Der Erfinder des Rads

von Cedric Weidmann

Mit einem Lächeln auf den Lippen kündigte der Talkmaster seinen Gesprächsgast an. Einen Meter stand er vor den zwei altmodischen Sesseln und hiess mit weit ausgebreiteten Armen die Zuschauer willkommen. In einem Winkel seines Mundes zuckte es von Zeit zu Zeit. Er war ein älterer Mann mit zynischem Humor und einer tiefen Stimme. Er sah aus wie ein Mensch, der immer gut roch, aber im Zug nicht einmal den Blick heben würde, um sein Gegenüber anzublicken. Von einer oberflächlichen Freundlichkeit durchwirkt, fuhr er sich manchmal mit der Handfläche seiner linken Hand über das Handgelenk der Rechten.

Mit fröhlicher Stimme, als verkündete er das Ende des Krieges, begann er weit auszuholen und sprach von der Technologie, die das Leben heute so erleichtert habe und die es ermögliche, hier und jetzt ihn auf dem Bildschirm zu sehen. Er plauderte in Allgemeinplätzen über die Errungenschaften der Wissenschaft seit zehn Tausend Jahren. Während er so sprach schlich sich eine Festigkeit und Ernsthaftigkeit in seine Stimme, weil ihm wieder eingefallen war, weshalb heute alle Menschen den Blick auf ihn gerichtet hatten. Es war nicht, weil er aussah, als ob er immer gut roch. Es war wegen seines Gastes.

„Zehntausende von Ihnen, meine lieben Zuschauer, warten auf meinen Gast. Ich muss nicht weiter erklären wer er ist, ich habe schon genug geplaudert.“

Er hob einen Arm in die Höhe, wo unter dem weggleittenden Ärmel eine teure Uhr sichtbar wurde. Er zeigte mit ausgestreckter Handfläche auf den Eingang zum Studio. „Begrüssen Sie mit mir zusammen den grössten Erfinder aller Zeiten. Der, der den ersten technischen Meilenstein gelegt hat: Den Erfinder des Rads!“

Aus dem schattigen Bereich kam ein Mann entgegengeschlurft und trat ins Studiolicht.

Er sah jünger aus als man erwartet hätte. Sein Gesicht zeichnete einen spriessenden Bart, er hatte sehr südländische, fast orientalische Züge, es zeigte einen jungen Mann, der nicht älter als dreissig Jahre alt sein konnte, während seine Haltung etwas Gegenteiliges darzustellen schien. Er war schmächtig und hatte einen gekrümmten Rücken, wie ein Bauarbeiter mit Rückenschäden. Er trug ein weites oranges Hemd und graue Hosen. Er sah sich, als er auf die Bühne trat, ein wenig verwirrt um, bis er den Moderator ins Auge fasste. In diesem kurzen Moment lockerten sich seine sonst harten, fast genervten Züge und er strebte dem angebotenen Handschlag mit weiten, hüpfenden Schritten entgegen. Wenn man genau hinsah konnte man ein Zittern erkennen, aber ansonsten war der Gast sehr ruhig. Als sie sich in die roten Sessel fallen liessen, keuchten beide leise, der Moderator leiser, da er sich an den Sessel gewöhnt hatte. Die Augen des Gastes flogen hastig über die Zuschauer. Zwei satte Brauen verliehen ihm einen müden und traurigen Ausdruck.

„Nun, Herr Schneider. Wie fühlen Sie sich?“

Herr Schneider legte kurz den Kopf schräg und dachte richtig nach, bevor er antwortete: „Gut.“ Und eine Sekunde später, in der sich ein planloses Lächeln auf dem Gesicht der Moderators einstellte, fügte er hinzu: „Und Ihnen?“

„Danke, wunderbar!“, rief er übertrieben aus. „Und wissen Sie warum? Weil ich heute eines der grössten Genies interviewen darf, dass es je auf der Welt gegeben hat.“

Nun stellte sich auf dem Gesicht von Herrn Schneider ein planloses Lächeln ein. Ein paar Zuschauer applaudierten verhohlen.

„Kommen wir aber zur Sache. Sie, Herr Schneider, gelten als Erfinder des Rades. Damit geht eine ziemlich Verantwortung einher. Sie haben unseren Erfolg vorangetrieben, Kutschen, Züge, Lastwagen, nicht nur das: Flaschenzüge, Spulen und Zahnräder! Hinter all dem steckt Ihre Idee.“

Herr Schneider hob die Hände. „Das sind nicht alles meine Ideen. Ich habe keine Zähne in meine Räder gemacht. Das sind sehr kluge Menschen, die mir die Güte erwiesen haben, mein Produkt auf sehr erfolreiche Weise zu verbessern.“

„Nur nicht so bescheiden, mein Guter! Sie haben wirklich Grossartiges geleistet. Aber man darf nicht vergessen, dass Ihre Erfindungen auch zu vielen Schäden beigetragen haben. Zu Autounfällen, Panzerfahrzeugen, ja, sogar zu gewissen Folterinstrumenten.“

„Auch das sind nicht meine Ideen, Sie sehen, das ist nicht reine Bescheidenheit“, sagte der schlaksige Mann und sein langes Hemd kräuselte sich in einer Falte über dem Bauchnabel.

„Aber Sie waren sich Ihrer Auswirkungen bewusst?“

„Ich wusste zwar, dass ich etwas Grosses losgetreten hatte. Aber wie gross wusste ich damals noch nicht. Überhaupt hatte ich nicht das Gefühl, etwas besonders Grossartiges getan zu haben. Ich sah einmal wie der Stein einen Rain hinabrollte, schlug ihn zu einem Rad zurecht und liess ihn über die Wiese kullern, immer und immer wieder, bis ich das Gefühl hatte, er kullere fast mehr von selbst als durch mein Anschubsen. Ich machte das eine Woche lang, es war kein Heureka-Ereignis. Ich fühlte mich auch nicht besser als zuvor. Ich dachte nur, dass es einmal ein Anfang war. Und ich glaube, heute kann man das auch gar nicht anders betrachten als das. Es war nur ein Anfang.“

„Ein Anfang von vielem, wie es scheint: Flugzeugen, Satelliten, Atomkraftwerken.“

„Ich kann nichts für Japan, wenn Sie das meinen.“

„Nein, das wollte ich auf keine Fa- Wie auch immer, wir wissen ja, dass das Rad zu den wichtigsten Erfindungen gehört, das ist kein Geheimnis. Aber was uns Zuschauer hier interessiert ist der Mensch hinter dieser Geschichte.“

Ein Auge von Herrn Schneider zog sich ein wenig zusammen und seine Gesichstzüge traten noch stärker zu Tage. Jetzt unterschied ihn vielleicht nur noch der Name von einem Armenier, zweifellos war er ein attraktiver, erfolgreicher Mann.

Der Moderator fuhr unbeirrt fort. „Also, Herr Schneider, erzählen Sie doch ein wenig von sich. Viele grosse Erfinder haben Macken oder interessante Ticks. Können Sie uns von einem erzählen?“

„Nun…“ Er legte wieder seinen Kopf schräg. „Ich neige dazu, Dinge immer mehrmals zu machen, um von etwas überzeugt zu sein. Wenn ich zum Beispiel nach meiner Brille suche, muss ich immer in jedem Schrank zweimal nachsehen, weil ich das Gefühl habe, ich hätte etwas übersehen.“

Der Moderator lachte. „Ist das nicht komisch?“, fragte er mit einem Blick, der weder den Zuschauern noch der Kamera galt und stattdessen dazwischen auf dem Kameramann hängen blieb, der, davon irrtiert, sein Auge von der Linse nahm und ihn anblinzelte.

„Okay, Herr Schneider, machen wir es noch ein wenig ernster. Sind Sie zufrieden mit sich selbst?“

„Hm… Das ist eine schwierige Frage. Auch wenn ich weiss, dass ich viel erreicht habe – es ist eine ganze Weile zurück. Die wenigsten Menschen kennen meinen Namen, noch wissen Sie, dass es mich überhaupt gibt. Sie interessieren sich für Albert Einstein, einen Mann, der vor allem herausgefunden hat, dass man relativ wenig herausfinden kann. Sie interessieren sich für Nietzsche, der nie einen einzigen Satz gesagt hat, ohne ihm widersprochen zu haben. Sie interessieren sich für Sexualforscher dieser und jener Sorte, einfach weil diese das Wort „Sex“ in ihrer Berufsbezeichnung verwenden. Aber – verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht enttäuscht von den Menschen. Ich denke einfach, dass ich anderes hätte leisten können. Und wenn ich mir zum Beispiel ansehe, was Konrad Fischer getan hat, als er das Feuer entdeckt hat, dann habe ich das Gefühl nur ein unendlich kleines, unwichtiges Glied in einer langen Kette von Ereignissen zu sein, die ohnehin früher oder später eingetreten wären.“

„Das ist aber schade, dass Sie so denken. Viele Menschen halten Sie für einen Helden, selbst wenn sie Sie nicht kennen.“

„Ja, das ist schon so.“ Er legte wieder seinen Kopf schräg. Im Mundwinkel des Moderators zuckte es. Er bereitete sich auf einen Satz vor, der nur mit Mühe über seine Lippen kommen wollte und in gewisser Scheu wollte er danach fragen, aber der träge Blick seines Gastes schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit, sondern huschte rastlos über die Menge der Menschen, als suchte er darin eine alte Liebe oder einen Kugelschreiber. Er sah überall zweimal hin, weil er nichts übersehen wollte.