Initiative

von Cedric Weidmann

„Ich finde es toll, dass du dieses Buch schreiben willst.“

Eduard erschrak. Seine Beine weit über den Teppich gestreckt und in bequemer Positionen seinen Rücken in das schwarze Ledersofa pressend, versank er geradezu vor dem Fernseher. So konnte er gut von Zeit zu Zeit einen unglücklichen Blick auf seinen Bauch werfen, der von Bier mittlerweile etwas über sich selbst hinausgewachsen war. Das Bierglas in seiner rechten Hand fühlte sich angenehm an.
Seine Frau bügelte etwas hinter ihm und verfolgte mit ihm die Werbung, die über den Fernseher zog.
Eduard warf ihr einen verwirrten Blick zu.
„Nein, ehrlich…“, fuhr sie fröhlich fort, „Seit du dieses Buch schreiben willst, bist du ein ganz anderer Mensch. Ich glaube, es tut uns beiden gut.“
Eduard schwieg. Hätte sie es nicht mit einer solchen Bestimmtheit gesagt, hätte er sie für verrückt erklären müssen. So blieb nur noch er selbst. Er hatte nicht den Anflug einer Ahnung, von welchem Buch sie sprach. Vielleicht hatte sie es falsch gesagt und das Wort verwechselt, oder besser: beide dazu benötigten Worte verwechselt. Doch wofür hätte sie ihn sonst loben sollen? Für das Bücherregal, dass er vor drei Monaten in einem kindlichen Anflug von Eifer hatte bauen wollen, das heute aber noch im Keller lag, einige nicht aufgeräumte Schraubenzieher schlampig daneben liegend?
Er bevorzugte es, zu schweigen, denn ihm gefiel die Stille, in der weiterhin die ungebrochene und ungestellte Fröhlichkeit der Worte seiner Frau schwebten. Wenn ihr gefiel, was auch immer es sein mochte, dann war es immerhin nichts allzu Schlechtes. Buch hin oder her. Konnte ja immer noch sein, dass er sie falsch verstanden hatte.

Wie es sich für ein eingespieltes und –gezogenes Ehepaar gehörte, begab es sich zuweilen, dass Gäste geladen wurden. Meistens waren dies Studien-, Schul- oder Arbeitsfreunde. Man traf sich, trank guten Wein, kochte aufwändig, was immer dampfte und pikant roch. Man plauderte zum Einstieg kurz oberflächlich darüber, wie das Leben und seine unergründlichen Entwicklungen verliefen, um sicher zu gehen, dass keine tratschbare Tatsache zum Vorschein kommt, um in konzentrierter Belanglosigkeit zu der neuen Küchenbekachelung abzuschweifen, in der man sich Stunden, Nachtische und erfolglose Versuche von gästlichen Aufbrüchen lang verkriechen konnte.
Eduard dachte in der ganzen Zeit nur an seine Helden aus dem Fernsehen und fragte sich, ob sie wieder tanzten, zuckten, Welten- und Filmstudios retteten. Womöglich schon, sie mussten ja.
Ihm gefiel zwar der Wein, doch von Gesprächen hielt er nicht viel, besonders da sie ihn kaum betrafen und noch weniger berührten. Normalerweise hätte seine Frau einen bissigen Kommentar über sein unengagiertes Vorhaben, ein Bücherregal zu bauen, fallen gelassen, doch es schien ihr nicht einmal mehr nötig zu sein.
So kam es, dass sich plötzlich und ohne Vorwarnung Dario, sein Studienfreund, an ihn richtete:
„Ich habe gehört, du bist schon ziemlich weit mit deinem Buch. Ich hoffe, du schaffst es.“
Eduard war sprachlos. Es wäre unangebracht zu behaupten, dass die Stimmen vor Schreck plötzlich dumpf und entfernt zu seinem Ohr drangen, denn das taten sie ohnehin schon. Es fühlte sich unecht an, deshalb nahm er einen weiteren, verlegenen Schluck Wein.
„Und wenn du willst, lese ich es dir auch gerne einmal durch, wenn du fertig bist. Du weißt ja, ich war einmal Korrekturleser beim Magazin.“
Zum grossen Glück Eduards, war seine Frau völlig begeistert von dieser Tatsache und fragte ungehalten nach, wie es denn dazu gekommen sei, dass er beim Magazin gearbeitet hatte. Eduard hatte schon lange das Gefühl begleitet, dass seine Frau sehr beeindruckt von Dario war. Aber im Moment waren Gefühle und Gedanken eher Geschwüre und Leitplanken für Kopfschmerzen. Er hatte zu viel getrunken, ist anzunehmen.

Eines Abends sass Eduard in seinem dunklen Zimmer und las alte Comichefte auf dem schweren alten Holzpult, das er von seinem Vater geerbt hatte und nur von einer schwachen Lampe beleuchtet wurde. Er pflegte, das Lesen mit Gin Trinken abzuwechseln.
In seiner Langeweile hochschreckend, hörte er das auch sehr alte und zum Tisch passende Telefon klingeln. Es war ein Kabeltelefon mit einer Drehscheibe, tatsächlich antik. Er nahm zögernd und entgeistert ab und stellte sich vor. Er zuckte zusammen, als eine tiefe unbekannte Stimme antwortete.
„Guten Tag, hier ist Bohrer. Ich bin Lektor für den Suhrkamp-Verlag. Das Manuskript, das Sie uns zugeschickt haben, hat mir sehr gefallen und ich wollte Sie fragen, ob Sie Interesse hätten, über eine mögliche Publikation mit mir zu sprechen. Wie wäre es mit einem Treffen nächste Woche?“
Stotternd und sich von Frage zu Frage mit steigender Verwirrung hangelnd, legte Eduard einen Termin fest um sein Buch zu besprechen. Als er auflegte, lief ihm ein tiefgreifender, tiefschürfender Schauer über den Rücken. Was hatte es bloss mit diesem Buch auf sich? Wieso sprachen nur alle möglichen davon? Und wieso so ernsthaft und überzeugt?
Eduard war kein besonders humorvoller und lustiger Mensch, aber Witze stellte er sich anders vor.
Es machte für ihn auch keinen Sinn – er war nie ein literarischer Mensch gewesen, erstrecht kein ambitionierter. Er konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen, als ein Buch zu schreiben, mit Ausnahme des Zusammenbauens von Bücherregalen, aber auch das nur, weil er es schon einmal probiert hat. Und ausgerechnet ihm, dem man kein Talent in die Wiege, nur Steine in den Weg gelegte hatte, legte man plötzlich in den Mund ein Buch schreiben zu wollen, nein: geschrieben zu haben!
Eduard schwitzte ein wenig und trank dagegen an, so gut es ging.

Das vereinbarte Treffen mit dem Lektor war sehr peinlich, denn ihm fehlten die Worte, selbstverständlich auch das Wissen über das Buch, um ihn zu unterhalten und auf dem Laufenden zu halten. Doch in einer eigenartigen Form von verschmitztem Interesse, schien der Lektor Gefallen an Eduards verschlossener und stiller Art zu finden. In seinen Augen hinter der grossen Brille glitzerten seine Jugendträume von verwegenen, exzentrischen Schriftstellern, die sprachlos in der Welt umherschwammen, doch alle zehn Jahre an der Oberfläche auftauchten um kommentarlos ein Buch an Land zu werfen, das aus dem nassen Sand herausragte und die Welt veränderte.
Eduard war nicht so einer, da war er sich noch sicherer, als dass er kein Buch geschrieben hatte. Eduard war ein fauler, kleiner Fisch, einer, dem das Fernsehen und der Eishockeymatch und Sex mit seiner alternden Frau reichte um auf dem Boden zu bleiben. Dem Bier, Wein, Gin und Vodka genug Exzentrik und Exzess boten, um ein abgefülltes und erfülltes Leben zu führen.
Er bekam einen Vertrag, unterschrieb stillschweigend, taumelte nach Hause und liess sich in den Fernsehsessel fallen. Heute wieder RTL.

Einige Jahre später, sollte er oft noch Lobe und Komplimente bekommen, für das mysteriöse Buch, das er nie geschrieben hatte. Er sei treffend und einfallsreich und habe sehr erleuchtende Umschreibungen für alles. Er wusste nicht für was. Alles was er erleuchtend zu umschreiben hätte, wäre wenn er seiner Frau zu erklären versuchte, was er um Mitternacht im Kanal des Deutschen Sport Fernsehens zu suchen hatte.
Sie liebte ihn mehr denn je und alles andere. Die Menschen liebten ihn auch. Manchmal betrat er nur einen Platz und es begann Menschen Fotos zu knippsen, zu kreischen und manchmal sogar zu klatschen. Doch er sah das alles nicht. Er ging nur auf Plätze um Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, die er dann auf dem Plasmabildschirm ein Leben lang einsehen könnte, oder wenn er von der Busstation in den Tankstellenshop ging ein Bier zu kaufen.
Als sie sein Buch verfilmten und auf RTL ausstrahlten, sass er im Sofa und schnarchte.

Ohne seine Bücher wären wir heute nirgends.