Gründe für den Baum, mit mir zu sprechen

von Cedric Weidmann

Ich sah in den Himmel.
„Warum bist du so nervös?“, fragte eine Stimme. Es war der Baum, der mit mir sprach.
„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „Es scheint mir nur immerzu, als müsste etwas passieren.“
„Was meinst du, sollte passieren?“, fragte der Baum.
„Das ist es ja gerade, was ich nicht weiss. Wenn ich es wüsste, dann würde es mich vermutlich weniger bedrücken. Aber mir scheint stets, dass nichts von selbst vor sich geht auf der Welt.“
„Das ist eine arrogante Meinung“, sagte der Baum, „Ich selbst zum Beispiel tue gar nichts und es passieren eine Menge Dinge auf der Welt.“
„Du bist womöglich auch nur ein Baum“, antwortete ich.
„Das ist wahr. Aber was sollte ich auch mehr sein?“, sagte der Baum verärgert, „Niemand verlangt von mir, etwas anderes zu sein, und niemand verlangt, dass ich etwas zum Passieren bringe.“
„Aber ich bin doch ein Mensch“, antwortete ich, „Wir sind die, die Dinge geschehen lassen.“
„Das ist das Lustige an euch Menschen. Immerzu glaubt ihr, der Ursprung von allen Dingen zu sein und selbst wenn ihr begreift, dass ihr selbst auch nur einem Ursprung gehorcht, so glaubt ihr immer noch fest überzeugt, dass auf euch etwas folgen muss.“
Ich starrte in den Himmel und achtete darauf, wie sich die Wolken zu einem Gewitter zusammenzogen. „Ich wundere mich, was daran falsch sein soll“, erwiderte ich, „Du bist auch ein Baum, dich muss es ja auch nicht stören, wenn nichts passiert. Aber schau mich an: Wenn nichts passiert, dann bin ich wertlos.“
Der Baum seufzte. „Ich wachse in den Himmel, weil ich den Himmel berühren will. Ich wachse aus dem Boden, weil ich ihm entrinnen will. Ich werfe meine Blätter im Herbst ab, weil ich den Schnee und die Kälte nicht ertrage. Und ich ertrage die Kälte nicht, weil meine Zellen nicht robust genug sind, ich wachse in den Himmel weil ich dann dem Licht entgegenwachse – ausser Konkurrenz. Hinter jedem Weil weilen weitere Weils, denn immerzu gibt es von allem eine Ursache.“
„Das ist wahr“, antwortete ich.
„Dein Fehler ist nur, dass du immerzu denkst, weil alles eine Ursache habe, sei auch alles eine Ursache. Das ist doch Irrsinn.“

„Aber warum?“

„Weil es keine Ursache dafür gibt.“

Ich sah in den Himmel.