Was ist das für Musik, die du da hörst?

von Cedric Weidmann

Er sass allein in der Ecke und die Menschen sahen ihn gar nicht. Sie waren unterwegs um den letzten Einkauf zu erledigen. Ganz selten blieb einer stehen und lehnte sich zu ihm herunter.
„Was hörst du da für Musik?“
„Ich weiss nicht.“
„Warum weisst du das nicht? Ist doch keine schwere Frage.“
„Ja, das ist sie nicht. Aber ich finde die Frage schwierig zu beantworten.“
„Weshalb?“, fragten die Menschen verwirrt.
„Was soll ich sagen, was ich für Musik höre: Soll ich sagen, in welchen Frequenzen gesungen wird? Muss ich erklären, aus welchem Landesteil die Musik kommt? In welches Genre sie passt? Soll ich sie in Beziehung setzen zu Dingen, die Sie kennen? Etwa mit einer Flussmetapher aufwarten? Die Musik in Adjektiven von Naturphänomenen: „luftig“, „himmlisch“, „stürmisch“, beschreiben? Oder muss ich ihnen gleich die gesamte Musikgeschichte erklären, sagen, wo uns die moderne Klassik, wo uns die Jazzmusik hingetrieben hat, dass unser Stand der Musik heute so und so, dass unser Arsenal an Instrumenten dieser und dieser ist? Dass von der Rockmusik der 50er und der Progrockmusik über den Postrock und Drone bis hin zum Mathrock und den Einflüssen südbengalesischer Einwanderer eine Musik entstanden ist, die ich höre?
Oder muss ich gleich sagen, was Musik insgesamt ist, was Kunst ist, wie sie ist, was sie auszeichnet, das ist doch unglaublich schwierig zu beantworten!“

Die meisten Menschen waren bei diesem Gespräch davongelaufen. Eine Frau nicht. Sie hörte ruhig zu und zeigte auf den iPod neben ihm.
„Und was ist das?“
„Das ist ein iPod“, antwortete der Junge.
„Und das ging so leicht?“ Die Frau hob die Augenbrauen.
„Ja…“ Er war selbst erstaunt. „Irgendwie schon.“
„Warum?“
„Na ja, den hat doch Steve Jobs erfunden.“
Die Frau beugte sich zu ihm hinab und nahm den iPod in die Hände.
„Wenn dir das nächste Mal jemand diese Frage stellt“, sagte sie und hielt ihm den beleuchteten Bildschirm vors Gesicht, „liest du ihm den Namen vor, der hier steht, und bist ruhig. Die Menschen wollen nicht wirklich wissen, was das für Musik ist, die du da hörst. Sie wollen, dass du ihnen sagst: Ich gehe in die Schule, dort lernen wir rechnen, ich mag rechnen, wenn ich gross bin, will ich Mathematiker werden, trotzdem spiele ich gerne Fussball und habe viel Freizeit, die ich im Gespräch mit älteren Menschen gerne nutze, denn von ihnen kann man vieles lernen, denn sie leben schon viel länger als ich! Verstanden?“
Der Junge schwieg lange, bis er die Frau weggeblinzelt hatte. Er nahm den Kopfhörer ab und legte den iPod einen guten Meter neben sich auf den Boden. Er betrachtete das Gerät aus der Ferne und hörte die Schritte der vorbeigehenden Menschen.
Und da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, der ihm die Musik für immer verdarb.
Es gab einen Punkt, da war Was ist das für Musik, die du da hörst? dieselbe Frage wie: Was ist das für Musik, die du da nicht hörst?
Nur Hipsters hatten das nicht verstanden.