Genesung

von Cedric Weidmann

Blutest Du noch?
Gleich bist Du im Schulhaus und Du weißt doch wie sie sind, die Mitschüler.
Sie schauen dich fragend an, stupsen dich fragwürdig und stellen ihre fragliche Frage.
Ohne Frage, sie sehen jeden Kratzer, jede Wunde, alles Blut. Sie sehen die neuen Frisuren und neue Rucksäcke und alte Kleider.
Du weißt, dieses Schulhaus ist die Facebookfabrik, wo Menschen reingehen und Leute herauskommen.
Es hat die volle Kontrolle, die absolute Macht und Überwachung.
Nie bist Du alleine.
Da ist der Schulhauseingang.
Wenigstens hat es aufgehört zu bluten.
Gestossen hast Du dir den Kopf, den Denkkopf, heute Morgen, als Du plötzlich zu Hause aufgewacht bist und Dich zu schnell aufzusetzten versuchtest, obwohl Du unter einem Büchergestell lagst.
Du hast nicht den verblichensten Schimmer, was gestern Nacht passiert ist, mit Ausnahme einiger aufschlussreicher, aber nicht abschliessender Einzelheiten.
Du hast einen Filmabend geschmissen.
Fünf Kumpel, drei DVDs, Pop Corn und jede Menge Bier.
Du weißt noch, Du hast den Anfang dieses Tarantinofilms gesehen.
Wieso ist es dann plötzlich schwarz?
Zu viel gekippt oder was?
Bist plötzlich gekippt oder sowas, unter das Büchergestell vielleicht.
Die Freunde und Freundinnen waren plötzlich weg, hoffentlich hast du nichts Peinliches mehr angestellt.
Ach, sieh da, Junge, da steht ja schon Tomke.
Frag sie, frag sie, ja, wonach denn eigentlich?
„Hey, Tomke, wie geht’s?“
Schau, sie lächelt ein wenig. Ach, nein, es ist nur ein genervter Gesichtsausdruck.
„Hau ab.“
Sie mag zwar Deine beste Kollegin gewesen sein, aber Zeiten scheinen sich wohl zu ändern.
Das muss ja nicht zwangsläufig schlecht sein.
Krise bedeutet auch Chance.
Aber jetzt fragst Du dich wirklich, was passiert ist, gestern Nacht.
Und hättest Dich auch lange wundern können, wenn Dir nicht plötzlich Anita um den Hals gefallen wäre und Dich geküsst hätte.
Na gut, kennen tust Du sie ja schon lange und Du hättest schon längst von diesem Moment geträumt.
Wenn, ja, wenn?
Matthias, genau. Matthias war das Problem.
Der liess auch nicht lange auf sich warten, schlug dir noch mitten in der Umarmung mitten ins Gesicht.
Tja, machst Du halt kurz die Augen zu.

Öffnest sie wieder.
Wenigstens hat es aufgehört zu bluten.
Lisa, die du immer schon hässlich, aber herzensgut fandest, kniet sich neben Dich, tröstet Dich und sagt Dir, dass es trotz allem besser wäre, wenn ihr beiden nur Freunde bliebet.
Warum bekümmert Dich das nicht?
Was ist eigentlich passiert, gestern Nacht, dass alle spinnen, fragst Du dich.
Nun ja.
Das war jetzt gelogen.
Dafür bist Du viel zu dumm.
Was dich tatsächlich stört, ist, dass Du den Film nicht zu Ende schauen konntest.
Du hasst das.
Vielleicht war es deshalb, dass Deine Freunde austicken: der Film.
Möglicherweise hat er sie verstört und verängstigt.
Da hast Du aber wirklich was verpasst.
Hm, na komm schon, hass nicht gleich dein Leben, jeder hat mal einen Tiefstpunkt, manche sterben da, andere kommen wieder hoch.
Wenigstens hat es aufgehört zu bluten, mein ich nur.