Die Geschäftsreise

von Cedric Weidmann

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Ulan Bator. Seltsamer Ort für ein Meeting. Aber er war schon an vielen seltsamen Orten gewesen. Die Stadt wuchs schnell und konnte bald Kapitalzentrum Nordasiens werden. Nur hoffte er, dass sein gestern schon gebrauchtes Hemd reichen würde und in der versmoggten Stadt kaum auffiele. Zum Glück ging es nicht darum, einen guten Eindruck zu machen, sondern eine Absage zu erteilen. Das Geschäft mit dem mongolischen Staat war zu heikel und finanziell unsicher, weshalb sich seine Firma von den Verhandlungen zurückzog. Also keine guten Gründe sich vorzubereiten. Er versuchte trotzdem, endlich auf Flughöhe, eine Powerpoint durchzuklicken, wurde aber schnell abgelenkt. Er spürte einen Schlag im Rücken. Hinter ihm sass eine Frau, die ihn entschuldigend anlächelte. Er lächelte verständnisvoll zurück. Er musste auf die Toilette und als er durch den Gang ging, fiel ihm ein Mann auf, der mit dem Sitz langsam in senkrechte Position glitt. Der niedergesunkene Kopf mit den starren Augen sah einem Roboter ähnlich. Dabei zuckte sein Hals seltsam und er runzelte mechanisch die Stirn, als wäre sein Motherboard ausgefallen. Und tatsächlich brummte es eigenartig unter seinem Sitz. Doch er hatte keine Zeit länger zuzuhören, weil er sich nicht zu lange dort aufhalten konnte. Es hätte ihn allerdings interessiert, weshalb er den blauen Vogel, eine Art Ara, in den Händen hielt. Beim Vorübergehen sah es aus, als wäre er tot, aber ein lebendiges Tier wäre bestimmt auch nicht durch die Bordkontrolle gekommen. Sogar die Finger, die um den Hals des Tiers gelegt waren, knirschten wie bei einem Roboter, dessen Zentralsteuerung überhitzt und ausgefallen war.
In der Toilette trocknete er den Schweiss von der Stirn und sah sich an. Auch wenn das Motherboard ausgefallen war, war die Gefahr längst nicht gebannt. Im Gegenteil, die übertaktete CPU schaltete den Roboter in den Handlungsmodus. Er klopfte auf die Aktentasche, die er aus Vorsicht auf die Toilette mitgenommen hatte. Sie antwortete mit einem Glucksen. Er tastete an den Rücken, wo ihn die Passagierin getreten hatte. Was, wenn…? Sie kam ihm bekannt vor. Sie sass direkt vor dem Roboter. Vermutlich hatte sie ihn warnen wollen. In welchem Auftrag nochmal? Er wusste es nicht, aber es spielte keine Rolle. Die Firma wusste es bestimmt.
Und er wusste, dass der Roboter den Vogel auf keinen Fall loslassen durfte. Er richtete seine Krawatte, atmete tief durch und trat aus der Toilette. An der Bordsteuerung, für die er keine Befugnis hatte, drückte er auf einen Knopf. Wie erhofft fielen die Lampen aus und es wurde, bis auf die Notfall-Lichter, stockfinster. Die Flight Attendants riefen aus, einige kamen hergerannt. Er ging ihnen scheinbar verwirrt entgegen, stolperte im Korridor. Jemand stand auf, um ihm zu helfen, es war aber nicht der Roboter. Ein Seitenblick verriet ihm, dass der auch im Dunkeln noch auf seinen Vogel starrte, als hätte er sein Hinfallen nicht bemerkt. Er rappelte sich hoch, ging zu seinem Platz zurück, nahm seinen Mantel, warf der Frau durch die Dunkelheit einen Blick zu, der ihren für einen Zehntelssekunde traf. Dann sahen beide weg. Er zog sich den Hut an und schlüpfte, indem er auf den Sitz stieg, in die Gepäckablage. Die Leute riefen wild durcheinander und waren teilweise aufgestanden, weshalb er kaum auffiel. Er legte sich ganz vorsichtig in die enge Ablage und machte sich so flach wie möglich, dann zog er die Klappe zu. Neben sich legte er den Aktenkoffer. Jemand, der flüchtig hineingeschaut hätte, hätte ihn übersehen und für Tasche und Kleidungsstücke halten können. Dort verharrte er eine halbe Stunde, eine ganze. Der Nacken taub vor Schmerz betete er, dass das Motherboard unter dem Roboter durch eine Notschaltung wieder in Betrieb gekommen war. Vielleicht hatte auch seine mysteriöse Helferin bei der langen Ruhe die Hand im Spiel.
Dann hörte er das Krächzen und ihm blieb das Herz stehen. Ein Flappen, das vom probeweisen Schlagen mit starken Flügeln stammte, drang herauf. Er griff reflexartig nach dem Handy in der Tasche. Aber es war zu spät, sich von Freundin und Kindern zu verabschieden – das Handy war im Flugmodus. Ein Pochen und Schnattern wurde hörbar. Es scharrte an den Wänden. Er begann trocken zu weinen. Er klopfte auf die Aktentasche neben sich. Es klang hohl. Plötzlich wurde es hell – die Tür zur Gepäckablage wurde geöffnet… Wie klug von ihm, dass er die Aktentasche ausgetauscht hatte, als er sein Stolpern vorgetäuscht hatte. Der Roboter käme nie darauf, dass ausgerechnet der Mann hinter ihm einen Aktenkoffer aus dem Zoll tragen würde, in dem es lustig schwappte. Und in Ulan Bator würde der stechende süssliche Geruch, der daraus hervordrang, schnell im Schmutz der Stadt untergehen. Er lächelte stolz, als er in einem Meer von blauen Federn untertauchte.

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(Handy #6)