Abrechnung

von Cedric Weidmann

Vor einer Weile habe ich einen überaus kommunikativen und trotzdem durch und durch fiktiven Leser getroffen. Ich werde ihn Nemo nennen.

Nemo: „Ich habe dann übrigens schon verstanden, was du damit gemeint hast.“
Cédric: „Wieso?“
Nemo: „Na ja, keine Ahnung, man könnte es fast Intuition nennen, es ist auch irgendwie offensichtlich. Dein Tonfall, der Stil und alles. Es ist schon ziemlich klar, wie du das gemeint hast.“
Cédric: „Das verstehe ich nicht.“
Nemo: „Das kann man auch sehr schlecht verstehen, weißt du, man spürt das halt einfach, ob jemand etwas anderes meint, als er sagt. Deshalb ist das ja auch nicht gleich ein Lügen, nicht wahr?“
Cédric: „Ja, nein, das ist mir jetzt zu kompliziert. Nein, ich mein, ich verstehe das nicht, weil ich doch gar nichts eben gesagt habe.“
Nemo: „Wie gesagt, es war nunmal ersichtlich, was du damit gemeint hast. Wenn du meinst, du hast nichts gesagt, dann ist das eine Lüge.“
Cédric: „Wovon sprichst du überhaupt?“
Nemo: „Von deinem Text, den du letzthin gebloggt hast, diese Traumsequenz. Spielabend hiess er, glaube ich.“
Cédric: „Achso, den mocht ich also gar nicht. Ich verstehe aber immer noch nicht, was du da verstanden hast.“
Nemo: „Nein, ich hab das jetzt nicht unbedingt so verstanden, wie du gedacht hast, man würde es meinen. Ich weiss, was du gemeint hast und habe deshalb vielleicht etwas anderes verstanden als die meisten, nämlich das, was du gemeint hast.“
Cédric: „Aber das weiss ich ja selbst nicht recht.“
Nemo: „Natürlich tust du das. Ich habe es schon verstanden. Es war sogar auf eine Art und Weise sehr überzeugend.“
Cédric: „Nun gut. Es freut mich natürlich, dass du dir Gedanken zu meinem Text gemacht hast.“
Nemo: „Tust du doch auch.“
Cédric: „Ich weiss nicht, ich denke, nicht so viele wie du.“
Nemo: „Ach, komm schon, dir ist nur peinlich, dass ich dich durchschaut habe.“
Cédric: „Hm. Aber wie willst du mich denn durchschaut haben?“
Nemo: „Nein, also die Parallelen zu deinem Leben sind ziemlich ersichtlich. Wie du wieder mit deine Maturitätsarbeit aufrollst, die sich um Spiele dreht, wie du deine Vergangenheit bewältigst, wie du mit deiner Familie und der Schule abrechnest, man sieht alles da drin. Wirklich alles.“
Cédric: „Hm. Okay. Ich hoffe, das ist nicht wahr.“
Nemo: „Natürlich. Ich kenne dich.“
Cédric: „Und wenn ich mich nicht selbst kenne.“
Nemo: „Das ist mir doch egal.“
(Kurze Pause)
Cédric: „Ja, wieso nicht? Wem nicht?“
Nemo: „Aber ich finds cool, dass du schreibst. Nicht alles zwar, aber du weißt schon. Manche Texte mag ich auch nicht lesen, die sind viel zu lang. Und ein paar finde ich schon etwas verstörend.“
Cédric: „Ja. Natürlich. Schau mich doch an.“