gedanken etwas unwohl, auf dem Boden zu liegen, und setzte mich auf.
„Was machst du?“, fragte Ramon.
Ich nahm einen Zug von der Zigarette, die er mir anbot und gab sie zurück. Ich sagte: „Alle seine Knochen?“
„Ja, alle seine Knochen. Bis auf den letzten. Und ich will, dass es knackt.“ Er versuchte das Geräusch zu imitieren, spuckte sich dabei aber nur auf die Hose. Ich lachte und er lachte auch.
„Und das machst du… jeden Tag?“, fragte ich.
„Ja, jeden Tag“, antwortete er.
Das stimmte mich nachdenklich. „So schlimm finde ich Herr Bantli auch wieder nicht. Er macht ein paar dumme Dinge, nervt und so… Aber irgendwie… Ich denk einfach nicht, dass ich mir jeden Tag vorstellen könnte, dass er sich alle Knochen bricht. Einmal in der Woche vielleicht. Oder nicht gerade alle Knochen. Das finde ich nämlich schon etwas extrem.“
„Was?!“, rief er mit gerunzelter Stirn aus und setzte sich ebenfalls auf, die Gräser reichten uns nur bis zu der Brust und wir konnten uns deshalb wieder ansehen, „Wovon redest du? Ich spreche nicht von Herr Bantli, nur damit dus weißt! Ich spreche von diesem Nils, der immer alle zusammenschlägt auf dem Pausenplatz.“
„Ach so, der Arsch.“
„Ich denke jeden Tag nach, wie ich es schaffe, dass er sich alle seine Knochen bricht.“
Das war natürlich etwas anderes, dachte ich. Das war einfach eine Sache der Perspektive.