Das menschliche Verhalten im Regen

von Cedric Weidmann

Er kauft sich im Supermarkt regelmässig gefrorene Erbsen. Er mag keine Erbsen, aber sie füllen die Zwischenräume in der Gefriertruhe besser.
Bei ihm steht nie etwas auf der Kippe, höchstens „Malboro“.
Eine Frau hat ihn einmal weinen gesehen. Deshalb musste er sie umbringen oder heiraten. Sie haben zwei Kinder.
Das Fenster öffnet er mit einem lauten eigenartigen Geräusch, das er mit zusammengepressten Lippen hervorbringt. Es ist, wie wenn man versucht mit geschlossenem Mund einen Pistolenschuss zu imitieren.
Er war nie schlecht in Mathematik, legte aber schon in der Schule inmitten der Gleichung den Stift aus der Hand. Er ist der Meinung, dass sich die grossen Probleme der Welt von selbst lösen würden. Sonst sind es keine Probleme.
Er war geduldig, weil er nie auf etwas wartete.
Er ass nicht mit seinen Arbeitskollegen und war auch sonst nicht für Höflichkeiten gut, aber bot ihnen Kaffee an. Er hatte immer irgendwoher Kaffee.
Zweimal in seinem Leben hat ihn jemand schlafen gesehen. Seine Mutter und ein Arbeitskollege im Zug. Mit beiden hat er den Kontakt abgebrochen. Im Schlafzimmer schaltet er zur Sicherheit das Licht aus und wartet er auf das Schnarchen seiner Frau. Dann legt er sich vorsichtig hin.
Unter seiner Schuhzunge durchzieht ein zweiter Schnürsenkel den ersten. Seine Jacke hat einen weiten Riss von einem Stacheldrahtzaun.
Er bewahrt Packungen von Fischer Men’s Friends in wollenen Däumlingen auf, die er in seiner Tasche versteckt.
Er zieht kleine Kreise im Regen und sucht nach Würmern im Garten. Wenn er einen findet, verzerrt sich sein Gesicht nur ganz leicht. Dann zieht er noch mehr Kreise in den Dreck.