Freunde aller

von Cedric Weidmann

Es gibt so Menschen, die sind Freunde von allen. Wenn man sie sieht, haben sie im selben Augenblick zehn Kumpels gesehen. Du weißt, dass sie Freunde von allen sind, dass sie überall und überall bekannt und überall beliebt sind. Sie grüssen schon auf zehn Meter Distanz und dann gleich Menschenreihen auf einmal.
Wenn sie einen sehen, wissen sie manchmal kaum, ob sie die Hand heben, Hallo sagen oder lässig vorbeilaufen sollen. Wenn du etwas erzählst, haben sie es schon einmal gehört, wenn du eine Geschichte erfindest, erinnert es sie an einen Film, den sie schon einmal gesehen haben.
Kommst du zu Hause ans Internet haben sie viermal soviel getan wie du und es auf Facebook festgehalten. Sie kennen dich besser als Yagoogle! und wissen alles über dich.
Du hörst sie durch mehrere Gänge und Zugabteile und es wird schönes Wetter, wenn sie denselben Platz betreten.
Sie kennen alle Menschen über drei Ecken und machen sich ihre eigene Hierarchie. Meistens haben sie ein cooles Hobby wie Bilder malen, Poetry slammen oder Fotos schiessen, oder mindestens haben sie Freunde, die das alles machen. Wenn sie noch kein eiPhone haben, bekommen sie es bestimmt zur nächsten Feier des Tages.
Ihre Agenda haben sie immer und überall dabei. Es ist ihr Schutzschild, wenn sie aufgeregt darin nach einem freien Termin blättern, falls ihnen Leute über den Weg laufen, die sie lieber nicht kennen würden oder die zu grüssen sie sich für einmal zu schade sind.
Sie gehen immer um zwei ins Bett und stehen um fünf auf. Sie sind gut genug in der Schule, um gut genug zu sein, aber zu schlecht, um als Streber zu gelten und im Falle eines all diesen Eigenschaften trotzenden Vorwurfs kennen sie immer noch die Geschichte von einem, der zwar jeden Tag kiffe, nie an die Uni gehe und dennoch die besseren Noten mache als sie.
Man kann ihnen keinen Vorwurf machen, denn das wäre Erregung öffentlichen Ärgernisses und ihr guter Wille zum Wohle aller steht ausser Frage. Die Meinungsfreiheit wird immer noch von ihnen – auf Anfrage und mit freundlicher Genehmigung  – vergeben und wenn es dazu kommt, dass man sie als seine besten Freunde sieht, dann ist man zwar nicht etwas Besonderes, aber wenigstens Teil der Gesellschaft.

Sie sind überall.