Was es gibt

von Cedric Weidmann

Da ist mir etwas Dummes passiert.

Es war kurz vor halb elf, vor drei Wochen, an einem Donnerstag, an dem ich sowieso schon eine Menge zu tun gehabt hätte. Ich liess mich auf ein Bier zu einem Freund einladen. Ich solle unbedingt kommen, hatte er mir noch am Telefon erzählt. Seine Stimme war ungewohnt gedämpft, aber erfreut und ich erwartete nicht das Geringste, als ich an die Tür klopfte und seiner Einladung folge leistend das Wohnzimmer betrat.

Doch in seinem Zimmer stand das Krasseste, was es gibt.

„Gefällt es dir?“, hat er gefragt, ohne seinen Stolz richtig verbergen zu können.

Mein Mund stand offen, hab nichts gesagt erstmal.

„Nimm es mit, ich leihs dir aus.“

Da hab ich das Ding also mitgenommen. Auf so einer Art Schubkarren durch die Strasse gezogen. Zu Hause hab ichs ins Wohnzimmer geschleppt und eine Weile lang angestarrt.

Am gleichen Tag rief ich natürlich gleich Annette an. Die sollte herkommen und sich das mal ansehen, aber darüber habe ich natürlich kein Wort verloren. Es solle nur ein gemütliches Abendessen werden, versprach ich.

Sie ist ganz schön aus den Socken gekippt, als sie es gesehen hat.

„Das ist das Krasseste, was es gibt!“

Ich nickte natürlich nur, da gibt’s schliesslich nichts zu rütteln und ich grinste gewinnend, aber sie sah mich gar nicht an, sie widmete sich nur dem Ding auf meinem Teppich und sagte gar nichts. Ich glaub, die ist für einige Minuten dagestanden und hat nichts gesagt. Da wusste ich, wie sich mein Freund gefühlt haben musste, ich bin da ja auch eine Ewigkeit vor dem Teil gestanden und habs erst mal verdaut.

Dann war ich natürlich absolut erfreut und motiviert zur Arbeit gegangen, irgendwie immer das Krasseste, was es gibt, im Kopf und hab mich so durch die Tage gerackert, immer in freudiger Erwartung, wieder nach Hause zu kommen und es anzusehen. War nur eine kurze Zeit gegangen, da hat mir der Freund gesagt, er hätte es gerne wieder zurück, weil, nun ja, es sei ja schon ziemlich krass und so.

Und ich natürlich, bin doch ein guter Freund, bin wieder mit der Schubkarre dahingekurvt. Aber da sass mir schon eine grosse Angst in den Knochen. Es stimmte etwas nicht und ich wusste es. Erstmal allerdings tat ich so, als wüsste ich es nicht.

„Was ist passiert?“, fragte er leise nachdem er das Ding in seinem Wohnzimmer aufgestellt hatte und mehrere Male darumherumgelaufen war.

„Ich weiss auch nicht, ich hab nichts gemacht, ich schwörs dir.“

Er machte noch einen Kreis darum und sah es unbefriedigt an. Etwas stimmte nicht.

„Es ist nicht mehr das Krasseste, was es gibt.“

Ich hatte sowas wie eine Herzattacke. Natürlich! Das musste es sein!

Wir sahen das Ding also an, ich natürlich vor Scham, Schuld und Enttäuschung am Liebsten den Kopf in den Wand rammend und fragten uns, wie das so schnell passieren konnte.

„Hast du es kaputt gemacht oder so?“

„Ich hab gar nichts damit getan, ich schwörs dir!“, rief ich beinahe.

Er ging kurz in die Küche, brachte mir ein Bier, öffnete seines und nahm einen langen Zug. Ich wusste gar nicht, ob der auch noch einmal aufhörte, so lange hat der da dran gezogen und als er fertig war klang die Dose leer.

„Na dann“, sagte er nur.

„Was, na dann?“, ich so.

„Na, dann halt nicht, ich hab das sowieso nicht geglaubt, also, dass das das Krasseste ist, was es gibt. Es gibt sehr viele krasse Dinge auf der Welt.“

„Ja, schon, aber-“

Nur selten unterbrach mich mein Freund.

„Nein, sei still. Ich will es nicht hören. Es war nur so ein Gedanke, okay? So wie ein neues Motorrad oder so, bei dem man erst merkt, das es eigentlich nur ein Fahrrad war, wenns gestohlen ist.“

Der Vergleich zog nicht, ich konnte es mir nicht vorstellen, aber ich war selbstredend zu beschämt, als das ich mich getraut hätte, Einspruch zu erheben.

Ich glaub, wir tranken noch einiges, bevor ich ging.

Vielleicht hatte er Recht gehabt und es war gar nicht so krass gewesen.

Trotzdem schrecke ich heute noch auf, wenn ich jemanden im Gespräch das Attribut „krass“ benutzen höre, und blicke suchend um mich, in der Hoffnung, das Krasseste, was es gibt, wiederzufinden, doch selten sehe ich etwas von Belang, nur Dinge.