Einige Erkenntnisse, die für sich sprechen.

von Cedric Weidmann

Jetzt kann ich sagen, dass ich mich daran gewöhnt habe.
Es stimmt, auch heute noch legt sich meine Stirn manchmal in Falten, wenn ich die Leute um mich her betrachte und sehe, wie sie ruhelos ihren Geschäften nachgehen. Aber es weckt in mir das Gefühl von Ergebenheit und Mitgefühl, wenn ich jemanden anhalten und zögern sehe, und eine Freude macht sich in mir breit, wenn ich feststelle, dass er sich schliesslich entschlossen und seinen Weg im Geschehen wieder aufgenommen hat.

Man betrachte zur Veranschaulichung dieses Umstandes das folgende, zufällig gewählte Beispiel:
Als ich früher im Zug sass und durch die Landschaft rollte, war es mir ein grosses Anliegen, an der Fensterseite zu sitzen – so gross sogar, dass ich mich manchmal mit meinem Bruder darum gezankt habe, bis er pikiert und drohend nachgegeben hat, was aber ein Spiel war, denn ihm waren die Zeitungen ohnehin eine tiefere Welt.
Manchmal sah man am Fenster einen anderen Zug auf gleicher Höhe neben einem herfahren, auf einem Gleis, das sich mehr und mehr in die Richtung des eigenen lenkte und es gefiel mir, mit dem Gedanken zu spielen, dass die beiden Züge ineinanderkrachten und wie ich meinen Kopf zwischen die Beine und meine Hände gekreuzt darüber legte, wie ich es in den Sicherheitsanweisungen des Flugpersonals gesehen hatte, und wie ich, unversehrt, langsam aus dem rauchenden, stillen Wrack zweier gekippter Zugwagons stieg und in der grellen Sonne blitzelnd nach Verletzten suchte.
Nur geschah es immer, dass die beiden Züge aneinander vorbeizogen, wie neckend umeinander hertänzelten, und es war mir immer ein kurzlebiges Unglück, dass die beiden Züge in ihren Gleisen unverrückbar blieben. Unerheblich, denn kaum waren die beiden Züge auf gleicher Höhe, begann das Wettrennen und ich fieberte darum, im schnelleren Gefährt zu sitzen.
Nun geschah es immer, dass der andere Zug weitaus langsamer schien, und dass man die Fenster zählte, die man an ihm zurücklegte, dass man hoffte, bis zum vordersten Wagon zu krakseln. Doch der Weg wurde mühselig und schwer und immer langsamer stiess man vor und plötzlich wendete sich das Blatt und in trauriger Überlegenheit zog der andere Zug nach, drängte sich, erst langsam, Fenster für Fenster, vor und immer schneller zog er, bis nur noch das Ende des letzten Wagens zu erkennen war und auch dieser floh weg in die Weite.

Ich denke heute, dass fast alle Dinge so bewandt sind und dass ich mich an ihre Bewandtnis gewöhnt habe.
Die Gewöhnung ist eine leichte Sache, leichter als Geschirrwaschen oder Autofahren, aber es kann auf Dauer sehr anstrengend werden und die Monate ihrer Inkrafttretung sind mit langanhaltenden Kopfschmerzen verbunden. Dennoch ist es nun möglich, zu sehen, welche Züge schneller sind als andere, welche Menschen diejenigen sind, die zögernd anhalten und weitergehen, und welche jene sind, die anhalten und für immer stehenbleiben. Letztere sind meistens jene, die auf der Fensterseite sitzen wollen. Dessentwegen halte ich viel von Menschen, die Zeitung lesen.