Für Winter grosses Glück

von Cedric Weidmann

Ich bin ein Huuuuhn. Ich bin ein Huhn. Links: Der Stall, an dessen Bretterwand eine aufgestellte Schubkarre lehnt, er ist nicht lang, aber auch nicht so kurz, dass im Gehen nicht eine gewisse Zielstrebigkeit liegen müsste, um seine Länge abzulaufen. Davor, sehe ich, gockelt der Hahn, immer umkreist von den zwei Anhänglichen, die flatterhaft vom einen auf das andere Füsschen springen. Sie nicht beachtend stolziert er hin und her und lässt die Hennen wie Satelliten um sich kreisen. Hinter der Schubkarre, gleich unter dem Fenster, steht ein älterer Mann mit einer Maske. Er trägt einen weiten Mantel, hat die Maske hochgeschlagen, um in seiner Erregung freier zu atmen, und wirft regelmässig Blicke zur anderen, der Stallmauer abgewandten Seite hin, während er seine Hand mit den gespreizten Fingern inspiziert. Nachdem in mehreren Schauern Furchen durch seine Stirn geronnen sind und sich seine Mundwinkel im spuckenden Selbstgespräch verzogen haben, zieht er den Ehering vom Finger und dreht das ihm plötzlich unverständlich Fremde in den Händen. Der hasserfüllte Blick, den er immer wieder verstohlen in die andere Richtung schickt, nimmt jetzt einen anderen, gefährlich entzückten Ausdruck an und die Verstohlenheit hat einer offenen Angriffslust Platz gemacht. Nur die Furchen beginnen jetzt wieder verräterisch zu spielen, als er das Harte, das er aus der Innentasche seines Mantels kramt, in den Händen hält und lächelt. Er scheint ganz zufrieden damit, sehe ich, und beginnt, angetrunken, loszustaksen, indem er sich, die Hände im Rücken, von der Bretterwand abstösst. Vor sich trägt er, wie um es von sich weg zu halten, das Glänzende, Tödliche, das nicht der Ring ist. Nanu? Ein Korn! Alles verschliert sich beim Zuhacken, aber es schmeckt. Und dann wieder, den Kopf schräg gestellt in seiner angenehm gewohnten Stellung, pocht das Blut noch eine Weile und erst wenn es abklingt, stellt sich die Schärfe des Blicks aufs Neue ein. Rechts: Das grosse Haus mit dem rosenumrankten Eingang, aus dem die beiden hinausgestolpert kommen. Sie halten sich fest, vergraben die in der Kälte unverzüglich aufleuchtenden Nasen in ihre Gesichter, die sie in der Festung ihrer aufgeschlagenen Mantelkrägen vor dem Winter schützen. Die Frau, eindeutig älter als der junge Hausbesitzer und von Haltung und Stand nicht zu ihm passen wollend, zieht ihn mit der nackten Hand, die sie in seinen Nacken presst, zu sich hinab. Auch dort hinten, am Hals, glänzt es, der stolz blinkende Ring ist beispiellos, sehe ich, an dem dünnen Fingerknöchel festgemacht. Das Paar bemerkt weder die über ihnen im Flug seltsame Ziffern beschreibenden Krähen, noch die unsorgfältig geschlossene Tür des Hauses, die im Luftzug aufweht und dampfende Luft in den Vorgarten entlässt. Sie würden auch einen Mann nicht bemerken, der von hinten auf sie zusteuert, wenn er auch so übermütig ginge, als hoffte er, rechtzeitig erkannt und aufgehalten zu werden. Aber da ist niemand, der ihn aufhält. Aber was rede ich, er selbst ist ja gar nicht mehr da! Der Mann mit der Maske und dem glänzenden Etwas in der Hand ist aus meinem linken Auge verschwunden. Vielleicht wird er in das rechte mit seiner wütenden Hast wieder eintreten und zu den anderen beiden stossen. So ist es ja gewöhnlich. Aber man kann es nie wissen. Da, ein Koorn (noch eins)! Für Winter grosses Glück.