Gossip Girl – Die Kollektivierung eines Erzählers

von Cedric Weidmann

Gossip Girl gehört zu den erfolgreichsten Fernseh-Soaps im europäischen Raum und gilt für immer mehr Menschen und eine neue Generation als stilweisend. Die Geschichte über Intrigen und Gefühle am „Hof der Welt“, der Upper East Side in NYC, haben eine fesselnde Anziehungskraft. Die wenigen Protagonisten, sechs in der Hauptsache, im Ganzen aber nur um die 18 Personen, sind jung, schön, stinkreich und stören sich auch nicht daran. Aber auch in ihrer Welt gibt es Probleme, Angst, Hoffnung und das farbenfrohe Arsenal an emotionalen Haltungen, das für ein Oszillieren zwischen guten und schlechten Zeiten nötig ist.

So weit also die Einbettung in den unspektakulären Rahmen. Man darf sich an dieser Stelle nur zu Recht fragen, was an dieser Serie für ein neues Lebensbild so exemplarisch sein soll, schliesslich haben wir das alles schon erlebt. Und was die Schönen und Reichen angeht: es wundert keinen, dass man bei unserer Generation vom „Revoltieren gegen das Revoltieren“ spricht. Konvention und Spiessertum haben wieder ihren Reiz. Daran haben Alt-68er, Punks, David Bowie und Nietzsche gleichermassen Schuld. Unsere Generation ist das Steinewerfen müde geworden und deshalb ist unterwürfig das neue aufmüpfig.

Bei dieser Feststellung darf man es auf keinen Fall belassen. Gossip Girl als eine einfache, gut gemachte Sendung abzutun, die ihren Reiz visuell ausschöpft, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht. Gossip Girl versteckt vieles, was für die Jugend des 21. Jahrhunderts prägend ist und diese Dinge sind auf einem sehr hohen Niveau einzusiedeln.

Ich möchte auch den Grund dafür zeigen, wie sich eine in haarsträubenden Masse konventionell orchestrierte Fernsehsendung, die 40 Minuten pro Sendung dauert (das ist aufs Ganze gesehen etwa doppelte so lang wie die meisten anderen Soaps), langatmig geschnitten ist und sich um die immer gleichen Personen dreht, über 3 Staffeln lang erhalten konnte (eine Staffel beinhaltet zwischen 18 und 25 Sendungen) und immer noch lebt. Übrigens betrachte ich den Erfolg der Serie für so erheblich, dass ich die dem Drehbuch zugrunde liegenden Bücher ignorieren werden.

Wer ist es und wenn ja, wieviele?

Jede erfolgreiche Soap hat wenigstens etwas, was sie auszeichnet. Gut aussehende Schauspieler helfen nicht über Längen hinweg. Harry Potter hatte das Zaubern. Knight Rider das sprechende Auto. Die Superheldencomics das Doppelleben der Superhelden. Simpsons die Mehrdeutigkeit der Primitivität. Das narrative Element, was Gossip Girl anderen Sendungen zuvor hat, ist die Einbettung des Internets.

Gossip Girl ist der Deckname einer anonymen Person (Stimme und Inhalt suggerieren, dass es sich um ein Mädchen handelt), die über die betreffenden Protagonisten berichtet. Es ist sozusagen die Tratschtante, die sich an eine breite Öffentlichkeit richtet, und wird so zur anonymisierten Klatsch-Presse im Mini-Format. Wenn in der Schule ein Protagonist beim Betrügen von einem Schüler beobachtet wird, meldet er dies sogleich an Gossip Girl weiter, die diese Information in der Gerüchteküche aufbereitet und dann auf dem Internet publiziert.

Gossip Girl ist – nicht komplett zwar und über die Serie hinweg oft widersprüchlich auftretend – der Haupterzähler der Geschichte. Sie (oder er…) treibt die Handlung voran. Narrativ wird dadurch jeder Mensch zum Erzähler. Lustig ist das vor allem dann, wenn die Protagonisten selbst Gossip Girl Informationen zusenden, um Falschmeldungen zu verbreiten oder Geheimnisse zu lüften, und damit sowohl Teil der Erzählung wie auch Teil des Erzählers werden. Gossip Girl ist weder ein auktorialer noch ein personaler Erzähler, deshalb spreche ich auch von der „Kollektivierung des Erzählers“ und also von einem kollektiven Erzähler.

Und hier sind die zwei zentralen Vorzüge des Internets hervorzuheben, die diesen kollektiven Erzähler ermöglichen.

Erstens ist das Internet das schnellste bekannte Informationsmedium und die Neuigkeiten übertragen sich in so kurzer Zeit, dass der narrative Gürtel sehr eng geschnallt ist.

Zweitens ist das Internet (noch) ein Punkt der absoluten Anonymität. Eine völlig Neuartigkeit in diesem Ausmass, das erzähltechnisch attraktive neue Möglichkeiten bietet. Diese Anonymität ist auch ein Kritikpunkt des Internets und seine Aufhebung wird bereits diskutiert. Dass Anonymität zu Unverantwortlichkeit und damit zu dystopischen Absichten führt, ist leider ein grosses Problem, für Neugierige aber auch einfach ein interessanter Umstand.

Was passiert also, fragt der Neugierige, wenn der Erzähler kollektiv ist, aber unbekannt?

Das ist eine der spannensten Fragen, die man überhaupt stellen kann. Weshalb ist sie so spannend? Ganz einfach. Endlich fokussiert sich die Problemstellung der Erzähltechnik auf das andere Glied der Kommunikationskette: den Rezipienten.

Die Lage ist nun: Alle wissen so ziemlich alles (oder immerhin sehr viel) über die Narration und jeder kann das auch jederzeit kundtun (man nehme den Blog von Gossip Girl als Beispiel). Das Problem ist jetzt nicht mehr, wie man etwas herausfindet, sondern viel eher: Was will man wissen? Was interessiert die Menschen? Worüber wird geredet?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Gossip Girl integriert die bekannteste Form des Erzählens, die heute ungeahnte Ausmasse erreicht hat. Märchen, Fabeln, Romane, das sind die konventionellen Erzählungen. Hollywood-Filme, Texte in Musikstücken und vielleicht auch einmal die Rahmengeschichte eines Videospiels – das alles sind Erzählungen, die wir als solche offensichtlich wahrnehmen.

Die einflussreichste Erzählung, die sich heute immer grösserer Beliebtheit erfreut und Erwachsene fast genauso wie Jugendliche fesselt, ist aber in unserem Alltag versteckt.

Ich spreche von jener Sorte von Märchen, in denen wir uns darum kümmern, ob Jolie und Pitt tatsächlich heiraten, wer mit wem ein Techtelmechtel hatte und wohin die Wege der Schönen und Reichen führen. Diese Dinge sind keine altbekannten Märchen. Sie sind noch nicht erzählt, es gibt kein bestimmtes Ende ihrer Geschichte (andererseits lassen gewisse Wiederholungen vielleicht einige Ereignisse erahnen). Ausserdem erzählen sie sich etappenweise, jeden Tag oder jede Woche, meistens in Zeitungen oder in Zeitschriften (wie die Serie auch jede Woche fortgesetzt wird). Wenn man es aber genau betrachtet, besteht kein Zweifel: Es sind alles Geschichten über die Schönen und Reichen. Warum es ausgerechnet die Schönen und Reichen sind, ist eine andere Frage. Ich vermute, weil wir keine besseren Auswahlkriterien haben.

Und – da sind wir wieder – diesselbe Art von Erzählung macht sich auch Gossip Girl zu nutze. Die anonyme Bloggerin steht stellvertretend für die yellow press, die Boulevard-Presse, und sie erzählt Geschichten über Personen, die stellvertretend für die Schönen und Reichen sind. Wenn diese Personen, ausser in den erzählten Geschichten, auch noch im Alltag der Protagonisten vorkommen, dass sie also sozusagen Brad Pitt neben sich im selben Schulzimmer haben, treibt die Idee der komplexen Erzählung auf die Spitze. Das Interessante wird durch Realitätstreue noch verfestigt. Das ist schliesslich auch der traurige Grund, weshalb alle Menschen Tratschgeschichten, aber nur wenige noch Märchen lesen.

Gossip Girl ist in höchstem Masse selbstreferenziell. Allen sechs Protagonisten ist klar, dass sie in einer Erzählung drinstecken und gleichzeitig können sie daran mitschreiben, während andere, die in der Geschichte nicht Erwähnung finden, auch mitschreiben können.

Das führt die sogenannt „Fokalisierung“ in einen Bereich des Lächerlichen – denn dem Erzähler ist nicht mehr zu trauen.

Es folgt daraus leider die absehbare Tatsache, dass sowohl das Buch, wie selbstverständlich auch der Film (Filme erwecken ohnehin oft den Eindruck von Abwesenheit irgendeines Erzählers), ihre gesamte Erzählung nicht auf Gossip Girl stützen, sondern mit einem auktorialen Erzähler ergänzen. Die Idee aber ist bahnbrechend.

Es gibt einen Grund, weshalb Gossip Girl so erfolgreich ist: Es trifft den Nerv der Zeit. Kommunikationstechnisch (und seht nur, ich blogge das sogar!), thematisch (mit dem Tratschen werden wir alle nie aufhören!) und leider auch ästhetisch (die Bildsprache Kitsch zu nennen wäre eine Verharmlosung, während das Schnitttempo stark an Stummfilmzeiten erinnert) ist diese Fernsehsendung exemplarisch für meine Generation.

xoxo

Das ist ein Beitrag zum Projekt Essays über das neue Leben.