Wrag!

Cédric Weidmann, 28, schreibt.

Tag: 21. jahrhundert

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Ein-Satz-Review)

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten by Christian Kracht
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Vom Gemisch der geschichtslosen Erzählungen, den Anspielungen an Klischees, dem Wechsel zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Registern, der Aufzählung von Telegrafen und Artillerien aus dem 19. Jahrhundert, die der Schweizerischen Sowjetrepublik des bizarren 20. Jahrhundertklons quer stehen, möchte man nicht allzuviel halten, wenn einem gleichzeitig historische und literarische Anspielungen wie Joseph Conrad und Conan Doyle um die Ohren gehauen werden — nur ist die Art wie Kracht hier mischt meisterhaft vorsichtig und statt einen Witz nach dem anderen auszukosten, den sein schwarzer kommunistischer Söldner, der über alte Minen durch die Schweizer Winterlandschaft stackelt, zuliesse, oder sich für allegorisch bedeutend zu nehmen, steht die Erzählökonomie, auch wenn die Erzählung sie gegen Ende überschiesst, im Vordergrund; ein Gedankenspiel wie dieses auf weniger als 150 Seiten zu packen, sind schon eine Kunstfertigkeit für sich.

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Nichts von euch auf Erden (Ein-Satz-Review)

Nichts von euch auf ErdenNichts von euch auf Erden by Reinhard Jirgl
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Erst kommts wie ein Arno Schmidt-Imitat daher, nur ernster und hochtrabend, mit all dem prätentiösen Beigeschmack, der davon kaum loszumachen ist, doch erst in der Umkehrbewegung, im Abstossen der geblümten Sprache durch den genervten Leser stellt sie sich selbst als Teil dieser Geschichte dar und treibt die grossartig ausgestaltete Zukunftswelt zu voller Blüte, denn die degenerierten Zurückgebliebenen auf der Erde, die Arno Schmidts Sprache aufgenommen und friedvolle Trägheit zum Lebensinhalt erklärt haben, müssen so sprechen, wie sie sich auch mit 25 Lebensjahren von ihrer grossen Liebe trennen müssen, wie sie ihre Gesichter schminken müssen, wie sie alle direkten Fragen und Tatbereitschaft verhindern müssen, wie sie von den zurückkehrenden, genetisch einwandfreien Marsbewohnern erobert werden müssen, und alle Menschen müssen sterben, die Bücher müssen leben und dieses Buch muss genau so hochtrabend, arrogant und anstrengend sein, wie es durchtrieben, ergreifend, durchdacht ist.

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