Hello

von Cedric Weidmann

Status Quo, 1973

Flagge hissend glorifiziere ich hier meinen Umzug zu WordPress, ich werde keine Gründe nennen. Vielleicht ist es die Bequemlichkeit, die mit meinem steigendem Alter einhergeht, die diese ganzen Beweggründe  nichtig und uninteressant erscheinen lässt, vielleicht weiss ich mittlerweile auch einfach, dass sich viele Menschen, die Buchstaben im Internet lesen, von ihnen belagert fühlen. Und meine Emotionalität spielt zuweilen auch keine faszinierende Rolle mehr, das Phänomen Blogger aufzuwerten. Ich blogge nicht aus irgendeiner Motivitation, wie das früher noch hätte sein können. Ich schreibe aus einer Motivation. Und ihre Glorifizierung geschieht weniger Flagge-hissend als Page-loadend. Das hier ist quasi Protokoll, was und ob ich etwas tue, wenn ich sonst schon nichts kann.

Trotzdem fange ich noch einmal kurz von vorne an, denn Vorne ist heute schon weit hinten und was damals eine Hauptrolle gespielt hat, ist heute Requisite.
Ich schreibe Texte, von Geschichten bis Gedichten, oder Sätzen, wie Gedanken, oder – etwas ohne G – Dialoge. Was zählt ist der Text, denn er reflektiert weitaus mehr, als dies eine Reflexion zu tun vermag, nämlich doppelt. Ob etwas dementsprechend auto- oder fahrradbiografisch geschrieben ist, bleibt belanglos.

Wohin diese Texte führen, ob etwas, namentlich eine Zukunft, dahinter steckt, bleibt so offen wie der Arsch, der das Bloggen fordert. Die Regelmässigkeit meiner Einträge ist folglich auch sehr ambivalent und weniger intensiv als exzessiv. Trotzdem gebe ich mein Bestes.

Ich wünsche jedem Besucher viel Spass beim Lesen dieser Geschichten, wenn davon überhaupt die Rede sein kann.

Ich habe einmal eine Kurzgeschichte über die exhibitionistische Natur des Schreibens entworfen und ich belasse es bei der Autor/Erzähler/Protagonisten-Frage, die sich im Kontext jeden Bloggers stellt, dabei, sie einfach ein weiteres Mal anzufügen.

Prekarität

Herr H. war freier Schriftsteller der Archetypik. Er schrieb aus Leidenschaft, auch wenn das Schuften höchstens Leiden schuf. Man konnte zwar vom Schreiben nicht leben, dachte Herr H., dafür aber daran sterben.

Aufträge zu bekommen war schwierig in Zeiten wie diesen, und wenn sie da waren, dann konnte man sie nie zufriedenstellend ausführen. Es musste immer zeitgemäss sein, kontemporär sozusagen. Immer Fantasy, immer aktualitätsbezogen, keine Spielereien mehr, das sei doch was von vor fünfzig Jahren. Etwas mehr Business-Language, alles andere wäre so average und nowadays weiss man ja nie, wer alles mit Schreiben begänne und versuchte, sich gerade so mit mittelmässigem Talent durch den Wettbewerb zu schlängeln, mehr Glück als Erfolg im Rücken. Man sollte was auf dem Kasten haben und auch wenn sich Herr H. in aller Bescheidenheit zugestehen konnte, dass er seine Arbeit nach Jahrzehnten der Übung wenigstens im bescheidenen Rahmen im Griff hatte, wurde er immer schlecht bezahlt. Und immer schlechter, während aufstrebende Jungautoren da im Vorteil waren: Man schickte sie zu den Interviews, um, hübsch in die Kamera lächelnd, die ersten Aufträge fragenlos einheimsend. Das hatte nichts mehr mit Freude an der Kunst zu tun, fand Herr H.

Und er konnte nichts dabei tun, als den lieben langen Tag an seinem Laptop zu sitzen und dem Kühlschrank beim Aushungern zuzusehen.

Bis an einem seltsam wolkenbehangenen Tag das Telefon klingelte. Ein Anrufer schlug ihm einen Job vor, den er sich unbedingt unter die Lupe nehmen sollte, er bräuchte dafür nur in die Stadt zu fahren und einmal vorbeizukommen.

Herr H. betrat ein hässliches graues Fabrikgebäude, das in den Himmel ragte, wie Dornenranken in die zukünfigen Lebenswege der Kleinkinder. Er hatte auch schon bessere Vergleiche gehabt, dachte er kopfschüttelnd und betrat eine grosse Halle, in deren Mitte sich eine rostende kleine Wendeltreppe in den Himmel schraubte.

Die Treppe führte in den oberen Stock, der nur aus einem sehr kleinen Kämmerchen bestand, mit einem Pult und zwei Sesseln, wie auch einer Topfpflanze und einem kleinen Fenster, durch das man die gedämpften Räderwerke der Autos brausen hörte.

Ein Mann in Jeansjacke sass am Pult, empfing Herr H. und unterbreitete ihm sofort sein Angebot: Fortan sollte dieser kleine Raum sein Arbeitsplatz sein, in dem er von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends immer seine Geschichten zu schreiben hätte.

„Und was passiert dann mit den Texten?“

Der Mann stand auf und öffnete eine Luke in der Wand, in dem er sie leicht anstiess. „Werfen Sie sie einfach hier rein, wenn sie denken, dass sie damit fertig seien.“

„Und dann?“

„Dann werden wir versuchen, die Texte an den Mann zu bringen.“

Herr H. zögerte kurz. „Und ich bekomme tatsächlich jeden Monat dieselbe Entlöhnung, egal wieviel ich schreibe?“
Er nickte nur und der Vertrag war bald unterschrieben. Die Entlöhnung war gut, um nicht zu sagen grossartig und Herr H. war sich sicher, er hätte das Angebot seines Lebens ausgeschlagen, wenn er jetzt nicht hier arbeiten würde.

Auf seine Unterschrift verschwand der Mann in Jeansjacke und liess sich nie wieder blicken.

Jeden Tag fuhr Herr H. nun in das alte Fabrikgebäude um dort im oberen Stock an seinen Texten zu arbeiten. Er fand die Umgebung nicht besonders inspirierend, doch er brachte bald selber Dekorationen und Bücher mit, die ihm helfen sollten, die Einfälle in sein Schreiben zu bringen. Und wenn ihn einmal doch alle Inspiration verlassen sollte, so war er ja überhaupt keinen Zwängen unterworfen, er würde immer am Ende des Monats seinen Lohn bekommen, Produktivität hin oder her. Herr H. lachte anfangs darüber. Später fragte er sich, wie das denn überhaupt funktionieren sollte. Wenn er jetzt keinen Text schreiben würde? Würde da nicht irgendwo sehr viel Geld verloren gehen?
Doch er kam jeden Tag und er schrieb oft auch jeden Tag, denn es war seine Natur, seine Berufung zu schreiben, das war ein Trieb den er nicht unterdrücken konnte, wenn er alleine mit einer Tastatur in einem Raum sass.

Wenn er seine Texte fertig hatte, liess er sie normalerweise einige Zeit auf dem Schreibtisch liegen, um sie zu korrigieren, oft fielen ihm nach mehreren Tagen Fehler und Unstimmigkeiten auf, die ihm zuvor entgangen waren. Dann nahm er die Texte und öffnete die Luke. Es schmerzte ihn, wie die Texte dann in das Dunkel hinabschwirrten, ins Nichts und Nirgendwo oder, was viel schlimmer war, in einen Bereich des absoluten Unwissens. Er wusste nicht, was aus seinen Geschichten werden würde.

Nach einigen Monaten – Herr H. hatte mittlerweile beschlossen, in eine grössere Wohnung zu ziehen – begann ihm seine Routine zu schaffen zu machen. Dieses kalte, stille Flattern des Papiers, wenn er die Texte diesen groben, rostigen Schacht hinabfallen liess, es beunruhigte ihn sehr, er begann gar mit dem Gedanken zu spielen, dass dort gar niemand sei, dass dort nichts passierte mit seinen Texten, dass sie sich auf einem Stapel anhäuften und auftürmten, bis zum völligen Wahnsinn. Denn Schriftsteller und Wahnsinn, das gehörte einfach zusammen, das musste einfach kommen, fand Herr H., das war archetypisch.

Doch trotz seiner Zweifel arbeitete er weiter und genoss seinen neuen Wohlstand.

Als er einmal in einer Lounge der Oberklasse sass und im Bailey’s-Rausch wiedermal in Gespräche verwickelt wurde, da wurde er gefragt, was er denn für Texte geschrieben hätte, als Schriftsteller.
„Ja, ich hab mal ein tragisches Theaterstück über einen Zirkus geschrieben, der plötzlich drunter und drüber gerät. So wird zum Beispiel der Zirkusaffe zum Zirkusdirektoren und der Clown wird zum Protokollführer aller Auftritte, und dann aller Gespräche, die passieren, weil alle ein wenig wahnsinnig werden,… auf jeden Fall, eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, das jetzt zu erzählen.

Und ich hab“, fiel ihm ein, „ einmal eine Geschichte über einen Typen geschrieben, dessen ganze Arbeit aus dem Umlegen eines Schalters besteht und der sich dazu überwinden will, den Schalter nicht mehr umzulegen, es aber einfach nicht fertig bringt.“

„Ist das nicht von Lost geklaut?“, lachte die Frau.

Lost? Ich weiss nicht, echt?“, fragte er leise in seinen Blasen von platzenden Gin-Träumen versunken.

Leider musste er ihre Anfrage nach einem Text enttäuschen, er hatte die ja alle nicht mehr. Er hatte sie in den dunklen tiefen Schacht geworfen und sich von immer von ihnen verabschiedet.

„Schade“, sagte sie nur.

Schade, dachte auch Herr H.

Es war an einem Wintermorgen, einem besonders kalten und sterbenswerten, als er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er arbeitete nun seit zweieinhalb Jahren in diesem Raum über der elenden Fabrikhalle, die er, wenn er sass, unter seinen Füssen zu spüren schien, wie einen klaffenden Abgrund. Er hasste den metallenen Klang der Schritte, wenn er die Wendeltreppe hinaufstieg.

Er warf einen Text von letzter Woche in die Luke, die er in Gedanken nun hoffnungsvoller „Briefkasten“ nannte. Er hörte das verendende Blättern, Rascheln und Fallen.

Und dann fasste er überzeugt den Entschluss, dem Text zu folgen.

Herr H. hastete die Wendeltreppe hinab in die Fabrikhalle und lief stürmisch zur Wand, hinter der er, seinen beschränkten räumlichen Vorstellungen zufolge, den Schacht der Luke und den Stapel seiner Geschichten vermutete.

Nach einigem Hin- und Herlaufen entdeckte er eine schwere Eisentür. Sie sah alt und verrostet aus und klemmte, als er sie versuchte aufzustossen. Mit etwas Wucht schwang sie allerdings auf und gab den Blick in eine weitere Halle frei, die ganz anders als die vorherige aussah.

Sie war ausgekleidet mit farbigen Tüchern und einer regelrechten Requisitensammlung an Utensilien. Bald bemerkte Herr H., dass es eine Kulisse war, die das Zimmer einer wohlbetuchten Familie imitierte, da hingen grosse Gemälde an den in perfektem Rot gestrichenen Wänden, das weisse Sofa durchdacht ausrangiert neben dem Sessel mit Leopardenmustern. Der Boden war mit roten Kissen ausgelegt und in der anderen Ecke stand ein grosses Bett mit gelber Bettwäsche.

Es dauerte nur den Bruchteil einer weiteren Sekunde, bis Herr H. auch die Regieausrüstung entdeckte: einen riesigen Kameraarm, verschiedene pelzige Mikrophone, die an langen Stangen zur Decke aus dem Sichtfeld gehoben wurden, Scheinwerfer und mehrere Stühle. Auf einem sass der Regisseur und schrie laute Sachen in sein Megaphon.

Neben ihm befand sich der Assistent, sie beide hatten Herr H. den Rücken zugewandt und ihn noch nicht bemerkt.

Nach einem deutlichen „Action“-Ruf betraten durch eine weitere Türe zwei Personen die Kulisse und setzten sich anzüglich auf das Sofa.

Es war ein Mann und eine Frau.

„Du weißt doch, dass ich Zirkusdirektor bin, nicht?“, fragte der Mann.

„Ja“, antwortete die Frau unterwürfig.

„Und du weißt auch, dass ich dafür alles von dir verlangen kann, was ich will?“
„Was-? Was solltest du denn von mir verlangen wollen?“, murmelte sie ängstlich.

„Ich werde es dir zeigen.“
In diesem Moment pfiff der Mann laut und auf das Pfeifen sprang ein weiterer als Clown verkleideter Schauspieler in die Szene. Er hatte eine Kamera in der Hand. Der Zirkusdirektor zerriss der Frau den Rock.
„Und ich werde alles protokollieren!“, schrie der Clown, in schier lechzender Geilheit die Kamera auf die beiden Schauspieler gerichtet.