Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Tag: sprache

Zwei lesen, einer lacht

Auf einer Bank unter einem Birnbaum sitzen zwei Männer. Beide lesen, einer lacht. Sie tragen täglich frische Anzüge und schlagen die Beine übereinander. Der Lachende kommt meist am späten Vormittag und klappt sein dickes Buch auf. Er schmunzelt, manchmal geschieht es früher, manchmal später, aber immer im Laufe der Lektüre. Das Schmunzeln breitet sich auf seinem rasierten Gesicht, während seine Augen über die Seiten fliegen, Zeile für Zeile weiter aus, bis es schliesslich zum Grinsen wird, das den baldigen Ausbruch seines hellen, durch den Park fliehenden Lachens ankündigt.
Sein Nachbar zur Linken ist oft schon am Morgen da und liest unbewegt. Nur selten spitzen sich seine blassen Lippen und entspannen sich wieder nach wenigen umgeschlagenen Seiten. Er bleibt nachmittags eine halbe Stunde alleine dort, bevor er nach Hausegeht.
Der Lachende sucht den Blick der Umstehenden, vielleicht um sich zu entschuldigen oder um sich zu erklären. Der Stille schielt knapp über den Buchrücken, erwidert seinen Blick, zieht die Mundwinkel bekräftigend nach oben und fährt mit dem Lesen fort.
»Entschuldigen Sie«, rief der Lachende unter Tränen. »Ich störe sie immer.«
»Überhaupt nicht«, versetzte der andere und las weiter.
Der Lachende verstummte höflich und sah seinen Nachbarn neugierig an. Eine Weile beobachtete er, wie dessen Blick stumm über die Buchstaben glitt, ohne die geringste Regung auf dem Gesicht zu zeitigen.
»Entschuldigen Sie meine Frage: Aber was lesen eigentlich Sie?«
Der Stille klappte das Buch zu und verdeckte es mit der anderen Hand. »Nichts besonderes«, sagte er.
»Ach?« Der Lachende überlegte sich, ob er von seinem Buch erzählen sollte, aber der andere sah ihn kühl an, und er wollte nicht wie ein alter Mann wirken, der unaufgefordert aus seinem Leben ausplauderte. Er verabschiedete sich am Nachmittag und der Stille lächelte zum Abschied. Eine Woche später sassen sie wieder auf der Bank und wieder lasen zwei und einer lachte.
»Lesen Sie immer noch das gleiche Buch?«, fragte der Lachende, nachdem sein lautes Johlen verebbt war.
»Ja, ja.«
»Immer noch den Novalis?«, denn er hatte beim letzten Abschied auf den Umschlag gelinst, und den Titel Autor erkannt.
Der andere ruschte auf der Bank hin und her. »Ja…«
»Sie lesen seit einer Woche dasselbe Buch?«
»Ja…«
»Oder lesen Sie es erneut?«
»Ja…«
Der Lachende hatte sein Buch zur Seite gelegt und lehnte sich mit dem ganzen Körper hinüber, dem Stillen auf den Leib rückend. »Und immer noch die gleiche Seite? Oder habe ich ihr Blättern übersehen?«
»Eigentlich lese ich gar nicht darin«, erwiderte der andere, unangenehm berührt..
Der Lachende machte ein verblüfftes Geräusch. »Sie lesen gar nicht im Buch?.«
Einige Sekunden druckste der andere herum und gestand dann: »Ich lese in Ihrem Buch.«
»In meinem — ?«
»Ich lese nie in meinem Novalis.« Er diene nur als Ablenkung, wenn er in den Büchern von anderen lese. Es sei immer etwas Neues dabei und spare Bibliothekskosten. »Ausserdem interessierte mich, was Sie so lustig finden..«
»Sie haben aber nie gelacht«,stellte der Lachende, nun ernst und nachdenklich, fest.
»Nun ja«, sagte der Stille, »so einer bin ich nicht.«

Zins

«Ich frage mich, an welche Frau du deine Worte freigiebig ausspenden wirst, die du an mir sparst, und womit sie es verdient», hatte seine Exfreundin gesagt. Manche hielten ihn für melancholisch, andere für stumpfsinnig. Er besass eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Ein kleiner Gedanke, der mit vier pappdünnen Wänden begrenzt war. Zwei ausgestreckte Arme konnten die Tapeten berühren. Die Geräusche drangen von beiden Seiten so mühelos durch sie hindurch, dass man wohl glaubte, das Zimmer, in dem er wohnte, sei gar nicht vorhanden. Er arbeitete in einem Plattenladen und versuchte, sich hochzuarbeiten. Er wusste nicht, wohin genau er sich hocharbeiten wollte, und die Vorstellung, er könnte befördert werden, machte ihm eigentlich Sorgen. Die Frau vom Vertrieb, die wie ein Gerümpel im Hinterzimmer lag und der aus dem Mundwinkel ein schwarzes Telefonkabel baumelte, war sehr dick und er fürchtete, selber dick zu werden. Er sah schon prüfend an sich herunter. Zum Glück gab es keinen Anlass zur Annahme, er könnte befördert werden. Wenn er im Bett lag, betrachtete er den Staub, der im Licht der Strassenlaterne aufleuchtete, das durch eine lockere Jalousie hineinschlüpfte. Es beschäftigte ihn, dass sein Körper dem Staub in seinem Zimmer Platz wegnahm und er versuchte, soviel wie möglich einzuatmen, so dass sich die Partikel in seinem Körper wie im Zimmer ausbreiten konnten, wenn er nicht da war.
Im Hinterhof gab es eine Laube, unter der er rauchte und zu den erleuchteten Fenstern der oberen Wohnungen blickte. Mit einer älteren Frau in einem der warm strahlenden Vierecken hatte er eine Affäre. Die meisten Tage der Woche war ihr Mann zu Hause und er durfte sich nicht blicken lassen. Das fiel Leif nicht schwer, er liess sich eigentlich ungerne blicken, oder gerne nicht blicken, und vieles wies darauf hin, dass er diese Affäre eigentlich abbrechen wollte, aber er sagte nichts.
«Fick dich!», rief ihm jemand zu, als er den Supermarkt mit zwei Aprikosen, zwei Gurken und einer Packung Fischstäbchen verliess. Er drehte sich um, blinzelte das Licht der Mittagssonne weg und sah den Rufer an die Wand gelehnt. Der etwa Sechzehnjährige spuckte zu Boden. Sein kleiner, blonder Kumpel blickte der Spucke prüfend nach, als könnte sie unerwartet Haken schlagen. «Ja, dich meine ich», rief der Junge argwöhnisch. Die Jungs starrten auf den Ort, wo die Spucke in den Asphalt aufging, und Leif starrte auch. Er machte eine ratlose Handbewegung. Der Junge blickte auf. «Ja, fick dich einfach», sagte er, während er mit dem ausgestreckten Zeigefinger das Nasenpiercing berührte.
Er las kaum, denn es machte ihm Kopfschmerzen. Er spielte ein Videospiel zum zweiten Mal durch, bei dem es darum ging, giftspeienden Chamäleons unbemerkt falsche Eier unterzujubeln. Aus matter Gleichgültigkeit sprang ihn manchmal ein Verwundern darüber an, dass er keine Musik hörte und weder Boxen noch Kopfhörer besass, obwohl er im Plattenladen arbeitete. Dann war ihm plötzlich klar, weshalb er nicht befördert wurde, und fühlte sich seiner Misserfolge schuldig. Nach dem Rauchen hatte er sich meistens versöhnt. Einmal im Monat ass er bei seinen Eltern Saltimbocca und übernachtete im frisch bezogenen Kinderbett. Wie die eines Kindes rieben seine Beine über das Leintuch, die die Weichheit und den Geruch der Wäsche gar nicht fassen konnten. Zwei Kanarienvögel, die Kinder derer, die er selber gehegt hatte, lebten dort und erwiderten morgens seinen verschlafenen Blick. Kanarienvögel konnten, wie Papageien, Stimmen nachahmen, doch er hatte ihnen nie etwas beigebracht. Der Lärm des im Wasser aufplätschernden Urins war ihm zuwider, und wenn er merkte, zulange auf die rechte Seite der Schüssel zu pissen, schwenkte er aus Symmetriegründen auf die linke um. Seine Mutter fragte nach den Frauen in seinem Leben, aber weil er nichts von der Nachbarin erzählten wollte, schaufelte er sich Corn Flakes in den Mund und las die Packungsrückseite.
«Fick dich!», rief eine Stimme, als über den Bahnhof lief. Es waren die gleichen Jungs und der eine fasste sich mit dem Zeigefinger an das Piercing: Er schien erschrocken darüber, dass es noch an seinem Platz war. Leif wäre auf sie zugegangen, aber sie waren zu weit weg, und es wäre lächerlich gewesen, hundert Meter auf jemanden zuzulaufen, den man nicht kannte. Ausserdem wirkte er von der Nähe noch weniger einschüchternd als auf Distanz. Rasch duckte er sich unter die Leute und verschwand.
Es regnete sehr, und er fühlte sich trotz der Dunkelheit wach. Er öffnete die Gartentür, und ging unter die Laube. Die oberen Fenster waren alle verschlossen. Er wollte rauchen, aber die Zigarette erlosch. Er fühlte sich zu Verschwendung aufgelegt, war jedoch zu müde, um etwas aus seinen Vorräten zu holen. Zwei Vögel sassen unter einem schützenden Ast und warteten darauf, dass der Platzregen versiegte. «Nein, nein», murmelte Leif, «fick dich», und verstummte. Der Regen hatte nicht aufgehört, es schien erst nur so, weil er leiser geworden war. Die Vögel waren verschwunden.