Toleranz

von Cedric Weidmann

Yaman hatte in seinem Kopf schon lange eine Burg gebaut.

Sie war gross und aus altem Stein gebaut, den die Ahnen aus dem Süden hingebracht hatten. Die Mauern, die sie umgaben waren alt und solide und die Zugbrücke wurde für all die Fremden, die aus weiter Ferne hinströmten, ohne Zögern niedergelassen. Viele Läden und Handwerksstuben gab es in ihr, die Menschen waren ein reges Volk und waren öfter draussen als in den Häusern. Morgens krähte ein Hahn durch die Höfe, während auf dem Turm der König stand und den Sonnenaufgang bewunderte. Er waltete mit Geschick und liebevoll und während sich sein Volk an ihm freute, so freute er sich sehr an seinem Volk.
Die jungen Frauen des Volkes waren schön und die jungen Männer stark und es war nicht unüblich, am Wochenende eine prunkvolle Hochzeit zu feiern. Diebe hatte es in den ganzen Jahren keine gegeben, bis auf ein paar Ausnahmen, die man aber mit einem überlegenen Lächeln und milder Strafe zur Vernunft gebracht hatte.

Vera hatte einen Wald in ihrem Kopf wachsen lassen.

Er blühte gesund und wuchs schnell. Er breitete sich mit der Zeit immer weiter aus, bis er sogar den Burggraben und danach die Mauern überwunden hatte, durch den der Wald wucherte. Überall schossen Pflanzen aus dem Boden, in die Häuser, durch die Strassen. Auf den Dächern wuchsen Wiesen und Pilze und die Menschen lachten, ob einem so faszinierenden Geschehnis, und gingen auf ihnen spazieren. Oft kam es vor, dass ein junges Paar die Gelegenheit und die Anwesenheit der mit grünen Blättern geradezu protzenden Büsche nutzte. Die Vögel zwitscherten und dem Burgvolk war es, als würden sie damit mit immerwährender, süsslicher Musik belohnt.
Ein Baum wuchs sogar bis zum Königsturm hinauf und der König ass manchmal einen Apfel, den er ergreifen konnte. Ragte einmal ein Ast in das Fenster eines Hauses hinein oder wuchs ein Busch im Bett, so nahm man es gelassen und die ganze Gemeinschaft suchte nach einer Lösung für das Problem. Der Wald und das Burgvolk gehörten schon bald untrennbar zusammen.

Irgendwann begann das Wunder der wohlbehüteten Burg einzustürzen.
Die Bäume breiteten sich rasend schnell aus. Alles schlug wurzeln, selbst in den Häusern der grossen Familien, die bis anhin verschont waren und die nicht in ein anderes Haus verlagert werden konnten. Die Bäckerei wurde von einem riesigen Busch niedergerissen und in der Mitte des Marktplatzes, wo sich das Burgvolk oft zusammenfand, entstand ein kleiner See. Die Tiere, die mit dem Wald kamen, hatten sich mittlerweile an die Menschen gewöhnt und bald kam es schon zu Überfällen von Wölfen und Bären auf die Bürger.
Anfangs war es den Menschen nicht richtig bewusst und sie wussten nicht, ob sie enttäuscht oder gleichgültig über den neuen Zustand sein sollten. Der See war schön anzusehen und der Wald verbreitete ein warmes Gefühl. Erst als der Turm des Königs langsam von einem langen Stamm, der ihn durchwucherte, zum Einsturz gebracht wurde und er nur im letzten Moment fliehen konnte, breitete sich allgemeine Unruhe aus.
Man zögerte nicht lange und griff bald zu Messern und Mistgabeln, nach allem, was schneiden oder schaden konnte. Dann legte man Feuer.

Yaman hatte ein Feuer in seinem Kopf.