Die wilden Hühner

von Cedric Weidmann

Eine Übertreibung ist m.E. ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann sich geradezu in jeden der drei verlieben, obgleich sie so unterschiedlich sind. Und ihre Melodie. Hier werden die lichten und die dunklen Seiten des Daseins und der menschlichen Natur – die Spannbreite zwischen Heiligkeit und Verbrechen – eindrucksvoll verarbeitet und ausgeführt. Leget die antiquarischen Ausgaben endgültig beiseite!

Zögernd schloss er die antiquarische Ausgabe, die vor ihm aufgeschlagen war, und legte sie endgültig beiseite. Ein Geruch alten Papiers stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an zu Hause – weiss der Teufel warum, schliesslich rochen alte Bücher überall gleich: schwer, dunkel, rauchig, bröckelnd und das Frühere, Baumartige steigt im Bouquet wieder hervor. Was für ein Unsinn, dass man den Geruch überhaupt mit Büchern verband, war er doch nicht mehr als Staub, bröselnder Milbenkot und halbzersetztes Kompostgut – nichts, was mit einem intellektuellen Kulturgegenstand auch nur in nähester Beziehung gesetzt werden musste.
Um diesen Gedanken richtig zu fassen, oder eigentlich abzuwägen, ob er es wert wäre, gefasst zu werden, lehnte sich Herr Ferdinand zurück und faltete seine Hände über dem dicken Bauch.
Draussen vor dem Fenster tobten die Hühner des Nachbarn. Sie gackerten verzweifelt und krank, ihr Besitzer hatte sie wieder nicht gefüttert.
Das war seit Jahren so. Und er hatte sich problemlos daran gewöhnt. Was Herr Ferdinand auch immer tun würde, still litten die Hühner seines Nachbarns im Garten. Ihr Kot war gelb und oft lagen sie träge im Dreck, zu müde, den Hals zu heben. Dort atmeten sie flach und übten stundenlang den elendesten Blick ein, den die Welt je gesehen hatte, und den sie, wenn sie ihn zur Spitze getrieben hatten, wie ein Stossgebet in den Himmel schickten. Nur die Nacht, die Angst und der Hunger konnten ihr Phlegma vertreiben und eine Szene vollständiger Bizzarerie bot sich im kleinen Käfig zur Schau. Dann bäumten sie sich auf, schrieen, gackerten und schlugen sich die Schnäbel aneinander wund.
Von den einst sechsen, waren es noch drei magere Hühner, die vor seinem Fenster gackerten (gokelten) und keiften. Die anderen waren gestorben und, den Gerüchen nach zu urteilen, in einer nahen Hecke deponiert worden. Die älteste von ihnen, die, so konnte er vom Sofa aus sehen, sich kampflustig aufrichtete, hatte ädrige Augen, ihre Gelenke knarrten und die Beine stiessen aus dem zurückweichenden Körper wie bei einer Sonderform des Zahnfleischrückgangs.
Die jüngste dagegen war einst eine stattliche Henne gewesen. Sie war immer klein geblieben, aber hatte kräftige Knochen und lebhaftig schlagende Flügel. Jeden Tag legte sie ein Ei der besten Sorte und sie reckte bis zum Nachmittag den Kopf so stolz empor, als hätte sie auch vier legen können, wenn man sie nur unterwürfig darum gebeten hätte. Heute hatte auch sie der Hunger zerschlagen, ihr Hals war gebeugt und sie atmete besonders langsam und schwer, als hätte sie ein Loch in der Lunge.
Die mittlere schliesslich war eine eigene Form des Huhns und würde man Gattungen nach Verhalten eingrenzen statt nach anatomischen Eigenheiten, so wäre diese ganz bestimmt nicht unter jene der Hühner gefallen. Wenn es Nacht war, kam ihre Stunde. Sie erklomm den obersten Platz, der sich finden liess und betrachtete den Mond. Sie tat das so still und langsam, dass Herr Ferdinand oft dachte, das Tier sei gar nicht mehr am Leben. Aber selbst wenn es noch so lang dauerte, ja, geradezu immer wenn man es nicht mehr glaubte, bewegte sich der Kopf und es begann zu keifen und zu schreien. Herr Ferdinand hatte früher geglaubt, ein Fuchs sei unterwegs und schrecke sie jede Nacht hoch. Aber vermutlich gab es gar keinen Fuchs. Vermutlich handelte es sich um ganz andere Dinge, die die mittlere Henne aus dem Konzept brachten. Um Dinge, die er nicht richtig zu verstehen meinte: zum Beispiel wenn sich eines der anderen Hühner falsch bewegt hatte oder es einen anderen, als den in seinem Kopf bereits festgesetzten Ablauf ausführte, erschreckte sich das Huhn und hielt, von oben tobsüchtig Schreie ausspeiend, alle zur Besserung an. Herr Ferdinand war sich nicht sicher, ob die beiden anderen Hennen die Probleme der dritten verstanden, geschweige denn sie für ganz richtig im Kopf hielten. Erst wenn alle mit klagendem Winseln Läuterung versprochen hatten, kehrte das Huhn jeweils zurück auf den Boden und legte sich schlafen, wobei nicht in jedem Moment klar war, ob es schlief oder wach war, denn die Augen blieben ungeschlossen, klar und in den Himmel stierend. Wenn der Mond in einer Nacht nicht aufging, dann rannte die mittlere Henne durch das Gehege und liess durch das Herumstakseln keine Ruhe – und doch tat es dies ohne einen Laut auszustossen.
Diese drei Geschöpfe hatten sich nun unruhig erhoben und debattierten mit durstigen Kehlen, jedes mit seiner eigenen, von Hunger gebeutelten Logik argumentierend und einander auf die eigenartigste Weise widerlegend – mit Flügelschlagen, wenn ein Gackern gereicht hätte und umgekehrt. Selbstverständlich war die Situation angespannt. Von oben, auf einem Brett, das auf einer Wassertraufe lag, schrie die Mittlere. Unten stürzte sich die Alte im Kampfeseifer auf die Jüngste, die, fast gelangweilt, mit halbherzigem Schnabelwetzen das Spiel mitspielte. Der Streit war so langsam und schwach, dass es aussah, als fände er unter Wasser statt. Nur unter grösster Anstrengung konnten sich die Tiere ereifern, aber sie taten es täglich wieder.
Man konnte sich geradezu in jede der drei verlieben, obgleich sie so unterschiedlich waren, fand Ferdinand. Und es wäre nicht zu viel behauptet, wenn man es ihm selbst unterstellte. Manchmal, wenn er abends, nach einem mühsamen Arbeitstag aus dem Fenster sah, betrachtete er das Geschehen und es hatte für ihn oft den Anschein, als wären sie alle gesund und ihr Verhalten normal. Er begann sich mit dem gequälten Gesichtsausdruck und den eingeschrumpelten Augäpfeln anzufreuden, denn im abendlichen Sonnenschein sahen sie aus, als würden sie ihm zuzwinkern. Ausserdem hatte er in ihnen Leidensgenossen gefunden, denn wenn er abends am Fenster stand und sich einsam fühlte – so einsam wie die wenigsten Menschen – und müde war von der Baustelle, auf der er Ziegelsteine geschleppt hatte, hatte er wenigstens diese drei, mit denen man so völlig gemeinsam im Elend schwelgen konnte.
Und ihre Melodie. Das Winden und Räkeln ihrer eingeschrumpften Luftröhren. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte, wollte man nie mehr eine Nacht ohne sie verbringen. Für manche war es das Ticken der Uhr oder das Rauschen eines Baches in der Nähe, das sie abends in friedliche Ruhe versetzte. Aber diese Menschen, dachte Herr Ferdinand, hatten wohl nie das Krächzen und Flügelschlagen dieser halbtoten Vögel gehört. Es war geradezu hypnotisierend. Und irgendwann, auf Dauer bestimmt, war ein Schlafen ohne solche Geräusche, mühsam und störend.
Ferdinand wollte aus dem Sofa aufstehen, denn, das wusste er wohl, auf dem Sofa würde er mit Denken zu keinem vernünftigen Ende kommen.
Mehr aus Langeweile und Abenteuerlust, beschloss er zu seinem Nachbarn zu gehen und ihn zur Rede zu stellen.
Als er zu dem kleinen, gepflegten Haus spazierte, fand er, dass er das Leiden dieser armen Tiere zu lang mitangesehen hätte und dass es nun ein Ende nehmen müsste. Allerdings dachte er das mit einer spitzbübischen Interesslosigkeit und war sich selbst nicht sicher, wie ernst er das meinte. Manchmal, dachte er, musst man einfach so tun, als hätte man eine Überzeugung.
Ein alter Zoologie-Professor öffnete die Tür.
„Guten Tag, ich bin Herr Ferdinand. Ihr Nachbar“, stellte er sich vor.
„Hallo. Ich bin der Zoologie-Professor“, sagte der Zoologie-Professor und runzelte die Stirn hinter seinen dicken Brille.
Herr Ferdinand erschauerte. Der Mann war gross und gebückt. Er trug einen weissen Labormantel und hielt in der linken Hand ein altes Buch. In der rechten war etwas Weisses, das zappelte und zuckte und das Ferdinand nicht richtig erkennen konnte, selbst wenn er es angestrengt versuchte. Es hätte gleichermassen eine Packung Milch oder eine… eine Laborratte sein können. Sein Gesicht sah von oben auf Herrn Ferdinand hinab und seine dicken Wangen leuchteten Rot, so dass Ferdinand sich einen kurzen Moment wie eine Schildkröte vorkam, die sich unter einer Wärmelampe suhlte. Der Nachbar schien sich unentwegt zu räuspern und aus seiner Stirn traten Schweisstropfen, wobei nicht zu entscheiden war, ob die Hitze seines rotglühenden Gesichts sie aus den Poren presste oder ob sie von der Anstrengung herrührten, das kleine weisse Etwas in der Hand festzuhalten. Ein dickglasiger Zwicker säumte seine knochige Nase. Und da war noch etwas Spezielles mit der Nase. Da waren die Nasenhaare.
„Was wollen Sie hier? Sind Sie ein neuer Nachbar? Und wollen sich etwa vorstellen! Freut mich. Ich bin der Zoologie-Professor. Wenn Sie eine Frage bezüglich Tiere haben, dann lesen sie in einem Buch nach, für Fragen bin ich nicht zuständig. Und für Fragen aller anderer Art wenden Sie sich besser an eine Fachperson. Auf Wiedersehen.“ Der Alte lachte in sich hinein und wollte die Türe schon schliessen. Doch Ferdinand war übermütig genug, den Mann zurückzudrängen und ihn am Schliessen zu hindern. Aus dem Käfig um die Ecke erklang das Krächzen der drei Hühner.
Als Herr Ferdinand sein Problem erklärt hatte, zog der Professor seine Brille aus und putzte sie mit einem mühsamen Atmen, das seinem Ringen um simple Begriff Ausdruck verlieh.
„Ich glaube, Herr…“
„Ferdinand.“
„Herr Nachbar. Sie haben die Eigentümlichkeiten der Sache nicht ganz begriffen.“
Und mit diesen Worten setzte sich der Professor in Bewegung und steuerte auf den Käfig zu. Herr Ferdinand folgte ihm. Aus einer nahen Hecke drang der Geruch von totem Tier.
Der Professor fuhr fort und streichelte dabei den Gitterkäfig. Daraus drangen unentwegt die Schreie sterbender Tiere. „Was sie verspüren ist ein ganz natürlicher Unmut, dem jeder Genasführte vom Bildungsstand eines Ihrigen naturgemäss anheim fällt. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Dieser Käfig ist in bestem technologischem Zustand und die Hühner in meiner Obhut bestens versorgt. Ich habe diese Tiere mein Leben lang studiert und gross gezogen. Sie verstehen diese Hühner nicht wie ich.“
Das sah Herr Ferdinand ein und er zuckte unentschieden mit den Schulternblättern.
Der Zoologie-Professor war eindeutig ein Zoologie-Professor. Diese Aura, die die lichten und die dunklen Seiten des Daseins und der menschlichen Natur ausbreitete. Die zuckende Laborratte in seiner Hand. Das alte Buch. Der Zwicker. Und natürlich die Nasenhaare. Die ellenlangen Nasenhaare, die gezwirbelt und gewunden waren, mit Vertrocknetem an den Spitzen. Herr Ferdinand hatte noch nie etwas so Eigenartiges gesehen, das gleichzeitig so natürlich und passend wirkte. Es musste Gottes Schöpfung oder eine Fügung der Evolution sein. An manchen Stellen beschrieben die dünnen Härchen Bögen und Kurven seltsamster trigonometrischer Funktionen, irgendwo in der Nähe der Oberlippe hätte er ein Möbiusband und daneben eine Mandelbrot-Menge entdecken können. Aber Herr Ferdinand hatte noch nie von fraktaler Geometrie gehört. Angesichts der Anmutigkeit dieser Haarverzwirbelungen gab es jedoch auch für ihn genug zu entdecken: eine Miniaturnachbildung eines Wendeplattenbohrers und eine kranenförmige Konstruktion in der Nähe des rechten Nasenflügels.
In diesen Nasenhaaren war die Spannbreite zwischen Heiligkeit und Verbrechen eindrucksvoll verarbeitet und ausgeführt.
Der Professor fügte stolz hinzu: „Ich würde sogar sagen, es hat noch nie so kräftige und gesunde Hühner gegeben.“
Ferdinand starrte zum wächsernen Hals der alten Henne, der verschrumpelt an der Wirbelsäule klebte und abzublättern drohte.
Er rieb sich die Nase. „Finden Sie nicht, dass Sie etwas übertreiben?“, fragte Herr Ferdinand dann.
Als fühlte er sich erniedrigt, lehnte sich der Professor vor bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit vor dem seines Nachbarn war. In ärgerlichem Ton beissender Überkompetenz schwang er seine Bildung wie eine Keule über dem Kopf.
„Eine Übertreibung ist m. E. ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte er.