Vic Chesnutt

von Cedric Weidmann

Manchmal trifft einen der Schlag sehr langsam.
Man möchte gar von einem Stupsen sprechen, von einem Stossen vielleicht, bevor man merkt, dass diese Einwirkung stärker wird, gröber, wie ein Drücken, ein Pressen, schliesslich ein Quetschen.
Es ist nicht schön am Ende des Jahres. Das war es noch nie. Nach allen Rückblicken beginnt es einem schwindlig zu werden, die Auflistungen von Meisterwerken, die bemühte ignorante In-Ordnung-Bringung von Ereignissen, das realitätsfremde Setzen von Prioritäten – alles das drückt meine Stimmung eher, als sie zu beleben. Das Zurückschauen hab ich mir für mein Grossvaterdasein aufgespart.
Und vor der grossen Hürde, erhobenen Kopfes vorauszuschauen, scheiternd lag ich im Graben zwischen 2009 und 2010, zwischen zwei Dekaden. Man hat dieses Gefühl „Es ist doch scheisse“, was gut ist, weil alles besser werden kann.
Doch es ist klar: was dick ist, kommt noch dicker. Was schlimm ist, kann schlimmer werden.
Ich weiss jetzt nicht, wie ich das sagen soll, denn so etwas zu sagen, ist nicht einfach. Schnell klingt es lakonisch, bald zu emotional, nie, garantiert nie jedoch so, wie es klingen sollte.
Leider musste ich vor einer halben Stunde erfahren, dass Vic Chesnutt gestorben ist.

Traurig wäre wohl die Tatsache, dass keiner, der diesen Text je lesen wird, weiss, um wen es sich dabei handelte. Aber Dinge nach Traurigkeit einzuschätzen bekommen eine andere Farbe, wenn man Vic Chesnutt kennt.
Vic Chesnutt war ein Mann, der hatte so ziemlich alles verloren.
Nach Trunkenheit am Steuer brach er sich 18-jährig den Nacken, litt seitdem unter einer besonderen Form der Querschnittlähmung, sass zeit seines Lebens im Rollstuhl und konnte anfangs nur noch die Akkorde F, G und C spielen – „well, that’s what I was gonna do“, wie er sagte, als wäre jede Alternative ausgeschlossen gewesen.
Was nun im Folgenden mit Chesnutt geschah, kann nur unter axiomatischen Bedingungen als „Aufstieg“ bezeichnet werden. Einer der grössten Songwriter dieses Jahrzehnts wurde nie erfolgreich, obwohl er es hatte: das Talent, die Leidenschaft und intelligente Musik. Alles, was ihm gegönnt war, war das Ansehen in der Indiependent-Szene.
Der Mann im Rollstuhl, mit der Gitarre, der ein bisschen nasalen Stimme und sehr zynischen Texten hat einige der bewegendsten Musikstücke aller Zeiten geschrieben und seine Fans wissen das. Ich weiss das.
Und obwohl in seinem Leben vieles schief gelaufen war und er grosse Rückfälligkeit in die Opferrolle gezeigt hat, war er immer humorvoll geblieben und hatte seine autobiografischen Texte sehr ironisch, aber nicht unernst vertont.

It’s okay – you can take a condom
It’s okay – you can take Valtrex and
It’s okay – you can get an abortion
And then keep on keepin’ on.

You are – never alone.

Er war überzeugter Atheist, Befürworter von Hanf als Medikament, ein Jungtalent, spielte Gitarre mit fünf, Trompete mit neun, bewegte sich in vielen Genres: Rock’n’Roll, Folk, Acid Rock, Hard Rock, schlichtem Songwriting, Industrial Electronica, New Wave, Post-Rock.
Er war das Opfer seines selbstverschuldeten Autounfalls, Opfer von starker Alkoholsucht, Opfer der Erfolglosigkeit des Untergrundmusikers, Opfer von „four or five“ erfolglosen Selbstmordversuchen und schliesslich Opfer des amerikanischen Gesundheitssystems.
Vic Chesnutt nimmt sich an Weihnachten, der einsamsten Zeit des Jahres wie manche sagen, das 45-jährige Leben.
Er konnte seine Gesundheitskosten nicht mehr bezahlen, musste seine lebenswichtige Operation auf nächstes Jahr verschieben. Das System hat ihn einfach liegen gelassen und er reagierte darauf mit einer Überdosis Muskelrelaxans.

Interview vom 1. Dezember