Verschwinden

von Cedric Weidmann

Meine Gabel war mir schon wieder aus der Hand gerutscht und in einem Anflug von Schrecken wusste ich für einige Sekunden nicht, was ich damit machen sollte. Nachdem ich mich gefasst hatte, raffte ich mich auf und bog Zeigefinger und Daumen, um das Besteck wieder aufzupicken. Es ruhte kalt in meinen Handflächen. Langsam stiess ich in das Fleisch, dessen Konsistenz mich sehr an die Art Textilien erinnerte, die in den ägyptischen Museen als unterschiedliche Stoffe ausgeschrieben waren, doch aufgrund ihres Alters immer aussahen, als bestünden sie kaum mehr als aus ledrigem Plastik oder irgendeinem Gewülst von Latexmatten. Ich zerschnitt es, schob es mir in den Mund und kaute. Es schmeckte nicht einmal nach Haut.
Ich mochte es nicht, doch ich ass. Es war selbstverständlich zu essen und ich hatte Hunger.
Wir waren zwei Männer im Raum und keiner von uns freiwillig und wir assen. Alles andere wäre sehr unanständig gewesen, gerade, da es sich um mein letztes Abendessen handelte, das ich in meinem Leben einnehmen würde. Es gehörte sich, zu essen.
Das war meine Henkersmahlzeit, die ich verspies, und durch den Raum konnte man das Ticken der Wanduhr hören. Es war sehr laut und wurde nur von den leisen, durch die Wangenwände meines Gegenübers dringenden Kaugeräuschen unterbrochen.
Zu diesem Zeitpunkt hätte man nicht unbedingt sagen können, dass es meine Henkersmahlzeit war, wenn man nur einen kurzen Blick in das Esszimmer getan hätte. Da waren nur zwei Männer, die Fleisch assen.
Doch ich wusste, es war meine Henkersmahlzeit. Von solchen Sachen musste man nicht viel verstehen, so etwas wie Indizien für meine Behauptung gab es eigentlich nicht, denn Behauptungen waren bei einer Hinrichtung bereits beschlossene Sache. Als der Mann vor einer halben Stunde ohne anzuklopfen ins stille Zimmer gekommen war, hatte ich gewusst, dass dies mein letzter Abend sein würde. Wenn ein Henker dein Esszimmer betritt, bist du bereits tot und du weißt es. Es reicht ein Gefühl. Mit seinem Betreten wuchs eine Überzeugung, die sich von der Selbstsicherheit dieses Mannes nährte. Zielstrebig kam er hinein, zielstrebig schritt er an seinen Platz und mit der gleichen Bestimmtheit ass er auch.
Einige Auffälligkeiten verwehrten es mir, die Möglichkeit, dass er kein Henker sein könnte, überhaupt in Betracht zu ziehen. Sein Gesicht war sehr kantig, doch dazwischen spannte sich seine Haut wie Leinentücher und als gäbe es zu wenig. Er war bleich, aber wuchtig, er hätte gut als alternder Türsteher durchgehen können. Seine Nase war fein und seine Haare gepflegt. Er trug ein Hemd unter seinem teuren Anzug und ass mit einer Bedacht, als wolle er mich nicht bei meinem letzten Essen stören.
Trotzdem er sich Mühe zu geben schien, mich nicht ablenken zu wollen, konnte ich meine Augen nicht mehr von diesem Mann abwenden. Kaltblütig zerschnitt er sein Fleisch und gleichermassen routiniert würde er mich exekutieren. Im Zimmer mit den Geranien auf dem Tisch, den ungewaschenen Töpfen auf der Theke, der Designerlampe von der Decke, erweckte er einen unwirklichen Eindruck. Er hätte ein einfacher Betreibungsbeamte sein können, doch seine Augen verrieten den Tod.
Ich ass mein Fleisch langsam und trank mein Wasser in tiefen Zügen.
Es war bereits zu spät, um Angst zu haben.
Entschiedene Sache sozusagen. Ich wusste nur nicht, wie man sich verhalten sollte. Das Wasser schmeckte kalkig wie immer und das Leben fühlte sich nicht im Geringsten echter oder schätzenswerter an, als wenn man zu Hause auf dem Klo sass und sich den Kopf über die nächsten Wetterprognosen zerbrach.
Genaugenommen meinte ich eher, dass das Fleisch meine Kehle durchdringe, es fühlte sich schmerzhaft an, als wäre meine Speiseröhre zu klein um noch zu essen, sogar zu klein um zu trinken. Ich hustete kurz, der Henker sah nicht auf.
So musste es wohl enden, schloss ich. Auf Vermissen hatte ich keine Lust und irgendetwas sagte mir, dass ich dafür auch noch eine Ewigkeit Zeit hätte. Nur, warum ich tatsächlich hingerichtet werden sollte, wunderte mich. Es musste einen schlagkräftigen, triftigen Grund geben, da war ich mir sicher, doch ich konnte mir keinen vorstellen. Meine Erinnerung war zu gross für meinen Kopf und alles was ich hatte, war die achtjährige Ehe, die vor einer Woche zu Brüche ging, den Typen, dem ich gestern den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte und ein Kind, das ich zum Weinen gebracht hatte, weil ich auf sein Spielzeug gestanden war. Ich konnte nichts von alledem eine höhere Bedeutung abringen.
Dann plötzlich, viel schneller als erwartet, war mein letzter Teller leer. Der Henker hatte längst aufgehört zu essen und sein Besteck in den Teller gelegt. Er stützte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab und flocht seine Finger ineinander.
Plötzlich sah er mich an.
Ich verstand, erhob mich und er tat es mir nach. Dann leitete er mich, mit einer Hand ausgestreckt zu meiner Tür zum Balkon auf der Rückseite der Wohnung und bedeutete mir, sie zu öffnen.

Die Installation, die mich ausserhalb der Türe erwartete, war gross, sie brauchte beinahe die Hälfte des Balkons, auf dem ich öfters zu rauchen pflegte. Eigentlich war es eine Art Stuhl, aber kein elektrischer Stuhl, sondern er war umgeben von vielerlei Stangen und Verbindungen aus Metallröhren, er wuchs beinahe drei Meter in die Höhe und berührte den Balkon eine Wohnung über der meinigen. Es war ganz in hellblau gemalt. Über dem Kopf des als Sitzenden gedachten war eine kegelförmige Konstruktion angebracht, die sich gegen den Himmel in Zahnrädern und Mechanismen verlor. Irgendwo sah ich etwas, das aussah wie ein Bohrer herrausragen, doch er war zu weit weg vom Körper des Sitzenden, als dass jenes das endgültige Mordelement hätte sein können. Stattdessen ragte über dem Kegel der Maschine eine Pistole heraus, deren Lauf nach unten gerichtet war und dessen Abzug durch eine lange Kette von hellblauen Zügen, Stäben und Schnüren ausgelöst werden konnte. Ich verstand nicht recht, was das alles sollte, er hätte mir auch ohne weiteres eine Pistole an den Kopf halten und eine Kugel hinein jagen können. Aber vermutlich funktionierte Justiz nicht so einfach. Ich hatte das alles gar nicht zu verstehen.
Ich setzte mich unaufgefordert hin und sah dem Henker in sein makelloses, von einer Klarsichtfolie überzogenes Gesicht. Er erklärte mir, ich solle mein T-Shirt ausziehen. Dann schnürte er mich mit Bestimmheit am Stuhl fest. Die Bänder sassen so satt wie eine eigene Haut, wie ein Teil von mir und mit dieser Erkenntnis wurde auch die Konstruktion über mir und um mich herum ein Teil von mir.
Unten konnte ich durch blaue Stangen und Stäbe die Strasse sehen und Autos, die darauf herumfuhren. Niemand sah hoch.

Der Henker hantierte an der Konstruktion und drehte einige Stäbe so, dass sie wie eine Gefägnistür vor mir zuschnappten. Ich war eingeschlossen auf meinem Stuhl, aber es war beschwichtigenderweise einigermassen bequem.
Als er die Tür verriegelte, bemerkte ich plötzlich eine Ausbuchtung an den schwarzen Anzugshosen des Henkers. Auch wenn ich nur durch seine beschwerlichen Bewegungen und die konstante Unregelmässigkeit in der Hose darauf schliessen konnte, war ich mir plötzlich sicher, dass der Henker einen Ständer hatte.
Er steckte eine Kurbel in die Installation und drehte sehr energisch daran. Plötzlich klang es, wie wenn ein Rad in Bewegung geraten wäre und über, neben und unter mir konnte ich das Klicken von Scharnieren und das Rattern von Zahnrädern hören. Während die Apperatur lief, lehnte sich der Henker über das Geländer des Balkons, betrachtete die Strasse und hatte eine Latte.

Ich glaube, das war das einzige Mal, dass ich die Justiz kennengelernt hatte.

Dann rauchte ich noch eine und starb.