Lücke eines Meters

von Cedric Weidmann

Die Katze meiner Eltern ist heute gestorben. Gestern Abend, als ich aus dem Haus ging, lag sie in einem Kistchen, das im Treppenhaus stand. Dieses Treppenhaus hatte sie die letzten 16 Jahre bewohnt — sie verliess es kaum, und wagte sich höchstens einige Schritte durch die Haustür nach draussen, wenn jemand in sicherer Nähe stand. Sonst war es kühl auf den steinernen Stufen gegen die Nordseite, wenn die Sommerhitze alles andere unerträglich machte, und für den Winter hatte sie ein moderates Fettpolster angefressen.Wenn jemand ins Haus kam, nahm sie ihn in Empfang, indem sie schnurrend am Treppengeländer stand, gegen das sie vorfreudig den Kopf schlug. Das Wummern der Stahlstäbe hörte man im oberen und unteren Stock. Wir hatten spekuliert, dass es ein Ereignis gegeben habe, das unsere Katze ins Treppenhaus zwang, eine Verschüchterung durch fremde Kater, die in diesen Vorstädten von Zürich in unnatürlicher Dichte zusammengekauft und gezüchtet werden. Mit der Zeit wurde jedoch klar, dass es — verglichen mit der älteren Mutter, die sich immer nach draussen traute — vermutlich mehr als das war, ein Wesenszug, ein Statement.

Solero — so hatte sie meine Schwester vor langer Zeit getauft — war die schönste schwarze Katze im ganzen Dorf, aber sie hat sich nicht viel darauf eingebildet. Mehr als dem Kistchen, den Büchern und den Haarbüscheln, die sich immer um sie herum sammelten, als wäre sie mit Fell ausgestopft und hätte ein Loch, aus dem die Füllung herausquoll, zeigte sie sich nicht. Als ich ihr gestern, vollbepackt und bereit, das Haus zu verlassen, zunickte, wachte sie kurz auf, blinzelte mir zu und legte dann den Kopf wieder nach unten auf ihren eingerollten Körper. Ich weiss noch, wie ich dachte, dass sie das schon lange nicht mehr getan hätte. Die Unterseite des Kopfs, das hellere Fell an der Unterseite des Kiefers, das gegen den Hals zulief, war nach oben gedreht, so dass man es leicht hätte streicheln können. Das finde ich bei Katzen besonders süss. Sie lag auf dem Scheitel, den sie auf ihre eingerollten Hinterbeine gelegt hatte. So hatte sie früher sehr oft gelegen.

Ich frage mich nur, warum sie nicht dort, sondern auf der Treppenstufe gestorben ist — ich möchte es natürlich nicht wissen. Schön, wäre sie so eingeschlafen. Aber diese Genugtuung sollte ich nicht haben: Diese Lücke eines Meters, die Differenz von der schlafenden Lage des jungen Kätzchens zum die Beine in alle Richtung gestreckten Daliegen auf der kalten Treppe, tut mir ziemlich weh.