Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: kleine schule des stils

Ernst Jünger

Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit einem Fähnrich aus dem dritten Bataillon zu einer Patrouille. Wir hatten kein grösseres Ziel als den Abschnitt zwischen dem Römergraben bis zum sogenannten Artilleriegraben abzusichern. Etwa nach 200 Meter kamen wir unter Beschuss. Es erklang das Patschen von Stiefeln aus dem verschlammten Graben hinter dem Hügelkamm, der den Römergraben schützte. Der Engländer hatte uns zu einer empfindlichen Zeit ertappt. Schrapnells, die dicht über den Boden geschossen kamen, jagten den Dreck als bräunlichen Staub über unsere dampfenden Wangen. Mein Fähnrich und viele andere wurden verwundet. Auch Anja, ein Mädchen aus Fresnoy, das mich bis zu diesem Zeitpunkt begleitet hatte und in das ich unsterblich verliebt war, wurde an der Stirn verwundet. Das Blut spritzte unter ihren Haaren hervor, die wie in Bewegung schienen. Ich liess sie von einigen meiner Männer, die aus dem Graben zu Hilfe kamen, auf eine Bahre binden und peitschte diese unter unnachgiebigem Fluchen zum Lazarett. Sie hielt meine Hand und küsste sie, doch sie verlor das Bewusstsein als wir das Lazarett erreichten. Der Beschuss wurde noch zu einem regelrechten Trommelfeuer, bis er nach zwei Stunden fast zum Regen wurde, und gegen vier Uhr morgens abrupt verstummte. Ich versteckte mich mit den Teilen meiner Mannschaft, die ich finden konnte, in einem Verhau unter einem Weinkeller. Anja hatte überlebt, aber die Haut an Händen und Beinen und ihr Gesicht konnte ich nicht sein, weil es ganz in blutigen Verband gehüllt war. Sie fantasierte, sie hätte grüne Menschen gesehen. Der Franzose hat manchmal Tarnkleider, aber sie war in ein Lager weit weg gebracht worden. Ich kehrte nach Fresnoy zurück. Am 6. August abend wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein Vierundzwanzig-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in scharfer Flachbahn herangurgelten. Wir verloren Hasselmann, und einen Hund, der uns aus einem Stall zugelaufen war und der uns die Zeit vertrieb. Als ich am 11. Anja besuchen wollte, erfuhr ich zu meinem Entsetzen, dass sie verschwunden war. Nachdem sie immer häufiger von den grünen Männern erzählt, soll sie mitten in der Nacht aufgestanden und weggelaufen sein. Sie wurde nicht wieder gefunden. Ich weinte viele Tage bittere Träne, die den einzigen Vorteil hatten, das Gas aus den Augen zu waschen. Es ist wahr, was man sagt, der Krieg ist wirklich kein Ort für Mädchen!

Am 13. August wurden wir abberufen, um in Monty in Stellung zu gehen. Wir hatten ruhigere Tage und tranken viel, dort schrieb ich meinem Bruder einen langen Brief und kurierte meine Verletzung am Bein.


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Platon

Der Athener. Und diese Glückseligkeit, wie könnte sie sich besser beschreiben lassen als in der Glückseligkeit der Familie, der zwei Gestalten sich zugehörig fühlen und machen, von denen die eine eine Frau und die andere ein Mann ist? Welches grössere Heil gäbe es, als wenn diese beiden jung wären und überdies froh, noch ohne dass der Mann die Form und die Frau die Materie zu etwas hätten geben können, das ihr Kind werden sollte?
Kleinias. Keines.
Der Athener. Aber steigerte sich nicht in dem Masse, wie das Heil sich in der geraden Bewegung durch das Glück junger Menschen vervielfältigt nicht auch das Unheil?
Kleinias. Hilf mir, das zu verstehen.
Der Athener. Das grosse Heil und die Glückseligkeit im Moment ist, solange es währt, gross, doch solange es währt, droht es auch nicht mehr zu sein, daher ist das Unheil ebenso gross wie das Heil gross ist. Nimmt nicht die Angst vor dem Verlust bei allen Menschen zu, sobald ihnen der Besitz wächst, und schwindet sie ihnen nicht gar, wenn sie bettelnd und unbekümmert unter den Platanen liegen?
Kleinias. Wie könnte sie nicht?
Der Athener. Solange keine Unterbrechung hereinbricht, von der ein Klopfen an der Tür ausgenommen wäre, ist die Glückseligkeit unbeschränkt.
Kleinias. Wie steht es jedoch, wenn das Klopfen an der Tür eintrifft, von dem du sprichst?
Der Athener. Nun, Kleinias, ist es nur wahrscheinlich und nicht sogar notwendig, dass einer, wenn es bei ihm an der Türe klopft und er sich dem Glückseligen hinzuwendet, doch sie öffnen ginge?
Kleinias. Es ist notwendig, meine ich.
Der Athener. Doch was hat er entgegenzuhalten, wenn der Urheber des Klopfens eindringen will. Trifft es zu, dass der, der öffnet, weiss, dass er nichts weiss?
Kleinias. Wie auch nicht, wenn er tatsächlich so klug und glückhaft ist, wie du schilderst.
Der Athener. Wie aber soll er so wissen, wie er sich zu wehren hätte, gegen jemanden, der in den Kreis des Hauses eindringt und sich seine Glückseligkeit zu eigen macht. Denn es ist jeder Teil des Nichtgrämlichen und des Grämlichen, die zu beiden Teilen in uns bewahrt sind, von einer solchen Beschaffenheit, dass sich die Kräfte der Galle weigert, die Glückseligkeit mit Gewalt aufrecht zu erhalten. Das ist ganz unmöglich.
Kleinias. Wieso?
Der Athener. Mit Gewalt in die Glückseligkeit einzugreifen, muss doch unweigerlich dazu führen, dass die Glückseligkeit zusammenfällt. Schaue dir die Menschen an, die sich mit Düften der Orakel in Zustände der Ekstase versetzen und wie es ihnen, sobald sie dem Dunstkreis enthoben sind, wieder grämlich werden. Muss es nicht einem so ergehen, dem seine Frau, die seine Kinder gebären könnte, genommen wird?
Kleinias. Ja, allerdings.
Der Athener. Wenn es so ist, dass diese Frau nicht in ein anderes Land, sondern in den Himmel gezogen wird, so schmälert dies die Gram etwa?
Kleinias. Wie könnte es?


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