Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: kritik

Madame Bovary (Ein-Satz-Review)

Madame BovaryMadame Bovary by Gustave Flaubert
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die Geschichte des Ehebruchs findet man schöner in Effi Briest, aber ohne die Selbstermächtigung, die Emma Bovary auszeichnet und sie zur faszinierenden Figur macht und die schliesslich ihre Nebenfiguren — der Apotheker, ihr Mann Charles und Léon — zu Abklatschen degradiert; dann wiederum ist es eigentlich gar keine Geschichte des Ehebruchs, sondern die nirgendwo quälender aufgerollte Geschichte der Verschuldung und eines unweigerlichen ökonomischen Abstiegs — Emma Bovary ermächtigt sich durch Geld und nicht durch Betrug.

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Meine Welt ist nicht von Pappe! (Ein-Satz-Review)

Meine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-LesebuchMeine Welt ist nicht von Pappe: Ein Paul Scheerbart-Lesebuch by Paul Scheerbart
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Paul Scheerbarts drei Haupttexte in diesem Buch („Perpetuum Mobile“, „Glasarchitektur“ und „Luftmilitarismus“) sind der ganze Scheerbart und also die vielleicht unverständlichste Literatur überhaupt, die mit ironisierter Ironie jonglierend im Ton kindlicher Einfalt bedrückende Visionen und vorwärtsweisende Ideen formuliert; und trotzdem lässt sich in Scheerbarts Suche nach dem „Perpeh“, die freilich sinnlos ist, nicht nur eine das Lachen und die Fröhlichkeit feierende, künstlerische Fantasie erkennen, denn die geometrischen Skizzen und selbstgebauten Holzmodelle in seinem Keller, die Patente für Perpehs, die er selbst einreichte und die ihm das letzte Geld aus der Tasche zogen, sind Beweise dafür, wie Ironie und literarisches Programm dieser Literatur nicht mehr gerecht werden können; Scheerbart feiert den Luftmilitarismus, weil er den Militarismus überflüssig macht, und die Glasarchitektur, weil sie die Architektur überflüssig macht: Aber er feiert sie aufrichtig, wie man sie eigentlich nicht feiern können dürfte, und schreibt feiernd so einfach und plump, dass die überragende Stilsicherheit eine, selbst für Robert Walser unerreichbare, klare Unklarheit erreicht.

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Nichts von euch auf Erden (Ein-Satz-Review)

Nichts von euch auf ErdenNichts von euch auf Erden by Reinhard Jirgl
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Erst kommts wie ein Arno Schmidt-Imitat daher, nur ernster und hochtrabend, mit all dem prätentiösen Beigeschmack, der davon kaum loszumachen ist, doch erst in der Umkehrbewegung, im Abstossen der geblümten Sprache durch den genervten Leser stellt sie sich selbst als Teil dieser Geschichte dar und treibt die grossartig ausgestaltete Zukunftswelt zu voller Blüte, denn die degenerierten Zurückgebliebenen auf der Erde, die Arno Schmidts Sprache aufgenommen und friedvolle Trägheit zum Lebensinhalt erklärt haben, müssen so sprechen, wie sie sich auch mit 25 Lebensjahren von ihrer grossen Liebe trennen müssen, wie sie ihre Gesichter schminken müssen, wie sie alle direkten Fragen und Tatbereitschaft verhindern müssen, wie sie von den zurückkehrenden, genetisch einwandfreien Marsbewohnern erobert werden müssen, und alle Menschen müssen sterben, die Bücher müssen leben und dieses Buch muss genau so hochtrabend, arrogant und anstrengend sein, wie es durchtrieben, ergreifend, durchdacht ist.

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Lord of the Flies (Ein-Satz-Review)

Lord Of The FliesLord Of The Flies by William Golding
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ärgerlich an diesem Buch sind nur die auf Symbolträchtigkeit versessenen Versuche, die wie Schulbücher anmuten, du weisst was ich meine, diese Parallelen zu Zivilisation und Barbarei, die Bedeutungsschwangerschaft der „Muschel“, des „Feuers“, der „Brille“ und so weiter, als hätte Golding sich ausgerechnet, wo die besten Referate zu machen seien (bevorzugt in jedem Kapitel, dann geht die Gruppenaufteilung leichter von der Hand) – was aber neben dieser Bemühtheit liegt, ein bisschen versteckt und zugescharrt, ist der überzeugende und erfreuliche Versuch, Spannung und Sprachgewandtheit miteinander zu kreuzen, der in diesem Fall einfach nur gelungen ist.

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Pilot Pirx (Ein-Satz-Review)

Pilot PirxPilot Pirx by Stanisław Lem
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Der technologische Fortschritt von Pirxens Welt wird in den farbigen Geschichten ins Innere verlagert: Die Reisen durchs All sind öde und unspektakulär, Aliens gibt es nicht, die gesellschaftlichen Hierarchien ändern sich nicht (Chefs sind unantastbar und Frauen kommen nicht vor), doch in der Kabine des Raumschiff tobts, in den zentralen Schaltstellen einer delokalisierten, havarierten Kommandobrücke, wo Fliegen (Test), Katzen (Terminus) und Irrlichter (Die Patrouille) auftauchen, ist die Hölle los — das Innere von Pirx ist das Ziel der Science-Fiction, wenn er sieben Stunden unter „Behinderung der afferenten Stimuli“ in sich selbst versinkt (Der bedingte Reflex), wenn er den Roboter Terminus von einem in ihn eingebrannten Trauma erlöst (Terminus), wenn er wie Narziss den Verstand wegen eines Spiegels fast verliert (Die Jagd): dieselbe Innerlichkeit sorgt dafür, dass die kriminalistisch angehauchten Rätsel nur durch Wiederholung und nie durch äussere Betrachtung gelöst werden können (Die Patroullie, Der bedingte Reflex, Der Unfall) und dieselbe Innerlichkeit erhöht sich nur durch die Technologie und die Roboter, die nie klüger als Menschen werden und doch, sozusagen, ihre Prototypen bezeichnen (Terminus, Die Jagd, Der Unfall, Ananke) und den Menschen wieder auf seine Unvollkommenheit zurückwerfen (Die Verhandlung, Ananke).

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