Nasenbluten

von Cedric Weidmann

Als das Nasenbluten begann, hatte der Regen aufgehört.
Es war mitten auf der Strasse und die Menschen sahen sich, langsam nach dem kalten Gewitterschauer den Kopf erhebend, in die Gesichter. Ein paar Kinder fuhren mit Fahrrädern vorbei und lachten und bevor sie zu fassen waren, waren sie auch schon wieder verschwunden. Das Sonnenlicht hatte eine belustigende Eigenheit und brachte die Menschen fortwährend zum Blinzeln.
Es schien, um alle Übertreibungen beiseite zu lassen, eine neue Strasse zu sein, ein neues Sonnenlicht und eine neue Welt, der die Menschen nach dem Regen entgegenblickten.
Konrad jedoch hatte Nasenbluten.
Harmlos fing es an, kleine Bluttropfen kullerten ihm über die Oberlippe. Er hielt sich ein Taschentuch an die Nase, legte den Kopf in den Nacken und blieb stehen. Die Menschen um ihn herum trieben redselig und frohgemut ihre Geschäftlichkeit, sie lachten und witzelten und sprachen. Die Kinder konnte man freche Sätze durch die Lüfte stossen hören.
Konrad hätte gerne mitgelacht und er tat dies auch ein wenig. Aber das Nasenbluten verhinderte, sich dieser Empfindung widerstandslos hinzugeben und er fühlte sich unzweifelhaft freigestellt von jeglicher Mitleidsregung, denn den Menschen fiel das plötzliche und, nicht zu verschweigen, eigentlich kleine Leiden Konrads inmitten der unvorbereiteten Glückseligkeit kaum auf.
So eilte Konrad, mangels verfügbarer Taschentücher, nach Hause und verpasste die auf vielschichtige Art berührende Szene.

Als er nach Hause kam, hatte das Nasenbluten aufgehört.
Dass diesem Umstand ein beunruhigender Verweis zur Impermanenz zugrunde lag, war an der Tatsache abzulesen, dass diese Geschichte sich erst in ihrem Mittelteil befand.
Er begann nämlich wieder zu bluten. Unvorbereitet und überall konnte es ihn treffen, dann lief ihm das Blut bis in den Mund, weil er sich an das kitzelnde Gefühl der hinabrinnenden Tropfen gewöhnt hatte.

Während dem Fernsehen zum Beispiel. Seine Nase brach in Blut aus, worauf die Sendung unterbrochen wurde und eine Stimme vermeldete, dass die Oppositionspartei endlich zu sich selbst und dank einer Umstrukturierung in der ausgezählten Wahl zur Regierung gefunden habe und nun nicht mehr die Bösen, sondern die Guten an der Macht seien. Sogar durch die Wände der Häuser konnte man die Leute jubeln hören.
Konrad jedoch hatte Nasenbluten.

Solange Konrads Nase blutete, schien es den Menschen besser zu gehen.
Na gut, dachte sich Konrad. Das ist ein kleines Opfer. Ein Mensch mit Nasenbluten und eine bessere Welt? Kein Problem, das lässt sich ethisch vertreten.

Dann begann es wieder zu regnen und die Nase blieb trocken.