Der Fluch

von Cedric Weidmann

„Was schauen Sie mich eigentlich so an?“
Ich schreckte hoch. „Ich? Ich schaue gar niemand an“, sagte ich zum Mann, den ich nicht gesehen hatte.
„Nein, nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf so heftig, dass seine Aussage zweifellos richtig war. „Ich bin mir sicher, dass Sie mich angeschaut haben.“
„Ich habe Sie nicht angeschaut“, sagte ich überzeugt, aber ich war nicht überzeugt, nun, überzeugt schon, aber nur überzeugt, nicht zu sagen, ich hätte ihn angeschaut. Was hätte das auch für eine Rolle gespielt? Man darf doch anschauen, wen man will.
„Doch, doch“, sagte der Mann langsam, mit zusammengekniffenen Augen und einem ausgesprochen hässlichen Gesicht, „Ich bin mir ganz ganz ganz sicher, dass Sie mich angeschaut haben. Ich täusche mich nicht.“
„Hören Sie, ich weiss nicht, was sie wollen. Ich habe Sie nicht angeschaut.“
„Aber natürlich haben Sie das! Und jetzt haben Sie keinen Mut, es einzugestehen.“
„Hören Sie, ich darf doch anschauen, wen ich will. Ich habe Sie nicht angeschaut und auch wenn, ich wüsste nicht, warum Sie das so stört.“
„Ah, auf dieser Schiene fährt der Zug!“, rief der Mann aus, „Warum sollte mich Ihr Blick auch stören? Was mich stören sollte, das ist mein ausgesprochen hässliches Gesicht. Das ist es, was Sie denken, das haben Sie im ersten Moment gedacht, als Sie mich angesehen haben!“
„Nein. Nein!“, rief ich aus, „Das habe ich nicht gedacht, ich habe nicht gedacht, dass Sie hässlich sind.“
„Und jetzt, da ichs sage, ja? Da fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen: Moment! Der Mann ist ja ausgesprochen hässlich! Das ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen. Ich habe das einfach übersehen! Sagen Sie mal, wollen Sie mich für blöd verkaufen? Ich weiss, wenn mich einer anschaut und Sie, Sie haben mich richtig richtig richtig angeschaut.“
Langsam wurde es mir zu bunt. Ich stand auf und stieg ohne ein weiteres Wort aus dem Bus, denn ich war an der richtigen Station. Als ich an der Kabine des Fahrers vorbeiging, um aus der Tür zu schlüpfen, hielt er mich kurz an der Jacke zurück und flüsterte eindringlich: „Mann, er kann nichts dafür! Mann.“ Und dann blickte er wieder in den Rückspiegel, um zu sehen, ob er von der Szene etwas mitbekommen hatte.
Als ich draussen stand, sahen mich die Menschen aus dem Bus vorwurfsvoll an. Eine alte Frau, die ihre Handtasche auf den Schoss presste und gegenüber des hässlichen Mannes sass, eine jüngere Frau mit ihrem Sohn, die ein stilles Kopfschütteln andeutete und unablässig über die Schultern ihres Kindes strich, als ob sie damit die Versuchung, eines Tages gleich ungehobelt wie ich zu sein, austreiben könnte. Ein Mann mit dickem Bauch und einem Overall, der sein Mittagessen während der ganzen Fahrt auf den Knien liegen liess, weil er offenbar genug hatte und sich nicht überwinden oder aus Müdigkeit nicht den nötigen Aufwand erbringen konnte, das Sandwich loszuwerden.
Sie alle sahen mich an, mit bewegtem Blick und sie teilten mir ihr Unbehagen mit.
Doch ich war nur ein von kurzer Dauer hässlich handelnder Mensch, der den Bus verlassen hatte. Dann, als der Bus schon wieder losfuhr, wandten sie alle zeitgleich den Blick von mir ab und auf den Mann mit dem ausgesprochen hässlichen Gesicht. Ihre Augen wurden glasig und klar, ihre Mienen steinern und ihre Interesselosigkeit aufgesetzt. Nur ihr Mund verriet die Besessenheit.