Zwei Cowboys oder Antonio

von Cedric Weidmann

Zwei Cowboys ritten in den Sonnenuntergang und verliessen die kleine Stadt Alabama. Oder Tennessee. Oder Wisconsin. Oder Missouri. Oder Ohio.
Die kleinen Kinder der Stadt standen auf der Strasse und sahen ihre Helden ziehen.
Old Hammersmith nickte JD Terence zu.
„Guter Schuss übrigens.“
„Danke“, sagte Terence. „Die Aktion mit dem Fass war aber auch nicht ohne.“
Hammersmith lachte bloss aus dem Mundwinkel heraus, entzündete ein Streichholz am Sattel seines starken Pferdes und steckte seine und Terences Zigaretten an. So ritten sie eine Weile und lauschten, ob die Kinder ihnen noch zujubelten. Natürlich würden sie sich nicht umdrehen und zurücksehen, dafür passte der Sonnenaufgang viel zu grossartig zur Szene.
„Siehst du den Kaktus da?“, fragte Terence.
„Genau das, was noch gefehlt hat!“ Hammersmith grinste und sie trabten langsam am Kaktus vorbei, auf den Terence lässig sein Halstuch legte.
„Für die Kinder“, erklärte er. „Zum Andenken.“
Old Hammersmith nickte verständisvoll.
„Jimmy?“
Old Hammersmith antwortete nicht.
„Glaubst du, er hat gelitten?“
Er stutzte. „Antonio?“
„Weisst du, als du ihm den Arm abgetrennt hast. Und er am Boden lag, sich gerade zu mir hochgedreht hat… Als er da an seinen Pistolenschaft gelangt hat. Also, es war ein Versehen. Ich glaube, er wollte sich bloss die Wunde am Bauch halten. Und der Pistolengurt war verrutscht. Jedenfalls. Ich wusste, dass es ein Versehen war. Ich fühlte mich nicht im Geringsten bedroht. Als ich ihm die Kugel in den Schädel geschossen hab. Und seine Augen. Sie waren so voller Tränen. Ich kann nicht glauben, dass Augen so voller Tränen sein können. Menschliche Augen zumindest.“
Old Hammersmith brummte nachdenklich. Nach einem kurzen Schweigen öffnete er mit einem Seufzen seine vernarbten Lippen.
„Hör mir mal zu, JD. Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen.
Als ich noch ein kleines Kind war und ich in den Strassen mit den anderen Hosenscheissern amerikanische Eroberung spielte, versteckte ich mich oft in den Gassen zwischen Saloons und Häusern.
Einmal sah ich hinter einem Saloon eine Leiter. Sie ging nach oben aufs Dach und ich war gerade auf der Flucht. Also ging ich hinaus aus dem schützenden Schatten und hinauf an die Sonne. Von dort oben hatte man einen prächtigen Überblick. Man konnte das ganze Dorf überblicken. Ich sah die anderen, wie sie nach mir suchten. Sie waren nie im Leben auf die Idee gekommen, aufs Dach des Saloons zu schauen. Uns war es ohnehin verboten in den Saloon zu schauen, aber das ist eine andere Geschichte.
Jetzt war natürlich die Frage – wer hat die Leiter aufs Dach gestellt? Es war niemand auf dem Dach.
Ich kümmerte mich damals nicht darum und warf die Leiter zu Boden, damit niemand hinaufkäme. Es war mir völlig egal, wer die Leiter aufgestellt hatte.“
Terence zog die Augenbrauen zusammen.
„Jedenfalls sass ich auf dem Dach und es wurde dunkel. Langsam machte es keinen Spass mehr und ich wollte hinunter. Doch ich war nicht gerade beliebt im Dorf. Und würde man mich vom Dach holen müssen, erstrecht zu dieser späten Tageszeit, drohte mir eine mächtige Tracht Prügel. Also blieb ich lieber oben und wartete darauf, dass der Mann, der die Leiter aufgestellt hatte, hinaufkäme. Ich schlief diese Nacht. Es war einigermassen warm, aber Hunger hatte ich, Gott. Aber du weisst, da kämpft man sich durch, wenn man ein Waisenkind ist. Es war mir egal. Heute weniger zu essen hiess, weniger Stress zu haben um Essen zu bekommen.
Ich lag also da, betrachtete die Sterne und so Scheisse und schlief nach einer Weile ein.“
Old Hammersmith nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette und sah mit finsterem Blick in Richtung der abtauchenden Sonne.
„Damals brach das Goldfieber aus. Genau damals. In jener Nacht. Jemand kam in den Saloon, erzählte es herum und innert kürzester Zeit, nach einigem Unglauben, sprach sich herum, dass ganz in der Nähe, in der Nachbarstadt, Gold zu finden sei. Ich weiss nicht mehr. Es war auch irgendsoein Alabama. Oder ein Wisconsin. Oder ein Tennessee. Oder ein Ohio. Oder ein Missouri. Irgendso ein Mist. Jedenfalls sollte es dort eine Schürfstelle geben. Ausserdem so etwas wie ein Goldbruch oder dergleichen. Wie dem auch sei. Sie verliessen alle die Stadt. Und als ich am nächsten Morgen in die warme Sonne blinzelte, war ich völlig alleine. Ich konnte schreien und es war niemand da, der mir helfen und mich hinterher verprügeln würde.“
JD Terence fütterte sein Pferd mit einem Apfel.
„Es war niemand mehr da? Wirklich? Auch die Alten? Alle abgezogen?“
„Nun…“ Old Hammersmith grunzte. „Nicht alle. Der alte Leichenbestatter war da geblieben und der verkrüppelte Terry mit den zusammengewachsenen Armen. Sonst weiss ich nicht mehr. Das wirkliche Problem war, dass sie alle Gerätschaften mitgenommen hatten. Es gab keine Leitern, keine Hämmer, keine Seile mehr. Nur noch ein paar Nägel und ein, zwei unbrauchbare Holzlatten hatten sie übrig gelassen. Im ganzen Dorf.
Natürlich versuchten mir die anderen herunterzuhelfen. Aber sie kannten auch keine Möglichkeit, die wenigstens zu einer Mehrheit ausschloss, dass ich mir das Genick und die Beine brach. Stattdessen warfen sie mir regelmässig Essen aufs Dach. Der Leichenbestatter schusterte zwar etwas zusammen, er arbeitete einen Nachmittag mit herausgebrochenen Bälken an einer Art Leiter. Aber bevor er fertig wurde, starb er. Wahrscheinlich zu wenig Wasser oder so. Jedenfalls konnte ich den verkrüppelten Terry auch nicht ernsthaft fragen.“
„Mannomann“, seufzte JD Terence. „Und wie bist du von da wieder heruntergekommen?“
„Ich bin gesprungen.“
„Gesprungen?“
„Ja. Seit der Leichenbestatter die Bälken aus dem Saloon gerissen hat, begann er immer mehr zu schwanken. Wie durch ein Wunder kippte er nie schnell, sondern sehr langsam. Er schlug immer zu beiden Seiten aus, aber er pendelte sehr gemächlich. Er brauchte eine ganze Nacht um von der einen Schieflage in die andere zu kippen und am Tag schwang er zurück. Immer ein bisschen weiter. Als ich irgendwann genug nah dran war, sprang ich. Ich habe mir trotzdem ein Bein gebrochen. Aber du kennst mich. Das war nicht weiter schlimm für mich.“
„Hm…“, machte Terence. Und schob sich seinen Hut zurecht. „Hm.“
„Ich habe zwölf Nächte auf dem verdammten Dach verbracht.“
„Hm. Und warum hast du mir das jetzt erzählt?“
„Ich dachte einfach, du solltest es hören“, antwortete Old Hammersmith und zündete sich die nächste Zigarette an.