Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: monolog

Für Winter grosses Glück

Ich bin ein Huuuuhn. Ich bin ein Huhn. Links: Der Stall, an dessen Bretterwand eine aufgestellte Schubkarre lehnt, er ist nicht lang, aber auch nicht so kurz, dass im Gehen nicht eine gewisse Zielstrebigkeit liegen müsste, um seine Länge abzulaufen. Davor, sehe ich, gockelt der Hahn, immer umkreist von den zwei Anhänglichen, die flatterhaft vom einen auf das andere Füsschen springen. Sie nicht beachtend stolziert er hin und her und lässt die Hennen wie Satelliten um sich kreisen. Hinter der Schubkarre, gleich unter dem Fenster, steht ein älterer Mann mit einer Maske. Er trägt einen weiten Mantel, hat die Maske hochgeschlagen, um in seiner Erregung freier zu atmen, und wirft regelmässig Blicke zur anderen, der Stallmauer abgewandten Seite hin, während er seine Hand mit den gespreizten Fingern inspiziert. Nachdem in mehreren Schauern Furchen durch seine Stirn geronnen sind und sich seine Mundwinkel im spuckenden Selbstgespräch verzogen haben, zieht er den Ehering vom Finger und dreht das ihm plötzlich unverständlich Fremde in den Händen. Der hasserfüllte Blick, den er immer wieder verstohlen in die andere Richtung schickt, nimmt jetzt einen anderen, gefährlich entzückten Ausdruck an und die Verstohlenheit hat einer offenen Angriffslust Platz gemacht. Nur die Furchen beginnen jetzt wieder verräterisch zu spielen, als er das Harte, das er aus der Innentasche seines Mantels kramt, in den Händen hält und lächelt. Er scheint ganz zufrieden damit, sehe ich, und beginnt, angetrunken, loszustaksen, indem er sich, die Hände im Rücken, von der Bretterwand abstösst. Vor sich trägt er, wie um es von sich weg zu halten, das Glänzende, Tödliche, das nicht der Ring ist. Nanu? Ein Korn! Alles verschliert sich beim Zuhacken, aber es schmeckt. Und dann wieder, den Kopf schräg gestellt in seiner angenehm gewohnten Stellung, pocht das Blut noch eine Weile und erst wenn es abklingt, stellt sich die Schärfe des Blicks aufs Neue ein. Rechts: Das grosse Haus mit dem rosenumrankten Eingang, aus dem die beiden hinausgestolpert kommen. Sie halten sich fest, vergraben die in der Kälte unverzüglich aufleuchtenden Nasen in ihre Gesichter, die sie in der Festung ihrer aufgeschlagenen Mantelkrägen vor dem Winter schützen. Die Frau, eindeutig älter als der junge Hausbesitzer und von Haltung und Stand nicht zu ihm passen wollend, zieht ihn mit der nackten Hand, die sie in seinen Nacken presst, zu sich hinab. Auch dort hinten, am Hals, glänzt es, der stolz blinkende Ring ist beispiellos, sehe ich, an dem dünnen Fingerknöchel festgemacht. Das Paar bemerkt weder die über ihnen im Flug seltsame Ziffern beschreibenden Krähen, noch die unsorgfältig geschlossene Tür des Hauses, die im Luftzug aufweht und dampfende Luft in den Vorgarten entlässt. Sie würden auch einen Mann nicht bemerken, der von hinten auf sie zusteuert, wenn er auch so übermütig ginge, als hoffte er, rechtzeitig erkannt und aufgehalten zu werden. Aber da ist niemand, der ihn aufhält. Aber was rede ich, er selbst ist ja gar nicht mehr da! Der Mann mit der Maske und dem glänzenden Etwas in der Hand ist aus meinem linken Auge verschwunden. Vielleicht wird er in das rechte mit seiner wütenden Hast wieder eintreten und zu den anderen beiden stossen. So ist es ja gewöhnlich. Aber man kann es nie wissen. Da, ein Koorn (noch eins)! Für Winter grosses Glück.

Grabrede

Seht, wie friedlich er schaut. Sein Gesicht ist starr. Ja, starr, aber doch… Etwas ist passiert, seht nur, er schaut so friedlich, so friedlich hat er früher nie geschaut. Da muss etwas passiert sein. Er muss etwas gesehen haben, was ich nie gesehen habe. Ich wünschte, ich könnte auch so aussehen, wenn ich sterbe, und wünsche euch das auch, wünsche euch, dass ihr so friedlich ausseht, aber, nein, seht euch Fritz doch einmal an… Da geht etwas mit ihm vor. Der hat doch etwas gesehen, etwas sehr, sehr Schönes, oder… Ja, ich bin nicht ein Mann grosser Worte und eigentlich auch nicht der kleinen und deshalb möchte ich nur sein Gesicht sprechen lassen, denn bestimmt ist sein Gesicht ein Gesicht grosser Worte, wenn man so sagen darf.
Ich habe Fritz lange Zeit gekannt — und eigentlich ist das auch übertrieben — gekannt hat ihn ja doch keiner, denn wer könnte unter euch aufstehen und sagen: Ich weiss woher dieses Gesicht — dieses ruhige Gesicht — plötzlich herkommt. Nein, so gut hat Fritz keiner gekannt. Aber er ist wirklich entspannt — entspannt wie wir uns nie geträumt hätten —, obwohl starr. Diese Lippen sind starr aufeinandergepresst und natürlich blutleer, ja aber natürlich, wie auch sonst? Der Fritz, der ist natürlich blutleer, aber trotzdem doch nicht weniger der Fritz, den wir alle gekannt haben, und nicht weniger hat ers verdient, dass man ein paar Worte über ihn verliert wie über den, den wir gekannt haben. Ich habe Angst gehabt, als ich hergekommen bin, aber jetzt, als ich ihn gesehen habe, bin ich ganz erfreut, dass aus seinem Gesicht so viel Ruhe spricht und ich bin zuversichtlich gegenüber dem Sterben, trotzdem natürlich hat es auch etwas Kalt-, Kalt-Lächelndes und doch… und doch… Doch — ich glaube es ist ihm gutgegangen in seiner letzten Sekunde. So soll es uns auch gehen! Und wir werden immer an Fritz denken, wenn wir das grosse Glück haben, am Ende unseres Lebens etwas zu sehen, das uns solche Ruhe eingibt.
Ich habe Fritz lange gekannt und diesen Gesichtsausdruck hätte ich gerne an ihm früher kennengelernt. Ich meine nicht, dass ich ihn nicht gemocht habe wie er war, selbstverständlich habe ich ihn gemocht — ich habe Fritz kein besseres Ende wünschen können als dieses — nicht, dass ich ihm tatsächlich das Ende gewünscht hätte, jedenfalls nicht mehr als so, wie einem das unter Umständen passiert — aber doch etwas früh ists eingetroffen, das findet ihr doch auch —, aber wenn ich ihn so ansehe, dann wird mir doch ganz wohl ums Herz, obwohl er so starr ist und eigentlich so blutleer… So blutleer, aber so ruhig in seinem Gesicht, schaut es euch noch einmal an, es zeigt mehr als tausend Bilder, es ist so viel Hoffnung, die es mir gibt, obwohl es zuweilen auch befremdend ist, dass er nicht die Augen aufmacht, sein Maul aufmacht und ausruft: Was steht ihr alle da rum und labert und labert und warum ist ausgerechnet der am Reden? Der verheddert sich doch beim Sprechen, der ist jetzt wirklich kein Mann grosser Worte — und damit hätte er natürlich recht, aber das macht er nicht, er wird immer so ruhig schauen. Schaut es euch an und haltet ihn so in Erinnerung, allerdings vergesst nicht wie er früher war, denn jetzt sieht er beleibe nicht so aus wie er eigentlich aussah, gottseidank war er anders, nicht so blutleer, nicht so ruhig zwar auch, aber auch nicht so starr, so war er, unser Fritz, auch ihn dürfen wir nicht vergessen und ihm nur das Beste wünschen auf seiner Reise hinüber.