Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: Lyrik

Als ich kleiner war

Als ich kleiner war, hatte ich einen Freund,
den ich später nicht mehr hatte.
Ich sagte, er sei abstossend,
als er aus Versehen
auf mein Bett gespuckt hatte.
Ich sagte wirklich abstossend,
glaube ich.
Wer aus deinem Leben als Erster verschwindet,
hat es als Erstes geschafft.
Nach ihm wirst du suchen
wie man einen schlechten Geruch
zu erschnuppern gezwungen ist.
Auf einer Bank im Wald
zwischen den Feuerstellen
sitzt manchmal ein Labrador
verschüchtert, ohne Besitzer.
ngstschw, so viele Konsonanten hintereinander
denke ich, so viele Konsonanten hintereinander.
Ich sitze drinnen, erinnere,
alles scheint mir momentan
und von hier aus zu schwierig.
Aber ich könnte schreiben, tue es,
das T-Shirt klebt
Sexgeräusche
Tastatur kalte Finger
überüberall Perlen von
Einflussangstschweiss.
So viel so viel hintereinander, aber
die Hälfte von allem vergesse ich
und die andere Hälfte
habe ich schon vergessen.
Ich bin zufällig durchschnittlich, denke ich,
aber das Geräusch die Spucke
der Labrador.
Und so, eine Hand auf dem Ohr,
rück ich weiter auf dem Blatt vor.

Der Tag ist so gemacht

Der Tag ist so gemacht,
dass auch die jungen Menschen
an seinem Ende müde sind.
Ein Junge an der Laterne
küsst einen Jungen auf den Mund.
Ein Junge wirft einem Jungen,
einen Ball an die Brust.
Vielleicht sind sie auch alle Mädchen,
die tun als wären sie’s nicht.
Vielleicht aber tun sie nur, als ob sie das täten
und wissen es selber nicht besser.
Ich fühle mich hier fast alleine,
aber in der Tasche trage ich
einen Schokoladenriegel.
Ich will ja nicht angeben,
aber es fällt mir gar nicht schwer, traurig zu sein.
Ich hätte es den Jungs gerne zugerufen,
die lachen nur und könnten was lernen,
aber ich stehe doch nicht so nah,
wie ich erst geglaubt hatte.
Ich bin ja in meinem Zimmer,
hinter dem Fenster.
Und die Laterne sehe ich kaum.
Ich liege insgesamt auch weit ab vom Zentrum,
und wenn ich nach draussen sehe,
schleicht nicht einmal etwas im Schatten herum,
oder dann erkenne ich’s nicht.
Hier gibt es auch keinen Grund,
gehört zu werden.

Adä Kassä

wännsi wännsi
wännsi wännsi
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi händsi
ächt äs chärtli
wännsi wännsi
wänd äs chärtli
grüezi grüezi
nändses nötli
gärn äs chärtli
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi nändsi
wännsi wännsi
wänndso guetsi.

Abgesang

Sterbender Stabreim
kennst du die Kinder
die man aus deinen
Geschöpfen gemacht hat?

Die Enge des Anzugs

Die nagende Plage der Kragen zu tragen Wagenden:
Der heisse Schweiss beisst im kreisrunden Scheiss
Es juckt beim Zucken, beim Schlucken und Spucken
Und die Knöpfe behindern die Kröpfe der Köpfe.
Mach Schlauf‘ und Knauf auf, erkauf dir Schnauf!
Musst dich entkleiden, die Leiden der Seide meiden
Schick sie zu Tale, die Qualen der Schale!
Münde nie in den Schlünden der Sünde
Kündige bündig wie findige Mündige:
Mach den Schlenker zum Denker —
werde Henker statt Banker!